Porträt

Hubertus Meyer-Burckhardt

Foto: Josef Wronski/IKZ

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Das wäre durchaus auch in seinem Sinne, hat Hubertus Meyer-Burckhardt gerade begleitet von einem warmen Grinsen und einer weit aus-/einladenden Armbewegung gesagt, bevor er höchst geschäftig in seinem knautschigen Trenchcoat und Base-Käppi Richtung Eingang Hauptbahnhof Dortmund entschwindet. Begründung für die plötzliche Eile vor ein paar Minuten: „Weil ich um acht Uhr noch mit Wolfgang Stumph in Hamburg verabredet bin. Kennen Sie ihn? Ein ganz toller Typ übrigens?“ Mit Armschwenker, Grinsen und Wiedersehensfreude ergänzt er übrigens jetzt den vorangegangenen Abschieds-Hinweis des Autors, dass es doch schade sei, wenn es bei diesem einmaligen Kontakt bliebe und man vielleicht ja an einer Neuauflage arbeiten könne. Irgendwie, irgendwo, irgendwann. Wahrscheinlich wird es ohnehin Wochen wenn nicht Monate dauern, dieses eher etwas zufällig zustande gekommene Gespräch mit seinen unterschiedlichsten Facetten und Denkansätzen erst einmal zu sortieren.

Auch in den märkischen Breiten ist dieser Meyer-Burckhardt einer nicht gerade kleinen Fernseh-Gemeinde bestens bekannt, weil der noch 56-Jährige mit dem gefühlten Aszendent „Lausbube“ mit schöner Regelmäßigkeit am Freitagabend in der „NDR-Talkshow“ an der Seite von Barbara Schöneberger zu den Zuschauern und mit den unterschiedlich wichtigen und aufgeräumten A-, B-, C,- und D-Promis deutscher Zunge spricht. Eine Popularität, die natürlich etwas von der beruflichen Realität und Erfolgsgeschichte des Mannes ablenkt. „Ich mache diesen Job beim NDR irrsinnig gern“, sagt er, „aber er macht eben auch nur vielleicht zehn Prozent meiner tatsächlichen Arbeit aus.“ Im Moment liegt sein Hauptaugenmerk noch auf seiner Tätigkeit als Geschäftsführer der Hamburger Produktionsfirma Polyphon, die wesentliche Inhalte deutscher Fernseh- und Filmgeschichte zu verantworten hat. Das „noch“ im Vorsatz bezieht sich übrigens darauf, dass sich Meyer-Burckhardt zur Jahresmitte aus der operativen Führung des Unternehmens zurückziehen wird, um sich mehr und intensiver seiner Produzenten-Tätigkeit widmen zu können. Dass diesem Mann mit dem ständig wahrnehmbaren Grundrauschen unter der Schädeldecke dafür die Themen und Stoffe ausgehen könnten, ist offensichtlich nicht zu erwarten. Wer das Leben dermaßen liebt wie Meyer-Burckhardt, dem gibt es offensichtlich auch die Kreativität zurück.

Geschichtsausflug. Der junge Hubertus wird an einem Juli-Tag des Jahres 1956 in Kassel in eine überaus überschaubare Familie hineingeboren. „Ich bin Einzelkind, meine Mutter war Einzelkind, mein Vater war Einzelkind. Den Rest über unsere Familie können Sie sich denken.“ Über seine Mutter wird er an diesem Nachmittag noch ganz oft sprechen. Über seinen Vater nur, wenn es eher um die unschönen Dinge seiner Lebens-Vergangenheit geht. Schwerstalkoholiker sei der Vater gewesen, Russland-Überlebender. „Dass er sich vom Feld gemacht hat, als ich zwölf war“, empfindet Meyer-Burckhardt auch im Nachhinein wohl noch als Erleichterung. Umso liebevoller fallen seine Erinnerungen an die Mutter aus, von der er unendlich viel Liebe erfahren habe. Diese Mutter-Liebe macht er dann auch im positiven Sinne durchaus dafür verantwortlich, dass er in seinem eigenen Verhältnis zu den Menschen heute so ist, wie er ist. Offen, neugierig und auf seine Art eben auch – gefühlt – durchaus zutraulich. Er streitet auch gar nicht ab, die Menschen und das Leben zu lieben.

In der Schule läuft es zweigeteilt. In den Naturwissenschaften sind wohl schnell die Leistungs- und Willensgrenzen erreicht, bei Deutsch und Latein ist da schon mehr Schwung und Begeisterung festzustellen. Und auch schon zum dieser Zeit muss Hubertus Meyer-Burckhardt wohl schon von seinem unbedingten Suchen nach Auf- und Ausbruchsmöglichkeiten geprägt gewesen sein. „Ich wollte die Welt kennenlernen, wollte der Enge der Kleinstadt, auch einer finanziellen Begrenztheit entfliehen.“ An anderer Stelle findet sich in einem Interview der Hinweis, er habe als Berufswunsch angegeben: „Discjockey bei einem Piratensender auf hoher See.“ Das sei natürlich eine Flause gewesen, sagt er heute, aber irgendwie vermutlich auch nicht wirklich.

Heute, vierzig Jahre später, kann man schon mal die Frage stellen, ob sich Meyer-Burckhardt angekommen fühlt, doch er winkt sofort ab: „Das weiß ich nicht. Ich weiß auch gar nicht, ob das wirklich ein so erstrebenswertes Gefühl ist, angekommen zu sein.“ Allerdings dürfe man seine Lebensideale auch nicht verwechseln mit der Geschichte vom ewigen Suchen und Finden. Da sei sein Leben doch eher die Geschichte vom unermüdlich Reisenden.

Diese Geschichte hat ihn also in den zurückliegenden Jahren ohne Frage in wohl Tausende von Zügen und Flugzeugen einsteigen lassen, hat ihn zu unendlich vielen großen und kleinen, tristen und schillernden Haltepunkten gebracht. Haltepunkte irgendwo auf der Landkarte, aber eben auch Haltepunkte im Berufs- und Privatleben. Meyer-Burckhardt war u.a. verantwortlicher Werbeproduzent im eigenen Laden und bei den Kreativ-Giganten der Branche, Vorstand für elektronische Medien im Springer-Konzern, Vorstandsmitglied von ProSiebenSat1. Er bekam und bekommt Preise und Auszeichnungen als Fernsehproduzent in ernsten wie heiteren Sparten. Zwischendurch, während er auf nächtliche Anrufe von Investoren aus anderen Teilen der Erde wartet, schreibt er mit „Die Kündigung“ auch noch ein Buch über den plötzlichen Abstieg und „Todeskampf“ eines Managers. Offensichtlich gehört auch Meyer-Burckhardt zu der Spezies Mensch, bei der sich andere fragen, wie man das alles bei guter Laune und Gesundheit in ein einziges Leben pressen kann.

Fragt sich das Hubertus Meyer-Burckhardt manchmal wohl auch? Wohl nicht. Er macht einfach. „Ich finde übrigens das Wort ‚Stress’ ohnehin nicht gut“, sagt er, da sei das Wort ‚Herausforderung’ doch schon viel besser. Und mit Urlaub könne er auch nicht viel anfangen, denn bereits nach höchstens vier Tagen würde er schon überaus unruhig. Allerdings taucht auch jetzt eher zufällig immer wieder mal der Begriff der „Entschleunigung“ in seiner Rede auf. Und es geht an diesem Mittag plötzlich auch um Gott. Und den Tod.

Richtig etwas anfangen kann der Vollblut-Manager mit dem Glauben und Gott nicht. Er sei sich auch nicht ganz sicher, was von der Sache zu halten sein, sagt er, zumal ja ‚glauben’ zunächst einmal auch nichts anders sei, als „nicht wissen“. Er verweist zur Begründung seines Zauderns auf den Umstand, dass zurzeit immerhin eine Vielzahl von Kriegen um die unterschiedlichsten Variationen des Glaubens geführt würden. Er sei aber eben auch nicht wirklich ein „Nicht-Gläubiger“, sondern dann schon eher ein Agnostiker, „Ich weiß eben, dass ich nichts weiß.“ Er ginge allerdings gern auch einmal in eine Kirche oder in einen Gottesdienst, käme dann aber auch nicht umhin zu denken: „Mannomann, was macht Ihr da eigentlich.“

Plötzlich die klitzekleine Wende: „Wenn sich dann allerdings doch nach meinem Tod urplötzlich doch eine zweite Welt auftun sollte, dann bin ich der Letzte, der da etwas gegen hätte.“ Zumal er an anderer Stelle zu dem Thema einmal formuliert hat: „Langeweile wäre verdrießlich!“ Womit wir plötzlich an diesem Mittag im Wichelhovenhaus einer etwas holprigeren Stelle in der Lebensphilosophie des Mannes angekommen sind. Der gleiche Hubertus Meyer-Burckhardt, der soviel Lebenslust, Lebensfreude und Menschennähe versprüht, spricht urplötzlich davon, dass er nicht mehr weit in die Zukunft schauen würde, dass er nur noch jeden unmittelbar vor ihm liegenden Tag genießen möchte. Vielleicht liegt es ja einfach daran, dass er seinen derzeitigen Zustand durchaus „be-sternt“ beschreibt. Und eben als ‚glücklich’. Er wählt dieses Wort, weil er das Wort ‚zufrieden’ nicht mag. Vielleicht aber auch, weil ihm seine Kinder, sein Beruf, sein Privatleben wirklich genügend Gründe zum Glück geben. Außerdem findet er es ohnehin nicht passend, sich mit Fragen der „Lebenserwartung“ zu beschäftigen. „Das Wort ist falsch und überaus arrogant. Lebenshoffnung ist da viel zutreffender.“ Außerdem könne man zu diesen Themen mit Gott, wenn es ihn denn gibt, ohnehin auch nicht dealen. Da hielte er es doch lieber mit einem jüdischen Sprichwort: „Wie bringt man den lieben Gott zum Lachen? Man macht Zukunftspläne!“ Und hängt noch einen Woody Allen hintendran: „Lebensplanung ist das Ersetzen des Zufalls durch den Irrtum.“ Und dann sagt Meyer-Burckhardt noch: „Ich bin mir der Zerbrechlichkeit des Daseins sehr bewusst. Aber das ängstigt mich nicht, denn es ermahnt mich, mit der Fülle meiner Lebenszeit gut umzugehen.“

Stichwort Irrtum: Hat er denn selbst dennoch schon einen mächtigen hinter sich? „Nein, nicht wirklich. In diesem Irrtum würde ja dann auch etwas wie Reue liegen. Nein, ich bin schließlich auch kein Freund von ,hätte’ und ,wäre’.“ Aber einer von Rod Stewart, der indirekt übrigens auch auf einer – schon mal gedanklich durchgespielten – Meyer-Burckhardt-Beerdigung anwesend wäre, denn seine Lieder gehören offenbar ganz vorn zum großen Seelen-Futter des rührigen Nachdenkers. Am Rande der Geschichten rund um das eigene Ende, das zwar nicht so schnell kommen möge, dann aber offenbar auch vielleicht auch nicht weiter stören würde, kommen dann immer wieder gedankliche Kleinsthappen nach oben, die im Unterton klingen wie: Auch wenn ich eigentlich glücklich bin, glauben Sie mal nicht, dass ich immer nur auf der Sonnenseite des Lebens gestanden habe. Wahrscheinlich Anspielungen auf den komplizierten Vater, auf Menschen, von denen sich Meyer-Burckhardt bereits verabschieden musste bzw. Lebenserfahrungen, über die an dieser Stelle vielleicht nicht gesprochen werden soll.

Also ist der Sonnyboy von eben doch ein Zweifler? Ja und nein. „Ich zweifle nicht direkt an mir. Ich zweifle manchmal an dem, was ich tue.“ Aber er ist eben auch überzeugt von sich. Schon wieder ein Widerspruch? „Nein, man kann doch nur mit sich im Reinen sein, wenn man auch immer wieder an sich zweifelt. Tut man das nicht, wird man borniert und zum Affen.“ Um das zu verhindern, stehe er von daher auch ständig in „einem fruchtbaren Dialog mit mir selbst!“ Vielleicht hat ihm aber auch seine Oma den entscheidenden Lebens-Tipp gegeben, als sie sagte: „Halt Dich von Leuten fern, die sich nicht mögen.“

Und Huberts Meyer-Burckhardt als Chef? Auch hier kommen wohl diverse Regeln aus dem „normalen“ Leben zum Tragen. Um es vorweg zu sagen: Übermäßig harmoniesüchtig, wie es durch sein öffentliches Bild vielleicht den Anschein haben könnte, sei er nicht, sagt der Wahl-Hamburger. „Ich kann den Konflikt auch durchaus genießen.“ Allerdings wohl in erster Linie, wenn eben dieser Konflikt das Unternehmen aus seiner Sicht einen Schritt nach vorn bringen soll. Und auch in 35 Jahren an der Managementspitze und in Verantwortung hat es zur trockenen Gefühls-Lederhaut nicht gereicht. „Vor schwierigen Mitarbeiter-Entscheidungen, vor allem bei Trennungen, schlafe ich verdammt schlecht. Allerdings möchte ich Menschen, bei denen das Routine ist, auch gar nicht kennen lernen.“ Er selbst legt übrigens am Rande doch Wert darauf, dass er bei den fünf eigenen Jobwechseln immer der Initiator gewesen sei. „Und bei allen fünf Ex-Kollegen bekomme ich auch heute noch gern eine Tasse Kaffee.“

Plötzlich ist das Gespräch für einen kurzen Moment wieder bei der Mutter. War sie wohl stolz auf ihren Jungen? Darauf, dass er sich von der Minuten an stets selbst für sein Leben verantwortlich fühlte? Darauf, dass er am Fernseher die Leute zum Schmunzeln oder zum Nachdenken bringt? „Damit konnte sie eigentlich zu Lebzeiten nicht ganz soviel anfangen. Das war für sie zu weit weg.“ Aber es habe doch ein Ereignis gegeben, das zu einer Form mütterlicher Bewunderung geführt habe: „Als mir meine Professur an der Hamburger Media School verliehen wurde, bekam ich dadurch auch automatisch Visitenkarten der Freien und Hansestadt Hamburg. Da wusste meine Mutter, dass ich angekommen war.“

Keine Frage, dieser Hubertus Meyer-Burckhardt ist ein außergewöhnlicher Mensch. Einer, der sich liebt, das Leben und den Rest der Welt mit ihren Menschen (zumindest zu großen Teilen). Einer, der über Tod spricht, als störe er sich noch nicht einmal daran, wenn er am Nachbartisch säße, Hauptsache, er hat den gleichen Musikgeschmack. Einer, der kein Heimweh hat, nicht nach Vergangenem und nicht Heimat. Der von sich sagt: „Gib mir einen Job und einen Grund, und ich bin da.“ Und einer der wahrscheinlich weiß, wie wichtig er sein kann, der aber über sich und seinen Beruf sagt: „Wir retten kein Leben, wir operieren nicht am offenen Herzen, und wir löschen keine Brände. Wir drehen Pralinen. Mal die etwas wichtigeren, mal die etwas unwichtigeren.“

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben