Porträt

Jorge Rando

Ganz ruhig sitzt dieser Mann auf seinem Stuhl im Foto-Atelier des Wichelhovenhauses. Ein freundliches Blinzeln verrät aber seine Aufmerksamkeit, seine Beobachtung dessen, was um ihn herum passiert. Auf ein Requisit oder andere Accessoires hat er ganz bewusst und bestimmt verzichtet. Seine Anwesenheit reicht, ungeduldig wird er auch nicht, lässt alles um sich herum passieren.

Es ist der spanische Maler Jorge Rando, von dem hier die Rede ist, und der mit seinen beiden Ausstellungen in der Obersten Stadtkirche und der Reformierten Kirche herausragende Beispiele seiner Kunst in Iserlohn präsentiert. Zu einem kurzen Vorgespräch über seine Kunst hatten wir uns schon am Vortag getroffen, nun soll es also um das Leben dieses Künstlers gehen, dem in seiner Heimatstadt Malaga in Kürze ein eigenes Museum errichtet wird. Ganz ruhig erzählt er, wählt die Worte, die seine Lebensstationen beschreiben. Nur einmal springt er kurz auf von seinem Stuhl, um seinen Erzählungen gestisch noch mehr Gewicht zu verleihen. Und man verrät nicht zu viel, dass dies, was Jorge Rando zu berichten hat, eine ganz außergewöhnliche Geschichte ist.

Das Licht der Welt erblickt er 1941 in Málaga, Südspanien, unter dem Namen Jorge Sánchez. Erst später nimmt er seinen Künstlernamen mit dem Nachnamen seiner Mutter an, Jorge Rando. Der Vater ist Motoringenieur und in den Bereichen Flugzeug und später Atomkraftwerken tätig. Die Mutter, wie soll es in dieser Zeit in Spanien anders sein, ist Hausfrau. Zwei Brüder und eine Schwester komplettieren die Familie. Eine glückliche Kindheit habe er gehabt, erzählt er im Rückblick. Bereits mit vier Jahren beginnt die Schulzeit, die ihm nie große Schwierigkeiten bereitet hat. Wie jedes andere Kind dieser Zeit habe er damals leidenschaftlich Fußball gespielt, sei viel Fahrrad gefahren. 1950 besteht er die Aufnahmeprüfung für die Oberschule und besucht das Colegio de las Mercedes in Málaga. 1953 tritt er in das Seminario Conciliar in Málaga ein, belegt dort zwei Jahre Rhetorik, schließt im zarten Alter von 15 Jahren das Abitur ab und studiert dann Philosophie. Aber immer habe er auch schon gezeichnet, Porträts, religiöse Motive und Bühnenbilder. Und schon im Alter von 16 Jahren malt er sein erstes großes Wandbild, das immerhin opulente 20 mal drei Meter misst.

Ob er denn nichts vom Krieg, der Franco-Ära mitbekommen habe? „Nein, Spanien war isoliert in dieser Zeit. Der Vater hat nie über den Krieg gesprochen“, erinnert sich Rando. Auch die Nachkriegsjahre, die als „Hungerjahre“ in die spanische Geschichte eingegangen sind, seien für seine Familie nicht so schlimm gewesen, denn der Vater habe immer gut verdient, die Familie hätte daher nicht leiden müssen. „Ich wusste gar nicht, dass wir eine Diktatur hatten. Es war alles ruhig“, erzählt er völlig unaufgeregt. Er habe immer seinem Traum vom Malen und Schreiben nachgehangen und beim Studium der Philosophie habe er die deutschen Philosophen kennen und schätzen gelernt. „Deshalb wollte ich auch unbedingt nach Deutschland.“ Ein Traum, den er direkt nach Ende seines Studiums Wahrheit werden lässt. Ohne jedes Wort Deutsch macht er sich 1961 auf den Weg. Bei einem Blick auf eine Landkarte habe er sich Hamburg als Ziel gesetzt, denn „das war wie Málaga eine Stadt am Meer“. Vier Tage und vier Nächte verbringt er im Zug, bevor er in Köln umsteigen muss und dabei den Wunsch verspürt, den Kölner Dom zu besichtigen. Nach dieser Visite stellt er fest, er hat den Zug verpasst. Ohne sich sprachlich verständigen zu können und ohne nennenswertes Geld sitzt er nun in der Domstadt.

