Porträts

Gustav Dieter Edelhoff mag keinen Rummel am 70. Geburtstag

Foto: IKZ

Den letzten Satz nach einem langen Gespräch sagt Gustav Dieter Edelhoff noch im Weggehen: „Und tun Sie mir einen Gefallen. Ziehen Sie mich nicht zu sehr durch den Kakao!” Überhaupt hat er diesem Termin eigentlich nur sehr widerwillig zugestimmt.

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„Sie wissen doch, dass ich mich für so einen Rummel nicht eigne.” Allerdings sei auch ihm durchaus bewusst, dass so ein höchst merk- und denkwürdiger Anlass wie ein 70. Geburtstag auch von ihm etwas Kompromissbereitschaft verlange.

Natürlich dreht sich sofort alles um das Lieblingsthema des Gustav Dieter Edelhoff: der Müll und seine Entsorgung. Ganz vorn mit dabei im Gespräch der „Pott” bzw. immer in der Mehrzahl: „die Pötte”. Damit meint er die grauen Müllbehälter, die heute aus dem internationalen Straßenbild gar nicht mehr wegzudenken sind, und die Gustav Dieter Edelhoff dereinst mit einem Kumpel ausgetüftelt hat. Der Prototyp bestand übrigens aus einer Kinderwagen-Achse und einem zusammengezimmerten Aufbaubehälter. Damit habe man experimentiert, wie man die Achse stellen müsse, um den Müllkutscher tatsächlich zu entlasten.

Das war nämlich so am Langen Kummer damals: Er selbst habe das Revier abgefahren. Und da hätten eben 400 klassische Ascheneimer auf den Abtransport gewartet. Sehr eindrucksvoll: Jetzt macht Edelhoff passend zur Geschichte auch noch die Geräusche, die der Mensch eben machte, wenn er diese Eimer an den Wagen wuchten und schließlich wieder in die alte Position zurück rucken musste. Und schon das gespielte Gestöhne lässt ahnen, wie anstrengend das damals gewesen sein muss. Höchste Zeit also für die Erfindung des besagten Rollpotts.

„Soll ich Ihnen mal sagen, warum ich einen Heidenspaß habe, mir heute Formel 1 -Rennen anzusehen?” fragt Edelhoff, der jetzt wahrscheinlich nur darauf wartet, dass man ihn in Verbindung mit seiner Motorsport-Leidenschaft bringen würde. „Von wegen. Ich freue mich, weil in der Boxengasse unsere Müllpötte stehe. Da werde ich immer ganz stolz.”

Und dann kommt noch ein kleiner weiterer Exkurs zum Thema „Stolz”. Stolz könnten „wir Bürger” nämlich auch auf unsere Müllabfuhr und deren Entwicklung in den vergangenen Jahrzehnten sein. Das sei nämlich allerbeste Daseinsfürsorge. Schließlich sei sie ja zu einer Zeit entwickelt worden, „als es noch keine Kanäle gab, als die Menschen noch auf die Straße geschissen haben und als Pest und Cholera an der Tagesordnung waren”. Und das, was die Deutschen, aber eben insbesondere auch seine Familie in der Zwischenzeit aufgebaut habe, sei „weltweit mehr als vorzeigbar”.

Jetzt läuft der leidenschaftliche Pionier der Pötte-Einsammler zu großer Form auf: „Wir, die Mittelständler, sind die wirklichen Fachleute!”, donnert er, und man merkt an dieser Stelle, dass er immer noch nicht richtig verwunden hat, dass er vor Jahren sein Familienimperium durch Angriffe von finanziell übermächtigen Konzernen aus dem Aus- und Inland bedroht sah. „Monatelang habe ich damals mit mir gerungen, schlaflose Nächte gehabt, weil ich mich fragte, ob wir dagegenhalten können, wenn die Kraken zum Angriff blasen.” Am Ende habe sein Sicherheitsinstinkt gesiegt. „Aber es ist mir furchtbar schwer gefallen zu verkaufen.”

Zur Beruhigung reden wir vielleicht erst mal ein bisschen über die Kindheit. Edelhoff Senior war beim städtischen Fuhrpark, war Fahrer auf einer Dreirad-Kehrmaschine, wohnte auf dem städtischen Gelände hinter der Feuerwache. „Und da stand dann auch mein Sandkasten. Ich bin mit dem Trampelauto zwischen den Müllwagen rumgedonnert. Da hatte ich doch eigentlich gar keine andere Chance, als Müllkutscher zu werden. Und das wollte ich auch immer. Nix anderes.” 1944 wird der Junge eingeschult. In der Bleichstraße. Doch weil der Krieg kurz danach zu Ende ist, kommt er zum Neustart sogar noch einmal in den Genuss einer zweiten Einschulung. Was die grundsätzliche Skepsis gegenüber dem System allerdings nicht aufbrechen kann.

