Porträt

Florian Martens

Foto: Michael May/IKZ

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Spezialist für Planierraupen und Trudelbecher? Zugegeben, auf solche Begriffe kommt man wahrscheinlich auf Anhieb nicht, wenn man mal einen Moment genauer an diesen Florian „Otto“ Martens denkt. An vieles andere im Vorfeld allerdings auch nicht, was man im Laufe eines Gesprächs mit dem Schauspieler noch so zu hören bekommen wird. Man hat vor allem bis zu den ersten Unterhaltungsminuten auch keine Ahnung davon, in welchem Tempo, mit welcher Inbrunst der Mann einem gleich aus seinem Leben erzählen wird.

Vor ein paar Minuten im Hotelgarten war die Sache noch etwas vorsichtiger angelegt. Martens kommt aus dem Haus, blickt ein wenig lauernd in Richtung seines Abholers. „Sind Sie dett?“ fragt er und marschiert sogleich wortlos Richtung Auto. Auf der Fahrt in die Redaktion muss das Gespräch natürlich erst einmal in Gang kommen. Vielleicht so: „Sie haben ja heute gar nicht die Otto-Mütze auf, sondern eine Basecap?!“ Martens ist von der Brillanz des ersten Interview-Zuges aber nicht sonderlich beeindruckt, sagt, das sei bei dem Wetter auch gut so und fragt dann seinerseits, ob wir in Nordrhein-Westfalen seien. Immer ging’s ja rauf und runter, er käme in den letzten Tagen durch so viele Bundesländer, da könne man schon mal den Überblick verlieren. Überhaupt sei ja so eine Theatertournee nicht wirklich sein Ding. Speziell vom Logistischen her gesehen. Einpacken, auspacken, umpacken, die Koffer rauftragen, runtertragen, wg. Wetterwechsel nicht wissen, was man anziehen soll. Nein, das sei nicht sein Leben.

Das Leben des Florian Martens (54) sei nämlich eigentlich eher unaufgeräumt. Was nicht heißen würde, dass er nicht schnell Situationen erfassen würde. „Das hat schließlich auch was mit Lebenserfahrung und mit Gespür zu tun.“ Nein, aber einen richtigen Plan für sein Leben habe er eigentlich nicht. Und auch noch nie wirklich gehabt. Allerdings merkt man ihm auch schon jetzt an, dass er mit diesem Umstand nicht wirklich unglücklich ist. Er sei das genaue Gegenteil von einem Pedanten, merkt er weiter an, als es noch einmal um die Frage nach dem Aufräumen geht. Seine Wohnung zum Beispiel sei immer ziemlich unaufgeräumt. „Also jetzt nicht völlig verkeimt,“ setzt er erklärend nach, aber eben auch nicht ganz normal. Er erzählt von seiner Putzfrau, die in größeren Abständen zu ihm komme („Die kleineren Sachen wie Bad mache ich zwischendurch schon selbst!“) und die dann „so um die acht bis zehn Stunden durchaus zu tun hat.“ Da er es allerdings niemals schaffen würde, vorher aufzuräumen, habe er dann auch einen Zehn-Stunden-Tag, „weil ich ja immer vor ihr herräumen muss“.

Über die 200 Quadratmeter der Wohnung kommen wir zu den Kindern. Die zwei Mädchen von zwei Müttern haben beim Vater je ein Zimmer. Aber die ganze Wohnung quillt offensichtlich über von Vaterliebe. Es ist beeindruckend und unerwartet rührend, mit welcher Herzlichkeit und Inbrunst dieser Mann von dem Verhältnis zu seinen Kindern und von der Bedeutung seines Vaterseins berichtet. Auch wenn ihm diese Erkenntnis vielleicht nicht sofort auf den ersten gemeinsamen Metern mit seiner älteren Tochter gekommen ist, so scheint er jetzt ein absoluter Überzeugungs-Vater zu sein. Hatte er als junger Erzeuger noch beruflichen Entscheidungen und vor allem auch dem eigenen „guten Leben“ absolute Priorität eingeräumt, so war der Sinneswandel bei ihm plötzlich aufgetaucht: „Bei der Zweiten wollte ich nichts mehr verpassen.“ Er sagt: „Wenn man bedenkt, wie schnell die Zeit vergeht, bedauert man jeden Tag, an dem man sich ein Versäumnis vorzuwerfen hat.“ Auch im weiteren Verlauf des Gesprächs wird er immer seine Sicht der Dinge zu dem Thema in den Ring werfen. Er wird sagen: „Erst denkst Du, der Beruf ist das Wichtigste. Aber das ist Quatsch, die Kinder sind’s!“ Ist er denn den Kindern eher ein guter Freund: „Natürlich bin ich auch ein guter Freund, aber in erster Linie bin ich mal der Papa. Und ich glaube als solcher bin ich bei den beiden auch ganz schön beliebt.“ Er wird auch noch sagen, dass er niemals autoritär agieren könnte. „Ich könnte niemals laut werden. Oder wirklich streng. Das bringe ich nicht fertig.“