Die erste Nacht verbringt er auf einer öffentlichen Toilette, das Gepäck bringt er im Schließfach unter. „Ich habe mich dann entschieden, in Köln zu bleiben. Und ich wusste, ich muss zwei Ziele ganz schnell erreichen: Ich muss Geld zum Überleben verdienen und ich muss ganz schnell die Sprache lernen, denn nur so konnte ich dort auch studieren.“

Was Rando hier am großen Tisch im Gutenbergzimmer ganz ruhig und sachlich, untermalt mit einem leichten Schmunzeln erzählt, hört sich leicht an, aber es sind doch riesige Aufgaben, die es für den jungen Mann, der noch nicht einmal volljährig ist, zu meistern gilt. Nach drei Tagen findet er einen Job auf einer Kegelbahn, stellt die umgeworfenen Kegel auf, lässt die Kugel zurück rollen und muss auf Trinkgeld hoffen. Dafür gab es aber das Essen umsonst. Und entschlossen wie er ist, schreibt er sich an der Uni ein, um weiter Philosophie zu studieren. Nebenher macht er Lehrgänge und Praktika als Schweißer, was ihm später bei der Anfertigung seiner Stahlskulpturen enorm hilft. Eine erste Unterkunft findet er in einem Kolpinghaus, im Acht-Bett-Zimmer. 330 Mark kostete das Zimmer mit Vollpension, sein Gehalt betrug aber nur 140 Mark. Deshalb jobbt er morgens noch in der Markthalle, betätigt sich als Dolmetscher für die ersten Gastarbeiter, die nach Deutschland kommen, hilft ihnen bei Behördengängen. Und natürlich wollte der junge Mann auch noch malen und zeichnen. „Wenn ich ein paar Tage nicht gezeichnet hatte, dann fehlte mir etwas“, gibt er zu.

Dann fasst Jorge Rando einen Entschluss, der sein Leben die nächsten Jahre prägen wird. Er will - neben seinen Studien - „richtig Geld verdienen“. Das führt ihn in die Gastronomiebranche des Nachkriegsdeutschlands. Und er entscheidet, „das muss ich von Grund auf lernen“. In Teilzeitjobs arbeitet er überall, wo er kann, im Restaurant, an der Theke, als Barkeeper. „Ich wollte von Grund auf kennen lernen, was gute Gastronomie ausmacht.“ Nebenher beschäftigt er sich mit dem Verhältnis zwischen Malerei und Philosophie, befasst sich mit den Theorien Kants, Goethes und Schillers. Und er fasst einen Entschluss: „Ich will irgendwann meine Freiheit haben, und die habe ich nur dann, wenn ich finanziell gänzlich unabhängig bin!“

Hart hätte er zu dieser Zeit und für dieses Ziel gearbeitet. Am Buttermarkt in der Kölner Altstadt, - „die sah damals nicht so aus wie heute“ - findet er bei einem Milchbauern eine kleine Wohnung und richtet dort auch sein Atelier ein. In einem ehemaligen „Nuttenhaus“ eröffnet er dann 1967 nach zähen Verhandlungen mit der Stadt sein erstes eigenes gastronomisches Objekt, die „Taverna Flamenco“. Schnell wird sie zum künstlerischen Treffpunkt. „Ich habe der Verwaltung klar gemacht, dass eine so große Stadt wie Köln mit seiner Messe und den Auftritten großer Stars nicht ohne ansprechendes gastronomisches Angebot auskommen kann. Sonst wird Düsseldorf das Rennen machen.

Dafür musste die Altstadt kräftig renoviert werden, und das haben die dann auch eingesehen“, blickt Rando nicht ohne Stolz zurück. In seiner „Taverna“ tummeln sich Schauspieler, Künstler, Journalisten. Stars wie Romy Schneider oder Erik Ode, den Rando als Freund bezeichnet, kehren dort ein. Nach den Konzerten sind die internationalen Musiker seine Gäste. „Der Laden war abends brechend voll“, berichtet Rando nicht ohne Stolz.

Doch um ein Haar wäre es mit der gastronomischen Karriere und damit auch der finanziellen Existenz vorbei gewesen. Als ein Hochwasser die Altstadt bedroht, reden Feuerwehr und Polizei auf den jungen Gastronomen ein, er müsse dringend seine Taverna verlassen. Doch Rando weigert sich. Er betet zur Mutter Gottes und stellt zwei Kerzen auf, wartet was passiert. Das Wasser steigt und steigt, bleibt aber zehn Zentimeter vor seiner Tür stehen. Sein Keller ist der einzige der Umgebung, der trocken bleibt. „Das war für die Presse eine Sensation. Alle Blätter haben darüber berichtet.“ Das Schmunzeln in Randos Gesicht wird dabei immer glänzender. Denn er weiß, er hätte seine Existenz, seinen Wunsch nach Freiheit verlieren können. „Ich wäre Pleite gewesen“, fasst er die Situation zusammen. So kann er aber weiter machen, kauft fast die ganze Altstadt auf und eröffnet ein Lokal neben dem anderen. Im Jazzclub „Strickstrumpf“ etabliert er zum Beispiel den Dixieland-Jazz. Doch dann zwingt ihn 1974 eine schwere Operation zum Umdenken. 1985 verkauft er schweren Herzens all seine gastronomischen Betriebe, hat dafür aber sein Ziel erreicht: „Die finanzielle Unabhängigkeit, die mir den nötigen Freiraum für mein künstlerisches Schaffen gegeben hat“.

