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Er hat nur Autos und die Zukunft im Kopf

Die Zukunft und die Instrumente bei der Fahrt immer im Blick: Der BMW-Designer Patric Meinzer erklärt mit großer Leidenschaft die Philosophie des Erdachten.

Die Zukunft und die Instrumente bei der Fahrt immer im Blick: Der BMW-Designer Patric Meinzer erklärt mit großer Leidenschaft die Philosophie des Erdachten.

Foto: BMW Press Pool

Iserlohn/München.   BMW-Kunden haben Wünsche, Gedanken und Hoffnungen. Der Iserlohner Designer Patric Meinzer gibt ihnen die Form dazu

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Irgendwann geht es bei dem Gespräch mit Patric Meinzer sogar ganz kurz um Willy Brandt. Also jetzt nicht direkt, denn der Name selbst fällt gar nicht wirklich. Aber ein Satz, ein fast schon legendäres Zitat von ihm schwebt plötzlich durch den Raum: „Der beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist, sie zu gestalten.“ Darin enthalten sind zwei Schlüsselwörter: „Zukunft“ und „gestalten“. Zwei Begriffe, die im Leben, vor allem auch im Berufsleben des Patric Meinzer so eine immens große Rolle spielen. Der gebürtige Iserlohner ist seit gut 20 Jahren Designer beim bayrischen Auto-Giganten BMW, hat zuletzt als Projektleiter eines vielköpfigen Teams das Design des neuen BMW-Roadster Z4 verantwortet. Und somit offenbar auch den mächtigen Erfolg, denn schon bei der Präsentation des neuen Modells überschlugen sich die Fachleute unisono und schwärmten auch für den Laien verständlich, es sei „einfach ein wundervolles Auto“ geworden.

Später im Gespräch wird Patric Meinzer sagen, dass das natürlich eine gewaltige Teamleistung sei, dass unendlich viele kreative Ideen aus unendlich vielen Kreativ-Köpfen und Umsetzungen an jeder Stelle dieses Fahrzeuges zum Einsatz und zur Umsetzung gekommen seien. Was aber eben auch dennoch nicht darüber hinweg täuschen sollte, dass beim Design in Vorbereitung und Umsetzung alle Fäden bei ihm zusammengelaufen sind.

Blenden wir aber doch erst einmal rund 47 Jahre zurück. Patric Meinzer kommt in Iserlohn zur Welt. Mutter ist Gisela Meinzer, heute Meinzer-Ranke. Vater ist der Iserlohner Manfred Meinzer. Und vermutlich enthalten ja bereits die DNA-Ketten des jungen Patric die Design-Gene des Vaters. Der ist nämlich der Manfred Meinzer, der in seinem aktiven Berufsleben Marken wie REVOX und LEICA zu Welterfolgen geführt hat, dessen Arbeiten im New Yorker Museum of Modern Art gezeigt wurden. Und der Zeit seines Lebens zudem ein Auto-Narr war und ist. Wie dann später eben auch sein Filius.

„Meine Prüfungsarbeit war eine elektrische BMW-Isetta“

Am Anfang war allerdings bei Patric zunächst einmal die Lust am Zeichnen ganz vorne. „Es hat mich ungemein motiviert, meinem Vater beim Zeichnen zuzusehen. Das wollte ich auch können.“ Und Patric konnte es offensichtlich ganz hervorragend. Wenn auch seine Motivwahl von Anfang an etwas Auto-lastig war. „Egal, mit welchem Thema ich anfing, ich landete immer bei Autos.“ Auch in der Schule fand er immer wieder Mittel und Wege, sich in seiner ganz speziellen Bildersprache auszudrücken. „Ich erinnere mich, wir sollten etwas zu Argentinien und Präsident Allende zeichnen und ich hab natürlich einen dicken Mercedes 600 gezeichnet.“ Nur einmal habe er seinem Kunstlehrer etwas anderes bei einem Thema angeboten, und der habe sich am Ende sogar tatsächlich enttäuscht gezeigt. Noch später wird Patric erzählen, dass er auch heute noch gerne zeichnet und malt und dass es sich dabei auch immer noch in erster Linie um Autos drehe. Wirklich immer? „Nur einmal habe ich vor einiger Zeit mal ein Pferd gezeichnet, aber das sollte auch ein Geschenk sein.“

Nach dem Abitur geht der junge Mann ins schweizerische Montreux. Dort gab es zu der Zeit eine Dependance der weltberühmten privaten Hochschule „Art Center College of Design“. „Die hatte mein Vater in Los Angeles besucht und später ausfindig gemacht, dass sie inzwischen auch einen europäischen Ableger hatte.“ Hier lernt Meinzer Design-Ikonen wie seinen universitären Ausbildungsdirektor und Erfinder der legendären Ford-„Badewanne“ P3 Uwe Bahnsen und vor allem auch Albrecht Graf Goertz als Lehrer kennen. Insbesondere der zweite galt in der Welt damals bereits als Aristokrat, Emigrant, Ästhet, Weltbürger. Und eben Autodesigner. Er schuf den BMW 507, einen Roadster von Weltruhm mit bis heute wohl unerreichter Eleganz. Meinzer hängt sich mächtig rein, nicht zuletzt, weil er eben mächtig stolz ist, Seite an Seite mit solchen Koryphäen arbeiten und lernen zu dürfen. Seine damalige Abschlussarbeit hat fast schon in vielerlei Hinsicht Symbol- und Signalcharakter. Er designt und baut im Maßstab 1:2,5 eine BMW Isetta. Aber – man staune – bereits in der Elektro-Version. Erst heute würde man wirklich begreifen, so Patric Meinzer im Rückblick, wie visionär man damals bereits gewesen und mit dem Thema „Mobilität der Zukunft“ umgegangen sei.

Gern wäre der talentierte Iserlohner, der den BMW’lern längst aufgefallen war, auch sofort bei den Münchnern eingestiegen, doch er musste sich noch zwei Jahre gedulden. Man habe ihm schließlich den Tipp gegeben, sich erst noch etwas mehr Auslandserfahrung anzueignen. Und wo geht dann ein ambitionierter Design-Novize am sinnigsten hin? Natürlich nach Italien. Meinzer findet eine Anstellung in der Edel-Karossen-Schmiede Zagato in Mailand. Auch bereits ein Name, den sich Autoexperten ganz langsam auf der Zunge zergehen lassen, um ihn dann mit ihrer Seele ganz vorsichtig zu umhüllen. Meinzer erinnert sich im Gespräch mit der Heimatzeitung noch an seinen ersten Design-Auftrag. „An der Hochschule hatten mich die Kommilitonen fassungslos angesehen, als sie hörten, dass ich eine Isetta machen wollte. Ich sollte doch lieber etwas ganz Wildes, Aufregendes, etwas völlig Irres machen. Kleine, normale Autos müsste ich später im Beruf noch genug machen. Aber ich wollte eben zur Prüfung eben unbedingt genau diese Isetta machen.“

Die kreative Zeit in der „Vereinzelungsanlage“

Nur Wochen später bekam er bei Zagato übrigens den Auftrag, einen Lamborghini neu zu konzipieren. „Da hatte ich dann also so einen wilden Auftrag.“ Zwar sei das Fahrzeug am Ende durch Strategie- und Besitzerwechsel bei den Rennwagenbauern nicht über das Modellstadium hinausgekommen. Aber immerhin! Und dennoch hat Patric Meinzer auch in Mailand seine designerische Duftmarke hinterlassen: Zusammen mit zwei Kollegen schuf er die Optik der Mailänder Straßenbahn, die wohl so noch heute fährt: „Ich bin ja sonst naturgemäß eher dem Auto als Fortbewegungsmittel zugetan, aber immer, wenn ich in Mailand bin, fahre ich Straßenbahn, schau in die Gesichter meiner Mitfahrer und denke: wenn Ihr wüsstet….“

Ob er das denn auch bei jedem BMW oder wenigstens bei jedem Z 4 denken würde, den er irgendwo im Straßenverkehr sieht, lautet da natürlich die Selbstverständnis-Frage. Aber da sagt er zunächst einmal ganz bescheiden: „Nein, denn das wäre ja anmaßend.“ Aber dann erzählt er doch, wie er vor einigen Tagen einen wohlig-eiskalten Schauer im Rücken verspürt hätte, als er auf der Straße – also quasi in freier Wildbahn – dem ersten „seiner“ Z4, der vermutlich mit einem Werksmitarbeiter nach Freigabe ohne Tarnung unterwegs war, begegnet sei. „Das war so ein misano-Blau und ich war fast ein wenig erschrocken.“ Was aber mit Sicherheit auch daran liegt, dass diese neuen Fahrzeuge bis zu ihrer medialen und öffentlichen Präsentation und ersten Auslieferung strengsten Geheimhaltungen unterliegen. „Wir arbeiten ja über Monate und Jahre völlig abgeschirmt und abgeschottet hinter Schleusen, die Telefonkameras sind abgeklebt, nichts darf nach außen dringen.“ Teamarbeit in der Vereinzelungsanlage – eine für den Normalo fremde Welt, die man sich erst einmal nur schwer vorstellen kann. Die bei der Projektgröße und ihrer Bedeutung für den Konzern am Ende doch jederzeit nachvollziehbar ist.

Reden wir aber doch noch einmal über die Anfänge beim Autobauer an der Isar. Fällt es dem jungen, wilden, hungrigen Designer nicht schwer, bei all seinen Ideen und Vorhaben auch natürliche Grenzen zu akzeptieren? Zum Beispiel die der Physik und der Technik? „Natürlich muss man die Umsetzbarkeit von Anfang an lernen“, sagt Meinzer, „denn man kommt ziemlich schnell an die Grenzen des Machbaren.“ Allerdings müsse man eben auch sehr schnell erkennen, dass die „Technik nicht der Feind ist, sondern die Chance.“ Deswegen sie ja gerade auch die Teamarbeit, sich gegenseitig zu inspirieren und zu leiten, so wichtig. Nicht zuletzt die internationale Besetzung der Teams sei da eine ungemeine Bereicherung.

Menschen in kleineren Städten sind oft nachdenklicher

Nächste Frage an den Auto-Designer aus Leidenschaft: Ist es nicht immer wieder eine große Kunst und Herausforderung, beim Kunden Erwartungen zu erfüllen, von denen dieser vorher noch gar nicht wusste, dass er sie überhaupt hatte? „Idealerweise ist das schon so. Und wenn dann alles auch noch gut aussieht und funktioniert und aufregend ist, dann ist das umso besser.“

Nun könnte der Laie ein Auto ja leicht und einfach mal als „chic“, „schön“, „flott“ und „toll“ bezeichnen. Oder eben auch „wundervoll“. Designer haben da aber eine andere Sprache, eine Formensprache. Die heißt bei BMW zum Beispiel und also auch beim Z4, dass sich in ihm „Präzision und Poesie“ vereinen. Meint die messerscharfen Kanten außen einerseits und die an anderer Stelle besonders gewölbten Flächen. Wozu man auch getrost „poetisch skulpturiert“ sagen könnte.

Aber was ihm ersten Moment etwas leicht gedacht daher kommt, ist offensichtlich auch brettharte Realität in der Autowelt. Das Design ist nach wie vor einer der Hauptentscheidungsgründe beim Autokauf. Zwar können die Schwerpunkte und Leidenschaften von Kontinent zu Kontinent, so zum Beispiel zwischen China und Europa, deutlich variieren, aber die grundsätzliche Stärke der jeweiligen Marke wird eben auch über das Design bestimmt.

Kann sich Patric Meinzer denn auch an echte Ideen- oder Gedanken-Flops erinnern? „Natürlich landen immer wieder Ideen auch in dem Papierkorb. Aber richtige Flops von mir fahren zum Glück nicht draußen rum.“ Allerdings dürfe man auch nicht vergessen, dass der Zeitgeist naturgemäß immer wieder Veränderungen mit sich bringe. „Es ist ja auch immer wieder eine Frage der Zeit, wann man etwas vorschlägt.“ Als er vor Jahren die ersten schwarzen Felgen angesprochen hätte, hätte die Fachwelt noch die Augen verdreht. „Heute kann das durchaus angesagt sein.“

Und was legt der Zeitgeist in diesen Tagen als nächstes noch auf Meinzers Schreibtisch? „Ich arbeite an ganz spannenden BMW-Projekten, an zukünftigen rein elektrischen Fahrzeugen.“ Mehr darf er natürlich noch nicht sagen. Siehe oben: Vereinzelungsanlage.

Also reden wir noch einen Moment über München, das sich zu einem Design-Hotspot mit zukünftiger, möglicher Weltbedeutung mausert. „Die Chinesen richten bereits ein Design-Studio an der Isar ein, andere Länder und Firmen folgen.“ München könne für die Autoindustrie das neue Turin werden. Und Iserlohn, Meinzers Heimatstadt? Hier spüre er in der Tat Heimatgefühle, sagt er, seine Familie und seine Freunde seien ja noch hier. Und er finde es auch gut, dass die Menschen in den kleineren Städten oft nachdenklicher seien. Nachdenklich macht ihn aber auch die Zukunft des Schillerplatzes: „Ich hoffe, dass da was Gutes passiert, denn so wirklich inspiriert war das ja da nicht. Wenn er attraktiver wird, werden die Menschen ihn auch annehmen.“

Stichwort Zukunft: Womit wir wieder bei Willy Brandt und der selbst gestalteten Zukunft sind. Patrick Meinzer hat bei dem Thema noch viel vor: „Mein Hobby ist mein Beruf und meine Aufgabe ist meine Passion. Was will ich mehr.“ Und das Ganze natürlich zudem in einer überaus spannenden Phase: „Produkte sind besonders dann besonders stark, wenn sie mit technischen Entwicklungssprüngen wie aktuell der E-Mobilität einhergehen.“

Ob Willy Brandt das damals auch schon so gemeint hat, sei mal dahingestellt. Patrick Meinzer jedenfalls meint es so.

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