Porträt

Fritz Rau

Foto: IKZ

Mit den Großen des internationalen Musikgeschäftes hatte er persönlich wie beruflich die besten Kontakte. Am Montag ist der Konzertveranstalter Fritz Rau verstorben. Der Iserlohner Kreisanzeiger hatte im Jahr 2006 die Gelegenheit, Deutschlands bedeutendsten Konzertveranstalter im Rahmen der Serie "Ins Licht gesetzt" zu treffen.

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Fritz Rau. Da sitzt er jetzt also. Oder auch "The Fritz". Wie er nach Ohrenzeugenberichten von Mitgliedern seiner Branche in einem Anflug von Liebenswürdigkeit und Ehrerbietung genannt wird.

Aber wahrscheinlich auch von Freunden. Denn auch davon hat er jeden Menge in dem Geschäft, der Sohn eines Schmiedemeisters und Wahnsinnige, wenn es um das Verkaufen von Eintrittskarten geht. Über den Joan Baez Jahre später sagen wird: "Er schläft nie, er überlebt bei Bier, Schnitzel und Gugelhupf."

"Ich war ein schwächliches Kind, nicht besonders ansehnlich," sprudelt es sofort aus ihm heraus, als wir über seine Jugend in Ittersheim bei Pforzheim sprechen. Und seine Mutter habe immer wieder nur gejammert, was denn wohl aus dem Jungen werden solle. "Der wird kein Bauer und wird kein Schmied", hatte sie schließlich resigniert. Für den Bewohner des kleinen ländlich-sittlichen Örtchens fast schon so etwas wie eine lebensplanerische Bankrotterklärung. Aber weil die Mutter dem jungen Fritz dann doch noch etwas Gutes mit auf den Weg geben wollte, nahm sie ihm auf ihrem Sterbebett noch das Versprechen ab, das Abitur zu machen und ein Studium zu absolvieren. Da war Fritz Rau, der Jahre später sein Konzertveranstalter-Imperium aufbauen sollte, acht Jahre alt. "Ich wusste damals weder was ein Abitur noch ein Studium waren. Zwei Jahre später starb auch der Vater. "Ich war plötzlich Vollwaise. Aber ich habe mich mit der Situation arrangiert. Immer wenn etwas nicht klappte, haben meine Verwandten gedroht, ich käme ins Waisenhaus. Und dann habe ich mich fürchterlich ins Zeug gelegt."

Eine kleine, aber für den Jungen ertragbare Heimat fand er auch in der Hitlerjugend. War mit Feuer und Flamme dabei. Erst viel später hat Fritz Rau verstanden, wie listig er als Jugendlicher zu einem Instrument gemacht worden war. Nach '45 scheint er zunächst in eine Orientierungslosigkeit zu taumeln. "Wir sind das Strandgut unserer Zeit," dichtet der 15-Jährige damals. Und findet für sich aber doch einen Ausweg. Musik und hier ganz speziell den Jazz und den Blues.

"Die stellten doch alles auf den Kopf , was die Nazis uns gepredigt hatten. Wir sangen und spielten über die freien Bewegungen, über ,Nigger', über Selbstverwirklichung, über Toleranz und über ,I can't get no satisfaction'. Unvorstellbar eigentlich. Aber wunderschön." Und er fügt noch hinzu: "Du kannst ruhig schreiben, ich wurde über den Blues und den Jazz entnazifiziert."

Die Musik lässt Fritz Rau nicht mehr los. Aber das Versprechen an die Mutter auch nicht. Er studiert Jura. Arbeitet allerdings auch als Helfer und Handlanger für Norman Granz, dem großen Jazz-Veranstalter und Impresario aus den Staaten. Zuvor hatte Rau auch Horst Lippmann, seinen späteren Geschäftspartner und zu diesem Zeitpunkt schon sehr erfolgreichen Veranstalter kennengelernt, der ihm das Angebot unterbreitete, als Kofferträger für die Tournee "Jazz at the Philarmonic" einzusteigen Fritz Rau: "Damit öffnete Horst Lippmann für mich die Pforten zum Paradies, denn bald begegnete ich nun Ella Fitzgerald, Oscar Peterson, Dizzy Gillespie und all den anderen, die ich wie Götter verehrte. Ich durfte und wollte für meine Idole rennen und springen. Ich wollte der beste Kofferträger der Welt werden."

Und der Koffeträger entwickelt sich weiter. Beruflich wie familär. Es ist nicht wirklich eine Überraschung, dass er seinen ersten Sohn Oscar nennt. Nach Oscar Peterson, dem legendären Pianisten.

Doch so ganz glücklich ist Fritz 1958 irgendwie noch nicht. Er, der verkrachte Student der Rechtswissenschaften, hat zwar seine ersten eigenen Konzerte erfolgreich hinter sich, aber mit dem Leben an sich noch so seine Schwierigkeiten. Aber er hat ja auch Hildegard, seine erste Frau. Man kann aus den Worten des Fritz Rau nur erahnen, wie groß seine Liebe zu dieser Frau gewesen sein muss. Sie war die rettende Krücke für den im Leben wohl eher dahinschwimmenden, aber ebenso besessenen Mann. An der Seite seiner Frau fand Rau offensichtlich die Stärke, sich auch abseits des Show- und Bühnenrummels zurecht zu finden.

Das galt wohl auch für seine Vaterschaft. Er sagt: "Eigentlich hätte ich in dieser Zeit ein Fahrrad gebraucht, aber dann bekam ich eben einen Sohn." Er macht sich auch heute in der Distanz des Alters gar keine Illusionen, dass er vielleicht ein guter Vater gewesen sei. "Ich war doch immer viel zu weit weg von der Familie. Ich kam mal nach Hause und habe fröhlich gefragt: ,Und? Was machen die Kinder?'"Da habe seine Hildegard milde gelächelt und gesagt, dass der Junge vor einem halben Jahr ein Studium aufgenommen habe, und das Mädchen sich in der Ausbildung befinde. Während Fritz Rau das erzählt, bekommt er plötzlich einen ganz roten Kopf. Nicht, weil er sich über sein Vaterverhalten schämt, sondern wohl eher, weil ihn das erzählerische Durchleben dieser Zeit noch einmal aufwühlt. Heute allerdings sei er mit seinen Kindern im Reinen. Auch mit seinen Enkelkindern. Immerhin sieben an der Zahl. Die machen dem rüstigen Rau offensichtlich auch einen Riesenspaß. "Weißt Du", sagt er, "das ist schon eine tolle Sache. Wenn die Enkel ein Pferd haben wollen, dann denken sie nicht zuerst an das Pferd, sondern zuerst an den Opa. Der bezahlt dann nämlich das Pferd und den Stall."

Wir reden jetzt seit einer knappen Stunde. Und schon jetzt steht fest, dass dieser 76-Jährige wohl einer der fidelsten Interview-Partner ist, der jemals auf diesem Stuhl gesessen hat. Der meisterlich erzählen kann. Über sein Leben, aber natürlich auch über die wirklichen Größen und Giganten dieser Branche. Über das Zusammentreffen mit Mick Jagger, der heute noch treu zu jedem Rau-Geburtstag gratuliert. Oder über die Freundschaft zu Tina Turner. Oder zu Udo Jürgens in ihrer fast brüderlichen Zuneigung. Oder natürlich auch zu Peter Maffey, dem er gerade als Trauzeuge zur vierten Hochzeit hilfreich zur Seite stand. Allerdings auch mit dem väterlichen Rat, dass er, Rau, für eine fünfte Maffay-Ehe-Begleitung nur bedingt zur Verfügung stehe. Er erzählt von seiner zweiten Frau, von der er sich habe scheiden lassen, der er allerdings immer noch freundschaftlich überaus verbunden sei. Er spricht - in diesen Phasen übrigens deutlich leiser und bedächtiger als beim Rest des Gesprächs - von seinen sechs Bypässen, seinem Schlaganfall und seinen Diabetes-Attacken. Von den ärztlichen Eingriffen und dem schlechten Gefühl, dass das eigene Herz plötzlich nicht mehr unversehrt und unangetastet sei.

Aber immer wieder erzählt er von seiner Hildegard. Mit Worten, für die man ihn eigentlich immer einfach nur in den Arm nehmen möchte. Weil man das Gefühl hat, dass er auch heute immer noch nicht ganz genau weiß, warum "mich meine Hildegard bei ihrem Tod nach 28 wunderbaren Jahren als dickstes, ältestes Kleinkind hilflos zurück gelassen hat". Auch hier hat ihn offensichtlich seine Musik gerettet. Mick Jagger fand für den unbändigen Rau'schen Menschenwillen wohl das treffendste Wort: "Rock'n'Rau forever".

(1. April 2006)

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