Porträt

Antonia Rados

Foto: Josef Wronski/IKZ

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Man stelle ja schließlich nicht selten fest, sagt Antonia Rados, dass fremde Menschen einem das eigene Leben manchmal viel besser definieren könnten als man selbst. Dabei denkt sie offensichtlich gerade an den Anthropologen, der einmal gesagt hat: „Ich bin gerne herumgefahren, aber jetzt hat das plötzlich alles einen Sinn.“ Und Antonia Rados wird vermutlich in Gedanken auch noch ein ganz persönliches „endlich“ dranhängen, denn dass die Dame auf der ständigen Sinnsuche war und ist, merkt der Gesprächspartner schon nach kürzester Zeit. Auch sie sei schließlich immer gern herumgefahren, „aber ich wollte in der Tat diesen Reisen auch immer einen Sinn geben“.

Wahrscheinlich, weil ja die Neugier ohnehin schon von Kindesbeinen an eine der wesentlichen Lebens- und Schaffenstriebfedern der gebürtigen Kärntnerin, die nach eigenen Angaben aus „ normalen, bürgerlichen Verhältnissen“ stammt, war. Über Jugend und Familie wird sie im weiteren Verlauf des Gesprächs allerdings ebenso wenig erzählen wollen wie über ihre heutigen Lebensumstände im privaten Bereich. Das gehört nach ihrem Verständnis von Prominenz, eben „ihrer“ Prominenz, nicht wirklich in die Öffentlichkeit. Vielleicht gerade mal noch die Sache mit der Freude am Kochen, aber dazu später vielleicht mehr.

Antonia Rados erzählt aber dann doch, dass sie ein überaus sportbegeistertes und eben ungemein neugieriges junges Mädchen mit vielen Interessen gewesen sei. Und auch durchaus nach der Schul- und Studienzeit mit dem Gedanken gespielt habe, ihre Neugier und ihren Sport-Enthusiasmus unter einen beruflichen Hut zu bringen. So sei sie einfach einmal zum Intendanten des österreichischen Rundfunks gegangen und habe ihn darauf hingewiesen, dass es im Bereich des Sport-Journalismus in dem Alpenland doch noch keine Frauen im Beruf gäbe und dass sie sich gut vorstellen könne, die erste auf diesem Gebiet zu sein. „Er hat gesagt, dass das wirklich ein ganz spannender Gedanke sei, über den wir unbedingt mal ernsthaft reden müssten, aber geworden ist daraus natürlich erst einmal nichts.“ Nur so am Rande: Sie habe sich übrigens auch vorstellen können, Ärztin in Afrika zu werden, aber „auf keinen Fall etwas an einem Schreibtisch“.

Aber sie nimmt zunächst doch erst einmal einen eher sittsamen Berufsweg, studiert und promoviert u.a. in Politologie, arbeitet schließlich journalistisch in großen Zeitungsredaktionen. Bis zu jenem denkwürdigen Moment, als in einer Redaktionskonferenz – so um das Jahr 1980 und nach einer Attacke in Österreich mit möglichem PLO-Hintergrund – gesagt wird, irgendjemand müsse eigentlich mal dazu mit Jassir Arafat ein ernstes journalistisches Wörtchen reden. Was damals bei den männlichen Kollegen als „man müsse mal“ dann auch ins Leere lief und versandete, stachelte Antonia Rados in diesem Moment offenbar ungemein an. Sie verschaffte sich Kollegen-Kontakte in Richtung Libanon und saß einige Zeit später erst im Flieger und dann in der Tat vor dem damals höchst umstrittenen Politiker Arafat, dessen Image einmal von Terrorist über Freiheitskämpfer bis Nobelpreisträger reichen sollte. Sie erinnert sich, dass er sie lange warten ließ, weil er erst noch aus dem Tuch auf seinem Kopf die Form Palestinas formen musste. In der Nachbetrachtung sagt sie heute, dass das damals vielleicht nicht unbedingt ihr bestes Gespräch gewesen sei, weil der Mann sie gleich zum Auftakt als „zionistische Agentin“ bezeichnet hatte, aber es war auf jeden Fall wohl der Auftakt zu einer bemerkenswerten Karriere. Antonia Rados hatte nämlich schnell begriffen, dass sich vor ihr das Tor zu einer Lücke auftun würde. Und sie hatte den Mut zu eben dieser Lücke. Dass es Themen und Gesprächspartner auf der ganzen Welt – vorzugsweise in Krisen- und Kriegsgebieten – gab, an die sich Männer nicht wirklich heranwagen konnten und wollten, war hinlänglich bekannt. Und genau diese Themen und Interview-Gegenüber sollten fortan die journalistischen Ziele der neugierigen Frau werden.

