Porträt

Hugo Egon Balder

Foto: Josef Wronski/IKZ

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Eines steht mal fest: Wer Hugo Egon Balder im Gespräch folgen will, muss verdammt schnelle Ohren und einen leistungsstarken Arbeitsspeicher dazwischen haben. Der Mann denkt und spricht in einem Höllentempo. Immer schön in ganzen Sätzen. Er kommt dabei auch nicht durcheinander, wirkt überaus aufgeräumt. Optisch übrigens auch. Im Fernsehstudio bei „Genial daneben“ machte er manchmal den Eindruck, als habe er in der schwarzen Lederjacke auch die Nacht im Bett verbracht, aber zum Gespräch kommt er blitzsauber rausgeputzt. Glatt rasiert. Wahrscheinlich duftet er sogar ein bisschen. Was man aber hinter der Zigarette nicht so merkt.

Am Ende wird er sagen, dass viele Menschen, die ihn nicht näher kennen würden, immer wieder Probleme mit seiner positiven, lockeren, fröhlichen Art hätten, dass diese Menschen unterstellen würden, dass das alles nur Teil einer riesigen, selbst inszenierten Balder-Show sei. „Aber das ist nicht so, sie können meine ganzen Bekannten befragen, die mich besser kennen, ich bin so, das ist mein Leben.“

Also wollen wir mal glauben, dass Hugo Egon Balder, der eigentlich Egon Hugo Balder heißt, selbst die Geschichte mit dem Grabstein so meint. Wir haben nämlich an diesem Abend trotz aller Fröhlichkeit auch über den Tod gesprochen. Der diesem Optimismus-Giganten natürlich zunächst einmal völlig egal ist. Gedanken habe er sich allerdings bereits über die Inschrift auf seinem Grabstein gemacht, gibt er am Ende jedoch zu. Da fände er es schön, wenn er es dem amerikanischen Unterhalter W.C. Fields nachtun könnte. Auf dessen Grabstein sei zu lesen: „Entschuldigen Sie bitte, wenn ich liegen bleibe.“ Auch eine Alternative sei denkbar: „Ich wäre jetzt auch lieber auf Hawaii!“ Und sonst? Was sollen denn die Menschen einmal über Hugo Egon Balder sagen? „Das ist mir so etwas von scheißegal, da bin ich ja nicht mehr da. Das kriege ich ja nicht mehr mit.“

In ein paar Tagen hat Balder seinen 63. Geburtstag. Die Frage lautet also, ob das eher schlimm oder doch eher schön sei. Vor allem sei ihm das völlig egal, sagt er einmal mehr sofort wie aus der Pistole geschossen. Das bei seinem 30. Geburtstag schon so gewesen und bei allen anderen auch. Dass er sich gesund fühle, sei vielleicht nicht unwichtig in diesem Zusammenhang, aber das sei es dann auch. Außerdem könne er mit Geburtstagen ohnehin nicht sonderlich viel anfangen. Wie übrigens mit anderen Festen wie Weihnachten und Ostern auch nicht. Er habe allerdings mit seinem langjährigen Freund Jacky Dreksler beschlossen, dass immer derjenige anrufe, der gerade Geburtstag habe. „Damit der andere das nicht vergisst.“

Dem umtriebigen Allrounder Hugo Egon Balder wird allerdings auch die persönliche Einlassung zugeschrieben, er sei im Alter doch schon deutlich ruhiger geworden. „Das stimmt natürlich, weil ich viele Sachen auch viel gelassener sehe als früher.“ Diese Ausgeglichenheit sei allerdings auch irgendwie ziemlich plötzlich über ihn gekommen. „Allerdings ist das ja ganz gut so, denn es ist auch ziemlich anstrengend, wenn man sich immer aufregt.“

