Porträt

Joe Bausch

Foto: Michael May/IKZ

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Er könne im Nachhinein – bei aller Bewunderung – bis heute wirklich nur darüber staunen, dass aus dem dermaßen verschüchterten Jungen ihrer gemeinsamen Schultage mal eine solche Rampensau werden würde. So stand es vor ein paar Wochen in einem Brief, den ein ehemaliger Mit-Gymnasiast an Joe Bausch geschrieben hat. An den Mann also, der mit vollständigem Namen eigentlich Hermann-Joseph Bausch-Hölterhoff heißt, als Knast-Doktor in Werl und Kölner „Tatort“-Mediziner Bekanntheit erlangt hat, der seit frühester Jugend offenbar schon ein unermüdlich Reisender zwischen den unterschiedlichsten Welten ist und der im Fernsehen gern mal den kurz angebundenen, nicht sonderlich auf Kontakt bedachten Präzisions-Knochen gibt, im fast richtigen Leben – also an einem Dienstagmittag im Gutenbergzimmer des Wichelhovenhauses – sich dann als spontaner Sympathie-Bolzen entpuppt. Mit wenigen Worten und großer Leichtigkeit baut dieser Mann eine fast selbstverständliche Nähe auf, dass man sogar aufpassen muss, sich nicht selbst bereits nach kurzer Gesprächsdauer zur Adoption freizugeben.

Joe Bausch mag offensichtlich klare Linien. Oben um den Kopf herum – und auch im wahren Leben. Er romantisiert nicht lange herum, wenn er über seine Jugend auf dem elterlichen Bauernhof spricht, obwohl man immer wieder raushören kann, dass ihn in seinem tiefsten Herzen auch so etwas wie unerschütterliche Leidenschaft für Trecker, Scholle und Kuhscheiße gepackt hat.

Das sei zwischen dem fünften und 15. Lebensjahr schließlich auch sein erster Beruf gewesen, sagt er. Er zeichnet das Bild von der bäuerlich-klassischen Drei-Generationen-Familie im Westerwald-Dorf Ellar, die zusammen geschuftet, manchmal in guten Zeiten ebenso gutes Geld verdient und manchmal eben auch bedröppelt in die leere Familien-Kasse geschaut hat. „Aber eben immer gemeinsam, das prägt.“ Bausch spricht über Veranwortung, die er als Fünfjähriger empfunden hat, als ihn der Vater nachts in den Schweinestall gesetzt hat mit dem Auftrag, darauf zu achten , „dass die Muttersau nicht ihre Ferkel totliegt“. Diese Verantwortung in jungen Jahren habe ihn auch später geprägt, vielleicht auch entscheidend seine berufliche Orientierung Richtung Medizin beeinflusst.

Joe Bausch hat noch einen jüngeren Bruder. Für den stand auch schon schnell fest, dass er den elterlichen Hof nicht würde übernehmen wollen. In seinem eigenem Fall kam die Initialzündung sogar vom Hausarzt der Familie. „Der kam noch zum Mittagessen zu uns auf den Hof, kannte unsere Familie in- und auswendig. Der hat wohl erkannt, dass ich ziemlich klug war und hat meinem Vater gesagt: ,Jupp, schick den Jungen aufs Gymnasium’.“

Der Vater folgt dem Rat. Vielleicht nicht mit Begeisterung, aber mit irgendwas zwischen Einsicht und Voraussicht. Er gibt dem Jungen aber auch noch mit auf den Weg: „Wenn Du auch nur einmal sitzen bleibst, bist Du wieder auf dem Hof!“ Bausch sagt heute: „Das war mir Warnung genug!“ Allerdings findet der Junge offensichtlich auch für sich eine Lösung, sich mit den unterschiedlichen Seiten der Situation zu arrangieren. Er kommt immer wieder zu den Eltern, arbeitet – wann immer es ihm möglich ist beziehungsweise er oder der Vater es für sinnhaft halten, ordentlich mit. Heute beschreibt er seinen Vater als durchaus souveränen Typen. Wieder mit einem – gefühlt – unterschwelligen Ton der Bewunderung in der Stimme. Er beschreibt ihn auch als durchaus autoritär, manchmal cholerisch, aber eben auch als ungeheuer fleißig und unantastbar ehrlich. Er findet es im Nachhinein noch höchst bemerkenswert, dass der alte Herr loslassen konnte, dass er tolerierte, dass es seinen Sohn nach Umpflügen des Ackers. Einbringen der Ernte oder Ausmisten der Stallungen im nächsten Moment umgehend nach Italien, Indien oder Persien zog. Er selbst habe ja immer nur mit der „Reisegesellschaft Adolf Hitler“ unterwegs sein dürfen, habe er immer gesagt. Zum Sohn aber sagte er: „Du kannst das heute eben anders machen. Das ist ja Dein Leben.“