Ist sie eigentlich denn heute immer noch getrieben von dem Wunsch, immer wieder das Unmögliche möglich zu machen? Das sei vielleicht nicht ganz die richtige Definition, präzisiert sie. Es gehe doch dem Kriegsreporter eigentlich weniger um das Unmögliche. Eher darum, die tatsächlichen Grenzen zu testen: „Die Kunst ist, herauszufinden, wie weit man gehen kann.“ Antonia Rados bringt das Beispiel vom syrischen Aleppo. Natürlich habe man irgendwann das Gefühl, dass es sinnhaft wäre, dorthin zu gehen. Aber das sei eben auch mit der Frage verbunden: „Kann man da überhaupt hin, kann man da überhaupt arbeiten?“ Und sie setzt noch nach: „Sie müssen dabei immer ihr zu erwartendes Gegenüber hinterfragen. Der andere ist immer ihre ganz persönliche Grenze, die sie nicht einfach überschreiten können.“

Und es ist wohl offensichtlich auch immer der Reiz, Verhandeln zu müssen und zu können, „weil vielleicht doch mehr möglich ist, als zunächst gedacht.“ Was natürlich auch ein unerschütterlicher Teil der arabischen Lebenswelt ist. Antonia Rados erzählt von einer Freundin aus eben dieser Welt, die ihre alltäglichen Existenz-Umstände mit dem Satz zusammenfasste: „Mein ganzes Leben ist und war eigentlich nur Verhandeln.“

Dieser Gedanke ist der Reportage-Frontfrau von RTL wohl auch gekommen, als sie schließlich und endlich vor Arafat saß: „Vielleicht wäre ich nie wieder in Kriegsgebiete gefahren, wenn ich damals nicht gemerkt hätte, dass da was geht. Da komme ich als Frau mit meinem blauen Kostüm in hochhackigen Schuhen zum Kontrollpunkt mit den vielen Wachen, halte meinen Ausweis hoch – und der Mann hat mich durchgelassen.“ Zur Bestätigung kommt dann auch noch einmal der kurze Satz, der doch stark nach einer ganzen Lebensphilosophie klingt: „Meine Grenze liegt nun mal hinter dem Checkpoint.“

Wir kommen nicht umhin über Leid und Mitleid als Folge des ständigen Begleitens von Kriegen oder Naturkatastrophen zu sprechen. Muss man sich im Laufe der Zeit einen schützenden Panzer um die Seele und das Herz legen? „Nein“, sagt Antonia Rados und plädiert umgehend für das Gegenteil: „Wir tendieren doch viel zu viel und zu oft dazu, zuzumachen. Es ist wahrlich keine Schande, sich um andere Menschen zu kümmern. Ich empfinde es vielmehr als Bereicherung, Menschen auch in schwierigen Phasen zu begleiten, auf sie zuzugehen, Anteil an ihren Lebensumständen zu haben.“ Sie verweist in diesem Zusammenhang auf ihre Überzeugung, „dass wir aus einer ungemein privilegierten Situation heraus operieren. Wir sind so privilegiert, dass uns im Grunde genommen noch viel mehr zumutbar wäre. Es ist zum Beispiel einem Reporter jederzeit zuzumuten, eine verletzte Frau in seinem Wagen mitzunehmen.“ Aber Antonia Rados gesteht auch ein, dass sich hinter der engagierten Arbeit durchaus auch ein Konflikt verbergen kann: „,Bericht erstatten’ heißt schließlich auch ,Distanz machen’, das ist unsere eigentliche Aufgabe.“ Dennoch kann sich auch der Mensch Rados nicht davon freimachen, von Einsatz- und Recherchefahrten mit Gedanken zurückzukommen wie „ich hätte für die Menschen dort noch viel mehr machen können.“ Dass die völlige Distanz in Verbindung mit dem eigenen journalistischen Anspruch auch für eine routinierte „Häsin“ in dem Geschäft nicht immer machbar ist, mag man diesen Worten entnehmen: „Wer da nicht gebeutelt rauskommt, ist das auch nicht richtig reingegangen!

Hat es denn am Ende doch Vorteile, wenn man als Frau vor den gegnerischen Schranken, vor den vermeintlich oder tatsächlich unnahbaren Machthabern, Tyrannen und Feldherren steht? Oder noch einfacher gefragt: Kann oder darf man einer muffigen Straßensperre im Libanon oder in Syrien mit einer österreicherischen Charmeattacke begegnen? „Sagen wir mal so, es hilft vielleicht ein bisschen, aber eine Allheil-Lösung ist es garantiert nicht.“ Ein ganz pragmatischer Vorteil des Frau-Seins sei allerdings zweifelsohne, dass man als Frau auch in die Lebensbereiche der arabischen Frauen gelangen könne. „Somit können wir aus der Hälfte der Welt berichten, die ohnehin in der allgemeinen Berichterstattung kaum vorkommt.“ All das – und eben auch Charme – schütze allerdings nicht vor dem Risiko bzw. dem Versuch, betrogen und benutzt zu werden. Instrumentalisiert von Propagandamaschinen auf der einen wie auf der anderen Seite.

Das selbstsichere und kontrollierte Auftreten sowie die sportliche Figur der Antonia Rados lassen ahnen, dass sie dem Leben vor Ort in ihren Einsatzländern durchaus mit einer gewissen Kernigkeit und Gelassenheit begegnet.

