Laufen

Die einfachste Idee sorgt für die „wahre Bewegung“

Lesedauer: 10 Minuten
Der gebürtige Iserlohner André Kriwet freut sich, dass immer mehr Läufer Gefallen an den „True Motion“-Laufschuhen finden.

Der gebürtige Iserlohner André Kriwet freut sich, dass immer mehr Läufer Gefallen an den „True Motion“-Laufschuhen finden.

Foto: Michael May / IKZ

Iserlohn.  Der gebürtige Iserlohner Andre Kriwet baut nach 32 Jahren Karriere in der Laufsport-Branche „True Motion“-Schuhe nach dem Vorbild der Natur.

Der Spaziergang die Unnaer Straße hinauf wird zur Reise in die Vergangenheit. „Wie hieß denn früher noch die Kneipe gegenüber von Life-Sport?“ An nahezu alle Details aus früherer Zeit kann sich Andre Kriwet hingegen eine Straßenecke weiter sehr gut erinnern, beim Blick ins heutige „DeLu“-Modegeschäft: „Rechts war die Riesenwand mit den Laufschuhen, links die Kasse und im Untergeschoss das Lager von Runners Point.“ Die damalige Filiale war der erste berufliche Kontakt des gebürtigen Iserlohners mit der Laufsport-Branche.

„Mit 16 habe ich ein- bis zweimal pro Woche nach der Schule dort gejobbt. Die Kollegen waren froh, immer alle mit Fragen zu Schuhen zu mir schicken zu können.“ Heute, 32 Jahre später nach steiler Karriere erst bei Asics, dann bei Nike und bei Brooks sogar als „Vice President Innovation“, werden die Schuhe seiner eigenen Firma, die preisgekrönten „True Motion U-TECH Nevos“, auch bei „Life-Sport“ verkauft. Was so nicht vorgesehen war: „Wir hatten für das erste Modell bundesweit zunächst mit 30 Händlern geplant, sind inzwischen bei 85, allerdings alles reine Laufspezialisten.“ Volker Hellhake, der sich in seinem Geschäft an der Unnaer Straße außer auf Laufschuhe auf Wintersport konzentriert, bildet eine Ausnahme. Für seine Heimatstadt ist Andre Kriwet in Absprache mit seinen Kompagnons von der exklusiven Vermarktungsstrategie abgewichen.

Selber erfolgreich auf der Bahn und in der Halle

Schließlich fühlt sich der heutige Münsteraner der Stadt und den Menschen immer noch sehr verbunden, nicht nur weil seine Eltern hier leben, sondern weil er auch sonst immer mal wieder gerne hierhin kommt, so wie neulich zum 70. Geburtstag seines früheren Leichtathletiktrainers Bernd Kruse. „Der hat mich schließlich zum Laufen gebracht.“ In der 5. Klasse erkannte der Sportlehrer am MGI und Trainer des LTV das Talent des Zehnjährigen, der sich in seiner Karriere dann auf die Stadionrunde konzentrierte, und das gerne auch im Team. So wurde er 1988 mit der 4-x-400-Meter-Staffel des LTV in 3:23:55 Min. Westfalenmeister, ein Jahr später gelang das auch allein über die Hallen-Distanz von 300 Metern (35,7 Sek.) und im Juni 1990 über 400 m (49,0 Sek.). Der größte Erfolg war dann der 3. Platz im 4-x-400-Meter-Jugendwettbewerb bei den Deutschen Meisterschaften 1991 in Hannover. Nach 3:15:04 Min. stoppte die Uhr für Hendrik Heider, Andre Kriwet, Sören Schröder und Stefan Audehm.

