Zugverkehr

Schweizer Bahn bittet Kunden für Gepäck auf Sitz zur Kasse

Wohin mit dem Koffer im Zug? Wer in der Schweiz mit seinem Gepäck zusätzliche Sitzplätze belegt, muss künftig ein zweites Ticket kaufen. In Deutschland setzt die Bahn dagegen auf gegenseitige Rücksichtnahme.

Foto: Kai Kitschenberg/WAZ FotoPool

Wohin mit dem Koffer im Zug? Wer in der Schweiz mit seinem Gepäck zusätzliche Sitzplätze belegt, muss künftig ein zweites Ticket kaufen. In Deutschland setzt die Bahn dagegen auf gegenseitige Rücksichtnahme. Foto: Kai Kitschenberg/WAZ FotoPool

Essen.  Wer in Zügen mit seinem Gepäck Sitzplätze blockiert, wird in der Schweiz künftig zur Kasse gebeten: Die Schweizer Bahn will ab dem Fahrplanwechsel im Dezember für blockierte Sitze ein zusätzliches Ticket verlangen. Bei der Deutschen Bahn dagegen "ist nichts in diese Richtung geplant".

Freitagnachmittag, kurz vor vier im Regionalexpress zwischen von Aachen nach Hamm. Der Waggon ist rappelvoll - und vorne, direkt neben dem Gepäckfach sitzt ein Pärchen und blockiert mit einem Koffer, einer Tasche und einem Rucksack gleich vier Plätze. Wer kann, geht vorbei und sucht sich einen anderen Platz. Dann fragt eine Pendlerin: "Entschuldigung, können Sie Ihr Gepäck bitte woanders unterbringen?". Nein, sagt die junge Frau. Sie wolle ihren Koffer im Auge behalten. Die Diskussion geht hin und her, andere Fahrgäste mischen sich ein, der hinzugekommene Schaffner appelliert an die "Nächstenliebe" des Paares. Nach vielem Bitten und Fordern erbarmen sich die beiden schließlich.

Wer sich weigert, fliegt aus dem Zug

Die Szene hat sich so Anfang November zugetragen; sie könnte aber jederzeit und in vielen anderen Zügen spielen. Rucksäcke und Shopping-Tüten auf Sitzen, Koffer und Reisetaschen im Fußraum - das Thema Gepäck ist ein leidiges, das wohl jeder Bahnpendler kennt. Die Schweizer Bahn geht gegen renitente Fahrgäste künftig rigoros vor: Wer mit Jacken, Taschen oder Koffern Sitze blockiert, soll ein zusätzliches Ticket kaufen, berichten Schweizer Medien. Wer sich uneinsichtig zeigt, könne auch aus dem Zug geworfen werden.

Die neue Hausordnung der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB), die zum Fahrplanwechsel im Dezember in Kraft treten soll, sieht die drastischen Maßnahmen aber nur für die besonders hartnäckigen Fälle vor. Zur Kasse gebeten werden soll nur, wer sich der Aufforderung des Zugbegleiters widersetzt, sein Gepäck vom Sitz zu nehmen, berichtet die Gratiszeitung "20 Minuten". "In einem ersten Schritt verrechnen wir ein zusätzliches Billet für die Tasche", zitiert das Blatt online SBB-Sprecher Reto Kormann. "Wer sich dann immer noch uneinsichtig zeit, wird aus dem Zug gewiesen."

Deutsche Bahn setzt auf "gegenseitige Höflichkeit"

Automatische Durchsagen sollen die Bahnkunden in der Schweiz auf die neue Regelung aufmerksam machen. Die Mehrheit der Fahrgäste, so der SBB-Sprecher, sei von der Änderung aber nicht betroffen - schließlich würden die Meisten heute schon Sitze in vollen Zügen freiräumen.

In Deutschland ist aus eben diesem Grund so auch "nichts in diese Richtung geplant", wie eine Bahnsprecherin auf Nachfrage von DerWesten betont. "Wir setzen weiter auf die gegenseitige Höflichkeit", sagt sie - und verweist auf die Beförderungsbedingungen. In denen steht nämlich bereits jetzt klipp und klar unter Punkt 6.1: "Jeder Reisende darf nur einen Sitzplatz belegen." Und auch hier ist der Rausschmiss aus dem Zug - zumindest theoretisch - bereits in den Beförderungsbedingungen festgeschrieben: "Reisende", heißt es, "die sich entgegen den vorstehenden Regelungen verhalten, die Weisungen der Mitarbeiter missachten [...], können von der Beförderung bzw. Weiterbeförderung [...] ausgeschlossen werden."

Viel zu wenig Platz für Gepäck

Diese Regeln durchzusetzen, dürfte so manchem Schaffner in überfüllten Zügen indes schwerfallen. In der Schweiz fürchten Kontrolleure Konflikte durch die Neuregelung, begrüßen aber laut "20 Minuten", dass nun endlich eine "klare Grundlage" geschaffen sei. Und auch der Fahrgastverband Pro Bahn in der Schweiz lobt die Sanktionen gegen Sitzplatzblockierer. "Kulanz ist hier gar nicht nötig", sagte Verbandspräsident Kurt Schreiber dem "Tagesanzeiger". Wer zusätzliche Sitze selbst auf Nachfragen nicht freiräume, der sei "renitent und unfair" - und solle "bitte auch die Konsequenzen tragen".

"Das Thema Gepäck ist in der Tat ärgerlich", sagt Karl-Peter Naumann für Pro Bahn in Deutschland. Zum Teil sei schlicht Rücksichtslosigkeit die Ursache - es gebe aber auch ein zweites, generelles Problem. Insbesondere in den doppelstöckigen Regionalexpressen sei bei der Planung "viel zu wenig nachgedacht" worden. Für Reisegepäck seien die schlichtweg "absolut ungeeignet", kritisiert Naumann. Er selbst habe unlängst 35 Minuten lang in einem Regionalzug stehen müssen - weil eine Jugendgruppe mit ihrem Gepäck gleich fast den ganzen Waggon belegte. "Das war keine böse Absicht", sagt Naumann. "Aber wo sollen sie denn sonst hin mit den Koffern?"

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