Auswanderer

Die harte Arbeit machen jetzt die Jungs

Elmar Dieren in seiner deutschen Metzgerei „Elmar’s“ in Perth. Hier wird hinter der Theke auch manchmal deutsch gesprochen

Foto: Hans Stanka

Elmar Dieren in seiner deutschen Metzgerei „Elmar’s“ in Perth. Hier wird hinter der Theke auch manchmal deutsch gesprochen Foto: Hans Stanka

Iserlohn/Perth.  Elmar Dieren, der bei der Metzgerei Knipp in Iserlohn seine Ausbildung zum Gesellen absolvierte, hat sein berufliches und privates Glück in Australien gefunden. Heute beschäftigt er rund 80 Angestellte in mehreren unterschiedlichen Betrieben.

Die Ladenglocke begrüßt die Gäste beim Betreten der Metzgerei „Elmar’s Smallgoods“ in der australischen Stadt Perth. Schon nach dem ersten Schritt in den Laden umhüllt einen der Duft von frischer Wurst, gebratenen Bouletten und Speck. Draußen brennt die Sonne auf den Asphalt, es ist März und Temperaturen bis vierzig Grad sind keine Seltenheit. Hier im Verkaufsraum ist es dagegen angenehm kühl. Im Kühlregal stapeln sich Frankfurter, Krakauer, Weiß- und Bratwürste, daneben stehen süßer Senf, Sauerkraut und allerlei Produkte deutscher Hersteller. Wer genau aufpasst, dem fällt auf, dass hinter der Theke immer wieder deutsche Sätze fallen. Anders als man das in Australien erwarten würde. „Hast du Hunger?“ fragt einer der Metzgereifachverkäufer und grinst. Ein Besuch bei „Elmar’s“ ist wie nach Hause kommen, raus aus dem heißen australischen Alltag, rein in die heimelige Atmosphäre eines deutschen Familienbetriebs.

Deutschland ist nicht spannend genug

Der Urheber dieser deutschen Fleisch-Oase heißt, wenig überraschend, Elmar. Er hat sich für das Gespräch extra Zeit genommen und sitzt nun in der Sonne an einem Tischchen vor der Metzgerei. Immer wieder klingelt sein Handy, Passanten grüßen ihn freundlich. „Always busy“, immer was zu tun, sagt er und lächelt. Elmar Dieren, gebürtiger Lüdenscheider, feiert dieses Jahr sein Südwestfalen-Jubiläum in Australien. Dabei hätte alles so viel anders kommen können . . .

Nach seiner Ausbildung als Metzgergeselle bei der Metzgerei Knipp in Iserlohn und einigen Jahren als Geselle in verschiedenen Betrieben der Stadt, zieht die Abenteuerlust den jungen Metzger in die Bundeswehr, dann zum Katastrophenschutz. Und irgendwann ist Deutschland, ist Europa, einfach nicht mehr groß und spannend genug. Er absolviert die Metzgermeisterprüfung und nutzt eine zweijährige Beurlaubung, um das Land zu verlassen.

„Eigentlich wollte ich ja nach Kanada, aber das war 1979. Da war das mit Visum und Arbeitserlaubnis alles noch nicht so einfach wie heute,“ erzählt Elmar. Und dann war da das Angebot aus Perth in Westaustralien: „Deutscher Metzger gesucht“. Elmar bewirbt sich erfolgreich auf die freie Stelle. Zusammen mit seiner Frau Anette packt er die Koffer und lässt Deutschland hinter sich. Vorerst. In Perth angekommen beginnt Elmar als Mitarbeiter in einem deutschen Fleischereibetrieb zu arbeiten. Elmars Chef, der ursprünglich aus Berlin stammende Metzger Heinz, hilft ihm, in Australien auf eigenen Beinen zu stehen. Doch nach zwei Jahren müssen Anette und Elmar zurück in die Heimat, denn Elmars Beurlaubung endet. „Die Entscheidung fiel uns nicht leicht, aber wären wir länger in Australien geblieben, hätten sie mich wahrscheinlich beim nächsten Besuch in Deutschland verhaftet,“ erinnert sich der Auswanderer.

Zurück in Deutschland arbeitet er für seinen Vater in einem Supermarkt, er reist viel durch Europa, aber bald zieht es ihn wieder in die Ferne. 1987 verlassen Anette und Elmar Deutschland erneut gen Australien. Diesmal endgültig. In Perth fangen die beiden an, sich eine eigene Existenz aufzubauen. „Als wir nach Australien kamen, herrschte hier eine Rezession. Das waren harte Zeiten. Wir arbeiteten zehn Jahre ohne einen Tag Urlaub“, blickt Elmar zurück.

Doch das Geschäft läuft gut und der Betrieb wächst. „Das war vor 30 Jahren. Da haben wir mit drei Leuten im Geschäft angefangen. Heute beschäftigen wir etwa 80 Angestellte,“ erklärt er. Auch Heinz, Elmars ehemaliger Arbeitgeber, arbeitet heute hinter Elmars Theke.

Besonders stolz ist Elmar auf die deutschen Rezepturen: Keine künstlichen Zusatzstoffe, keine Farben, nur Natürliches kommt in die Wurst, nach gutem alten deutschen Standard. „Bis heute hat sich in Deutschland schon viel geändert im Vergleich zu dem, was ich gelernt habe. Wir machen unsere Wurst hier immer noch so wie früher“, beteuert der Metzgermeister. Das Konzept geht auf, seine Produkte kommen an.

In Privatbrauerei und ein Restaurant investiert

Schnell wird „Elmar’s“ zur Erfolgsgeschichte: Zu seinem Hauptgeschäft nahe des Zentrums von Perth kommt nach einigen Jahren eine Filiale in der Vorstadt. Vor elf Jahren wagen Anette und Elmar dann den nächsten großen Schritt: Sie investieren in eine Privatbrauerei und ein Restaurant mit Biergarten in einem Naherholungsgebiet, dem „Swan Valley“, etwa 20 Kilometer außerhalb der Stadt.

Der größte Erfolg ist sein eigenes Oktoberfest

Auch diese Idee kommt bei den Einheimischen gut an. Abgesehen vom alltäglichen Betrieb veranstaltet Elmar dort jedes Jahr große Veranstaltungen. Der größte Erfolg ist sein eigenes Oktoberfest, mit Dirndln, Lederhosen, Bierzelt, einer Bierzelt-Band, deutschen Spezialitäten, selbst gebrautem Bier und Maßkrügen – dem Renner bei australischen Bier-Fans. Denn für weniger informierte Australier ist Deutschland gleich Bier, Lederhosen und Oktoberfest. Elmar kümmert das wenig.

Auch Elmars Fleischwaren erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. Heute finden sie sich in etwa 120 Geschäften im Kühlregal. „Als nächstes versuchen wir, unsere Produkte an der Ostküste zu verkaufen“, verrät der Geschäftsmann. Denn ans Aufhören verliert Elmar keinen Gedanken. Der 60-Jährige ist fit und voller Energie, auch wenn sich für ihn die Arbeit in den vergangenen Jahren verändert hat. „Ich trete schon kürzer als früher. Die harte Arbeit machen jetzt die Jungs“, erklärt der Unternehmer. Er übernimmt vor allem Organisatorisches, plant und sieht nach dem Rechten. „Alles was ich hier mache, egal ob in der Metzgerei oder im Biergarten und Restaurant, alles macht mir Spaß. Ich sage es mal so: Wieso sollte ich aufhören etwas zu tun, was mir so viel Spaß macht?“

Auswanderer kommt immer wieder nach Iserlohn zurück

Doch ein oder zwei Mal im Jahr zieht es den Auswanderer zurück in die alte Heimat. Zum einen aus geschäftlichen Gründen: Er besucht Fachmessen, sieht sich nach neuen Ideen um, macht Werbung. Wichtiger ist aber die Familie. Sowohl seine als auch Anettes Angehörige leben ausnahmslos in Deutschland. „Jedes mal wenn wir nach Deutschland fliegen, besuchen wir auch meine Schwester und meine Mutter. Die sind zwar nach Dortmund „ausgewandert“, aber ich komme trotzdem immer nach Iserlohn und sehe mich um, was hat sich verändert, was ist geblieben.“ Doch die beiden besuchen Deutschland ausschließlich im Sommer. „Ich kann die Kälte nicht ab. Das Wetter ist einer der Hauptgründe, weshalb ich Australien so gern habe. Bei 30 bis 40 Grad blühe ich erst auf,“ meint Elmar und lacht in die Sonne. „Ich glaube, wenn das Wetter in Deutschland so wäre wie hier, vielleicht wären wir zu Hause geblieben.“

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