Nicht zuletzt wegen seines Vaters Meinolf, der am Märkischen Gymnasium Latein, Mathematik und Altgriechisch unterrichtete, begann Andre Kriwet in Köln Sport und Englisch auf Lehramt zu studieren. „Nach dem ersten Staatsexamen habe ich dann aber gemerkt, dass der Beruf des Lehrers nichts für mich ist.“ Und während an die Leistungssport-Karriere 1992 wegen des Studiums ein Haken gemacht worden war („Hobbymäßig laufe ich bis heute drei- bis viermal die Woche jeweils zehn Kilometer“), war das Interesse an den dafür nötigen Schuhen größer denn je. „An der Deutschen Sporthochschule gab es einen kleinen Laufladen, wo ich während des Studiums zunächst gearbeitet habe, und dadurch entstand der Kontakt in die Industrie.“

Vier Jahre lang, bis 1998, machte der Student für Asics deutschlandweit Schulungen für Verkäufer. „Als erster technischer Repräsentant in der Branche hier überhaupt, denn das war die Zeit, in der die als Vorreiter der biomechanischen, funktionellen Schuhe mit diesen unglaublichen Innovationen herausgekommen sind.“ In der Funktion kam er auch erstmals, aber zunächst nur flüchtig mit seinem heutigen Kompagnon, dem Kölner „Laufschuh-Papst“ Prof. Dr. Gert-Peter Brüggemann, in Kontakt, der als Berater für Asics tätig war. „Während des Studiums hatte ich dann eine Biomechnik-Vorlesung bei ihm, und es war einfach unglaublich, wie er mit etwas so Hochkomplexem wie der Mechanik des menschlichen Körpers im Zusammenspiel mit seiner Umwelt, einem ja sehr theoretischen und auch trockenen Thema, jemandem wie mich, der kein Mechaniker, Mathematiker und Physiker ist, begeistern konnte.“

Auch in den kommenden Jahren sollten sich ihre Wege immer wieder kreuzen, der Kontakt sich immer weiter intensivieren. So nahm Kriwet nach seinem Examen bei Prof. Brüggemann natürlich gerne die von Asics angebotene Stelle als Verkaufsrepräsentant im Außendienst in Rheinland-Pfalz und Hessen an. „2000 bekam ich dann das Angebot von Nike, also eigentlich von der ,dunklen Seite’“, sagt er schmunzelnd mit dem Blick auf die unterschiedlichen Unternehmensstrategien: Asics mit dem Fokus auf Funktion und Biomechanik und Nike, wo es abgesehen von der Dämpfung lange Zeit erst mal nur um den Verkauf einer „coolen Marke“ gegangen sei. „Aber das war eben auch eine so große Firma, bei der ich erst einmal eine Menge über Abläufe und Prozesse lernen konnte.“

Als erster deutscher „Product Line Manager“ beim Multi-Milliarden-Dollar-Konzern

Als „Product Merchandiser“ gab er drei Jahre lang mit seinen Mitarbeitern das Feedback aus dem deutschen Markt in die Zentrale nach Beaverton. Bevor man ihn direkt dort haben wollte, als ersten deutschen „Product Line Manager“, und zwar für den Bereich „Womans Running“, bevor man ihn 2005 für die „Königsdisziplin“, „im Herzen der Firma“, bei den Herren-Laufschuhen brauchte, und zwar für eine ganz besondere Aufgabe. „Ich war Produktchef der Task Force, die in Erinnerung an den legendären Firmengründer Bill Bowermann die gleichnamige Serie mit 22 Modellen rausbringen sollte, das war eine total tolle Zeit.“ Außer auf die je zwei Designer und zwei Entwickler, mit denen er die Schuhe austüftelte, setzte Kriwet dabei auch auf das riesige Wissen von Prof. Brüggemann.

Als der Multi-Milliarden-Konzern jedoch 2009 trotz des großen Erfolges der Serie umfassende Umstrukturierungen vorgenommen habe, war die Zeit des Abschieds gekommen. Über einen ehemaligen Spitzenmanager von Nike, der zwischendurch bei Brooks beschäftigt war, durch glückliche Fügung und nicht zuletzt dank Kriwets exzellentem Ruf in der Branche folgte der Wechsel nach Seattle zum zwar deutlich kleineren Mitbewerber, der sich aber eben komplett auf Laufsport konzentriert. Wobei der künftige „Senior Director Foodwear Product Management“ dem Präsidenten und CEO Jim Weber damals schon direkt klar machte, dass er mit seiner Frau vor allem der beiden Kinder wegen mal wieder nach Deutschland zurück möchte, was sie 2011 auch in die Tat umsetzten.

