Soziales Engagement

Der Justin Bieber des sozialen Neustarts

Presserummel – und „Fan-Auftrieb“ vor dem Krankenhaus in Hurghada, nachdem die TV-Stationen des Landes gemeldet hatten, dass Dr. Ashour zu Behandlungsterminen dort erscheinen würde

Foto: Privat

Presserummel – und „Fan-Auftrieb“ vor dem Krankenhaus in Hurghada, nachdem die TV-Stationen des Landes gemeldet hatten, dass Dr. Ashour zu Behandlungsterminen dort erscheinen würde Foto: Privat

Iserlohn/Kairo.  Eigentlich wollte Dr. Hisham Ashour nur mal seine Meinung zur Lage in Ägypten sagen. Plötzlich ist er der Hoffnungsträger.

Der Ärztliche Direktor des Evangelischen Krankenhauses Bethanien, Dr. Hisham Ashour, hat eine Berufung zum Visiting Professor (Gastprofessor) auf Lebenszeit an die Ain Shams Universität in Kairo erhalten. Ausgesprochen wurde die Ernennung zwar bereits 2015, offiziell bekanntgegeben hat der engagierte Mediziner sie erst jetzt, weil er wollte, dass auch die deutschen Behörden diese zunächst einmal anerkennen. Und eben diese Bescheide liegen nun vor. Natürlich werde sich, sagt Dr. Ashour, an seinem Engagement für die Patientinnen des Iserlohner Bethanien-Krankenhauses nichts ändern, weil er in der Lage sein werde, seinem Lehrauftrag in seiner Frei- und Urlaubszeit nachzukommen.

Eigentlich könnte ja an dieser Stelle des Berichtes zunächst einmal Schluss sein. Nachrichtlich wäre fast alles gesagt. Aber eben nur fast. Denn das, was sich in den letzten Monaten rund um Dr. Hisham Ashour im Land seiner Väter abgespielt hat, füllt inzwischen bereits ganze Archive von TV- und Rundfunkstationen und auch Bände von Zeitungsverlagen. Um das Phänomen dieses „Ashour-Hypes“ zu erklären, muss man wahrscheinlich in der Tat Ägypter sein. Oder wenigstens Kairoer? Aus der Betrachter-Perspektive des geerdeten Westfalen bleibt es allerdings auch nach Monaten ziemlich unerklärlich, warum jemand, der von sich behauptet, nur seine Meinung zu dem einen oder anderen sozialen Thema zu sagen, innerhalb kurzer Zeit zum „Justin Bieber der Sozialsysteme“ werden kann.

Ist Iserlohn in Europa das Zentrum der Medizin-Welt?

Bekommen Rundfunkstationen mit, dass Dr. Ashour in absehbarer Zeit wieder nach Kairo kommt, hagelt es bereits Talkshow-Einladungen, Termine für Redaktionsbesuche und Wünsche, ihn einfach mal zu treffen, um sich mit auszutauschen. In den sozialen Netzwerken ist rund um die Uhr der Teufel los. Dass selbst der Präsident des stolzen Staates am Nil inzwischen unter den Einladern war, überrascht nicht wirklich. Art und Umfang des Zusammentreffens dann doch. Aber darüber wird auch noch zu reden sein.

Nicht weniger bemerkenswert ist das medizinische Vor-Ort-Engagement des Mannes, der so gern erzählt, dass er inzwischen ein überzeugter Iserlohner geworden sei und noch lieber in seiner Freizeit Fußball gucke. Aber in erster Linie ist er eben mit Leib und Seele Arzt. Einer, der helfen, aber eben auch etwas verändern will. Die Kraft dafür holt er sich offenkundig bei seiner Arbeit in der Waldstadt. Er sagt: „Man glaubt gar nicht, wie ich mich freue, wenn ich nach ein paar Tagen in dieser unendlich lebhaften Weltstadt Kairo wieder an meinem kleinen Kreisverkehr am Bahnhof abbiegen kann.“ Es klingt für den Außenstehenden aber auch völlig irre, wenn man sich Mitschnitte der Fernsehsendungen mit Ashour-Beteiligung anschaut – und natürlich zu keinem Zeitpunkt des arabischen Geschnabbels weiß, wo die Gesprächsglocken hängen und plötzlich die Wörter „Iserlohn“ und „Bethanien“ in dem Wortschwall auftauchen. Zumindest in Ägypten vermuten inzwischen wohl nicht wenige, dass in Iserlohn das Herz der europäischen Gynäkologie-Versorgung schlägt.

Aber zurück zum Engagement. Offenbar hat Dr. Hisham Ashour ein Sprichwort seines Heimatlandes verinnerlicht: „Tu eine gute Tat und wirf sie in die Flut. Wenn das Wasser austrocknet, wirst du sie wiederfinden.“ Denn weil er so denkt, hat er sich bereits vor einigen Jahren bereit erklärt, einer Hilfsorganisation namens Esmaona beizustehen, die mit ihrem Handeln auch den (neudeutsch) „Abgehängten“ in Ägypten Hoffnung und Hilfe geben will. Also operiert Dr. Ashour während seiner Aufenthalte in der Heimat kostenlos komplizierte Fälle aus seinen Fachgebieten, bei denen die Erkrankten nicht selten bereits dem Tod näher waren als dem Leben. Inzwischen berichten die TV-Stationen Tage und Wochen im Voraus, wo sich Dr. Ashour in den nächsten Tagen zu Beratungen und Operationen aufhalten wird und die Menschen strömen auf die Vorplätze der Krankenhäuser, wie DDR-Bürger, wenn irgendwo eine Ladung Bananen angekündigt worden war. Das Ganze unter Beobachtung von Heerscharen von Journalisten und Kamerateams. Übrigens hat ein ärztliches Vorauskommando dann bereits Fälle geprüft, die dem Iserlohner Arzt vorgeführt werden können und müssen.

„Unser Ägypten ist in der Tat ein stolzes, tolles Land!“

Die Heimatzeitung berichtete bereits einmal über das soziale Engagement des Dr. Ashour und auch darüber, dass seine Prominenz eigentlich indirekt mit einem Artikel in Iserlohn seinen Anfang genommen hatte. Damals war nämlich ein Filmteam des ägyptischen Fernsehens in Iserlohn aufgeschlagen, um über erfolgreiche Landsleute im Ausland zu berichten. Darüber hatte wiederum die Heimatzeitung berichtet, hatte mit dem Kollegen Ahmen Fayek auch über die Auswirkungen des gescheiterten „arabischen Frühlings“ gesprochen. Mit dem Erfolg, dass der Artikel einige Tage später in gewaltiger Aufmachung und in Deutsch und Arabisch in einer der größten Tageszeitungen des Landes thronte.

Von da an ging es eigentlich Schlag auf Schlag. Zumal Dr. Ashour auch bei den folgenden öffentlichen Auftritten nicht mit seiner Meinung hinter dem Berg hielt. „Unser Ägypten ist ein stolzes, tolles Land“, sagte er mit dem tiefsten Brustton der Überzeugung und mit arabischer Schmeichel-Kunst, aber er sagte auch: „Das Land braucht dringend Reformen. Und zwar auf allen Gebieten.“ Natürlich sind damals wie heute die Medizin und die Gesundheitsversorgung seine Kernthemen. Und natürlich berichtet er immer wieder insbesondere von dem deutschen System, das er im analytischen Blick hat, seit er 1996 nach Düsseldorf kam, um seine erste Stelle als Oberarzt der Frauenklinik der Kaiserswerther Diakonie anzutreten. Für das ägyptische Volk in den Städten und vor allem auf dem Land klingen die Botschaften aus dem stets lächelnden Mund des Dr. Hisham Ashour immer richtig, weise und selbstverständlich, aber eben niemals bedrohlich. Sogar dann, wenn er seinen Landsleuten, aber auch den Führungseliten ins Gewissen redet, dass die Götter vor den Erfolg auch die Arbeit gesetzt hätten, dass Müßiggang aller Laster Anfang sei und dass der Staat nicht die Rolle des Rundumversorgers spielen könne. Wahrscheinlich kann und darf man auch an dieser Stelle ein ägyptisches Sprichwort einbauen, das vielleicht mehr erklärt als ganze Zeitungsabsätze: „Sei nicht eingebildet auf dein Wissen und verlasse dich nicht darauf, dass du ein Weiser seist, sondern besprich dich mit dem Unwissenden so gut wie mit dem Weisen“.