Aber bleibt denn nicht doch am Ende auch noch etwas Raum für vielleicht geschlechtsspezifische Eitelkeiten. Diese Frage, sagt sie, könne man sich doch vielleicht selbst beantworten. Natürlich könne man im Irak planen, morgens ein Duschbad zu nehmen (wenn die Dusche funktioniert): „Aber wenn dann um sechs Uhr morgens die Bomber kommen, wird eben nicht geduscht. Aber ist das schlimm? Das riechen die Zuschauer daheim an den Bildschirmen ja nicht.“ Dass die Zuschauer meistens auch gar keine Vorstellung davon haben, unter welchen Bedingungen auch die Korrespondenten abseits ihrer „zwei Minuten dreißig“ vor Ort arbeiten und auch leben müssen, stört Antonia Rados überhaupt nicht: „Es ist auch nicht die Aufgabe unserer Zuschauer, das zu beurteilen. Wir erzählen ihnen aus dem Leben in kurzen Sequenzen. Da gehört das nicht rein.“

Nun haben Kriege und Katastrophen nicht wirklich immer eine lange Vorlaufzeit. Muss das Leben einer Antonia Rados da nicht eher nach einem deutlich kürzer getakteten Plan verlaufen? „Das ist wirklich so“, sagt sie und nimmt den aktuellen Tag als Beispiel. Sie sei ja auf Vortrags-Einladung der Märkischen Bank in Iserlohn und wisse, dass gleich viele Menschen auf sie warten würden. Gestern sei sie am Morgen aus Kairo zurückgekehrt und habe am Nachmittag den Anruf bekommen, dass im Iran ein Erdbeben gewütet hätte mit noch nicht absehbaren Folgen: „Da ich die einzige Journalistin bei RTL bin, die für den Iran ein Visum hat, wäre ich also gestern Abend nach Teheran geflogen. Zum Glück hat sich die Lage aber etwas entspannt – und so kann ich heute in Iserlohn sein.“

Dass das natürlich auch Auswirkungen auf die grundsätzliche, vielleicht etwas langfristigere Lebensplanung haben könnte, will auch Antonia Rados nicht abstreiten. Allerdings ist der lange, tiefe Blick in die eigene Zukunft nicht das Ding der Frau, die heute über den Dächern von Paris lebt. Zwar hadert sie mit leiser Stimme eher widerwillig doch etwas über das Älterwerden („Es geht schon verdammt schnell voran….!“) aber irgendwie scheint sie auch eine Meisterin des „sich Arrangierens“ zu sein. Über tatsächliche Alternativen zu ihrem jetzigen Leben denkt sie nicht wirklich nach. Zumindest nicht jetzt und nicht hier im Gutenbergzimmer des Wichelhovenhauses. Aber plötzlich spricht die Kärntnerin dann doch davon, dass sie sie ja leidenschaftlich gern kochen würde und „bisher auch noch niemanden vergiftet“ habe. Also könne sie sich vorstellen, ein Restaurant zu eröffnen. Schwerpunkt: österreichische Mehlspeisen. Die gibt es u.a. auch, wenn sie ganz spontan Freunde einlädt. „Das mache ich liebend gern. Allerdings nicht mit langem Vorlauf. Ich sage: jetzt Sonntag gibt es was zu essen! Wer kann, der kann. Wer weiß, was später ist.“

Allerdings könnte sie sich „für später“ auch eine Tätigkeit bei „Human rights watch“ vorstellen. „Die arbeiten fast journalistisch und schreiben minuziös Protokolle über Kriegsverbrechen. Das wäre auch eine Aufgabe, die mich interessieren würde.“

Zurück aber noch einmal ins Hier und Jetzt. Bereitet ihr die Prominenz eher Freude oder eher Unbehagen? Auch hier kommen Antworten mit gesprochenen Fußnoten. „Also erstens: Ich lebe ja in Paris, da kennt mich keiner. Zweitens: Man sollte das auch nicht überbewerten. Wir sind in einer schnelllebigen Zeit, wir sind und bleiben Journalisten, Reporter. Nicht weniger, aber eben auch nicht mehr. In ein paar Jahren sind auch wir Geschichte.“ Und wo wir gerade beim Thema sind, gibt’s noch einen kleinen Ausflug ins Selbstverständnis: „Der Journalist ist übrigens nicht der Polizist, der über Gut und Böse zu befinden hat. Er ist der Informationsanbieter. Und das hat so ausgewogen und umfangreich wie möglich zu geschehen. Ich definiere Journalismus auch als ständigen Kampf gegen die Einseitigkeit.“

Bleibt am Ende eigentlich nur die Frage, welche großen Aufgaben oder Ziele sich Antonia Rados für die Zukunft noch auf die Fahnen geschrieben hat. Dass sie an unzähligen Projekten zeitgleich arbeitet, ist da wirklich keine Überraschung. Und auch ihre persönliche Einschätzung der kommenden Geschehnisse bei Antonias Rados und dem Rest der Welt kommentiert die sturmerprobte Journalistin mit einer wohl eher anthropologisch-arabisch geprägten Schlussnote: „Erfahrene Propheten warten immer die Ereignisse ab!“

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