Porträt

Dr. Markus Merk

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Irgendwann während unseres Gesprächs fiel dieser Satz, der so typisch ist für ihn. Für seine ganz spezielle Herangehensweise an Probleme, für seinen Umgang mit neuen Herausforderungen. „Wenn du etwas tun willst, dann setz’ es auch um.“ Einfach machen. Kein aber. Diese Haltung ist typisch für Dr. Markus Merk. In seiner Karriere als Fußballschiedsrichter wurde er national und international hoch dekoriert, in der Bundesliga war er jahrelang der Beste, im Dienste der FIFA pfiff er bei Welt- und Europameisterschaften sowie bei Olympischen Spielen. Dieser Nebenjob machte ihn populär, und die Unparteiischen beschäftigen ihn bis heute. Bei Sky ist er der TV-Experte, der die Schiedsrichter-Entscheidungen mit dem Kennerblick unter die Lupe nimmt. Wer diesen Markus Merk jedoch auf den Fußball und das Schiedsrichterwesen reduziert, wird ihm nicht einmal ansatzweise gerecht. Merk ist auch der promovierte Zahnarzt, der Dozent und Motivationstrainer, der Entwicklungshelfer und Marathonläufer: Mit 54 Jahren hat er schon viel probiert, viel geschafft und viel Erfolg gehabt.

Dass er in seiner Heimatstadt Kaiserslautern so früh mit dem Fußball und dem 1. FCK in Verbindung kam, hat seinen Lebensweg geprägt. Sein Vater war Ehrenmitglied und Abteilungsleiter, und die Großen von einst persönlich zu kennen, mit Fritz Walter ein freundschaftliches Verhältnis gepflegt zu haben, bedeutet ihm viel. Doch Markus Merk legte sich früh fest, auf dem Fußballplatz lieber der Entscheider sein zu wollen. Mit 14 wurde er Schiedsrichter. „Das ist eine tolle Aufgabe für junge Menschen. Man lernt zu führen und schnell zu entscheiden, das ist eine ideale Schule für’s Leben“, sagt er. Ihn hat sie besonders weit gebracht, seine 339 Bundesligaspiele sind immer noch Rekord. Mit 26 Jahren leitete er sein erstes, doch das mit dem besonderen Erinnerungswert war das Bundesligafinale 2001 zwischen dem Hamburger SV und Bayern München. Sein Freistoßpfiff für die Bayern in der Nachspielzeit löst bei Schalkern heute noch Albträume aus. Denn dieser Freistoß führte zum Ausgleich der Münchner und zum jähen Ende des Meisterjubels in Gelsenkirchen. „Wir hatten ja damals keine Ahnung, dass das Spiel auf Schalke längst beendet war und was da anschließend auf dem Platz los war. Als ich das später im Fernsehen sah, wollte ich es gar nicht glauben.“

Zum Liebling der Schalker konnte er danach nicht mehr werden, seinem Ansehen in der Fußballwelt hat dieses Ereignis aber nicht geschadet. Anschließend wurde er noch dreimal Weltschiedsrichter des Jahres. Es passt zu ihm, dass er noch vor Erreichen der Altersgrenze - die er mit Blick auf das Können und die Fitness der Kollegen für längst reformbedürftig hält - die Pfeife 2008 an den Nagel hängte. Schon drei Jahre zuvor verkaufte er seine Zahnarztpraxis in Kaiserslautern, was nach eigenem Bekunden auch nie anders geplant war. „Schon während des Studiums habe ich angekündigt, dass ich mit 35 etwas anderes machen würde. Aber dann musste ich doch einmal auf die Laufzeit der Kredite schauen“, erläutert er schmunzelnd die kleine Verzögerung in der Lebensplanung.