Doch neben dem Gastronomen Jorge Rando gibt es ja auch noch den Künstler. 1964 reist er nach München, wo er ein Seminar von Prof. Blocherer besucht, der ihn mit dem Expressionismus in Berührung bringt. Dort trifft er auch eine alte Freundin wieder, die ihn in die Kunstgalerien Kölns und anderer Städte einführt. Ein Jahr später reist er nach Berlin, wo er dann ein Jahr bleibt und Kontakt zur dortigen Kunstszene aufnimmt. Hier lernt er auch die Werke von Käthe Kollwitz kennen und schätzen. Anfang der siebziger Jahre zieht es Rando hinaus in die Welt, er reist viel, lernt andere Völker und Kulturen kennen. In dieser Zeit beginnt er auch mit seiner Werkreihe „Clochards“.

Aber auch die Glasmalerei rückt stärker in seinen Fokus. Er besucht daher Kathedralen in Spanien, Frankreich und Deutschland, macht sich mit Glastechniken und der Schwarzlotmalerei vertraut. Nachdem er die Operation in der Kölner Universitätsklinik überstanden hat, entstehen viele Zeichnungen und Skizzen. Ihr Sujet sind Prostituierte und die Tragödien in Afrika, welche er auch Jahre später noch künstlerisch verarbeitet. Der rastlose Künstler wohnt dann abwechselnd in verschiedenen Städten in Deutschland, stellt in Galerien in Köln, Düsseldorf, Stuttgart, Berlin, München und Hamburg aus. 1979 heiratet er dann seine Frau Margit in Köln. „Wir waren ja schon seit neun Jahren befreundet. Jetzt sind wir schon 41 Jahre verheiratet“, erzählt er fast in sich hinein fragend. In den Folgejahren stellt er auch mehrmals in seiner Heimat Málaga aus.

Rando entschließt sich im Jahr 1985 nicht nur, seine Geschäfte zu verkaufen, er siedelt zusammen mit seiner Frau wieder in seine Geburtsstadt Málaga zurück. Hier findet er Zeit und Muße künstlerisch tätig zu sein. Aber er vertieft auch seine philosophischen Betrachtungen zu den Dimensionen der Malerei und über den Raum in der Bildhauerei. Zusätzlich kommt er mit der Künstlergruppe um das Künstleratelier 21 in Köln in Kontakt, das von der Künstlerin Evelin Sion gegründet wurde. Und Rando stellt weiter aus, in Barcelona und Madrid, aber auch in Straßburg, Paris, auf der Art Cologne in Köln. In Málaga bekommt er den Auftrag, für die dortige Kathedrale die neuen Kirchenfenster zu gestalten. Für seine Bilder zu sozialen Themen wie Afrika und Prostitution, die nach New York nun in Madrid ausgestellt werden, ist Jorge Rando soeben der spanische Medienpreis in der Kategorie „Arte“ als bester Künstler des Jahres 2010 verliehen worden.

Das lenkt den Blick zurück zu Randos Kunst. Denn er ist der spanische Maler und Bildhauer, der sich dem Expressionismus verschrieben hat. Intensiv hat er gerade den deutschen Expressionismus studiert, „das ist meine Sprache“, denn, so glaubt er fest, „die deutschen Expressionisten waren Humanisten“. Um dies auch stärker im spanischen Kulturkreis zu verankern, hat Rando jetzt eine Stiftung gegründet, die es jungen Künstlern ermöglichen soll, sich stärker mit dem Studium des deutschen Expressionismus, dem Architektur- und Design-Stil des Bauhauses befassen zu können. „Das bin ich dem deutschen Expressionismus schuldig“, begründet er diesen Schritt.

Nach über zwei Stunden Gespräch wird es Zeit ein Ende zu finden, auch wenn der grauhaarige sympathische Gesprächspartner scheinbar immer mehr Freude an der Unterhaltung findet. Da erzählt er noch ganz schnell, dass er ja auch noch Theologie studiert habe, die Sommer in Hamburg verbringe, wo er sich ein Atelier eingerichtet hat und mokiert sich indirekt über seine spanischen Künstlerkollegen, die entweder im Informell oder in der Nach-Picasso-Ära stehen geblieben seien.

Es scheint so, als müsste man erneut noch ein Mal ins Plaudern kommen. Das scheint auch Jorge Rando so zu sehen, denn beim Wiedertreffen am nächsten Morgen nimmt er mich ganz fest in den Arm, drückt mich an seine Brust. Dann eben bis zum nächsten Mal!

Seite
Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben