Jochen Horst

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Iserlohn. Eigentlich beginnt diese Geschichte ja schon im Foyer des „Stadt-Hotels”. Ich bin verabredet mit dem Schauspieler Jochen Horst. Wir wollen von dort aus in die Redaktion fahren, um ihn ins Licht zu setzen.

Die junge Dame am Empfang ruft auf seinem Zimmer an und meldet das Übliche: Dass da ein Herr von der Zeitung stehe, der auf Herrn Jochen Horst warte. Und was sie dem Herrn sagen solle? Sie stutzt einen kleinen Moment, legt die Stirn in Falten - und gibt dem Mann von der Zeitung den Hörer. Das sei nun dumm, sagt Jochen Horst, er habe unsere Verabredung, („Au, Mann!”) total vergessen. Aber er sagt nicht, dass man das nun nicht mehr ändern könne, und man ja vielleicht beim nächsten Mal . . . . Nein, er sagt: „Geben Sie mir 15 Minuten, dann komme ich runter!” Ich sage: „Kein Thema, gern!”

Nach nur neun Minuten geht die Fahrstuhltür auf, und es erscheint ein dem ersten Anschein nach prächtig gelaunter Jochen „Balko” Horst, sagt: „Freue mich, Sie zu sehen!” und fragt: „Nur noch einmal kurz zum Verständnis: Was machen wir jetzt?” Eine kurze Erklärung von mir und ein „Na, dann mal los!” von ihm. Und ein echtes Aufatmen bei dem „Mann von der Zeitung”, weil nämlich ganz viele Leute und vor allem mit Klatsch gestählte Insider vorher gewarnt hatten: „Ach herrje, so viel ich weiß, ist der Balko ganz schwierig!” Im Gutenbergzimmer. Vielleicht also zunächst mal lieber eine unverfängliche, eher zufällige Gesprächseröffnung: „Kann das sein, dass Sie in jüngster Zeit deutlich abgenommen haben?” Jochen Horst stutzt einen Moment, wittert in die Luft, denkt kurz nach und sagt knapp: „Kann sein. Das liegt aber an der Theatertournee. In vielen Städten ist das so, dass die Lokale geschlossen haben, wenn man am Nachmittag ankommt. Und wenn man abends von der Bühne kommt, haben sie schon wieder geschlossen. Da soll man wohl abnehmen.”

Okay, verstanden! Und jetzt blickt er so, wie er in den nächsten mehr als 90 Minuten noch ganz oft blicken wird. „Na? Und jetzt? Was will der Mann von mir?” Allerdings signalisieren seine Blicke auch, dass er in diesem Moment durchaus bereit ist, über Jochen Horst zu reden, über einen Mann Auskunft zu geben, den er vielleicht selbst nicht immer so abschließend durchblickt. Bei dem er sich allerdings entschlossen hat, einen unbekannt langen Weg zusammen mit ihm zu gehen.

Also weiter. Über die Jugend, die Eltern und die Familie zu sprechen, ist ein überaus holpriges Pflaster. Da kommen die Antworten nur im „Ja”-„Nein”-Rhythmus. Ein Rechtsanwalt - vermutlich in Jochen Horsts Geburtsstadt Osnabrück - ist der Vater wohl gewesen. Ist aber auch früh gestorben. Die Mutter lebt noch, aber der Kontakt hält sich allem Anschein nach eher in Grenzen. Ist sie wohl trotzdem stolz darauf, dass ihr Sohn heute so ein erfolgreicher Mann ist? „In meinem Alter ist das ja vielleicht nicht mehr ganz so wichtig, was die Mutter sagt.” Und dann gibt es da noch die Schwester, die in Berlin lebt - und auch in diesem Fall scheinen sich die familiären Verbindungen allerdings eher in Grenzen zu halten. Alles in allem kann Jochen Horst wohl aus der Erinnerung heraus über die angesprochene Zeit nur Wörter wie „spießig” und „bieder” finden. Und dann sagt er zum ersten Mal den Satz, der wahrscheinlich sein ganzes Leben wie keine andere Maxime geprägt hat: „Wissen Sie, ich habe sehr früh lernen müssen, für mich selbst zu entscheiden. Und ich wollte auch immer für mich selbst entscheiden! Nur ich, ganz allein!”

Erkenntnis am Rande: An diesem Abend wird Horst im Iserlohner Parktheater im Hesse Stück „Der Steppenwolf” die Hauptrolle spielen, und er sagt an diesem Nachmittag: „Das hat mich gefreut, dass man mir das angeboten hat. Dieses Spannungsverhältnis zwischen Mensch und Wolf. Das passt irgendwie schon ganz schön gut zu mir.”

Lieber aber erst einmal wieder weg vom meist ansteckend schwermütigen Herrmann Hesse. Noch einmal zurück zur Familie. Zum Großvater. „Der ist ausgewandert! Mein Vater hat das nicht geschafft.” Erklären soll und könnte das vermutlich die Unrast des Jochen Horst. Er legt größten Wert darauf, nur die ersten Kinderjahre in seiner Geburtsstadt Osnabrück verbracht zu haben. Danach sei es unter anderem nach Berlin gegangen. Und seine Schauspielausbildung hat er im östereichischen Graz gemacht. Übrigens mit „Summa cum laude” bestanden, was er vermutlich öffentlich nur unter Androhung von körperlicher Gewalt zugeben würde. Danach führt ihn seine berufliche Reise nach London. Wahrscheinlich überspringt man jetzt auch noch einige Stationen, wenn man erzählt, dass er dann wieder in Berlin lebte. Oder auch sonst wo.

Im Moment hat Jochen Horst jedenfalls seinen privaten Lebensmittelpunkt auf Mallorca. Dort lebt er abseits von den Schickimicki-Residenten mit seiner zweiten Ehefrau Tina und Sohnemann Chazz in weitgehender Unerkanntheit und freut sich, dass das so ist. Aber er freut sich auch, dass das nicht so bleiben muss. Theoretisch jedenfalls. Oder wahrscheinlich auch praktisch. Beim Fototermin kann er sich beim Blick auf die Weltkugel wahrlich viele „Lebens-Ziele” vorstellen.

Die erste Ehe mit Anouschka Renzi streifen wir nur der Vollständigkeit halber. Wer sich dafür wirklich interessiert, ist vermutlich durch die Boulevard-Blätter in den früheren Jahren ausreichend informiert worden. Ahnen kann man allerdings schon jetzt, dass Jochen Horst sich unter diesem gewaltigen, medialen Promi-Druck nicht wohl gefühlt hat. „Ich stehe nicht gern im Mittelpunkt”, sagt er und das klingt bei ihm nicht wie Understatement. Weil das nämlich vielleicht eigentlich auch gar nicht passen würde. Denn soeben hat er noch in einem anderen Zusammenhang erklärt, er sei als junger Mensch aus Überzeugung in der DKP gewesen, empfinde sich heute auch noch immer als „Linker”.

Je länger das Gespräch dauert, so komplizierter wird die Themenlage. Jochen Horst, der ja von sich selbst sagt, dass er eher zur Ernsthaftigkeit neige, hat in jüngster Vergangenheit auch mehrfach in fröhlichen Familien-Stücken seinen schauspielerischen Mann gestanden. Kann das sein, dass das dann wirklich für ihn große Ver- oder Darstellkunst war? „Da haben Sie Recht, das Fröhliche muss ich mir wirklich aufwändiger erarbeiten. So bin ich von Haus aus eigentlich nicht!”

Was aber wiederum nicht heißt, dass Jochen Horst nur der kalte Gefühls-Brocken ist. Wenn er mit schwimmender Stimme davon erzählt, wie sein Sohn darauf wartet, dass er wieder nach Hause kommt. Wie die beiden zusammen am Strand von Mallorca bis in die Nachbar-Hotelbucht klettern, „um nur mal zu gucken”, dann kann der nach außen abgeklärte Jochen Horst wohl selbst für Augenblicke wieder zum Kind werden. Vielleicht muss man dieser Stelle auch das Gesprächsstückchen einfügen, als Jochen Horst sagte, er sei an „langen Beziehungen sehr interessiert”. Nur kurz zuvor hatte er ziemlich leise zu Protokoll gegeben, dass er eigentlich keinen großen Freundeskreis habe. Wobei nicht ganz klar wurde, inwieweit das an seiner Einzelgänger-Art und seiner zumindest vordergründigen Unnahbarkeit liegen könnte. Und es wird auch nicht so ganz deutlich, ob ihn das nun wirklich stört oder im Grunde seines Herzens hoch zufrieden stimmt. Wechseln wir noch einmal das Thema: Spätestens seit „Balko” haben die Frauen einen verschärften Blick auf den großen Mann mit den (wohl inzwischen) etwas ausgedünnten Haaren geworfen. Fachblätter aller Couleur sprechen sogar davon, dass Jochen Horst ein echter „Womanizer” sei. Davon habe er auch gehört, sagt er. Und wenn jetzt in diesem Moment Frauen im Raum wären und miterleben könnten, wie die Horst-Augen für einen Moment blitzen und um den Mundwinkel so ein Wohlfühl-Lächeln zuckt, dann wüssten sie, dass ihr Interesse theoretisch auch auf fruchtbaren Boden fallen könnte. Aber eben nur theoretisch: „Ich liebe mein Frau!” Sagt Jochen Horst und fügt hinzu: „Und darum ist das Thema für mich auch nicht von Interesse!”

Wir könnten natürlich auch noch ein wenig über die Lebensplanung des 46-Jährigen sprechen. Angst vor Krankheiten? „Nein, weil ich nämlich nicht krank werde!” Auch gut! Und Angst vor Altersarmut? Da wird er wieder etwas ernster. Bis er Rente bekomme, sei die Rente vermutlich ohnehin nichts oder kaum noch was wert. Da müsse man schon sich selbst kümmern. Allerdings sei er ein sparsamer Mensch, der bescheiden leben würde.

Da sind wir also schon wieder bei so einem komplizierten Thema: Wie würde sich Jochen Horst entscheiden, wenn man ihm einen Rosamunde-Pilcher-Film anbieten würde und zeitgleich ein hintergründiges Charakterstück an einem namhaften Schauspielhaus? Da wird der hochdekorierte Künstler („Bester Newcomer des Jahres/Grimme Preis”) ganz pragmatisch: „Ich denke, ich würde Pilcher nehmen, denn das brächte mir und meiner Familie Geld für ein halbes Jahr. Und somit Freiheit!”

Möglicherweise wäre bei diesem Gespräch die Sonne unter- und wieder aufgegangen, wenn Jochen Horst sich nicht für die Vorstellung hätte vorbereiten müssen. „Ich kann nicht ins Theater rein und - wie andere - rauf auf die Bühne. Ich brauche immer eine gute Stunde, um mich in Stimmung und Konzentration zu bringen.” Das sei ihm gegönnt. Aber auch noch eine Abschlussfrage: Warum um alles in der Welt sah das bei „Balko” immer so aus, als ob dieser fast schlaksig-große Jochen Horst ein ziemlich kleiner Mann gewesen sei. „Das war eine optische Täuschung. Krapp war noch größer als ich.”

Und dann steigt er wieder in die Taxe. Aber bitte nach hinten. Da wird man nicht so einfach in ein Gespräch verwickelt. Von hinten aus kann man nämlich selber entscheiden, ob man reden möchte. Und worüber.

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