Studie

Schadstoffe in der Luft fordern mehr Todesopfer als Rauchen

Abgase kommen aus dem Auspuff eines Autos. (Symbolbild)

Abgase kommen aus dem Auspuff eines Autos. (Symbolbild)

Foto: Marijan Murat / dpa

Mainz  Mainzer Forscher haben die Folgen belasteter Luft für Menschen untersucht. Sie sehen Zusammenhänge zu Millionen Todesfällen jedes Jahr.

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Das Gesundheitsrisiko durch Luftschadstoffe, insbesondere Feinstaub, ist wesentlich größer als bislang angenommen. Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Chemie (MPIC) und der Universitätsklinik Mainz in einer aktuellen Studie, die jetzt im Fachmagazin „European Heart Journal“ erscheint. Demnach sterben weltweit pro Jahr 8,8 Millionen Menschen vorzeitig durch Luftverschmutzung.

Bisher gingen Forscher von einer globalen Sterblichkeitsrate von rund 4,5 Millionen Menschen aus. Damit sterben mehr Menschen an schlechter Luft als durch das Rauchen. Für Europäer errechneten die Mainzer Wissenschaftler eine Verringerung der durchschnittlichen Lebenserwartung um rund zwei Jahre und 133 vorzeitige Todesfälle pro 100.000 Einwohner. „Die Effekte sind schlimmer als erwartet“, sagt der Leiter der Studie und MPIC-Direktor Professor Jos Lelieveld. „Wir sind selbst überrascht davon.“

Studie stützt sich auf stark verbesserte Datenlage

Grundlage der neuen Berechnungen ist eine umfassende Studie, die im vergangenen Jahr erschienen ist und in die 41 Fallgruppenstudien aus 16 Ländern einschließlich China eingeflossen sind.

„Die Datenlage hat sich sehr stark verbessert“, sagt Lelieveld und betont, dass Menschen, die schlechter Luft ausgesetzt sind, natürlich nicht einfach tot umfielen. „Luftverschmutzung ist einfach ein Gesundheitsrisiko, das anerkannt werden muss.“

Kritiker bemängeln immer wieder, dass noch kein einziger Mensch nachweislich gestorben sei, weil er Feinstaub oder Stichoxide eingeatmet hat.

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Luftschadstoffe kaum als Risikofaktor für Herzerkrankungen anerkannt

Die gesundheitlichen Auswirkungen von Luftschadstoffen seien jedoch nachgewiesen und gravierend, betont Professor Thomas Münzel, Direktor des Zentrums für Kardiologie der Uniklinik Mainz und Co-Autor der Studie.

„Deswegen ist es wichtig, nicht nur etwa einen hohen Cholesterinwert und Rauchen als Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen anzuerkennen – sondern auch die Luftverschmutzung.“ Das sei bislang kaum der Fall.

Die Wissenschaftler betonen besonders die schädliche Wirkung von Feinstaub, vor allem jener Teilchen, die kleiner als 2,5 Mikrometer sind (PM 2,5). „Diese Teilchen sind eine Hauptursache für Atemwegs- und Kreislauferkrankungen“, sagt Münzel.

So könne eine kurzfristige hohe Exposition in manchen Fällen bei Menschen mit einer Vorerkrankung sogar zu einem Herzinfarkt führen. Umgekehrt hätten Versuche bei kurzzeitiger Dieselexposition von Probanden gezeigt, dass der Einbau eines Feinstaubfilters die negativen Auswirkungen auf menschliche Gefäße verschwinden ließe.

Feinstaub schädlicher als Stickstoffdioxid

Lelieveld und Münzel fordern eine stärkere Konzentration der Diskussion um Luftschadstoffe auf Feinstaub. Die Debatten der vergangenen Monate rund um die Diesel-Fahrverbote hatten sich hauptsächlich auf Stickstoffdioxid (NO2) bezogen.

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„Wir wollen Stichstoffdioxid als Risikofaktor nicht verharmlosen, zumal es eine Vorläufersubstanz von Feinstaub ist“, betont Münzel. Trotzdem seien insbesondere die kleinen Feinstaubpartikel eine Gefahr für die Gesundheit.

WHO-Empfehlung gilt nicht für Deutschland

„Zwar halten wir in Deutschland den EU-Grenzwert für Feinstaub von 25 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft ein, das ist aber nicht der von der WHO empfohlene Wert“, sagt Lelieveld.

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt zehn Mikrogramm. Für NO2 hat Europa die Grenzwert-Empfehlung der WHO von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft übernommen.

Die Forschung kommt laut Münzel zu dem Ergebnis, dass Feinstaub auf der einen Seite bestehende Erkrankungen wie eine Arteriosklerose verschlimmern könne.

Fahrverbote sind Verschiebung des Problems

Auf der anderen Seite könne Feinstaub bei gesunden Menschen dazu führen, dass diese überhaupt erst Risikofaktoren für Herz-Kreislauferkrankungen wie eben eine Arteriosklerose bilden könnten.

Die Autoren der Studie plädieren für den Ersatz fossiler Energieträger, Hauptverursacher der Luftverschmutzung und neue Mobilitätskonzepte. „Da müssen wir als Gesellschaft eine Lösung finden“, sagt Lelieveld. „Den Verkehr umzuleiten, verschiebt das Problem nur“, sagt der Wissenschaftler in Bezug auf die Diesel-Fahrverbote in einigen Innenstädten.

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