Porträt

Achim Hagemann

Achim Hagemann zieht erst einmal sehr tief und sehr genüsslich an der Zigarette, blickt dann mit zusammengekniffenen Augen in die Ferne, lässt ein kleines, süffisantes Lächeln ausblitzen und sagt dann nicht minder genüsslich: „Saugut!“ Und das nimmt man ihm auch genau so ab. Die Frage lautete, wie es sich bloß anfühlt, wenn man etwas erschaffen hat, was sich so dermaßen in den kollektiven Humor-Genpool der Nation eingegraben hat, dass wirklich jeder auch nach mehr als 20 Jahren bei nur einem einzigen Wort weiß, worum es geht. „Hurz!“ Die Szene dürfte jedem bekannt sein. Wenn man unvermittelt auf die typischen atonalen Klänge der zeitgenössischen klassischen Musik stößt, gibt es immer mindestens einen, der „Hurz“ ruft, und alle anderen lachen sich schlapp. Es ist ein wenig so wie „Ein Klavier, ein Klavier“ von Loriot -- zum Volksgut gewordene Scherze, die jedem genau so geläufig sind wie „Stille Nacht“ oder „Marmorstein und Eisen bricht“. Und so etwas zu erschaffen, muss sich wirklich saugut anfühlen.

Abzusehen sei das damals absolut nicht gewesen, sagt Hagemann rückblickend. Zusammen mit seinem Duo-Partner Hape Kerkeling hatte er zwischen 1989 und 1991 mit der Serie „Total normal“ das komplette deutsche Fernsehpublikum verrückt gemacht und die jüngere Generation elektrisiert. Hagemann steckte noch mitten im Studium zum klassischen Schlagwerker im Orchestergraben an der Robert-Schumann-Musikhochschule in Düsseldorf. Und gerade als Schlagwerker war er zwangsläufig Teil des modernen Musikbetriebs mit verpflichtender Teilnahme in Ensembles für Neue Musik. „Und das war dermaßen ernst und frei von jedem Humor oder Selbstironie. Die haben sich so wichtig genommen, dass ich schon früh gedacht habe, dass man da mal was drüber machen müsste.“

Die zuständige Redakteurin bei Radio Bremen, die „Total normal“ unter ihren Fittichen hatte, sah das allerdings ganz anders. „Moderne Musik kennt niemand, und ein Sketch darüber versteht niemand und interessiert auch niemanden“, war ihr Urteil, das fast an den Musikmanager erinnert, der seinerzeit die Beatles abgelehnt hatte. Hagemann hatte aber nicht locker gelassen und später, als sich der Erfolg der Show schon voll entfaltet hatte, bekam er grünes Licht. Der Rest ist bekannt: Als polnischer Pianist und Tenor schlichen sich Hagemann und Kerkeling in ein klassisches Konzert, angeblich um ihre Komposition erstmals in Deutschland zu präsentieren und Reaktionen vom Publikum zu bekommen. Die Kamera war offensichtlich für alle dabei und es ging los mit Wolf und Lamm und Lurch und Hurz.

Wir hatten es vorher stundenlang proben müssen, bis wir es selbst endlich nicht mehr lustig fanden und in Gelächter ausbrachen.“ Das leicht irritierte Publikum nahm es aber gewohnt ernst und humorfrei auf. Erst auch ohne nennenswerte Reaktionen, so Hagemann. Erst als er spontan immer wieder mit dem Satz „May we repeat“ eine Wiederholung nach der anderen einleitete, habe er das Publikum so sehr genervt, dass endlich brauchbare Reaktionen kamen. „Die Leute, die etwas gesagt haben, wurden danach noch Jahre auf der Straße erkannt. Ein Lehrer, der besonders schlau sein wollte, konnte sich an seiner Schule kaum noch sehen lassen, und noch heute gibt es Sendungen über die damaligen Gäste im Publikum und darüber wie es ihnen danach ergangenen ist“, freut sich Achim Hagemann über die Auswirkungen seiner Idee. Seine Eltern hatten ihn angerufen und gefragt, ob er überhaupt wisse, was er da angerichtet hatte, nachdem sie in einem modernen Konzert gewesen waren, das durch einen einzigen „Hurz“-Ruf lahm gelegt worden war. „Hurz“ war und ist in aller Munde. Nur bei seinem Professor an der Musikhochschule sei der Sketch hingegen nicht so gut angekommen – aber was soll’s?

„Hurz“ und die ganze „Total-normal“-Show hatten Hape Kerkeling und Achim Hagemann zu den Shooting Stars des deutschen Fernsehens gemacht. Und das ganz ohne Konzept und großen Masterplan. Eher unbewusst und einfach so hatten die beiden jungen Männer mit Mitte 20 die deutsche Fernsehlandschaft mit den wenigen Folgen ihrer Sendung aus den Angeln gehoben und auf links gebürstet. „So etwas“, sagt Hagemann, „hat es bis dahin ja nicht gegeben. Comedy im heutigen Sinne war noch gar nicht erfunden. Wir wurden ins kalte Wasser geschubst und haben einfach losgelegt.“

Wobei man dieses „einfach loslegen“ schon rund 20 Jahre vorverlegen muss. Kennen gelernt hatten sich Hagemann und Kerkeling nämlich schon in der Grundschule in Recklinghausen. Als kleine Jungs sind sie dicke Freunde geworden und haben sich – anstatt Fußball zu spielen – getroffen, um Lieder zu schreiben und zu singen. Das war Anfang der 70er Jahre. Achim Hagemann hatte das Glück, 1965 in ein Elternhaus hingeboren worden zu sein, das Musik gut fand und den Kindern damals schon einen Probenraum im Keller eingerichtet hat. Er hat früh mit Schlagzeug angefangen, seine Schwester mit E-Bass – alles, was richtig laut ist und durch die Wände dröhnt. „AC/DC“ und „Deep Purple“ waren die großen Helden. „Ich komme ursprünglich aus der Rock-Abteilung“, sagt Hagemann. Und mit Hape Kerkeling hat er dann auf dem Gymnasium auch seine erste Band namens „Gesundfutter“ gegründet, in der er mal Schlagzeug und mal Keyboard gespielt hat. Das Klavier entwickelte sich zu seinem zweiten Instrument, an dem er dann ja auch bei „Total normal“ meistens saß.

Nach der Schule gab es eine kleine Zivildienst-Pause, in der Kerkeling schon in der Musikshow „Känguru“ seinen TV-Durchbruch schaffte. Nichts desto trotz ging er danach mit seinem Schulfreund wieder im Duo live auf die Bühne, und eine solche Show hat damals auch die besagte Radio-Bremen-Produzentin gesehen und die beiden für einen frei gewordenen Sendeplatz im Fernsehen eingeladen. „Wir waren die vierte oder fünfte Wahl und haben die Sendung nur bekommen, weil schon einige andere abgesagt hatten.“ Und auch der Start war dann mehr als holprig. Alle engagierten Autoren waren wieder abgesprungen oder krank geworden. Die beiden jungen Männer mussten nicht nur vor der Kamera, sondern auch dahinter alles selbst machen und schreiben. „Obwohl wir da keinerlei Erfahrungen mit hatten. Uns hat das vollkommen unvorbereitet getroffen.“ Am Ende der drei Jahre „Total normal“ standen dann die Goldene Kamera, der Adolf-Grimme-Preis, der Bayerische Fernsehpreis, ein ganz neues Comedy-Format, ein nahezu abhängiges Publikum und ein paar legendäre Sketche, wie etwa die falsche Königin Beatrix, die sich bis heute ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben.

Gekrönt wurde diese unverhoffte und unvergleichliche Erfolgsgeschichte von der Kinosatire „Kein Pardon“, zu der Hagemann die komplette Musik geschrieben hat. Dass er sich danach – quasi auf dem Zenit als festes Duo – von Hape Kerkeling getrennt hat, mag überraschen. „Für mich war es aber immer ein Traum gewesen, als Komponist und Produzent zu arbeiten“, sagt Hagemann. Und die Zusammenarbeit mit Kerkeling endete ja auch nur auf der Bühne. Hinter den Kulissen hat sie nie aufgehört. Bis heute schreibt Hagemann alle Musiken für die Kerkeling-Filme und -Projekte.

Den Traum vom Komponisten-Leben erfüllte sich Hagemann mit einem eigenen Tonstudio in Düsseldorf, in dem er dann mit der Musik zu der Fernsehserie „Der kleine Vampir“, gesungen von den „Prinzen“, direkt wieder den richtigen Finger im richtigen Nasenloch hatte und einen riesigen Hit samt erneutem Grimmepreis landete. „Ich war mit einem Schritt mittendrin in der Szene“, sagt er. Unzählige Kompositionen für Film und Fernsehen sowie CD-Produktionen in unterschiedlichsten Genres von Klassik über Chanson bis Kabarett folgten. Die Liste der Künstler, die bei ihm eingespielt und eingesungen haben ist lang und reicht von Inga Humpe bis Stefan Raab. Eine tolle Zeit, die Hagemann auch nicht missen möchte, in der sich dann aber dennoch irgendwann das Gefühl einstellte, auf der falschen Seite der Studio-Scheibe zu versauern. Man erfülle immer nur Auftragskompositionen, ohne den eigenen Neigungen folgen zu können. „Und wenn ein Film Mist ist, dann kann man sich einen Ast komponieren, das Ergebnis wird nicht besser“, beschreibt er die unschöne Abhängigkeit von anderen Faktoren.

Der Wunsch, wieder verstärkt eigene Ideen zu verwirklichen, wurde immer stärker und bekam 2003 einen Namen: „Der Familie Popolski“. Das ganze Projekt, mit dem er zum zweiten Mal für einen bundesweiten Hype sorgen und erneut in aller Munde sein sollte, mit dem er wieder Preise abräumen und am Ende die großen Hallen füllen sollte, hatte am Anfang noch überhaupt nicht das Format und die Prägung, die es später bekam. Wie so oft, entwickelte sich alles ganz langsam. Am Anfang stand lediglich der Spaß an der Live-Musik, am Songs covern, wozu sich Achim Hagemann wieder ans Schlagzeug setzte, weil es einfach so viel Spaß macht, und wozu er sich mit einigen tollen Musiker-Kollegen aus der ganzen Rhein-Schiene traf. „Allerdings drohte die Sache so ein Jazz-Akustik-Pop-Gedudel zu werden“, erinnert sich Hagemann daran, dass er irgendwann die Notbremse zog und Polka als roten Faden festlegte – einen Stil, der live einfach perfekt passt, der positiv ist und richtig abgeht. Zumal das auch zu seinem eigenen „Polka-Leben“, wie er sagt, passt, das er mittlerweile als eingefleischter Single in Berlin führt.

Die Sache nahm Gestalt an bis hin zu dem ganzen Überbau von Opa Popolski, der die ganze Rockmusik in einem Plattenbau in Zabrze erfunden und geschrieben hat, die dann von den Amerikanern geklaut und verhunzt wurde, und nun wiederum von der Familie Popolski mit dem schnauzbärtigen Pawel als Familienoberhaupt am Schlagzeug zurückerobert wird. Eine Geschichte, die am Ende auch alle geschluckt und über alle Maßen gefeiert haben, die man am Anfang aber wohl nicht so gut verkaufen konnte. „Wir haben mit einer richtigen Ochsen-Tour begonnen, bei der ich in den Kneipen mein Schlagzeug selbst aufbauen musste.“ Jeder in der Band habe eine Popolski-Rolle bekommen, die die Musiker auch erst einmal annehmen und verinnerlichen mussten. Nicht jeder ist schließlich so ein Show- und Dialekt-Talent wie er selbst. „Es hat ungefähr drei Jahre gedauert, bis die Show richtig rund war.“ Dann war sie aber nicht nur rund, sondern auch bereit für die große Bühne. Bis zu 130 Auftritte im Jahr, dazu Proben, Promotion und eine eigene Fernsehshow, die auch wieder Kult-Status besitzt – die Popolskis wurden zum Hit und zum alles ausfüllenden Element im Leben von Achim Hagemann. „Mein Studio habe ich schon vor drei vier Jahren verkauft.“

Bei solchen Ausmaßen, die die Familie Popolski angenommen hat, war es aber wieder nur eine Frage der Zeit, bis Hagemann wieder umsteuerte. „Ich habe mich am Ende gefühlt wie der Lehrer auf einer Klassenfahrt“, fasst er die Nachteile des großen Tournee-Zirkusses recht treffend zusammen.

Sein Buch zur Show gab ihm nun Möglichkeit, sich wieder zu verändern. Denn die ersten Lesungen, die er begleitet von nur einer Sängerin geben hat, haben sich längst verselbstständigt und zu einer ganz eigenen Show entwickelt, bei der er kein einziges Wort mehr liest, dafür aber volle Narrenfreiheit besitzt. „Was für ein Privileg“, sagt Achim Hagemann und blinzelt so genussvoll wie eingangs bei der Frage nach seinem „Hurz“. „Ich kann machen, was ich will, muss mit niemandem diskutieren und bin überall ausverkauft.“ Er setzt sich einfach auf die Bühne, nimmt Fühlung auf, lässt den Abend auf sich zu rollen, spricht mit den Leuten und lässt zwischendurch die Polka krachen.

Gerne übrigens auch mit seinen Kesselpauken, den meist unterschätzten Instrumenten überhaupt, wie er sagt, auf denen er dann wieder zum Staunen des an Rockmusik gewöhnten Publikums AC/DC spielt. Der klassische Schlagwerker in ihm ist noch lange nicht tot. „Hurz“ lässt grüßen, nur eben jetzt andersherum.

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