Hat Joe Bausch seinem Vater, dem biederen Landmann, denn nicht auch mit dem frühen Ausbruch seiner Schauspieler- und Bühnenleidenschaft reichlich viel Verständnis abgerungen? „Anfangs hat er das natürlich gar nicht verstanden. Bei uns kannte man kein Theater. Wenn gefragt wurde, was ich genau machen würde, hat er immer gesagt: ‚Irgendwas mit der Augsburger Puppenkiste!’“

Joe Bausch, ein Mann wie eine Mittelleitplanke. Aber wir reden auch über Heimweh. Natürlich habe er Heimweh gehabt, sagt Joe Bausch und erzählt, wie er sich an den jeweils neuen Studienorten immer wieder dazu gezwungen habe, auf neue Menschen zuzugehen. „Wenn Du allein nach Paris oder auch Köln kommst, dann bist zunächst einmal einsam bis auf die Knochen, dann musst Du Dir etwas einfallen lassen, sonst gehst Du kaputt.“ Eine der Therapieformen sei da übrigens auch das Theaterspielen gewesen. „Da hast Du ja auch Ängste. Diese Angst, da jetzt rauszugehen und den fremden Leuten was vorzuspielen. Aber genau diese Angst kannst Du Dir dann wegspielen.“

Joe Bausch, der Ausprobierer? So könne man das sagen, stimmt er zu. Er gehöre schließlich zur „Generation Woodstock“. „Wir waren unterwegs, haben in Indien in uns reingehört und dabei eben auch noch die Welt kennen gelernt.“ Das sei etwas anderes gewesen, als die 68er-Bewegung: „Die wollten ja gar nicht so weit weg, die waren eben anders drauf als wir. Als wir kamen, hatten die meisten von denen ja schon einen Posten in der Gesellschaft.“ Am Rande: Erst die weiten Wege durch die Welt in jungen Jahren hätten es ihm möglich gemacht, bis heute hinter den Gefängnismauern zu arbeiten. „Das häst Du ja wirklich nur aus, wenn Du vorher Deinen Horizont gewaltig erweitert hast.“

Themenwechsel. Kommen wir also auf die diversen Studiengänge. Los gegangen ist es wohl ursächlich dereinst mit Politik, Theaterwisenschaften und Germanistik. Was aber alles irgendwie auch nicht das Richtige war. Gejobbt wird in der Zeit übrigens beim WDR. Es folgt schließlich eine sponatane Umorientierung in Richtung Jura. Vielleicht zum einen aus Interesse und wegen besserer Berufsaussichten, vielleicht aber eher auch als Liebe. Letztere ging allerdings – vielleicht auch gerade auch wieder deswegen – den Bach runter und das Juristerei-Studium fand ein willkürliches, aber am Ende auch glückliches Ende. Bausch war nämlich eigens zum Zweck der gemeinsamen Unterrichtung nach Marburg gezogen. Und hatte sich dort prompt unter den Edel-Studenten zu keiner Zeit wohlgefühlt: „Verstehen Sie? Zu schmal im Hirn, zu eng im Traum! Das war nichts für mich.“

Also widmet er sich mit ganzer Kraft ab sofort der Medizin. Das sei auch eigentlich immer seine zweite große Liebe gewesen, erzählt er. Schließlich habe er ja den Tierarzt auf dem elterlichen Hof immer ganz schön gut gefunden. Allerdings habe er auch schnell verstanden, dass es noch eine ansprechendere Form der Medizin geben müsste, als das Hantieren im nächtlichen Kuhstall „bis zu den Knien in der Scheiße“.

Und plötzlich ist das Gespräch auch wieder bei der Verantwortung von eben. Er fühle eben so einen unentwegten Spagat in sich, sagt Joe Bausch. Zwischen dem wissensdurstigen und lebenslustigen Ausprobieren auf der einen Seite und dem leidenschaftlichen Übernehmen von Verantwortung auf der anderen Seite. „Aus einer guten Erdung kannst Du dann natürlich auch einmal getrost losfliegen.“

Seit rund 26 Jahren ist er nun also im Hauptberuf Knast-Doktor, oder eben – exakter formuliert – auch Anstaltsarzt in der Justizvollzugsanstalt Werl. Inzwischen hat er es bis zur Dienstbezeichnung Leitender Regierungsmedizialdirektor gebracht. Und auch wenn es sich – mal nur bezogen auf die räumlichen Arbeitsbedingungen – um eine überaus in der Bewegungsfreiheit eingeschränkte Tätigkeit handelt, so ist der Doktor Bausch doch der festen Überzeugung, in einem hochgradig freien Beruf unterwegs zu sein. Ohne die Zwänge von Kassennärztlicher Vereinigung und Krankenkassen, aber dafür ausgestattet mit einem durchaus ansehnlichen Behandlungs- und Praxisetat. Umso mehr wundert es ihn, dass sich sein spezieller Berufsstand nicht unerheblich mit Nachwuchssorgen rumplagen muss.

Doch weg vom Grundsätzlichen. In Werl sitzt ja bekanntlich durchaus eine leistungsstarke Auswahl der Crème de la Crème der Tunichtgute. Hat der Doktor bei aller Burschikosheit und Souveränität im Auftreten da nicht auch manchmal etwas Angst, wenn sich die Tür zum Sprechzimmer öffnet? Bausch überlegt einen Moment, zeigt Verständnisn für die Frage, versucht dann eine abwägende Antwort: „Nee, Angst habe ich eigentlich nicht. Ich bin eher professionell wachsam. Wie alle in diesem Umfeld.“ Das Pendel zwischen „friedlich“ und „Todesangst“ könne nun mal jeden Moment umschlagen, davor könne man sich auch nur bedingt schützen. Bausch erinnert an die spektakuläre Geiselnahme in der Werler Haftanstalt, die 1992 zu Beginn seiner Karriere die Öffentlichkeit, aber auch die Einsatzkräfte in Atem gehalten hatte. Er selbst habe sich vor diesem Hintergrund die Entscheidung, in den Staatsdienst zu gehen, „also diesem Orden schlussendlich beizutreten“, auch nicht leicht gemacht. Aber schließlich habe er befunden, dass das besser sei, wenn mal tatsächlich was passiere. „Ich musste ja auch an die Absicherung meiner damals noch jungen Familie denken.“

Bausch versucht dasganz spezielle Arbeitsgefühl als Gefängnisarzt dann doch noch einmal zu beschreiben. Es seien ja wie in kaum einem anderen Beruf ständige Begegnungen, die von Misstrauen und Argwohn geprägt seien. „Und das mit einzelnen Personen zum Teil über viele Jahre. Immer wieder. Ein ständiger Wechsel zwischen Nähe und Distanz.“ Das sei auch noch wieder anders als in anderen Sicherheitsberufen, auch wenn die Männer und Frauen dort inzwischen mit immer neuen, spontanen Herausforderungen leben müssten: „Die Zeiten haben sich ja geändert. Wenn heute die Polizei zu einem Kindergeburtstag gerufen wird, müssen sie unter Umständen das SEK mitnehmen, weil sie sonst von durchgeknallten Eltern durch die Tür erschossen werden.“ Er will eigentlich wohl nur sagen, dass das aber immer noch eher ein Einzel-Vorfall bleibt, seine mögliche Bedrohung betritt hingegen mit jedem neuen Patienten – möglicherweise – den Raum.

Aber Joe Bausch sagt auch, dass es durchaus eine wenn auch langsame aber spürbare Verbesserung im Vollzug geben würde. Gefangene hätten zwar in Deutschland keine Lobby, doch würde nach Jahren der Zuchthaus-Paradigmen heute auf Resozislisierung mehr Wert gelegt: „Wir lernen, die Zeit besser zu nutzen, um die Menschen zu behandeln.“

Nun aber also noch einmal ein paar Minuten zur Schauspielerei, zweifelsfrei der wirklichen Geliebten des Joe Bausch, der er offensichtlich auch bis ins hohe Alter treu bleiben möchte. Auf der Bühne oder vor der Fernsehkamera könne er auch viel eher die Gefühle zeigen und ausleben, die in ihm steckten. Er sei nämlich bei aller Härte seiner gern präsentierten Schale durchaus ein „emotionaler Mann. Und je älter ich werde, desto mehr macht es mir Freude, das auch mal deutlicher zuzulassen“. Patienten würden sich ja für gewöhnlich für die Emotionen eines Arztes ohnehin nicht sonderlich intererssieren „Und bei mir schon mal gar nicht.“ Zu diesen Emotionen passt auch, dass Bausch, befragt nach seinen Ängsten, kurz leiser wird, für einen Moment aus dem Fenster schaut und dann er murmelt: „Angst? In erster Linie vor dem Verlust von Menschen, die mir lieb geworeden sind.“ Und etwas kerniger schiebt er dann noch nach: „Und ich habe übrigens auch Angst vor Menschen, die sagen, sie hätten 120 gute Freunde.“

Auch ein gewisses Grundmaß an Eitelkeit bei der Eigenpräsentation will Joe Bausch an diesem Mittag gar nicht abstreiten. Das sei heute vielleicht sogar ein bisschen ausgeprägter als früher. Womit wir also auch wieder beim äußeren Erscheinungsbild angekommen wären. Vor allem oben herum, bei der „Rübe“. Joe Bausch erzählt von einer Äußerung des Regisseurs Dominic Graf, der da vor Jahren sagte: „Joe, Du hast so eine Fresse, Dich lasse ich nur einmal durchs Bild gehen. Und eine Stunde später kommst Du noch mal und der Zuschauer weiß: Das ist der Mann!“

Schöner, irgendwie liebevoller, aber eben auch treffender kann man diesen Mann mit dem offenbar unerschütterlichen Menschenbild wahrscheinlich in diesem Leben auch gar nicht mehr beschreiben.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben