Geschichte

Wilhelm Nimmermann ist unvergessen

Wilhelm Nimmermann mit seiner Frau Margarethe in lockerer Atmosphäre bei einer privaten Feier.

Foto: Privat

Wilhelm Nimmermann mit seiner Frau Margarethe in lockerer Atmosphäre bei einer privaten Feier. Foto: Privat

Letmathe.   Gerne erinnern sich ältere Letmather an den geachteten Geschäftsmann. Allerdings gibt es auch Hinweise auf Aktivitäten in der NS-Zeit.

Das Telefon in unserer Redaktion stand zu Wochenbeginn kaum still, auch das E-Mail-Postfach füllte sich prächtig. Die Bitte an unsere Leser, uns von ihren Erinnerungen an Wilhelm Nimmermann und sein Geschäft an der Hagener Straße zu berichten, war Teil des Artikels „Die Spur führt zum Kreisanzeiger“, der am vergangenen Samstag in der Heimatzeitung erschien. Allen, die sich bei uns gemeldet haben, sei an dieser Stelle gedankt.

Zunächst soll allerdings eine falsche Angabe richtiggestellt werden, auf die wir mehrfach aufmerksam gemacht wurden: Christa, die im November 1998 verstorbene Tochter von Magdalena und Wilhelm Nimmermann, unterrichtete nie an der Realschule. Ihre Stationen waren die Lösseler Volksschule, die Albert-Schweitzer-Schule, die Schule an der Berliner Allee und von 1966 bis 1998 die Brabeckschule. Durch ein ergänzendes Studium wurde sie zu Letmathes erster Sonderschulpädagogin und wenige Tage nach ihren Tod als „Lehrerin mit großem Herz“ in einem Nachruf gewürdigt.

Ein leeres für ein paar volle: Die Schulheft-Aktion

Auch ihre Eltern sind unvergessen. Die Letmatherin Päule Stegmöller erinnerte sich für uns an die 40er- Jahre. Kurz nach dem Krieg wurden aus Lazaretten wieder Schulen, doch der Bevölkerung mangelte es an allem. „Wenn wir mit unseren vollgeschriebenen Schulheften zu Nimmermann gingen, bekamen wir ein neues. Ich weiß nur nicht mehr, ob man dafür drei oder fünf volle Hefte hinlegen musste.“

Nun führte Wilhelm Nimmermann nicht nur ein Schreibwarengeschäft mit Kreisanzeiger-Agentur, sondern auch noch ein Reisebüro. Dort buchte Päule Stegmöller 1955 ihren ersten Urlaub. Die Bundesbahn brachte sie und ihre Schwester an den Millstätter See. „Die Reise habe ich von meinen selbst erarbeiteten und angesparten Geld bezahlt. Unten in Kärnten waren die Leute froh, dass wieder Gäste kamen.“ Ihr späterer Ehemann Walter, genannt „Pit“, wartete in der Heimat auf sie. Auch er hat seine Erfahrungen mit Wilhelm Nimmermann gemacht, ihre Wege kreuzten sich beim LTV. Er hatte einen Posten im Vorstand. „Von ihm hat es einmal einen Anschiss gegeben. Das war auch dem Weg zum deutschen Turnfest nach Hamburg. Den Ärger gab es, weil ich kurze Lederhosen trug.“ Das ist längst verziehen. Beiden ist er als besonderer Mensch in Erinnerung. „Er war eine Respektsperson“, sagt Päule Stegmöller.

Dass Nimmermannsche Reisebüro lief offenbar nicht schlecht. Auch Doris Lindner berichtet, dass sie dort ihre erste Reise gebucht hat. 1957 zog es sie gemeinsam mit ihrer Freundin Renate Gerbersmann ebenfalls in die Berge, ins Kleinwalsertal. Dort „entspannten“ die beiden in der Stuttgarter Hütte. „Fließendes Wasser hatten wir nicht, das mussten wir uns aus dem Brunnen holen.“ Diese aufregende Reise wäre allerdings ohne ihren Vater nicht zustande gekommen. Er musste am Tag der Buchung zu Nimmermann mitkommen. „Ich war gerade 18 und damals noch nicht geschäftsfähig.“ Gerne denkt sie dennoch an die Reise zurück. Die Skier, auf denen sie damals fuhr, hat sie heute noch.