Gustav Dieter ist aber allem Anschein nach ein ziemlich unauffälliger Schüler. „Beim Raufen war ich meistens vorne mit dabei, aber ich konnte auch gehorsam sein.” Seine Mogel-Taktiken hätten eigentlich auch gut funktioniert. Die Freunde waren eher älter als er. Beim Rechnen und beim Sport mischte Gustav Dieter ganz vorne mit, bei den Sprachen und beim Schreiben war er wohl nicht die große Leuchte. Jetzt wird er für einen Moment nachdenklich, zögerlich, wieviel Nähe er gerade zulassen soll: „Ehrlich, ich habe eigentlich kein Problem damit, so etwas zuzugeben. Es macht mir auch heute keine Schwierigkeiten konstruktive Dinge analytisch schnell zu betrachten und zu erfassen, aber beim Lesen von Texten muss ich mir immer noch richtig Zeit nehmen, mich voll konzentrieren.”

Wieder in der Jugend. Von Anfang an ist dem Jungen klar, dass seine ganze Schulausbildung nur dem Zweck dienen konnte, möglichst schnell mit seinem Vater einen Entsorgungsbetrieb zu gründen. „Wir hatten schließlich schon einen eigenen Schei..e-Wagen zusammengeschraubt.” Und dann plötzlich die Ernüchterung. Der Vater will, dass der Sohn an die Realschule noch eine richtige Ausbildung anschließt. „In mir ist an diesem Tag eine Welt zusammengebrochen. Ich habe gedacht, mein Vater will mich nicht mehr. Ich habe abends im Bett gelegen und habe geweint.”

Doch das Leben musste auch für ihn weitergehen. Er habe sich gesagt: „Dann wirste eben Bauingenieur”, weil er darin eine berufliche Seelenverwandtschaft mit der Entsorgungslogistik sah. Edelhoff absolvierte eine Ausbildung, die neben der schulischen Unterrichtung auch eine Maurerlehre beinhaltete. „Fachtheoretische Überhöhung” nannte man das Konstrukt wohl damals. Was aber auch alles nichts daran ändern konnte, dass „ich in Wirklichkeit nichts anderes als Müllkutscher werden wollte”.

Noch während der Ausbildung wird der junge Mann von den finsteren Mächten einer üblen Erkrankung in vollem Lauf erwischt. „Hodgkinsche Krankheit”, eine krebsartige Veränderung von Lymphknoten, lautete die niederschmetternde Diagnose der Ärzte. Gustav Dieter Edelhoff wurde davon völlig unvorbereitet getroffen, zumal „er doch eigentlich nur so einen bekloppten Pickel am Hals festgestellt hatte”. Und nun so etwas. Es folgen Krankenhaus-Aufenthalte, die die Ausbildung zunächst stoppen, dann zurückwerfen. Und doch gilt es für Edelhoff - vielleicht geprägt durch seinen nahezu unbeugsamen Willen, einmal eingeschlagene Wege auch konsequent zu Ende zu gehen - sowohl bei dem Berufsabschluss als auch bei der Krankheit ein Happyend. Es ist schon erstaunlich. Natürlich liegt ein halbes Jahrhundert zwischen dem Heute und den Ereignissen von damals. Und doch klingt es ganz eigenartig, wenn der Mann darüber erzählt. Der „bekloppte Pickel am Hals”, der ihn fast das Leben gekostet hätte, erzeugt auch heute noch Gänsehaut beim Zuhörer. Wahrscheinlich auch bei Gustav Dieter Edelhoff selber, denn plötzlich versucht er schnell, das Thema zu wechseln.

Reden wir also über die Liebe - und somit über eine „Borgward Isabella”. „Ich fuhr ja schon Rundstrecken-Rennen damals und ein Freund hatte mir gesagt, dass gerade dieses Auto dafür ganz prima geeignet sei. Also habe ich zugeschlagen.” Jetzt blenden die Augen des Autonarren auf. Der übrigens auch zwischenzeitlich noch den Autoschlosser in Rekordzeit hinlegte, weil er es leid war, dass er bei seinem Vater auf dem Platz von den angestammten Schraubern nicht immer ganz ernst genommen wurde.

Aber noch ein Lebenspech: Eben jene Isabella, diesen Traum aus Außen-Lack und Innen-Leder, setzte der Gustav Dieter dann samt Ehefrau bei einer Ausflugsfahrt vor den Baum. Mit ziemlich verheerenden Ergebnissen für alle Beteiligten: diverse Knochenbrüche und Verletzungen bei den Insassen, das noch unbezahlte Auto war nur noch ein Haufen Schrott. Und Vater Gustav machte aus dem Pech zu allem Überfluss auch noch ein kleines charakterliches Lehrstück. Er nahm seinem Filius nämlich nicht einfach alle Sorgen ab. Vor allem auch nicht die finanziellen. „Natürlich hat er geholfen, aber er war auch ganz schön stur. Ich musste hart für mein Geld arbeiten damals. Wenn ich ehrlich bin, ging es uns bis 1962 ganz schön beschissen."

Doch Edelhoff fängt sich, kann immer mehr Aufträge zur Müllentsorgung nach Iserlohn holen. Die Kunden sind offenbar fasziniert vom Leistungsspektrum der Iserlohner Spezialisten und von dem umfassenden Service und Ideenreichtum, mit dem sie sich einem Thema nähern, das bisher in den kommunalen Gedankenwelten so gar keine oder nur eine untergeordnete Rolle gespielt hatte. „Ich habe damals eigentlich schon versucht, die Einstellung zu entwickeln, dass man eben immer ganz schön aufpassen muss, dass man vorne mit dabei ist.” Die Erfolgsgeschichten der Firmen „Edelhoff” und später „Lobbe” lässt erkennen, dass das Motto wohl bis heute befolgt wurde.

Bevor wir aber jetzt wieder mit Höchstgeschwindigkeit ins Thema „Müll” donnern, noch einmal zurück zum Menschen. Wie muss man sich das vorstellen? Da sitzt der rüstige Firmensenior demnächst auf seinem Edel-Gehöft im Sümmeraner Hinterland und lässt den Herrgott einen guten Mann sein? Bauer sucht Aufgabe? Da will er sich jetzt aber nicht so gern in die Karten gucken lassen. Oder weiß selber noch nicht so recht, wie es weitergeht. Nur schon mal so viel zur vorsichtigen, selbst gestrickten Erklärung: Ackerbau und Forstwirtschaft hätten ja auch irgendwie in etwa was mit dem zu tun, was er heute mache, gibt er zu Protokoll. Und Tiere kämen ihm auch nicht auf den Hof. Er habe zwei Plastikkühe, das müsse schon mal reichen. Und ansonsten habe er eben einen „riesigen Vorgarten”. Noch Fragen?

Vielleicht doch auch noch einmal zu den Hobbys. Gustav Dieter Edelhoff, der umtriebige PS-Freak, der diese Leidenschaft bis in die Gene des Sohns und der Enkel verpflanzt hat, verreist gerne. Kommt allerdings auch gerne wieder zurück. Um dann wieder flottens abzudampfen. „Ich bin gern auf Mallorca”, sagt er und ergänzt: „aber auch in der Schweiz und in Österreich. Oder in Amerika”.

Apropos „Mallorca”. Hier hatten die Edelhoffs bis vor einiger Zeit auch mal ein Haus, aber da hat der Mann, der nun wahrlich nicht im Ruf steht, das Geld allzu großzügig auszugeben, ein Machtwort gesprochen: „Ich habe in den ganzen Jahren vielleicht vierzig Nächte da geschlafen. Das hat sich nicht gelohnt, das war einfach zu teuer.” Das gleiche galt übrigens auch für den einstigen Firmenflieger. „Auch das hat sich nicht gelohnt.” Heute geht es mit der Billig-Airline auf die Balearen, auch wenn Edelhoff plötzlich schwärmt: „Vor einigen Tagen mussten wir plötzlich nach Griechenland. Und weil das terminlich nicht anders ging, haben wir einen Jet gechartert. Wenn ich ganz ehrlich bin: So macht mir das Fliegen eigentlich deutlich mehr Spaß.”

Jetzt kommt traditionell noch die Frage, was den Gast denn im richtigen Leben auf die Palme bringen kann. Gustav Dieter Edelhoff muss nicht lange überlegen: „Die Gewerkschaften. Und ich will Ihnen auch sagen, warum. Weil die Gewerkschaften nur bestimmen wollen. Und nicht mitgestalten. Sie tragen einfach nicht zum Gelingen dieses Staates bei.” Er habe sich immer als Verfechter einer Form des Liberalismus gefühlt und könne sich von daher mit den Zielen und Denkweisen der Gewerkschaften und Sozialisten nun gar nicht anfreunden. Was für ein Stichwort: Sozialisten. Gerade will er anheben, das angedachte, einheitliche Tempolimit auf den deutschen Autobahnen in Grund und Boden zu argumentieren, da erinnert er sich, dass er in ein paar Minuten einen Termin beim Rücken-Therapeuten hat. Und das ist jetzt auch ganz schön wichtig. Denn da ist Gustav Dieter Edelhoff ein wohl ganz pragmatischer Mensch: Nur aus einem gesunden Körper kommen eben auch vernünftige Ideen und Argumente. Und das gilt nun mal für Müllkutscher wie für Multimillionäre.

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