Porträt

Günther-Maria Halmer

Foto: Josef Wronski/IKZ

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Vielleicht sollte man nicht selbst gerade in einer persönlichen Sinnkrise mit Findungsschwierigkeiten stecken, wenn man sich mit Günther-Maria Halmer über das Leben unterhält. Oder man beschränkt sich wirklich nur darauf, über „sein“ Leben zu sprechen und verzichtet vorsichtshalber auf Vergleiche zum eigenen Dasein. Halmers Erzählungen haben irgendwie etwas konstant Nachdenkliches, sich selbst Infragestellendes in sich. Man wird von unsichtbaren Mächten runtergezogen. Auf den Boden des offenbar nicht zu ändernden. Und gleichzeitig wieder aufgebaut. Für Sekunden legt Halmer mit Worten, Gesichtsausdrücken und Tonfällen einem die Last des Universums samt Umland auf die Schultern, um im nächsten Moment wieder – im Rahmen seiner Möglichkeiten und seines Wollens - zu einer fast schon beschwingten Hoffnungsreise abzuheben. Ying und Yang, hopp und topp. Das Leben ist nun mal ein kleines Bächlein, das sich seinen Weg sucht, das vielleicht gar ein stolzer Fluss wird. Oder auch nur Rinnsal bleibt. Auf jeden Fall aber im stillen Ozean des Todes mündet. Sagt er – und das ist nur einer von vielen leisen, dunklen Sätzen im Gutenbergzimmer an diesem späten Nachmittag.

Natürlich ist der 70. Geburtstag in der ersten Januar-Woche ein guter, wenn nicht idealer Gesprächseinstieg. Das sei für ihn allerdings nicht wirklich ein Grund zum Feiern gewesen, sagt Günther-Maria Halmer, er sei ja eher der Grübler-Typ. Man müsse sich darüber im Klaren sein, dass die Zukunft mit 70 deutlich kürzer werde. „Eintritt ins Greisenalter“ nennt er den Tag, der bestenfalls geeignet sei, einem die Endlichkeit seines Daseins vor Augen zu führen. Da würde man dann zeitliche Einordnungen auch ganz anders vornehmen. „Wenn die heute über die Olympischen Spiele 2022 in Irgendwo sprechen, dann weiß ich nicht, ob mich das überhaupt noch interessieren sollte.“

Ansonsten meldet der markante Mime, der im Fernsehen gern auch den Verknitterten gibt, jedoch eine geistige und körperliche Frische, die ihn den runden Geburtstag ohnehin vergessen lasse. Das Ganze übrigens ohne Tabletten, denn „ich lehne jede Form von Künstlichkeit eigentlich ab“. Überhaupt sei er gegen alles, „was gestylt ist“. Dazu gehörten französische Gärten ebenso wie seine eigene Haarpracht. „Das ist ja keine Frisur, das sind einfach irgendwie wachsende Haare.“

Überhaupt darf im Leben des Günther-Maria Halmer offenbar nichts wirklich reglementiert sein. „Wenn’s richtig ist, wird’s schon dahin führen, wo es richtig ist.“ Heute weiß er das, in der Jugend sah die Sache da schon anders aus. Die ersten Halmer-Jahre waren offensichtlich geprägt von gewaltigen Selbstzweifeln. Der Vater, selbst ein Jurist, hatte eigentlich eine klassisch-bürgerliche Ausbildungs- und Berufslaufbahn für den Jungen vorgesehen. Das deckte sich aber nun so gar nicht mit dessen Vorstellungen. Soweit überhaupt welche vorhanden waren. Schon in der Schule lief es nicht rund. Halmer verstand sein Umfeld nicht, und das Umfeld konnte mit ihm nicht wirklich etwas anfangen. „Ich fühlte mich immer fremd, wie ein hässliches Entlein, das immer in der falschen Gruppe mitschwimmt.“ Er verlässt die Schule ohne Abschluss, geht frühzeitig zur Bundeswehr, damit er wenigstens irgendetwas tut und damit den Vater ruhig hält. Aber auch das wird nichts. „Ich bin noch nicht einmal Gefreiter geworden. Verstehen Sie, in 18 Monaten noch nicht einmal Gefreiter. Ich bin immer nur Flieger geblieben.“

Danach erwärmt er sich kurzzeitig für eine Lehre im Hotelfach. „Das fand ich eigentlich nicht schlecht, weil man rumgekommen wäre.“ Er arbeitet in Konstanz und in Lindau und muss zu seiner Enttäuschung feststellen, dass Arbeit in der Hotellerie was mit Dienen zu tun hat. Und nach Dienen war dem jungen Mann nun gar nicht zumute. Vielleicht einziger Lichtblick: „Bei den Damen kam ich ganz gut an. Ich war ja auch ein fescher Bursche damals“. Auf das Thema Frauen sollten wir also ruhig – wenn es Zeit und Stimmung zulassen – noch einmal getrennt zu sprechen kommen.

Im Leben des inzwischen über 20-Jährigen macht sich zunehmend Ratlosigkeit breit. „Ich will das jetzt nicht romantisieren, aber das wundert Sie ja wohl nicht wirklich“, sagt er, „bisher konnte das ja auch durchaus der Lebensweg eines Gestrauchelten sein. Oder eines späteren Zuchthäuslers.“ Eine echte „Spur von Misserfolgen und Krächen“ habe er hinter sich hergezogen.

Also habe er sich wegsprengen müssen aus dem alten Leben, aus der Umgebung seiner Eltern und aus seiner Heimat, die offenbar bis zu diesem Zeitpunkt ihm noch keine gewesen war. Günther-Maria Halmer geht nach Kanada. „Auch wieder eigentlich nur Zufall“, sagt er heute, weil er damals einen Vater getroffen habe, dessen Sohn nach Kanada ausgewandert sei und „dort ziemlich zufrieden war. Wäre der Junge nach Australien gegangen, wäre ich wahrscheinlich da gelandet.“ Also folgt er wieder seinem Gefühl und seinem Motto: Wenn das Leben gescheiter ist als Du, dann lass es laufen.

Also Kanada. „Da waren plötzlich Leute, die so waren wie ich. Die haben frei gedacht, waren auch zornig. Leute, die sich nichts sagen lassen wollten. Sie waren allesamt freiheitsliebend. Und sie haben es trotzdem zu etwas gebracht. Ohne große Regeln, nur mit Einsatz und Willen.“ Das hat dem jungen Mann aus dem kleinen Dorf in der Nähe von Rosenheim zunächst einmal gefallen, imponiert. Er arbeitet hart in einem Asbest-Werk, sieben Tage die Woche. Es sei im Grunde genommen eine reine, unkomplizierte Männergesellschaft gewesen, sagt er heute, „Wir haben gearbeitet, geredet und gesoffen.“ Dass es keine Frauen gegeben habe, sei auch nicht weiter tragisch gewesen, denn dadurch habe auch niemand „rumgockeln“ müssen.

Bei aller Zufriedenheit über die Unabhängigkeit weiß Halmer auch, dass das keine endgültige Lebensbestimmung sein kann. Man spricht im Arbeiter-Kollegenkreis über die Zukunft, tauscht die Lebensmodelle aus. „Einer wollte eine Farm aufbauen, hat schon sein Farmhaus gezeichnet, das war mir zu spießig.“ Ein anderer wollte im Busch als Krokodiljäger arbeiten, weil Kroko-Taschen für Damen damals viel Gewinn versprachen. „Aber das war irgendwie auch nichts.“ Schließlich kam einer, der dem jungen Bayern mitteilte, er ginge nach Hollywood und würde dort Schauspieler. Halmer fragte erstaunt: „Du gehst nach Hollywood? Wirklich? Mit dem Gesicht?“ Der Mann nickte, erzählte etwas von einer Aufnahmeprüfung, die er zu bestehen gedenke (was wohl nicht geklappt hat) - und bei dem Deutschen war offensichtlich das Eis gebrochen, das den ureigensten Berufs-Wunschteich bisher noch hermetisch bedeckt hatte.

Halmer geht zurück nach Deutschland, meldet sich an der renommierten Falckenberg-Schule in München zur Aufnahme- Prüfung an. Er erzählt jetzt von dem „peinlichsten Moment meines Lebens“, als er da oben auf der Bühne gestanden habe, „nackt, leer, angeleuchtet. Du stehst neben dir und stellst fest, dass das ganz furchtbar ist, was du gerade sagst.“ Die Mitglieder der Prüfungskommission sehen das aber anders, setzen ihre Unterschrift auf seine Aufnahme-Bescheinigung.

War das der Super-GAU für den Vater, der doch so edle Pläne für den Sohn hatte? „Nicht wirklich“, sagt Halmer, „der Vater hatte schon großen Respekt vor den Schauspielern, allerdings war er auch der festen Überzeugung, dass ich mir niemals den Text für Rollen würde merken können, da ich mir ja noch nicht einmal die einfachsten Latein-Vokabeln merken konnte.“ Der Vater habe das ziemlich lange für ein gewaltiges Missverständnis gehalten, dass ausgerechnet sein Sohn jetzt am Tisch mit den Großen der Bühne sitzen sollte. Und durfte.

Für ihn selbst habe sich jedoch die Welt umgedreht. „Es war der glücklichste Moment meines Lebens. Plötzlich habe ich die Sonne gesehen.“ Natürlich sei das auch der Beginn einer harten „Zeit mit vielen, vielen Kämpfen“ gewesen, aber „irgendwie war ich durch Kanada gestählt, geerdet. Das konnte mir alles nichts mehr ausmachen.“

Wir sprechen noch ein wenig von seinem Ehrgeiz, der ihn bis heute nicht verlassen habe. Und man kann sich das auch trotz der scheinbar unkaputtbaren inneren Ruhe sehr ordentlich vorstellen, was abgeht, wenn sich Halmer heute über einen Regisseur am Set aufregt, weil er nicht seinen Qualitätsvorstellungen mit seiner Arbeit entspricht.

Ist es denn nicht ein Widerspruch, dass so ein Grübler, Hinterfrager und genetisch Zorniger vor allem auch durch sehr unterhaltsame Rollen einen Platz in den Zuschauer-Herzen gefunden hat? „Überhaupt nicht. Ich bin ja schließlich kein Intellektueller. Ich glaube an ein Theater und eine Arbeit, die die Menschen zum Lachen und zum Weinen animieren. Ich glaube nicht an Interpretationen. Wenn ich erst Theaterwissenschaften studieren muss, um ein Stück zu verstehen, dann läuft da etwas falsch.“ Und er schlägt noch einmal den Bogen zum Ehrgeiz und sagt: „Wenn ich ein Koch wäre, dann hätte ich nicht den Ehrgeiz ein Drei-Sterne-Koch zu sein. Ich wäre dann gern ein Koch, der so kocht, dass es den Leuten schmeckt.“

Wäre für den – ja auch so – erfolgreichen Günther-Maria Halmer noch mehr drin gewesen, wenn er beruflich ins Ausland gegangen wäre. Für einen Moment funkeln jetzt die Augen und der Ton wird etwas verzückter. Er glaube schon, dass man sich in den großen Filmnationen wie Frankreich, Italien oder eben auch Amerika wohl besser entfalten könne. „Da wird man mehr gefordert, kann klarer zeigen, was man drauf hat.“ So wie im Moment Christoph Waltz, dem offensichtlich große Sympathie gehört und auf den er vielleicht – im leisen Unterton – sogar ein bisschen neidisch wäre, falls es so ein Gefühl in der abgeklärten Halmer-Welt überhaupt geben sollte. Die Möglichkeiten in Deutschland seien da ja eher schon eingeschränkt, sagt er also und macht klar, dass auch ganz andere Größen des internationalen Film- und Theatergeschäftes hier an ihre Grenzen gestoßen wären. „Marcello Mastroianni hätte vielleicht gerade noch in einem Durbrigde-Krimi spielen können. Oder der große Jean Gabin hätte Karriere als „Der Alte“ gemacht. Das wäre es dann aber gewesen.“

Nun ist Günther-Maria Halmer für deutsche Verhältnisse nun mal ein verschärfter Star. Kann er damit leben? „Wissen, Sie, ich bin ja eigentlich eher introvertiert, kann mit der Öffentlichkeit aber inzwischen trotzdem leben. Allerdings misstraue ich dem Bekanntheitsgrad, weil ich auf der anderen Seite auch weiß, wie flüchtig unser Beruf ist.“ Aber es sei nun mal wie es sei und er würde also auch des Öfteren auch von Damen angesprochen. Womit wir ja wieder beim Thema wären. Warum eigentlich verstärkt von Frauen? „Frauen spüren, dass ich sie unheimlich gern habe.“ Er habe sich immer wohler gefühlt bei Frauen grundsätzlich, bei seiner Mutter und bei seinen Tanten im Speziellen. Männer hingegen habe er eigentlich nie wirklich gemocht. Zu laut, zu ungehobelt. Hinzu komme noch, „dass Frauen spüren, dass ich kein Macho bin“. Und dass Frauen gerne lachen würden.

Apropos: Halmer wird das Zitat zugeschrieben, Humor sei ihm bei einem Menschen fast noch wichtiger als ein guter Charakter. „Das ist auch so“, sagt er. Ohne dabei allerdings auch nur eine Miene zu verziehen. Man müsse da natürlich einschränken, dass ein Mörder durch seinen Humor nicht wirklich aufgewertet werde, aber „grundsätzlich kann ich mit humorvollen Menschen mehr anfangen.“

Gleichzeitig sagt er aber auch, dass er von seiner Sorte nicht gern viele im Publikum sitzen hätte, während er und das Ensemble versuche, eine Komödie auf die Bretter zu bringen. „Ich war ja als Kind schon ernst. Ich kann mich freuen, aber ich lache nicht laut. Außer auf der Bühne, wenn es zum Stück gehört.“ Außerdem sei er ja „Steinbock“ im Sternzeichen und somit „nüchtern bis zur Langeweile“. Von daher habe er eben auch überhaupt keine Lust, Teil der Show-Schickimicki-Gesellschaft zu sein. „Ich verstehe gar nicht, warum es überhaupt diese roten Teppiche gibt.“ Und Autogrammsammler schon gar nicht. Er sei viel in der Welt herumgekommen, habe Menschen in unterschiedlichsten Lebensformen gesehen. „Da merkst du erst einmal, wie klein du bist. Und wie unwichtig als Einzelner.“

War der Grübler Halmer Weihnachten in der Kirche? „Ich gehe nicht mehr in die Kirche“, sagt er. Unerwarteter Zusatz: „Ich bin ja katholisch!“ Das lässt er als eine sich selbst erklärende Logik erst einmal im Raum hängen. Wie ein Duftzerstäuber. Dann schiebt er aber noch eine Präzisierung nach. Ihm gefalle es nun mal nicht, dass man als Katholik eigentlich immer ein schlechtes Gewissen habe. Insbesondere, wenn es einem gerade gut gehe. „Man ist permanent dabei, sich selbst zu rügen.“ Allerdings käme er nicht umhin, für „echte Gläubige sogar eine gewisse Sympathie“ zu hegen, aber das sonstige Getue und Geschwätz sei ihm schon zuwider.

Inzwischen hat sich draußen milde die Dunkelheit auf die Waldstadt Iserlohn gelegt und auch im Gespräch sind wir an eben jenem „Ozean des Todes“ angekommen, in dem ohnehin alles landet. Was soll denn die Nachwelt von Günther-Maria Halmer sagen, wenn ihn sein Lebens-Bächlein auch dorthin getragen hat? „Von mir soll und wird man nichts sagen“, brummelt er. Und wenn es schon um Hinterlassenschaften gehe, dann vielleicht um seine beiden Söhne. „Die sollen der nächsten Generation und Gesellschaft von Nutzen sein.“ Das reiche dann doch erst einmal.

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