Wobei sich wohl heute gar nicht wird richtig feststellen lassen, warum und ob sich der Mann überhaupt aufregen könnte. Weil er nämlich sagt, dass er Ärger und Streit am liebsten aus dem Weg geht. Auch könne er nicht gut schreien. Er erzählt, wie ihn ein Produzent in Berlin mal in sein Büro zitiert habe, um ihm zu sagen, dass es so nicht weitergehen könne. Balder wusste gar nicht, was der Mann von ihm wollte, fragte nach, was denn nicht rundlaufen würde. „Das ist doch Mist so. Du schreist nicht rum, Du beleidigst keinen am Set. Und Du grüßt alle am Morgen, wenn Du kommst.“ Da sei er, Balder, auf den Flur gegangen und habe gebrüllt: „ICH WILL EIN VANILLE-EIS!“ Da wär’s dann gut gewesen. Also ist er durchaus süchtig nach Harmonie: „Ja, sonst zieh’ ich mich eher zurück.“

Reden wir über die Jugend. Das Leben des Hugo Egon Balder beginnt 1950 an einem Märztag in Berlin-Schöneberg als Sohn des Textilhändlers Egon Friedrich Balder und dessen Ehefrau Gerda Balder. Ein „normaler“ Beruf hat für den Jungen offenbar nie zur Diskussion gestanden. War denn der Weg ins Musische das Folgen des Rufes des jungen Herzens: „Mit vier Jahren? Da ruft noch nichts!“ Seine Eltern hätten ihn vielmehr zu einem Test angemeldet, der dann ergeben hätte, dass er wohl künstlerisch begabt sei. Also wurde der Junge zum Klavierunterricht angemeldet. Irgendwann später kam noch – dann allerdings aus freien Stücken – das Schlagzeug dazu. Mit Erfolg trommelt der Sprössling bei den „Earls“, gehört 1967 zu den Gründungsmitgliedern der fast schon legendären Gruppe „Birth Control“.

Aus der Schulzeit ist ansonsten noch zu berichten, dass Balder alles andere als dumm, „aber stinkefaul“ gewesen sei. Zwar habe es durchaus ein Interesse für Geschichte und Deutsch gegeben, aber auch eine gewaltige Abneigung gegen die Naturwissenschaften und Latein. „Ich habe mir immer gesagt: Du willst nicht Arzt oder Apotheker werden, also was machst Du eigentlich hier.“

Ob das Leben des heutigen Moderators, Produzenten, Musikers, Schauspielers und Kabarettisten jetzt wirklich für die nächsten gut 40 Jahre nur immer wieder eine nicht abgestimmte Aneinanderreihung von Zufällen folgt, bleibt wahrscheinlich am Ende für immer das Lebensgeheimnis des Hugo Egon Balder. Er sagt, dass das so sei, sagt allerdings auch, dass das auch schon immer mal wieder was mit richtiger Arbeit zu tun gehabt hätte. Er erzählt von seiner Leidenschaft schon jüngster Zeit für einen Mann wie den Schauspieler und Kabarettisten Werner Finck, für die Münchner Lach- und Schießgesellschaft. „Dass die sich auf so eine Art kritisch mit der Gesellschaft auseinandersetzen konnten, fand ich schon toll.“ Aber er fand auch Heinz Erhardt toll. „Weil er die Menschen so unglaublich gut unterhalten konnte.“

Den Wunsch, Menschen zu unterhalten, sie zu amüsieren, trug er also offensichtlich seit frühester Jugend mit sich herum. Was bei seinem ersten Engagement am Schiller-Theater auch immer wieder zu Diskussionen geführt hat, weil er vom Intendanten oder Regisseur auch schon mal angepfiffen wurde, ob er vielleicht auch mal auf die Bühne gehen könnte, ohne dass die Menschen im Publikum lachen würden. Einige Zeit später sei er dann mit einem Kollegen in einem tatsächlich musikalisch-heiteren kleinen Kabarett-Programm aufgetreten. „Und als dann nach zwei Stunden im Saal das Licht anging und die Leute saßen da mit vor Lachen verheulten Augen, da wusste ich, was ich machen wollte.“

Der nächste Schritt führt über Radio Luxemburg, damals noch die privaten „fröhlichen Wellen“ aus dem Großherzogtum, die das Radio in Deutschland so ganz anders machten – und auch bis heute prägen sollten. Auch hier hat „Hugo“ sofort Erfolg, moderiert an der Seite von Wellengrößen wie „Frank“, „Jochen“ oder „Rolf“ das deutsche Programm. Das seien aber andere Zeiten gewesen als heute, sagt er. Viel authentischer. Balder liefert einen kleinen Exkurs, wie furchtbar es doch heute sei, bei strömenden Regen mit höchstens 80 km/h auf der Autobahn unterwegs zu sein und dabei von einem furchtbar aufgedrehten und gut gelaunten privaten Radiomoderator mit Frohsinn „totgequatscht und zugejingelt“ zu werden. „Na ja,“ sagt er, bläst eine Runde Rauch in den Saal und wird für einen Moment fast melancholisch. „Waren eben andere Zeiten damals.“

Allerdings habe er auch gerne Fernsehen machen wollen damals. Weil nämlich alle Fernsehen gemacht hätten. Aber irgendwie hätten die ersten Anläufe nicht gepasst. Doch dann hätte ihn plötzlich Jochen Filser, der damalige Unterhaltungschef bei RTL, gefragt: „Was hältst Du davon, eine Fernsehsendung zu machen, in der der Moderator so beschissen ist, dass er anschließend Torten ins Gesicht bekommt?“ Er habe eine Nacht darüber nachgedacht, mit Freund Dreksler ein bisschen am Konzept gefeilt - und dann losgelegt. Es war die deutsche Geburt von „Alles nichts oder“ und auch die Geburt des Traumduos Balder und von Sinnen, die ihn im weiteren Verlauf dann übrigens auch schon mal gern als „magersüchtiges Frettchen“ bezeichnen durfte, was er dann fast schon liebevoll mit „kleine fette Schnecke“ konterte.

Die Fernsehnation wusste damals wohl nicht wirklich, ob sie lachen oder weinen sollte. War er denn immun gegen Kritik? „Auf der einen Seite schon. Wir wollten eine gute Dienstleistung erbringen, den Menschen Freude machen. Da gehört der Flop natürlich auch dazu.“ Auf der anderen Seite erzählt der Wahl-Kölner aber auch, dass er zu jeder Zeit zu sich selbst streng und ehrlich gewesen sei. „Wenn ein Misserfolg an mir gelegen hat, dann habe ich das auch gesagt, habe versucht, daraus Lehren zu ziehen, etwas zu ändern.“

Natürlich müssen wir auch kurz über „Tutti Frutti“ reden, die RTL-Aufreger-Sendung mit den Damen mit den „fast“ nackten Brüsten. „Das war Zufall“, erzählt Balder. Zunächst sei für das Konzept ein anderer Moderator vorgesehen gewesen, dem das die Ehefrau jedoch verboten hätte. „Ich war eigentlich zu RTL-Boss Thoma ins Büro gegangen, um ihm eine anspruchsvolle kabarettistische Sendung anzubieten, die ich aus dem Kommödchen mitgebracht hatte.“ Doch Thoma habe geantwortet, RTL habe noch nicht genügend Zuschauer, und man wolle es erst mal anders probieren. Mit „Tutti Frutti“ eben. Auch hier habe er ziemlich schnell zugesagt. Nicht wegen der nackten Mädels, das sei ja schließlich nur Teil der Arbeit gewesen, sondern wegen der attraktiven Produktion in Italien.

Und der nicht selten geäußerte Vorwurf, dass das einfach sinnfreier Quatsch gewesen sei? „Dann war es eben sinnfreier Quatsch. Aber den Leuten hat es erstens gefallen und zweitens habe man sich nicht über andere lustig gemacht.“ Wie heute in den Doku-Soaps. Da würden Menschen vorführt, die sich noch nicht einmal wehren könnten. Das sei doch ganz furchtbar – und eben auch nicht sein Stil. Plötzlich wechselt Balder für einen Moment auch die Stimmfarbe und sagt: „Ich bin ja Jude. Und der jüdische Witz geht immer nur gegen sich selbst. Das ist mir einfach lieber.“ Vor ein paar Minuten hatte er über die Frage, ob er mit seinem permanenten Wunsch nach unbelasteter Fröhlichkeit auch vielleicht seine jüdischen Wurzeln überspielen wolle, flott drübergeredet. Das könne sein, oder auch nicht, das wisse er nicht so genau.

Reden wir also noch einmal über die Kinder. Balder hat nach eigenen Angaben zwei, elf und zwölf Jahre alt, die sich aber nicht wirklich für seine Fernsehpräsenz interessieren würden. „Die Tochter macht sich da schon eher Gedanken darüber, ob ich ihr einen Termin bei Justin ­Bieber machen kann.“ Lernen Sie denn vom Vater, dass sich das Leben allein schon durch Zufälle erfolgreich gestalten kann? „Nee, sie lernen, dass man früh was dafür tun muss, um nicht später in ein Loch zu fallen.“ Natürlich könne einem zunächst ein Talent zu einem gewissen Erfolg verhelfen. „Und dann? Wenn der Boom vorbei ist, fällst Du in ein Loch, merkst, dass Du gewaltige Wissens-Defizite hast.“

Kann sich Hugo Egon Balder denn vorstellen, sein profundes Wissen rund um die Fragen, wie denn der Medien-Hase läuft, auch an den Nachwuchs weiterzugeben? „Die Frage ist ja, ob die das überhaupt wissen wollen. Grundsätzlich sage ich denen immer: Vergesst bitte nie, dass Ihr ein kleines Licht seid und nicht die Herrscher der Welt. Ihr seid lediglich Dienstleister.“

Für Dienstleister Balder sind es übrigens noch 15 Minuten bis zum Auftritt auf der Boulevard-Bühne. Während andere jetzt wahrscheinlich bereits in einer Pfütze Lampenfieber-Schweiß sitzen würden, hat der Mann die Ruhe weg. Auch der Umstand, dass der zweite Hauptdarsteller noch irgendwo vor der Halle rumirrt und den Eingang sucht, kann Balder nicht sonderlich schocken. Auch das könne er ja nicht ändern, sagt er und somit gäbe es keinen Grund, sich aufzuregen. Das würde ihm nun wirklich nicht den Spaß, den er im Moment habe, verderben. „Spaß“ sei ohnehin die einzige Triebfeder, die ihn handeln lasse. Die Leute würden ihm nämlich sehr schnell anmerken, wenn ihm etwas keinen Spaß machen würde. „Und das ist dann auch Mist!“

Macht es ihm denn auch Spaß, wenn sein Privatleben durch die Öffentlichkeit getrieben wird. „Also erst einmal gehört das ja dazu.“ Vieles sei ja so wie es sei, sagt er und meint vielleicht auch seine drei Ehen, u.a. mit einer Russin und Französin. „Allerdings freue ich mich natürlich, wenn möglichst wenig über mich in den Zeitungen steht. Wenn aber eine meiner Ex-Frauen meint, ein Interview geben zu müssen, dann ist das ihre Sache. Dann halte ich dazu am besten meine Schnauze und nach zwei Tagen ist Ruhe.“

Als wir uns kurz vor knapp verabschieden ruft übrigens gerade sein Bühnenpartner noch einmal an und fragt, ob das hell erleuchtete Haus mit dem roten Schriftzug zufällig die Halle sei, in der sie gleich spielen würden. Balder verneint und sagt. „Robby, mach Dir keinen Kopp, es sind noch sieben Minuten. Ich bin auch noch nicht umgezogen.“ Dabei blinzelt er fröhlich durch den Raum. Ob diese Augen wirklich nicht lügen können, lässt sich auch nach diesem Gespräch nicht abschließend klären. Es ist aber selbst für den Skeptiker in der Tat ein großes Stück unwahrscheinlicher geworden.

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