Porträt

Kolja Kleeberg

Foto: Josef Wronski/IKZ

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Okay, er heißt natürlich Kolja Kleeberg. Und das auch schon seit fast 50 Jahren. Wobei das eigentlich „in Echt“ gar nicht so richtig stimmt, denn geboren wurde er einst im Mai als Gerhard Nikolaus Kleeberg. Aber er könnte – und das ist schon mal die erste Erkenntnis dieses Nachmittags im Wichelhovenhaus – auch ebenso gut „Yin und Yang“ heißen. Immer wenn man glaubt, das durchaus muntere Gespräch habe gerade eine bestimmte Richtung eingeschlagen, geht es auch schon woanders hin. Kleeberg ist für einen kleinen Moment oberlustig, freut sich bübisch über einen flotten Scherz am Rande, um im nächsten Moment gedankenverloren in der Kaffeetasse zu rühren und dann mit einem langen Anlauf eine kurze Antwort zu geben. Oder eben auch mal einen Moment lang gar nichts zu sagen. Bis dann zum soundsovielten Mal das Telefon klimpert. Kolja Kleeberg scheint auf eine spannende Art gespalten.

Manchmal hat man das Gefühl, die Geschichten aus dem Leben des Mannes seien von ihm schon unendlich oft aufgesagt worden. Er erzählt mache Dinge fürchterlich genau. Jedenfalls um hochgradige Genauigkeit bemüht. War das jetzt Ostern? Oder doch eher Pfingsten, als er mit seiner Mutter in Las Vegas den ersten Spielfilm mit Werbeunterbrechung für eine amerikanische Zahnpasta-Firma gesehen hat. Auf jeden Fall war es nächtens, und der Film hieß „Lawrence von Arabien“. Und er selbst war 14. Oder doch schon 15? Aber wahrscheinlich war es doch eher Pfingsten. Ostern war er nämlich in Kenia.

Reden wir also über die Eltern. „Mein Vater hat Jura studiert, war unter anderem wissenschaftlicher Direktor an der Bundeswehr-Akademie Mannheim.“ Die Mutter war Lehrerin, offenbar so eine pädagogische 60er-Jahre-Allround-Waffe mit einem beachtlichen Fächer-Kanon. Warum sich die Eltern getrennt haben, wird heute kein Thema sein. Der Junge lebt auf jeden Fall bei seiner Mutter, begleitet sie auf Reisen und wächst – offenbar nicht nur deshalb – durchaus behütet und sorgenfrei auf. Natürlich kommen wir bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf Essen und Kochen zu sprechen. Wo liegen die Grundsteine für das, was Kolja Kleeberg heute denkt und macht? Also reden wir jetzt über den „Hommen“, ein Lokal im Heimatort Güls bei Koblenz. Kleeberg schwärmt von den Besucherscharen, die das Moseldorf damals angelockt hat. „Hommen“ war Kneipe und Tanzpalast. Und beherbergte außerdem noch das Feinschmeckerlokal „Sancho Pansa“. „Verstehst Du, da gab es Schweinelendchen im Speckmantel mit Grilltomate.“ Über diese kulinarische Zeitgeist-Sensation der späten 60er-Jahre macht er sich in diesem Moment nicht lustig. Er schnalzt vielmehr mit der Zunge und schluckt leicht.

Das wird er an diesem Nachmittag übrigens noch des Öfteren tun, wenn er von Dingen erzählt, die er lecker findet. Steckrüben-Püree mit einem ordentlichen Stück Speck reingekocht. Oder insbesondere bei paniertem Kotelett. Oder bei einer Kaninchenkeule mit einer dicken klassischen Schokoladensoße. Keine Frage, Kolja Kleeberg kann mit Worten Bilder und vor allem Essen malen. Und seine Worte schmecken auch nach was.

Zurück zum „Hommen“. Dort ging es mit der Mutter offenbar oft hin, weil sie keine Lust hatte, nach dem Schuldienst auch noch den Kochlöffel zu schwingen. Irgendwann habe er allerdings keinen Bock mehr auf das Restaurant-Essen gehabt und erste Ansätze entwickelt, sich dem Thema „Kochen“ in irgendeiner Form zu nähern. Offenbar auch mit einer besonderen Form von Wissensdurst. Ob man Kartoffelbrei auch anders herstellen könne, als aus den bunten Tüten, wollte er zum Beispiel von seiner Mutter wissen. Jetzt wird auch mal eben das Scherzchen eingeschoben, dass ja damals auf den Püree-Tüten immer als „Tipp“ gestanden hätte, man solle das Gemisch mit „einem Stich gute Butter“ verfeinern. Kleeberg tadelt das nicht, kann sich aber darüber durchaus auch 40 Jahre danach noch beömmeln.

War denn so ein Interesse am Kochen für einen Jungen damals normal? Eher nicht, sagt Kleeberg, aber er sei da eben auch schon immer etwas anders gepolt gewesen. Wenn sich beim Italiener die Kumpels selbstverständlich eine Pizza bestellt hätten, hätte er sich eben für Artischocken als Vorspeise und Saltimbocca als Hauptgericht entschieden. Und als ein anderer Schulfreund der guten Küche und Köche wegen zum Essen ins Elsass fahren wollte, hätten ihn die anderen Schulkameraden nur mit blutleeren Augen verständnislos angesehen. „Ich war natürlich sofort dabei.“

Der junge Kolja Kleeberg ist allerdings zunächst auch mächtig schüchtern. „Ich war immer in die Mädchen verliebt, die nicht in mich verliebt waren. Und die, die in mich verliebt waren, habe ich nicht bemerkt. Ich habe mir da ziemlich viel selbst vergeigt“. Er erzählt auch, dass der Religionslehrer und der Musiklehrer früh auf ihn aufmerksam wurden. Vermutlich wegen der kräftigen, einprägsamen Stimme. Der eine wollte, dass ich in der Kirche was vortrage, der andere wollte mich im Chor haben. Aber damals war ich irgendwie noch nicht so weit.“

Warum sich jemand, der sich selbst als hochgradig schüchtern bezeichnet, dann doch schon in jungen Jahren zum Theater hingezogen fühlt, lässt sich vielleicht auch am ehesten mit Yin und Yang erklären. Vielleicht aber auch, dass Kleeberg früh gemerkt haben muss, dass er durchaus Gefallen an positiven Rückmeldungen auf seine Leistung hat, ein „gutes Feedback“ eben. „Anfangs habe ich ja immer gedacht, ich wäre Koch geworden, weil ich Spaß am Kochen habe. Vermutlich ist es aber eher so, dass ich einfach gern Gäste habe, in deren Mitte ich mich dann so richtig wohlfühlen kann.“ Kolja Kleeberg, der Menschenfreund also, der die Nähe und Wärme sucht. Später wird er einmal kurz und leise sagen: „Weihnachten hat meine Mutter sich immer fürchterlich viel Arbeit gemacht, aber Weihnachten zu Zweit ist einfach nur Mist.“ Später sprechen wir auch noch darüber wie es ist, Kolja Kleeberg als Freund zu haben. Ein treuer Freund? „Wenn ich daran denke, dann ‚ja’. Aber ich bin auch ein furchtbarer Schussel. Man sollte also meine Wertschätzung für jemanden nicht daran messen, wie oft ich etwas für ihn tue. Mit meinem besten Freund Harry habe ich schon mal anderthalb Jahre keinen Kontakt gehabt – und dann war es plötzlich, als wäre da nie eine Lücke gewesen.“

Zurück zum Theater. Kleeberg nimmt bereits in seiner schulischen Freizeit Schauspielunterricht, spielt bei Laienbühnen mit und bekommt schließlich nach seinem Abitur über Vermittlung einen Job als Regieassistent, wird später sogar Inspizient. Aber irgendwie ist es das am Ende dann doch noch nicht. Vielleicht waren es ja auch die Gene. Er erzählt die Geschichte von dem Ur-Ur-Ur-Großonkel Max Marzahn, dessen Gesellenbrief zum Koch aus dem Jahre 1897 überliefert ist und „der aus seiner Familie heraus auch nicht Schauspieler werden durfte. Also ich hätte ja gedurft, aber irgendwie ist das schon komisch, oder?“

Seine eigene gastronomische Karriere hebt an im „Le Marron“ in Bonn und führt nach Zwischenstationen schließlich nach Berlin, wo er 1997 im neu eröffneten Edellokal VAU an den Herd gebeten wird. Zunächst als Angestellter, dann seit 2002 als Inhaber. Kleine Zwischenbemerkung am Rande: Fast 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat Kleeberg heute auf der Lohnliste. Guter Küchenruf mit Stern-Auszeichnung und vielleicht auch die über zehn Jahre währende Fernsehpräsenz lassen den Laden offensichtlich brummen. Wobei das Gros der Besucher gar nicht aus Berlin stammt, sondern sich eher aus aller Herren Länder und Bundesländer rekrutiert.

Warum die Rede jetzt plötzlich auf die Molekularküche kommt, ist im Nachhinein auch nicht mehr zu klären. Wir reden von Kleebergs Besuchen bei einem spanischen Großmeister, von seinen ersten Kontakten zu hochgradig „platt gehauenen Hühnerfüßen“, die wie Chips daherkamen und unendlich lecker waren. Oder von der Gurkensuppe mit eigens für den Künstler gezüchteten, einen Zentimeter großen Mini-Gurken. Oder von der Consommé mit dem Gänseleberstaub an der Tasse. „Anfangs fand ich das ja gewaltig, aber ich war dann später doch froh, wenn als Hauptgang die handfeste, geschmorte Kaninchenkeule auf den Tisch kam.“

Später am Abend, wenn Kolja Kleeberg mit zwei Mitarbeitern in der Schwerter Rohrmeisterei ein erlesenes Fünf-Gang-Menü auf den Tisch zaubert, dann wird er bei aller Ausgefallenheit und Exotik der Zutaten und bei aller Raffinesse und Verwegenheit ihrer Zubereitung immer wieder der grundsoliden Deftigkeit und Gradlinigkeit deutscher Küche das Wort reden. Aber auch schon jetzt schwärmt er von der Vielseitigkeit des Gemüseangebotes, das allein schon wegen der unterschiedlichen Jahreszeiten so viele Variationsmöglichkeiten bereithält. Gern auch mit Fleisch, aber in erster Linie eben mit Kohlrabi, Steckrübe oder Kohl. Es folgt ein kurzer Schwenk zum Thema „Bio“. „Grundsätzlich in Ordnung, aber Bio heißt ja eben noch nicht, dass man sich auch automatisch gesund ernährt. Wer den Bio-Kohlrabi zwei Stunden kocht, tut nichts fürs seine Gesundheit.“

Noch ein schnelles Wort zu den Preisen für deutsches Essen? Den Erfindern von „Geiz ist geil“ gehöre mit der Peitsche der nackte Hintern verhauen, sagt Kolja Kleeberg. Sie hätten mit ihrer Erfindung das Konsumklima in Deutschland „nachhaltig versaut“. Und der Mann vom Fach behauptet, dass man in Deutschland im europäischen Vergleich mit Abstand am günstigsten gut essen könne. „Was bei mir vielleicht 120 Euro kostet – was ja auch schon viel Geld ist – bekommst Du in Paris oder Madrid nicht für 250 Euro.“

Noch mal wieder eine Themen-Wendung: Der Fernsehkoch Kolja Kleeberg und seine Fans. Die TV-Anfänge liegen ja schon gut zehn, zwölf Jahre zurück. Eher zufällig wurde er damals von Fernsehleuten, die in seinem Lokal als Gäste verkehrten, entdeckt. Es steht zu vermuten, dass damit für Kleeberg aber auch endlich (!?) ein Weg geebnet wurde, den er irgendwie selbst schon im Herzen getragen hatte. Ein Weg, der ihn bei aller Erdung auf eine noch größere, noch höhere Bühne führen sollte. Dass er heute immer wieder auch zur Gitarre greift, um zwischen den Gängen für seine Gäste mal kurz aber heftig abzurocken und dabei das Gespräch mit sich gleich mitmoderiert, spricht doch nur dafür, wie viel Spaß und Wärme für Kleeberg von so einem Rampenlicht ausgehen kann.

Liegt’s am Ende am Sternzeichen? „Pass auf, das ist eine etwas eigenartige Geschichte. Ich bin ja im Mai geboren. Und ich bin auch wirklich ein „Stier as Stier can. Ich habe durchaus bacchantische Neigungen, habe ein gewisses existenzielles Sicherheitsbedürfnis und eben den Wunsch nach Geborgenheit. Alles das, obwohl ich allerdings in der Realität ein Sechs-Monats-Kind bin. Drei Monate nach Stier geplant. Auch wieder komisch, oder?“ Nicht wirklich, wenn man inzwischen die Yin und Yang-Theorie bei diesem Mann begriffen und verinnerlicht hat.

Es bleiben noch viele Themen, aber nicht mehr viel Zeit. Kleeberg wibbelt auf dem Stuhl. Wohl nicht aus Eile, sondern eher aus Rastlosigkeit. Nimmt er sich selbst ernst? „Eigentlich eher nicht“, sagt er, „aber wahrscheinlich tut es mir weh, wenn jemand mich nicht ernst nimmt.“ Vermutlich auch deshalb, weil er die Menschen doch selbst ernst nimmt. Weil er ihnen ja nahe sein will. Vielleicht sogar helfen will. Sein zum Jahresende erscheinendes Buch wird deshalb auch heißen „Frag den Kolja!“

Also auf zur letzten Frage für heute: An welchem Essen hat sich Kolja Kleeberg zuletzt selbst hochgradig erfreut? Die Antwort kommt aus der Pistole: „Steinbutt mit Bratkartoffeln in Hamburg. Das war ungeheuerlich.“ Jetzt muss er wieder heftigst schlucken und man merkt, dass das so ein Gericht war, wie er sich Kochen nun mal vorstellt: „Essen muss glücklich machen, muss Hormone ausschütten. Die meisten Menschen denken ja immer, dass ich abends, wenn ich nach Hause komme, noch eine Wachtel in die Pfanne haue. Alles Quatsch, weißt Du, wie lecker und sinnlich ein Butterbrot sein kann?“

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