Er selbst war in der eigenen Jugend offensichtlich ein ziemlicher Spezialfall. „Als Kind noch nicht“, sagt er, „aber dann als Jugendlicher.“ Dass er bis heute vermutlich noch mit 183 Eintragungen ins Klassenbuch den inoffiziellen DDR-Rekord für „Zu-spät-Kommen“ hält, berichtet er mit einem Schmunzeln. Die Gründe dafür lassen sich allerdings auch Jahrzehnte später nicht so wirklich freilegen. Das sie nicht wirklich Protest gewesen. Er habe eben andere Prioritäten gesetzt damals, sagt er, mache eigentlich auch heute ja nur Dinge, von deren Wichtigkeit er wirklich überzeugt sei. „Wenn ich etwas nicht als wichtig erachte, bekomme ich in den seltensten Fällen eine Punktlandung hin.“ Auf dem Zeugnis fand sich dann auch der Hinweis, dass er „ein einem sozialistischen Schüler Hohn sprechendes Verhalten an den Tag legen“ würde und vor allem auch niemals bereit sei, das Unmögliche seines Verhaltens zu erkennen.

Wichtiger fand Florian Martens allerdings da schon eher die Arbeit auf einer nahen Trabrennbahn. Schon mit 13 Jahren jobbte er zusammen mit seinen Freunden auf der Anlage. Natürlich auch zu Zeiten, in denen er eigentlich lernen sollte. Aber der Reitsport und sein Drumherum hatte es ihm angetan. Gern wäre er Berufsjockey geworden, aber bei späteren 180 Zentimetern Körpergröße und deutlich mehr als 50 Kilogramm bei zwar schlanker Statue war das bei aller Begeisterung für Sport und Pferde ziemlich aussichtslos. Für Trabrennfahrer gab es nicht genug Lehrstellen und als Pferdewirt auf einem Gestüt langte es trotz guter Probezeit mangels fehlender sozialistischer Grundeinstellung am Ende auch nicht. Also meldete ihn die Mutter zu einer Lehre auf dem Bau an. Damit er „nicht asozial wurde, weil das in der DDR ein Straftatbestand war“. Es kommen harte Jahre auf den Jungen zu, aber irgendwie hat er doch den Willen in sich, die Sache zunächst einmal durchzuziehen. Er wird Baumaschinist, bedient und fährt Bagger, Planierraupen und eben auch Trudelbecher, also Betonmischer. Ein „Engagement bei der DEUTRANS, einem Transportunternehmen, das auch den „Nicht-Sozialistischen Wirtschaftsraum (NSW)“ bedient, wird auch nichts. Martens ist nicht verheiratet, hat keine Kinder. Das würde ihn im Fall einer angedachten Republikflucht vielleicht ja eben daran hindern. Und in der Partei war er auch nicht.

So kommt zu diesem Zeitpunkt in ihm auch immer wieder der Gedanke an eine Schauspielausbildung hoch. Was natürlich in der Tat an den Genen liegen könnte, denn Martens ist ja schließlich der Sohn des Wolfgang Kieling, der sich in Westdeutschland schon zu Lebzeiten den Ruf eines Ausnahme-Mimen erworben hatte. Trotz des Höllentempos, das Martens an diesem Nachmittag im Gespräch vorgibt, würde es wahrscheinlich Stunden dauern, die Hintergründe dieser kompletten Familienkonstellation nachhaltig zu klären. Vielleicht nur soviel: Der kleine Florian hat seinen Papa Wolfgang erst mit neun Jahren kennengelernt, war dis dahin immer noch der Meinung dieser Herr Martens, zu diesem Zeitpunkt auch schon nicht mehr fester Familienbestandteil, sei sein leiblicher Vater. Allzu intensiv ist der Kontakt zu Kieling danach auch in der Folgezeit nicht geworden. Erst als der Star bemerkt, dass sein Sohn auf gutem Weg ist, in seine Popularitäts-Fußstapfen zu treten, kommt es wieder zu einer neuerlichen Annäherung. „Die letzten zwei Jahre bis zu seinem viel zu frühen Tod waren ganz gut. Da hat er sich interessiert. Wir hätten uns noch viel zu erzählen gehabt.“ Irgendwann nach dem zehnten Jahr lernt Martens auch seine zweite Halbschwester kennen, Jahre später auch noch mit Susanne Uhlen die dritte.

