Interview

„Ich bin sehr zu Loyalität erzogen worden“

Hätte Winnetou heute eine eigene Whatsapp-Gruppe? Und würde er sich per Handy im Nachbartal nach der Lage erkundigen?.

Foto: Thomas Reunert

Hätte Winnetou heute eine eigene Whatsapp-Gruppe? Und würde er sich per Handy im Nachbartal nach der Lage erkundigen?. Foto: Thomas Reunert

Elspe.   Jean Marc Birkholz und „sein“ Winnetou haben etwas gemeinsam: Den Menschenfreund und die Liebe zu den leisen Tönen.

Das ist mal ein Bild für sich. Wir haben uns um 13.15 Uhr auf der Hauptbühne der Elsper Karl May Festspiele verabredet. Noch sind die Türen für die Zuschauer geschlossen, der erste Trompetenstoß wird erst in einer guten Stunde erfolgen. Festival-Chef Jochen Bludau hat einen Seiteneingang aufgeschlossen – und ein einsamer Winnetou bzw. Jean-Marc Birkholz steht bereits ganz allein auf der Mitte der Bühne, in der Hand – nicht gerade üblich für einen Apachen – ein Handy und ein kleines Tablet. Zur Erklärung: Wir hatten im Vorfeld die Bombast-Brüller-Knaller-Idee, ein Foto zu machen „Winnetou mit Handy“, weil es im späteren Interview ja um den Bezug der Figur zur Neuzeit und zur Jugend gehen soll. Der erste Eindruck an diesem Mittag: Für einen, der ein echter Winnetou sein will, gehört gutes Aussehen ja ohnehin seit Pierre Brice zur Grunddienstbarkeit. Und bei allem Indianerstolz eine freundliche, nahbare Art. Und eine Stimme, die sich ganz langsam, aber nachdrücklich durch die Gehörgänge bis ganz nach hinten schnurzelt. Jean-Marc Birkholz hat als Zugabe auch noch diese Augen, die Frauen wahrscheinlich in die Irre treiben und Männer zum Selbstschutz denken lassen: „Na und? Aber Grillen kann ich auf jeden Fall besser!“

Jean-Marc, Gerechtigkeit und Freundschaft das sind zwei Top-Themen für Winnetou.

Absolut, ja.

Macht das auch für Sie die Faszination dieser Rolle aus?

Ehrlich gesagt ja, denn das ist ja tatsächlich die Essenz von der Rolle „Winnetou“. Gerechtigkeitsempfinden, Loyalität und ganz große Freundschaft. Der Freundschaft wohnen auch die ersten beiden Dinge inne. Das ist tatsächlich der Reiz an der Rolle.

Erreichen diese Themen heute – gefühlt – auch noch oder wieder junge Menschen?

Ich glaube „immer noch“, denn dieses Thema hört niemals auf. Das Gefühl, dass da jemand kommt, der, obwohl er immer wieder eins in die Fresse kriegt, nicht den Glauben an das Gute verliert – das ist als Thema absolut präsent. Und wenn wir den Fernseher anmachen und uns die Nachrichten anschauen, dann ist die Sehnsucht danach, dass doch alles irgendwie gut wird, immer wieder da..

Sie selbst haben gesagt, sie hätten sich von den Themen schon mit acht oder neun Jahren angesprochen gefühlt. War das elterliche Prägung oder ist das ein von innen gewachsenes Gefühl?

Wenn ich sagen würde, das wäre aus mir allein gekommen, dann wäre das wahrscheinlich falsch, denn elterliche Prägung ist ja immer vorhanden, ob wir wollen oder nicht. Die haben wir mitgekriegt. Ich bin aber in der Tat schon sehr zur Loyalität erzogen worden. Aber diese Filme waren auch trotzdem immer eine Art Flucht oder Beweis in meiner kindlichen Denkart, dass genau das der richtige Weg ist. Winnetou und Old Shatterhand waren da für mich die Vorreiter. Aber ich habe übrigens auch ebenso gern die Jesus-Filme geguckt. Es klingt ja etwas vermessen, aber es ist im Grunde genommen die ähnliche Geschichte.

Waren Sie in der Schule der klassische Streitschlichter?

In der Pubertät war ich auch viel der Streiter, habe mich auch viel gekloppt. Aber es ging tatsächlich früh los, dass ich Dinge, die ich als ungerecht empfand, bekämpfte. Wenn also eine Bande von wesentlich Älteren kam und einen Dicken verkloppt hat, dann bin ich da hingegangen und habe gesagt: ,Leute, das ist falsch, was ihr da macht!’ Ich weiß bis heute nicht, wo ich damals den Mut dazu hergenommen habe. Ich habe auch dafür immer ordentlich was kassiert. Aber trotzdem hatte ich das Gefühl, ich müsste das machen.

Zurück zu Winnetou: Der Stoff ist ja eigentlich aktueller denn je. Unterschiedliche Kulturen verständigen sich, gemeinsam kämpfen sie am Ende gegen das Böse. Könnte auch das ein Grund für das neu aufflammenden Interesse an Winnetou sein?

Ich glaube tatsächlich, dass das ganz viel damit zu tun hat. Auch mit der Sehnsucht nach Unbekannten auf der einen Seite, aber auch damit, dass das – sagen wir mal – andere Unbekannte nicht schlecht sein muss. Man muss und kann verstehen lernen, wenn man bereit dazu ist.

Sie berichten von Kindern, die sogar Geschenke für Winnetou mitbringen. Und das obwohl Winnetou gar kein Youtube-Star ist. Nicht so ein Hampel-Stratege wie die Lochis. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Mir fällt auf, dass Winnetou quasi als Anti-Youtube-Star, weil er eben keiner ist, genau diejenigen anspricht, die auch nicht mithalten können mit dem ganzen Fan-Gebaren der Youtube-Leute. Ich merke, dass die Leute, die mir bzw. Winnetou Geschenke machen und zudem auch offene und ehrliche Brief schreiben über ihr Leben – übrigens auch viele, viele Kinder – mir sagen wollen, wie schwer sie es haben im Leben. Sie erzählen von Außenseiter-Positionen, wie sie gemobbt werden. Die zum Teil auch dafür gehänselt werden, dass sie in ihrer eigenen Fantasie leben, die sie als Flucht verstehen, zum Teil eben auch in Indianerfiguren. Das sind oft die Zurückgesetzen oder die Nicht-Beachteten. Die fragen mich tatsächlich um Rat, was man da machen kann.

Stoßen Sie bei Kindern beim Kennenlernen auf die erlebte Überraschung, dass man sich auch auf einer Theater-Tribüne „einloggen“ kann, um was Tolles zu erleben?

Ja. Und viele Kinder sagen hinterher: ,Der Film, den ihr eben gespielt habt, war ganz toll.’ Die kriegen das noch nicht einmal richtig mit, dass das ein Bühnenstück ist.

Muss man selbst ein Winnetou-ähnliches Leben führen, um die Fans nicht zu enttäuschen? Könnte Jean-Marc Birkholz in seiner Freizeit auch gegen Kapitalismus in Hamburg demonstrieren?

Ich glaube nicht, dass ich das machen würde. Ich würde – wenn – dann darüber reden.

Aber Winnetou könnte beim Christopher-Street-Day mitlaufen? Bei seiner weltoffenen Art wäre das doch vorstellbar.

(lacht) Das ist schon sehr lustig. Es passt in der Tat zu seiner weltoffenen Art. Ich als Jean-Marc bin ohnehin der Meinung, dass Menschen, die sich lieben, auch zusammensein sollen. Das ist mein Credo: Liebe ist das schönste der Welt. Egal, wer sich liebt. Und wenn man keinem damit schadet, ist doch alles gut.

Mit welchem Gefühl im Bauch kommen Sie beim traditionell gefeierten Erst-Erscheinen vom Jubel-Hügel runtergeritten?

Eine gute Frage. Ich bin tatsächlich kurz aufgeregt und weiß nie, was mich erwartet. Natürlich kommt Applaus, wenn man die Musik hört. Dann kann man ja als Zuschauer gar nicht anders. Trotzdem habe ich immer Angst, dass es irgendwann mal nicht ist. Aber wenn dann dieser Applaus kommt, dann bin für einen Moment glücklich und denke: So, jetzt kann es losgehen.

Für jemanden, der das Reiten auf dem zweiten Bildungsweg gelernt hat, ist dieser Abhang wahrscheinlich echte Herausforderung.

Ja, das sieht auf dem Pferd noch eine Portion steiler aus.

Dem legendären Pierre Brice wurde gern nachgesagt, er spiele nicht den Winnetou, er sei Winnetou. Ist das ein Lob, oder doch eher ein Beweis für den Verlust der Bodenhaftung?

Ich kenne Pierre leider nicht persönlich. Alles, was ich sage und weiß, ist nur Projektionsfläche. Ich glaube aber, er war sich einfach der Sendungskraft dieser Figur bewusst war. Er hat ja auch Hilfsprojekte organisiert, wusste, dass man auf ihn hört..

Erwischt man sich selbst bei der Frage, ob man auch mit so einer Rolle in Rente gehen möchte? Oder macht der Gedanke eher Angst?

Natürlich. Es macht einfach Angst, in die Situation zukommen, für sich selbst erkennen zu müssen, ob es noch geht oder nicht. Ist man noch athletisch genug? Sehe ich noch der Figur ähnlich, die sich die Leute vorstellen möchten? Ehrlich zu sich selbst zu sein, ist echt schwer. Und ich hoffe, dass ich das einmal kann.

Wir Deutschen können uns so herrlich daran hochziehen, dass Karl May selbst nie im Wilden Westen war und doch so authentisch geschrieben hat. Ist das deutsche Pingeligkeit? Star-Wars Autor George Lucas war auch noch nie im Weltall.

Klar ist das deutsche Pingeligkeit. Das macht doch die Genialität als Autor aus. Winnetou ist halt eine Märchenfigur, das muss man wissen. Eine tolle Figur, an die so viele geglaubt haben und immer noch glauben. Das muss man erst mal packen.

Ist der Jean-Marc eigentlich ein Frauen-Typ. Gibt’s viele weibliche Fans?

Jean-Marc oder Winnetou?

Erstmal Winnetou.

Bei Winnetou sind ein bisschen mehr Frauen da.

Und bei Jean-Marc?

Da sind es viele Frauen.

Nochmal ins pralle Leben: Es gibt ja ohnehin nur noch wenige freilaufende Büffel. Wäre Winnetou heute ein grüner Veganer?

Da denke ich wirklich ganz oft drüber nach. Das ist eine tolle Frage. Und ich kann sie bis heute nicht beantworten.

Ein Grüner wäre er aber doch vermutlich.

Bestimmt! Das denke ich auch.

Kurzer Themenwechsel: Sie sind erfolgreicher Sprecher. Stört es den gefeierten Bühnen-Helden, dass man ihn beim sprechen (außer bei Lesungen) nicht sieht?

Das stört mich überhaupt nicht. Beim Sprechen geht es nur um die Stimme, nur um das Handwerk..

Von dem Sie ja zunächst einmal gar nicht so überzeugt waren bei sich selber.

Sie wissen gut Bescheid. Das stimmt. Ich wurde schon zu Schauspielschulzeiten immer mal gefragt, ob ich was lesen oder rezitieren würde und ich habe mich immer geschämt. Ich dachte immer, das könnte ich keinem zumuten. Als ich meiner damaligen Freundin abends etwas vorgelesen habe, dann ist die eingeschlafen. Nicht, weil es so gut war, sondern weil es langweilig war.

Zur Schlussfrage: Was würde sich Jean-Marc Birkholz von einer guten Fee wünschen, wenn wir einmal die Gesundheit außen vor lassen?

Jean-Marc würd sich wünschen, die Weisheit zu besitzen, immer die richtige Entscheidung zu treffen. Das finde ich am allerschärfsten.

Winnetou macht Leser-Familie ein tolles Geschenk

Elspe Festival ist zum gemeinsamen Geburtstag von Karl May und IKZ spendabel/Statist gesucht

Es gibt eine ganz offensichtliche Gemeinsamkeit zwischen Karl May und dem IKZ. Beide haben vor genau 175 Jahren das Licht der Welt erblickt. Und beide sind auf ihre Art bis heute visionär, jung und aktuell geblieben. Ein guter Grund also, unserer bzw. einer Leserfamilie ein schönes Geschenk zu machen. Jochen Bludau, der langjährige und inzwischen nicht minder legendäre Geschäftsführer der Elsper Karl May-Festspiel und ehemals erfolgreicher Old Shatterhand-Darsteller lädt eine Familie (zwei Erwachsene und zwei Kinder) als Ehrengäste zu einer Vorstellung des aktuellen Stücks „Winnetou I“ ein. Sie erleben auf besten Plätzen, wie es überhaupt mit der Freundschaft zwischen Winnetou und dem Greenhorn Old Shatterhand losgehen konnte. Natürlich haben die Gewinner auch vorher schon die Musik- und Stuntshows gesehen. Aber das ist noch lange nicht alles. Jochen Bludau: „Ich werde mich persönlich darum kümmern, dass die Kinder auch in dem Stück an der Seite von Winnetou aktiv mitspielen können.“ Wenn das kein unvergessliches Erlebnis ist!

Was müssen Sie tun: Schreiben Sie uns bis zum 2. August 2017 eine Mail an red.iserlohn@ikz-online.de oder eine Postkarte an den IKZ, Wichelhovenhaus, Theodor-Heuss-Ring 4-6 in 58636 Iserlohn, warum das Glückslos gerade auf Ihre Familien fallen soll. Und schreiben Sie und auch ein paar Daten, vor allem zu den Kindern (Alter), damit der Auftritt vorbereitet werden kann.

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