Auch die Führung des Landes hatte mit diesem Doktor aus Deutschland zunächst so ihre Probleme. Weil man ihn schlichtweg nicht auf dem Schirm hatte, nicht kannte. Doch die plötzliche Popularität blieb auch bis in höchste Regierungskreise nicht verborgen. Also machte Präsident Sisi das wohl einzig richtige. Er lud Dr. Ashour zu einer Konferenz der wichtigsten ägyptischen Wissenschaftler und leistungsstärksten Vordenker, um mit ihnen die fragile Situation des Landes und sich daraus ergebende Lösungsansätze für eine natürlich nicht wegzudiskutierende Krisensituation zu finden. Dr. Ashour, übrigens der einzige Mediziner in der Runde, sagt: „Ich habe in solchen Situationen ja nichts zu verlieren, sage immer, was ich denke.“ Und so habe er dem Präsidenten auch mitgeteilt, dass er ihn – vielleicht ja nicht in allen Bereiche des ägyptischen Lebens, aber eben doch grundsätzlich schon – für einen „Helden“ halte, weil er mit aller Kraft versuche, die Politik von den Religionen zu trennen, die Frauenrechte stärke und die Jugend teilhaben lasse. Sisi selbst gilt als strammer Muslim, der allerdings nach eigenen Angaben und öffentlichen Äußerungen keinerlei Verständnis dafür aufbringt, dass der Islam im Rest der Welt immer noch nur in einem Atemzug mit Angst, Gefahr, Töten und Zerstörung genannt würde.

Hochschul-Präsident gratuliert live im Radio zur Ernennung

Aber zurück zur Hochschule Ain Shams in Kairo. 197.032 Studentinnen und Studenten waren im letzten Semesterjahr insgesamt an der Universität mit ihren vielen Fakultäten und der großen angeschlossenen Klinik eingeschrieben, betreut werden sie von über 9000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Die Freude über die einstimmige Ernennung von Dr. Hisham Ashour zum Gastprofessor war vor Monaten so groß, dass der Direktor Professor Abdel Wahab Mohamed Ezzat höchstselbst in einer abendlichen Hörfunk-Talkshow per Telefon live die gute Nachricht samt Glückwünschen des ganzen Teams überbrachte.

Die ersten Vorlesungen zur Gynäkologie hat Dr. Ashour dann auch im letzten Jahr schon gehalten. Und sein Hörsaal kann kaum die Studierenden, die seinen Ausführungen folgen wollen, fassen. Was wieder an einem ägyptische Sprichwort liegen könnte: „Unterweise keinen, der dir nicht zuhören will.“ Denn zuhören wollen die angehenden Mediziner alle, was der Mann aus Europa, aus Deutschland, aus Iserlohn, vom Bethanien-Krankenhaus zu sagen hat. Über ihr Fachgebiet, aber vor allem auch, was man in Ägypten anders und besser machen kann.

Und wo wir gerade bei den Redewendungen sind, soll noch eine nachgelegt werden, die ebenfalls wieder auf Dr. Ashour passt wie angegossen: „Hoffnung treibt den Menschen jeden Tag zu neuem Schaffen an.“ Dr. Ashour: „Im Moment plane ich zusammen mit Helfern an dem Projekt, ein Brust-Screening-Mobil über Land zu schicken, um dem Brustkrebs den Kampf anzusagen.“ Wohlan, wie sagen doch gleich die alten und wahrscheinlich auch neuen Ägypter: „Liebe die Menschen, dann werden die Menschen auch dich lieben.“

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