Wieder zurück zum 16-Tonner-Kipper. Mit genau so einem fährt Martens an einem Morgen zur Aufnahmeprüfung bei der Schauspielschule. Der Vorarbeiter hatte ihm nämlich nicht freigegeben. Seine Begründung: „Wenn man Kasper werden will, muss man das doch nicht studieren.“ Also fährt Martens mit dem Dienst-Brummi vor. Die Prüfung absolviert er mit Gummistiefel, Schiebermütze, Latzhose und Vollbart. „Den hatten damals alle auf dem Bau. Warum weeß ick nich!“ Er gibt vor der Kommission den Romeo: „Das war irre. Ich sah aus wie dreißig, der Romeo in dem Stück ist vierzehn.“ Die Prüfer hätten sich schlapp gelacht, aber er besteht die Prüfung im ersten Anlauf.

Von diesem Moment an zeigte der Erfolgspfeiler nur noch bergauf. Zuvor kam es noch zu einem kurzfristigen Engagement bei der Nationalen Volksarmee, genauer bei einer kleinen Spezialeinheit der Marine, die sich sogar mit Freisprengungen von Hafeneinfahrten in strengen Wintermonaten beschäftigte: „Sprengungen. Und das, wo ich von Hause aus schreckhaft bin.“

Martens bekommt sofort ein Engagement an der über die DDR-Grenzen hinaus bekannten Volksbühne, gehört dadurch zu den Privilegierten, die auch auf Gastspiele ins Ausland dürfen. Dass sich dadurch auch für ihn das Tor zum Westen auf wundersame Weise dauerhaft auftun könne, ist ihm schon klar. Er erlebt ja auch immer wieder, dass Kolleginnen oder Kollegen einfach drüben bleiben. Er selbst verschwendet aber offensichtlich nicht wirklich einen Gedanken daran: „Natürlich fand ich auch nicht alles wirklich toll, aber dafür die Familie verlassen? Nee. Das war nicht mein Ding.“ War es vielleicht auch ein bisschen die Angst vor dem Ungewissen: „Auch nicht. Bei der Reputation meines Vaters und dem, was auch ich bereits gespielt hatte, hätten die wahrscheinlich sogar mit einem Drehbuch in der Hand auf mich gewartet. Nein, ich wollte einfach nicht.“

Den Mauerfall erlebt Florian Martens dann auch aus einer besonderen, vielleicht in der Person begründeten Distanz. Zwar habe er auch einmal am 4. November zu den Demonstranten gehört, aber andere seien da doch deutlich näher dran gewesen. „Die haben mich Jahre später immer wieder gefragt, wie ich diesen historischen Moment erlebt hätte, aber ich konnte da gar nichts sagen. In meinem Terminkalender stand für den 9. November: 10 Uhr - Probe, 19 Uhr - Vorstellung.“ Irgendwann sei ihm das zu dumm gewesen, keine eigenen Erinnerungen zu haben und da habe er noch einmal Kontakt aufgenommen zu seiner damaligen Freundin, die zu der Zeit in einem Restaurant gearbeitet habe. Und die konnte sich erinnern, dass sie ihn zu Hause angerufen, ihm vom anstehenden Mauerfall berichtet und um das Kaltstellen einer Flasche Sekt gebeten habe. „Und det habe ich wohl auch gemacht.“ Allerdings habe er sich später auch immer mal gefragt: Ist das nun einen Zeichen oder ist das einfach nur ein schlechtes Gedächtnis?