Der Entscheider auf dem Fußballplatz wandte sich den Entscheidern in der Wirtschaft zu, referierte und motivierte, veranschaulichte die Parallelen in beiden Welten und ist seither ein gefragter Redner. Dem persönlichen Zeitbudget bekam die berufliche Neuorientierung nicht gut, obwohl er sich doch eigentlich mehr Freiraum für eine Herzensangelegenheit gewünscht hätte. Schon seit 1991 engagiert er sich als Entwicklungshelfer, für einen damals nicht einmal 30jährigen Zahnarzt und Bundesliga-Schiedsrichter eine ungewöhnliche Aufgabe. „Als junger Bursche hatte ich zwei große Ziele“, sagt Markus Merk. „In großen Stadion zu stehen und nach Indien zu reisen.“ Dort zu helfen, sieht er als logische Fortsetzung seiner zehnjährigen Messdienertätigkeit in seiner Heimat an. Es begann mit zahnärztlicher Betreuung von Kindern in Kinderheimen, es folgten Grundstückskäufe und der Bau des Kinderdorfes Sogospatty. Heute kümmert sich die Indienhilfe Kaiserslautern um dieses Projekt, betreut drei Kinderdörfer mit fünf Schulen. Merk ist die treibende Kraft des Vereins. „Ich habe gelernt, dass man an bestimmten Orten zu bestimmten Zeiten wichtig sein kann. Viel gegensätzlicher als die Kinder in Indien und der Profifußball können Welten nicht sein.“ Zwei- bis dreimal im Jahr ist er in Indien, und diese Zeit lässt er sich auch durch seine vielfältigen Verpflichtungen nicht beschneiden.

Seine Energie und Beharrlichkeit bezieht Markus Merk wohl auch aus seiner Leidenschaft für den Ausdauersport. Er ist ein begeisterter Marathonläufer, den ersten bestritt er als 15-Jähriger, er hat 100-km-Läufe absolviert und sucht heute vor allem die Herausforderung im Gebirge. „So ein Stadtmarathon interessiert mich nicht mehr, in den Bergen und mitten in der Natur ist es einfach reizvoller.“ Aber der Mann aus der Pfalz läuft nicht bloß gern in den Bergen, er sucht die ganz besondere Aufgabe. Ende August etwa hat er einen Startplatz beim Ultra Trail am Mont-Blanc-Massiv über rund 170 Kilometer mit mehr als 9000 zu überwindenden Höhenmetern. Dass es momentan im Knie etwas zwickt, behindert die Vorbereitung, doch was er sich vornimmt, setzt er nun einmal zielstrebig um. Solche Lauf-Abenteuer reizen ihn, sie mit großer Willenskraft zu meistern, bescheren ihm den Kick, der wieder zu neuen Taten motiviert. Dass seine Lebensgefährtin die Lust am Laufen teilt und die Wettkämpfe gemeinsam bestritten werden können, erleichtert es ihm, seine Leidenschaft weiter auszuleben.

Bei einem wie Markus Merk, der schon viel erreicht hat, drängt sich die Frage auf, was da in Zukunft noch kommen mag. Welcher Traum da unbedingt real werden soll. „Kann sein, dass ich noch mal was ganz anderes mache“, lautet die Antwort. Abschied vom Rednerpult oder vom Ü-Wagen bei Sky? Denkbar ist das, aber der Zeitpunkt, wenn er denn überhaupt kommt, ist noch völlig offen. „In der nächsten Saison bin ich noch bei Sky unter Vertrag, und das mache ich auch gern weiter.“ Der Weltschiedsrichter von einst wechselte im übrigen schon früh in die Beobachterrolle. Das türkische Fernsehen verpflichtete ihn nach langem Werben 2010 für die Sportsendung „Maraton“. „Ich habe in vier Jahren über dreihundert Sendungen gemacht, und man kann sich diesen Hype um den Fußball in der Türkei kaum vorstellen. Da wird jede gelbe Karte diskutiert.“ Er hatte einen perfekten Dolmetscher zur Seite, der auch die gewünschten Emotionen vermitteln konnte, und ihm gefiel das Bemühen um fachliche Kompetenz in dieser Sendung. Um die geht es ihm auch bei Sky. Dass die Kollegen nicht immer begeistert sind, wenn Merk ihnen Fehlentscheidungen nachweist, liegt auf der Hand. Ihn ficht das nicht an.

„Schiedsrichter in Deutschland können sich im Vergleich zu denen in Spanien, Italien oder England nicht beschweren. Die müssen viel mehr aushalten. Und eigentlich können unsere Schiedsrichter froh sein, dass es einer aus den eigenen Reihen macht.“ Wenn Merk von einer Sache überzeugt ist, dann steht er dazu, dann kann ihn die Meinung anderer so leicht nicht zum Umdenken bringen. Sachbezogene Kritik ohne Populismus hält er für notwendig, und durch die Reaktionen der Sky-Kunden sieht er sich bestätigt.

Ob ihm wohl demnächst die Arbeit ausgeht, wenn die elek-tronischen Hilfsmittel auf dem Fußballplatz eingesetzt werden? „Ich habe mich schon früh für den Technikeinsatz ausgesprochen und damals so was wie eine Palastrevolution ausgelöst.“ Vorreiter Merk sieht sich längst bestätigt, und er hat auch konkrete Vorschläge, wie denn der Videoeinsatz sinnvoll zu handhaben wäre. „Zweimal Vetorecht pro Spiel für jede Mannschaft, aber nur bis zu 80. Minute, damit daraus kein taktisches Mittel wird. Und dazu das Vetorecht für den Schiedsrichter.“ Er hält viel davon, nur bei Bedarf einzuschreiten und wenig von einem Videoschiedsrichter, der blitzschnell entscheiden muss, welche Szene unbedingt der intensiveren Begutachtung bedarf. Merk hofft, dass bald etwas in Bewegung kommt und sieht eine intensive Testphase als elementar wichtig an.

Er selbst hätte früher gern auf diese Hilfsmittel zurückgegriffen und erzählt von einer Szene im Spiel zwischen dem BVB und Werder Bremen in seiner letzten Bundesligasaison. Werder schoss das 1:0, Merk gab es und niemand protestierte. Dann sah man bei der Videoeinspielung auf der Leinwand die klare Abseitsposition des Schützen. „Als mich dann Sebastian Kehl fragte, ob ich das Tor nicht lieber zurück nehmen wolle, habe ich geantwortet: Dann killen die mich.“ Mit „die“ meinte er die Verbandsoberen, denen er nie nach dem Mund redete. Wenn er Reformanstöße gab, wurde er zum Nestbeschmutzer abgestempelt. „Nachdem ich den Technikeinsatz gefordert hatte, hat Sepp Blatter nicht mehr mit mir geredet. Aber damit kann man ja leben.“ Einer Neuerung, wie immer sie ausfallen mag, wird es nach Markus Merks Überzeugung so gehen wie vielen anderen. „Erst wird es belächelt, und dann heißt es. Warum hat man das nicht schon früher gemacht?“ Was dann aus den TV-Experten wird, dürfte ihm relativ gleichgültig sein. Seine Lebensplanung war nie ausschließlich auf den Profifußball konzentriert, dazu hatte und hat er zu viele Interessen.

Auch sein Lebensmittelpunkt könnte sich beizeiten verändern, wenn sein Sohn und die Tochter seiner Lebensgefährtin nicht mehr zur Schule gehen. „Ein Umzug in die Berge wäre schon reizvoll.“ Und vorsorglich hat er sich bereits die Domain „Almen-Brauerei“ reservieren lassen. Wozu das? Daheim in Otterbach hat er einen kleinen Gastronomiebetrieb übernommen und braut mittlerweile selbst Bier. „Jeden Donnerstag zwanzig Liter. Das ist echte Handarbeit und macht Riesenspaß.“ Wie der Ex-Zahnarzt und -Fußballschiedsrichter, der Motivationstrainer und Marathonläufer, der TV-Experte und Entwicklungshelfer auch dafür noch Zeit findet, bleibt rätselhaft. Aber dieser Markus Merk ist eben nicht der Ja-aber-Typ, sondern der entschlossene Macher. „Wenn du etwas tun willst, dann setz’ es auch um.“

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