Andrea Lieberknecht

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Bloß keine Musik mehr. Als Andrea Lieberknecht am Donnerstagabend zum Interview in einem Iserlohner Restaurant erscheint, hatte sie schon einen etwa zehnstündigen Arbeitstag mit Proben und Meisterkurs hinter sich.

Rund zehn Stunden Musik, da sehnt man sich verständlicherweise nach ein wenig Ruhe und nicht nach poppiger Berieselung aus dem Hintergrund. Glücklicherweise hatte auch der Wirt Verständnis und regelte seine Anlage auf ein Minimum herunter. Die Internationalen Herbsttage für Musik, deren Gaststar die renommierte Flötistin derzeit ist, hätten es in sich, sagt sie. Vor allem wenn man, so wie Andrea Lieberknecht, immer 100 Prozent gibt. Sie möchte, dass alle Schüler und Studenten des Meisterkurses wirklich etwas von ihr und ihrem Unterricht haben. Gleichzeitig möchte sie aber auch beim morgigen Abschlusskonzert eine optimale Leistung bringen. Am Ende leide aber beides ein wenig unter der doppelten Belastung aus Üben und Unterrichten. Normalerweise, so die 40-jährige Virtuosin, mache sie eine Woche vor einem solchen Konzert mit Orchester nichts als üben und memorieren. Das heißt lange spazieren gehen und die Werke des Konzertes immer wieder im Kopf durchgehen. Aber was ist schon normal im Leben einer solchen Ausnahmemusikerin, die zu gleichen Teilen unterrichtet und konzertiert, die sich überaus intensiv um ihre 13 Studentinnen und Studenten an der Musikhochschule in Hannover kümmert, die mit durchschnittlich 63 Konzerten im Jahr fast jede Woche auf Reisen ist und die ständig neue Herausforderungen, neue Ergänzungen des Repertoires und neue Zugänge zur Musik sucht. "Man muss sich auf alle nur erdenklichen Arten der Musik nähern", sagt sie, und obwohl sie nach rund 20 Jahren als Solo-Flötistin schon zu den alten Hasen gehört, blitzt eine fast kindliche Begeisterung in ihren Augen. Begeisterungsfähigkeit gehört wohl zu den herausragenden Eigenschaften der sympathischen und offenherzigen Musikerin - egal was sie anpackt. Ob sie nun auf der Suche nach neuen Kunstgegenständen durch die Ateliers befreundeter Künstler zieht, ob sie bei ihren Besuchen bei ihren Eltern in Rottach-Egern am Tegernsee den Ski-Langlauf für sich entdeckt, ob sie mit ihrem Mann in den Weingütern Südfrankreichs nach den besten Tropfen stöbert, ob sie sich beim Erarbeiten eines neuen Werkes durch die Sekundärliteratur über den Komponisten frisst oder ob sie aus der schier unendlichen Vielfalt der Flöten-Modelle die passende für eine ihrer Studentinnen aussucht und stundenlang den Klang testet - immer ist sie voll und ganz, mit Haut und Haaren dabei, nah an der Sache, nah an den Menschen und mit einer riesigen Begeisterung. Für die Musik wurde diese Begeisterung schon früh geweckt. Ihre Eltern seien nicht sehr musikalisch, sagt die gebürtige Augsburgerin. Allerdings sei es der Traum ihrer Mutter gewesen, ein Instrument zu lernen - ein Traum, den sie dann bei ihren Töchtern sehr förderte. Mit zehn Jahren bekam Andrea Lieberknecht dann ihren ersten Flötenunterricht. Obwohl sie die untersten Klappen noch gar nicht greifen konnte, schickte sie ihr Lehrer schon nach einem halben Jahr zu "Jugend musiziert", wo sie prompt einen Preis einheimste. "Von da an war ich infiziert", erinnert sie sich. "Nicht nur von der Musik, sondern auch vom Erfolg". Das Lob der Jury, die Erwähnungen in der Zeitung und in der Schule und die ganze Aufmerksamkeit, die einem dabei zu Teil würden, seien ein ungeheurer Ansporn für sie gewesen. "Ohne ,Jugend musiziert' hätten wir in Deutschland nicht so ein florierendes Musikleben", ist sie sich sicher. Von da an ging es steil bergauf. Mit 16 war sie Jungstudentin bei ihrem Guru, Prof. Paul Meisen in München, bei dem sie bis zu ihrem Studienabschluss blieb. Mit 23 wurde sie noch im Studium Solo-Flötistin im Münchner Rundfunkorchester. Immer wieder hatte sie schon vorher die Möglichkeit mit Orchestern zu konzertieren, Preise und Wettbewerbe zu gewinnen und sich einen Namen zu machen. 1991 ging sie dann als Solo-Flötistin zum Sinfonieorchester des Westdeutschen Rundfunks Köln, wo sie auch ihren Mann, den Solo-Fagottisten Dag Jensen aus Norwegen, kennen lernte - ebenfalls einer der besten seiner Zunft, mit dem sie schon einige CDs eingespielt hat. Vor drei Jahren gab sie dann ihre Stelle im Orchester auf und folgte ihrem Mann als Professorin an die Hochschule in Hannover. Auch wenn sie dort viel mehr Zeit für ihre Studenten hat, für die sie weit mehr als eine Lehrerin ist, und auch wenn sie dort ihre Zeit besser einteilen kann und sich gründlicher auf Konzerte vorbereiten kann, hält sie große Stücke auf Festivals, wie das in der Waldstadt. "Iserlohn ist einfach nett", sagt sie, was vielleicht auch daran liegt, dass sie eine Woche ohne eine Wolke am Himmel erwischt hat. Und die Herbsttage seien super organisiert und hätten mit der traumhaften Musikschule und dem Parktheater beste Vorraussetzungen für Unterricht und Konzert. "Das kann man nur weiterempfehlen", sagt sie und man möchte antworten "Nur zu!". Vielleicht kommt der nächste Gast ja aus Norwegen und spielt Fagott.

(24. September 2005)

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