Hans Meyer

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Der vom Rat verliehene Ehrentitel "Altbürgermeister" hat Hans Meyer mit der kleinen Hemeraner Welt versöhnt.

Überhaupt bekennt er am Vortag seines 90. Geburtstages am morgigen Sonntag, dass er in seinem langen Leben unglaubliches Glück gehabt hat: "Ich bin auf Händen getragen worden, warum, das weiß ich nicht".

Frau Scheibner, Klavierlehrerin im pommerschen Belgard (heute Bialogard), hatte dem Sextaner vor 80 Jahren etwas anderes prophezeit: "Junge, aus dir wird nie etwas!". Zuvor hatte sie ihm etwas vorgespielt, und der Junge wiederholte das Gehörte etwas verändert auf schwarzen Tasten. Und kündigte nach der Beurteilung den Unterricht. Notenschrift hat er längst vergessen, aber Klavierspiel ist ihm wichtig geblieben. Musizieren sei seine Leidenschaft, sagt der alte Herr.

Glück war es, dass er seine Frau Edeltraud kennen lernte, erklärt er. Glück hatte er nach Mittlerer Reife, kaufmännischer Ausbildung, Arbeitsdienst und Wehrmacht, dass er den Zweiten Weltkrieg mitsamt sowjetischer Gefangenschaft (zwei Fluchtversuche) überlebt hat. Beim Neubeginn im Westen war seine Tante in Neviges ein Glücksfall, Oberin des Diakonissen-Mutterhauses "Bleibergquelle". Am 12. April 1948 übernahm der Deutsche Gemeinschafts-Diakonie-Verband in Hemer vertraglich das Standortlazarett der Wehrmacht, am 13. traf Meyer in der Theo-Funccius-Straße ein, um ein Kriegsheimkehrerlazarett aufzubauen, aus dem er die Lungenklinik entwickelte, als es vorbei war mit der Heimkehr der Soldaten.

Aber noch war es nicht so weit. Das Standortlazarett war zerstört und ausgeplündert, die D-Mark gab es noch nicht, der Markt war leer gefegt, keine Pinsel, keine Deckenbürsten, keine Farbtöpfe. Meyer erwies sich als Organisationstalent und knüpfte erste Kontakte für sein neues Leben. Bei seiner ersten Fahrt zur Landesregierung wurde der Fremde von Ruth Grohe chauffiert: "So bin ich in die Familie reingekommen!".

Sensationell war sein Senkrechtstart in die Stadtpolitik. Als Parteiloser kandidierte er in den 60er Jahren für die FDP und holte sich im Stimmbezirk "Woesteschule" das Direktmandat. Dann dauerte es nicht lange, bis Amtsbürgermeister Geismann (MdL) den Herrn Direktor mitsamt FDP-Mandat in die CDU gelotst hatte.

Eine neue Hemeraner Zeitrechnung begann, als Meyer 1969 ehrenamtlicher Bürgermeister wurde. Sein erster Besuch galt einen langen Abend Kleintierzüchtern. Das hatte es noch nicht gegeben, blieb aber keine Eintagsfliege. "Keine Feier ohne Meyer", das war bald sprichwörtlich in der Stadt: Mensch Meyer, Vereinsmeyer, Hansdampf in allen Gassen, ein richtiger "Hans im Glück", aber kein Dummerjan wie im Grimmschen Märchen.

Hans im Glück war nicht zu bremsen. Mit Stadtdirektor Voss und Geismann stritt der BM erfolgreich für Hemers Selbständigkeit, als in Düsseldorf die Eingemeindung nach Iserlohn geplant wurde. Aber Innenminister Willi Weyer war gerade Patient in der Lungenklinik und als Hagener ein starker Verbündeter gegen ein Groß-Iserlohn. Und auf dem Hademareplatz entstand 1972 das Hallenbad. Für Hans Meyers Hallenbad-Bauverein stifteten Bürger 257 000 DM. Neujahrsempfänge für jedermann in der Lamberghalle waren eine Meyersche Erfindung: Über 1000 Bürger kamen.

Und als Geldeintreiber zeigte der BM Qualitäten. Das frisch gelegte Ei eines Zwerghuhns aus Deilinghofen versteigerte Meyer beim VdK Hemer: 65 DM für die VdK-Kasse. Bei seinem RWE-Promi-Kochen trieb er 20600 DM für die Sozialstation ein. Zu seinen Geburtstagen rief Meyer zu Spendenaktionen auf: So erhielten zum Beispiel die ev. und kath. Kirchengemeinden jeweils 40 000 DM.

In Manila engagierte der Direktor 40 philippinische Krankenschwestern für seine Lungenklinik und das Amtskrankenhaus. Und der BM knüpfte internationale Wirtschaftskontakte. Botschafter mit Delegationen waren gern gesehene Gäste in hiesigen Firmen. Meyers Kalenderspruch für den 11. Juli 2004 heißt: "Ein freundlicher Spaß kann Herz und Ohr öffnen." Das passt zu ihm. Seine Edeltraud berichtete mal von einer Moskaureise, dass der Bus an der sowjetischen Grenze durchgewinkt worden sei, unglaublich im kalten Krieg. Und wusste nicht, dass ihr Hans den Spaß mit seinem Freund, dem Botschafter Semjonow, arrangiert hatte.

Nach dem Verlust der absoluten CDU-Mehrheit im Rat gelang der UWG 1987 der Sturz des Bürgermeisters, und die CDU brach mit ihrem bisherigen Zugpferd und Ehrenmitglied, dessen Libyen-Kontakte umstritten waren.

Vergeben, vergessen, ausgesöhnt. Und kleine Leute halten Meyer sowieso die Treue bis zum heutigen Tag. Seitdem er nicht mehr mit dem Auto fährt, sehe er die Welt als Fußgänger ganz anders", sagt der rüstige Herr, den viele Vereine als Ehrenmitglied führen: "Ich kriege einen Zuspruch aus der Bevölkerung, erstaunlich. Die Leute kennen mich, und es werden immer mehr. Habe ich das überhaupt verdient? Vielleicht bin ich auch zu lange in Hemer." Den ersten Kuchen zum 90. Geburtstag hat er bereits am Mittwoch mit freundlichen Grüßen erhalten.

Mit 90 Lenzen ist Hans Meyer, Gründungs- und Ehrenvorsitzender des Reitervereins Hemer, am morgigen 11. Juli Mitgastgeber beim "Wirtschaftstreffen" zum Reitturnier auf der Edelburg. Keine Fluchtmöglichkeit also. Und die Meyers ahnen, dass sich einige Leute verabredet haben . . .

(10. Junli 2004)

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