Mit dem Hinweis, dass Wilhelm Nimmermann der beste Freund ihres Vaters gewesen sei, meldete sich eine Leserin, die allerdings anonym bleiben möchte. Sie hat der Redaktion übrigens auch das Foto zur Verfügung gestellt, das ihn mit seiner Frau Magdalena auf einer privaten Familienfeier zeigt. „Er war Teil meiner Kindheit, und zwar ein sehr angenehmer.“

Unter anderem erzählt sie, dass sie im Auftrag ihres Vaters, der eine wichtige Funktion in der evangelischen Kirchengemeinde hatte, Gelder der Kirche zu Nimmermann gebracht hat. Von ihm bezog die Gemeinde nämlich ihre Schreibwaren. Er stellte ihr eine Quittung aus, die sie ihrem Vater auf den Schreibtisch legte. „Wenn ich deswegen zu Nimmermann kam, hat er mir immer einen Bogen mit Glanzbildern geschenkt, manchmal gab es auch die ,Göttinger Jungendbücher’ oder die ,Bravo’ – wenn Nimmermann meinen Vater ärgern wollte. Ich musste ihm auch jedes Zeugnis vorlegen. Und wenn er es für gut befand, dann gab’s ein größeres Buch.“

Sie erinnert sich auch noch daran, dass Wilhelm Nimmermann nicht nur der Inhaber eines Geschäfts mit dem markanten „Kreisanzeiger“-Schriftzug war, sondern als leidenschaftlicher Lokalreporter, der bei jeder Veranstaltung vor Ort war, auch Artikel schrieb.

Nimmermann holte Opernsänger nach Letmathe

An seiner musikalischen Begeisterung konnte sogar die ganze Stadt teilhaben. „Er organisierte in der alten Aula der Kilianschule Einführungsabende in die Opernmusik. Da konnte jeder hingehen. Die Opernsänger kamen vom Theater Hagen.“ Eine entscheidende Rolle spielte Wilhelm Nimmermann auch, als sie Anfang der 70er-Jahre nach München fliegen wollte. Das Problem: Ihre Eltern sollten nichts mitbekommen. „Ich habe also die Flugtickets bei ihm gekauft und ihn dazu verdonnert, den Mund zu halten. Und er hat dichtgehalten. Wilhelm Nimmermann war eine Institution. Er hat immer hinter dem gestanden, was er gemacht hat.“

Die Hakenkreuz-Fahne besonders hoch gehalten

Diese Feststellung wirft allerdings auch einen Schatten auf seine Person. Von Peter Trotier, Historiker und Diakon des Pastoralverbundes Letmathe, kam der Hinweis, dass Wilhelm Nimmermann Propagandaleiter der NSDAP in Letmathe war und die „Blut- und Bodenliteratur“ bevorzugt und gefördert habe. „Besonders intensiv setzte sich Wilhelm Nimmermann für die völkischen Literaten im ,Heimatbrief der NSDAP-Ortgruppen Letmathe, Oestrich und Grüne ein, der von 1940 bis 1944 für die Soldaten an der Front erschien und dessen Herausgeber er war. Er veröffentlichte immer wieder Durchhaltegedichte und ideologisch durchtränkte Texte“, schreibt Trotier in einer E-Mail.

In Schwierigkeiten haben ihn seine Aktivitäten während des Dritten Reichs nach Kriegsende wohl nicht gebracht. Trotier vermutet, dass Nimmermann „offensichtlich unbehelligt in der Kleinstadtgesellschaft seine berufliche Existenz beibehalten und weiter ausbauen“ konnte. Die Tochter, mit dessen Vater Nimmermann befreundet war, sagte im Gespräch, dass die Zeit zwischen 1933 und 1945 nie ein Thema gewesen sei. Es ist eine Zeit, an die sich auch Heimatforscher Günter Opalka noch gut erinnern kann. Der Name Nimmermann ist ihm natürlich auch noch ein Begriff. „Ich durfte bei ihm nichts kaufen. Das haben mir meine Eltern verboten, weil wir doch katholisch waren und Nimmermanns evangelisch.“ Wilhelm Nimmermann starb 1973. Das Familiengrab befindet sich auf dem alten evangelischen Friedhof.

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