Oper

Tenor Rolando Villazón: "Komik ist den Mächtigen gefährlich"

Der mexikanisch-französische Tenor Rolando Villazón im April 2017 während eines Interviews in Düsseldorf.

Foto: Kai Kitschenberg

Der mexikanisch-französische Tenor Rolando Villazón im April 2017 während eines Interviews in Düsseldorf. Foto: Kai Kitschenberg

Düsseldorf.   Kurz vor der Premiere seiner Inszenierung von Donizettis „Don Pasquale“ an der Rheinoper spricht der Star-Tenor Villazón über Kunst und Komik.

Ein Schnitzel im „Breidenbacher Hof“ lässt selbst ein Tenor nicht warten – Rolando Villazón beißt zu und winkt uns fröhlich zu, wir wechseln nach der Speisung zum künstlichen Kamin. Der Star ist kurz vor der Premiere, er führt Regie in Donizettis Kauz-Oper „Don Pasquale“. Womit wir schon beim Thema sind: Humor.

Man sagt, das Leichte in der Kunst sei besonders schwer. Auch beim Inszenieren einer komischen Oper?

Villazón: Es stimmt: Humor ist das Schwierigste. Es ist schwieriger, einen „Don Pasquale“ zu inszenieren als „La Traviata“.

Lachen Menschen denn überall auf der Welt über die gleichen Dinge?

In der westlichen Welt gibt es ganz sicher eine bestimmte Art von Humor, vielleicht sogar weltweit: Es ist der Humor eines Charlie Chaplin, den jeder versteht. Nonverbaler Humor, die Linie geht bis Mister Bean. Ein Humor, der erzählt, wer wir sind – er tut es mit unseren Gesten. Damit werde ich in meiner Inszenierung viel spielen.

Rolando Villazón inszeniert „Don Pasquale“ an der Deutschen Oper am Rhein

Der Humor, den Sie meinen, fordert extreme Präzision.

Absolut. Wenn es nicht präzise ist, wird es unklar – das kann schnell abrutschen, schlecht sein, dann nervt es nur, stört sogar die Musik.

Zeigen Sie auf Proben Ihre enorme komödiantische Begabung? Spielen Sie anderen vor, wie’s geht?

Ja, klar, das passiert. Ich spiele vor, ich bin sehr schnell in dem, was ich sage. Man braucht für meine Art zu arbeiten, extreme Konzentration, Gespür für Timing. Nach drei Stunden sind die Sänger völlig kaputt. Ich komme mit einer akribisch genauen Choreografie zur Probe, ich weiß jeden Gang, jeden Blick, jede Bewegung. Aber das ist nur der Anfang, dann kommt das, was die Sänger selbst anbieten. Und das ist fantastisch hier an der Rheinoper.

Don Pasquale: ein alter Mann, ein junges Mädchen – einer der ältesten Komödienstoffe der Welt. Warum finden wir das lustig?

Ich bin gar nicht so sicher, ob wir das heute noch lustig finden, es wird doch eher ambivalent gesehen. Aber ich will diese Geschichte gar nicht mit einer bestimmten Moral aufladen. Lieber mit einer Botschaft: Egal wie alt Du bist oder was sonst mit Dir ist – jeder hat das Recht verliebt zu sein, in wen er oder sie will.

Rolando Villazón sucht nach der Tiefe der Figuren, auch in einer komischen Oper

Wie zeigt man das?

Ich möchte den Figuren eine Tiefe geben, charakterlich in die dritte Dimension gehen. Nur einen albernen, alten Trottel zu zeigen – das ist zu wenig, in diesen Menschen gibt es mehr zu entdecken. Dieser alte Menschenfeind Pasquale, der sich in der Kunst verschanzt, empfindet etwas, was er fast vergessen hatte: Gefühle für das andere Geschlecht. Es wird viel zu lachen geben, aber ich suche auch nach den Momenten, in denen Ernstes steckt.

Fällt es Ihnen als Opernsänger mit Regie-Erfahrung schwer, sich danach wieder unterzuordnen?

Nein, wenn ich als Tenor in einer Neuproduktion bin, bin ich sehr bereit, die Deutung eines Regisseurs umzusetzen. Ich bringe vielleicht Ideen für meine Figur ein, aber ich folge dem Konzept. Gute Regisseure können die originellsten und ungewöhnlichsten Deutungen bringen: Wenn es „richtig“ ist, wenn es ein schlüssiges Universum ist, dann ist man gern Teil davon, dann spürt man, dass es passt!

Rolando Villazón liebt es, Menschen zu beobachten und ihre Schwächen zu bestaunen

Worüber lacht Rolando Villazón?

Ich lache viel, am liebsten über uns Menschen und unsere Schwächen. Und darüber, wie wichtig wir manche Dinge nehmen, die wirklich gar nicht so wichtig sind – Status, Luxus, Macht, Ruhm… reicht, sich hier ins Hotel zu setzen und Menschen zu beobachten, das kann sehr komisch sein. Ich lache aber nicht über Individuen, das ist keine Schadenfreude! Ich lache über mich selbst: Es sind ja auch meine Schwächen, die ich sehe.

Ist Humor ein Fluchtpunkt in einer momentan sehr traurigen Welt?

Wir leben in schrecklichen Zeiten. Menschen zum Lachen zu bringen, kann Teil unserer Verantwortung sein. Lachen steht für eine Form der Menschlichkeit, die man schnell vergisst, wenn man die dramatischen Szenen in Kriegsgebieten sieht, auf Flüchtlingsbooten und so weiter. Es geht überhaupt nicht darum, dieses Elend zu verdrängen. Aber gemeinsam zu lachen heißt: Auch dieses schöne Gefühl gibt es im Menschen, nicht nur den Hass, die Zerstörung, das Böse.

Humor als humanitäres Handeln?

Ich glaube fest daran, dass wir auf der Welt sind, um Freude zu haben und Freude zu geben. Gut zu sein, zu sich und anderen. Das kann auch das Lachen sein.

Mächtige haben Angst vor Humor...

Schauen Sie aktuell nach Amerika, welche enorme Comedy-Flut die Trump-Administration zur Folge hat. Wahnsinnig kreativ und stark. Die Menschen lachen! Komik ist den Mächtigen gefährlich, aber für die Gesellschaft ist sie wichtig. Denken Sie an Clowns oder früher Hofnarren: Manchmal waren sie die einzigen, die noch die Wahrheit ausgesprochen haben. Ich glaube, wir alle tragen in uns einen Philosophen und einen Clown. Vielleicht sollten wir ihn häufiger sprechen lassen.

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Am 29. April hat „Don Pasquale“ Premiere in der Oper Düsseldorf. Die Inszenierung kommt auch nach Duisburg.


Montag erscheint Villazóns zweiter Roman: Lebenskünstler

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