Gefühlt sechs Jahre lang im Jetlag gelebt

Sechs Jahre lang genoss Kriwet das Arbeiten im „Home-Office“ und nahm dafür alle drei Wochen den Zehn-Stunden-Flug für eine Arbeitswoche an der amerikanischen Westküste und die neun Stunden Zeitunterschied in Kauf. „Das war der beste Job meines Lebens. Ich hatte ein Spitzen-Team, wurde sehr gut bezahlt und habe in den acht Jahren zusammen mit Peter Brüggemann als Berater die Konzepte und Philosophie für die Schuhe entwickelt.“ Aber nicht nur das Gefühl, nur noch im Jetlag zu leben, sondern vor allem auch der Umstand, dass er sich als „Vice President Innovation“ in Meetings eigentlich nur noch mit Strategien, Margen und Profit und eben persönlich kaum noch mit Innovationen beschäftigen konnte, gab schließlich 2017 den Ausschlag, gemeinsam mit Prof. Brüggemann auf dessen Vorschlag hin mit einer eigenen Firma „den besten Laufschuh der Welt“ zu entwickeln. „Denn wir sind immer die neugierigen Laufschuh-Bauer geblieben.“

Keine Hebelkräfte und unnatürliche Beanspruchung

Zwei Dinge fielen ihnen auf: Obwohl die Schuhe immer besser geworden sind, ist die Verletzungsanfälligkeit seit 30 Jahren nicht zurückgegangen. „50 Prozent aller Läufer verletzen sich innerhalb eines Jahres. Und was noch entscheidender ist: Die meisten Verletzungen, nämlich 40 Prozent, passieren im Knie. Dann folgt mit 19 Prozent die Achillessehne.“ Also habe man noch mal ganz grundsätzlich überlegt, und sei schließlich zu der Erkenntnis gekommen, dass die Fehlbewegungen im Knie durch heutige Laufschuhe provoziert werden. „Denn anders als die Natur, die um das ja nur kleine Fersenbein ein weiches Fersenfettpolster gelegt hat, damit die Kraft unter dem Knochen zentriert wird, ohne dass er lokal hohe Druckspannungen übernehmen muss, hatten wir und alle anderen in den Schuhen bisher drumherum immer gigantische Stützen und Sohlen gebaut.“ Was zur Folge hatte, dass der Fuß zwar gerade auf dem Boden aufkam, die Kraft sich aber über den Hebel negativ im Knie auswirken konnte. Die simple Idee, die hinter der patentierten „U-TECH“-Idee von „True Motion“ steckt, ist die Umkehrung der Bauweise: Alle Kräfte, die bei der Landung auf den Fuß wirken, werden im Zentrum des „U“ konzentriert und passieren mit ihrer Wirkungslinie die Zentren des Sprung- und Kniegelenks, so dass sie keine Hebelkräfte erzeugen und die Gelenke nicht unnatürlich beanspruchen.

Das und das völlig neuartige Material überzeugten schon vor der Markteinführung im vergangenen Jahr die Jury des ISPO-Awards, so dass es im Rahmen der weltgrößten Sportmesse in München für den „Nevos“ die höchste Auszeichnung in „Gold“ gab. Und auch für das noch mal etwas komfortablere Nachfolgemodell „Aion“, das seit Anfang Juni verkauft wird, gab es den „ISPO-Winner-Award 2020“. Und die neue Schuhtechnik überzeugt auch auf der Straße: Mit 3000 Paar Schuhen war für das erste Jahr geplant, inzwischen sind schon über 10.000 verkauft worden. Die Erfolgsgeschichte von Andre Kriwet, die einst bei „Runners Point“ an der Unnaer Straße ihren Anfang nahm, hat noch lange kein Ende.

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