Aber es ist auch kein Zeichen dafür, dass sich Martens zu DDR-Zeiten um nichts gekümmert hat. Er erzählt die Geschichte von dem stänkernden und plötzlich enttarnten Stasi-Mann in der Theater-Kantine, den er am Ende am Kopf und Kragen gepackt und vor die Tür gesetzt hat. „Später habe ich zwar gedacht, dafür hättest Du auch in Bautzen II landen können.“ Diese rabiate Vorgehensweise passe aber im Grunde auch gar nicht zu seinem Wesen: „Wenn ich freundlich behandelt werde, behandele ich andere auch freundlich. Eigentlich bin ich regelrecht harmoniesüchtig. Das gilt sogar für Leute, die ich beknackt finde. Wenn die freundlich zu mir sind, kann ich ihnen das einfach nicht sagen.“

Fällt es dem Steinbock Florian Martens denn eigentlich leicht, auf Menschen zuzugehen? Wenn er ehrlich sei, sagt er, müsse er manchmal aufpassen, nicht arrogant rüberzukommen. Das sei nämlich überhaupt keine Arroganz, sondern einfach nur eine Art von Abwarten gegenüber den anderen Menschen. Er wolle sich auch nicht aufdrängen. Wenn er in einen Rummel hineingezogen würde, der nicht ursächlich ihm gelte, sei ihm das peinlich.

Und wie ist es mit den Frauen? Kurzes Nachdenken, dann ein vorsichtiger Antwort-Versuch: „Also die Frauen, die mich wirklich kennengelernt haben, mochten mich. Wohl eher nicht wegen meines Aussehens, sondern wegen meiner Art. Besonders, wenn ich mir Mühe gegeben habe.“ Im Moment sei er allerdings ohnehin Single. Noch nicht so lange, aber er würde es genießen. Allerdings müsse er auch einräumen, dass er sich ziemlich selten wirklich verlieben würde. „Was ich eigentlich sehr bedauere, denn ich weiß ja, dass das ein sehr schönes Gefühl ist!“ Um aber jetzt noch einmal wirklich die Sachen mit einer Frau zusammenzuschmeißen? Da müsste schon etwas passieren: „Also, da müssten aber volle 100 Punkte vor der Tür stehen.“

Angst vorm Altern oder dem Tod? Florian Martens bietet einen ganzen Strauß von zum Teil erstaunlichen Grundgedanken. Auf der einen Seite ist er ja ein ziemlich fauler Mensch, der den Herrgott (mit dem er zwar sonst nichts an den Mütze hat) gern einen guten Mann sein lässt. Da kann er sich auch gut vorstellen, mehr Zeit in seinem kleinen Häuschen am See zu verbringen. Ein Testament hat er noch nicht. Braucht er aber auch nicht, weil ja ohnehin alles die Töchter erben. Sorgen um die Zukunft macht er sich nicht, nimmt aber vorsichtshalber doch mal die eine oder andere Rolle mehr an, weil man nicht so genau wissen kann, was kommt. Verbrannt werden will er, damit nichts schiefgehen kann.

Zum Schluss müssen wir natürlich noch einmal kurz über das „starke Team“ sprechen. Martens ist im Grund seines Herzens froh über diesen Rollen-Glückstreffer. Anfangs sei das als ein Einzelprojekt betrachtet worden. „Ich habe Jahre gebraucht, um zu begreifen, dass ich Teil einer „Reihe“ bin.“ Und inzwischen kommt ihm manchmal ein Zweifel, ob er den Otto bei aller Zufriedenheit mit Rollen und Kollegen nicht schon ein paar Folgen zu lange gibt. „Man merkt das vielleicht daran, dass andere Angebote etwas spärlicher reinkommen.“ Und er hat die Vermutung, dass er mit dieser Meinung nicht allein da stehen könnte. Nur mal angenommen, sein Vater Wolfgang Kieling säße auf einer Wolke und würde ihn beobachten („Was ich ja, wie gesagt, nicht glaube!“). Was würde er seinem Sohn sagen: „Wahrscheinlich würde er das gut finden, dass ich ihn nicht blamiere. Aber bei Otto hätte er aber wahrscheinlich geraten, ich solle früher die Reißleine ziehen.“

Kleine Zugabe. Noch ein Wort zum Beruf? „Wenn Du den Beruf kannst, ist es ein Traumberuf! Wenn Du ihn nicht kannst, ist es ein Scheißberuf!“ Und was sagt er seinen Töchtern? „Die ältere von den beiden will sich jetzt an der Schauspielschule bewerben. Det ist juut! Die Kleine habe ich gerade an die„Murkelbühne“ gebracht. Das ist so ein Kinder- und Jugendtheater. Da soll sie mal schauen. Sie hat jedenfalls jede Menge Spiellaune und kann sich riesige Texte merken.“

Wahrscheinlich sind’s ja wieder die Gene. Die haben ja bei Florian Martens sogar die Fahrt auf dem Trudelbecher heil überstanden.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben