Kultur

Wartkes wahnwitzige Wortgewalt

Bodo Wartke hat 15 Jahre an seiner Bühnenfassung von Sophokles Werk gearbeitet.

Foto: IKZ

Bodo Wartke hat 15 Jahre an seiner Bühnenfassung von Sophokles Werk gearbeitet. Foto: IKZ

Iserlohn.  Mit seiner neuzeitlichen Interpretation von Sophokles „König Ödipus“ lieferte der Berliner Ausnahmekünstler im Parktheater eine echte Meisterleistung ab.

Am Ende stehen sie alle von ihren Plätzen auf und klatschen sich fast die Finger wund, begeistert von Bodo Wartkes famosem Auftritt. Sonst charmant-ironischer Geschichtenerzähler am Klavier hatte der gebürtige Hamburger gerade eben mit „König Ödipus“ die wohl tragischste Tragödie als Ein-Mann-Stück auf die Bühne im Großen Haus des Parktheaters gebracht und dabei eine wahre Meisterleistung abgeliefert.

15 Jahre und im Prinzip seit seiner ersten Begegnung mit dem sperrig-schweren Stoff als Oberstufenschüler habe er daran gearbeitet, Sophokles Werk zu bearbeiten, um es in eine Form zu bringen, die ihn selbst ansprechen würde, erzählt Wartke wenig später dem Publikum vom „Making of...“ seines König Ödipus. Und genauso, wie ihm die Zuhörer im „Zugabenteil“ an den Lippen hängen, schafft es der Wahl-Berliner in den zwei Stunden zuvor, sein Publikum in den Bann zu ziehen. Bodo Wartke gelingt das mit spielerischer Leichtigkeit, eben weil er es kann. Weil er ein genialer Musiker und begnadeter Pianist ist, weil er die komplexe Vorlage auf das Wesentliche reduziert, ohne sie zu verstümmeln, weil er das Komische im Tragischen zum Vorschein bringt und seinem Ödipus dabei dennoch den inhaltlichen Tiefgang erhält.

Von der Unmöglichkeit, das Schicksal vorauszuahnen

Ödipus also. Hier der Versuch einer Zusammenfassung: Der neugeborene thebanische Königssohn Ödipus wird wegen einer – vorsichtig formuliert – etwas ungünstigen Prophezeiung des Orakels von Delphi von seinen Eltern zum Tode verurteilt, überlebt aber dank der Barmherzigkeit des Hirten, der ihn eigentlich und wie damals durchaus üblich in der Ödnis der Berge aussetzen soll. Er wächst als Pflegekind des korinthischen Königs Polybos und seiner Frau Merope auf, die er aber verlässt, weil er die Prophezeiung des Orakels, dass er seinen Vater erschlagen und seine Mutter heiraten werde, dummerweise missinterpretiert, da ihm seine familiäre Herkunft verständlicherweise nicht bekannt ist. Ödipus verlässt Korinth, zieht durch die Antike und trifft dort zufällig auf seinen Vater Laios, den er nach einem Streit erschlägt. Wenig später rettet er Theben vor der Sphinx („wie Pfingsten mit S“), wird zur Belohnung König der Stadt und heiratet orakelgemäß seine Mutter. Was folgt, ist das bekannte Drama um die Erkenntnis, dass der Mensch niemals in der Lage sein wird, sein Schicksal vorauszuahnen, geschweige es zu verändern.

„Eigentlich hatte ich als 16-Jähriger vor, daraus ein Musical zu machen“, verrät Wartke den Parktheater-Besuchern. Weil sich aber für das ambitionierte Unterfangen keine Mitstreiter in der Oberstufe finden, sieht er sich letztlich dazu gezwungen, Ödipus als One-Man-Show zu entwickeln.

Atemloses Tempo, nahtlose Charakterwechsel

Wartke schlüpft in sämtliche Rollen, gibt das von den immer wiederkehrenden, banalen Fragen genervte Orakel von Delphi, den allwissenden blinden Seher Teiresias („Buenos Dias“), natürlich auch Ödipus unglücksseligen Vater Laios, seine Mutter Iokaste (Yo-Kaste), deren Bruder Kreon, diverse Hirten, Boten, Priester und natürlich den tragischen Titelhelden selbst. Insgesamt schlüpft er in 14 Rollen, und jeder drückt er auf unnachahmliche Weise seinen Stempel auf, spielt mit seiner Stimme, setzt Pausen, wo sie nötig sind, um kurz darauf seine Zuhörer mit einem wieder einmal perfekt gereimten Wortschwall zu überschütten, rappt, singt, flüstert, flucht, barmt und schreit, zieht alle Register. Den Wechsel der Charaktere vollzieht er dabei in nahezu atemberaubenden Tempo und mit nahtlosen Übergängen. Wartkes wichtigstes von nur wenigen Requisiten, die er benötigt: Ein gelbes Reclam-Heftchen, das er immer wieder aus der Hosentasche zieht, wenn er Passagen des Originals reklamiert. Und in diesen Momenten wird dann auch immer wieder die Größe von Sophokles Werk deutlich, mit seinen Zitaten, die für die Ewigkeit geschrieben sind. Eigentlich habe er den „Ödipus“ schon als 16-Jähriger ganz cool gefunden, verneigt sich Bodo Wartke aufrichtig vor seinem Vorbild. Wir verneigen uns hingegen vor einem Künstler, der es schafft, einen der großen Klassiker der Weltliteratur so zeitgemäß und so originell zu interpretieren, dass es eine Lust ist, Wartkes „Ödipus“ zu erleben. Danke dafür!

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben