Porträt

Leonard Lansink

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In der Frage seines Aufwuchs-Ortes habe er ja inzwischen klare Anweisungen bekommen. Von wem auch immer. „Ich soll nicht immer Gelsenkirchen sagen, sondern Rotthausen.“ Weil er da schließlich bei „Omma und Oppa in Rotthausen“ seine Kindheit und Jugend verbracht hat. Leichtes, unverbindliches Einstiegs-Gesprächs-Geplänkel mit Schauspieler Leonard Lansink? Von wegen. Das ist schon mittendrin im Versuch, über diesen Mann mehr rauszufinden, als die Rolle „Wilsberg“ den Zuschauer vielleicht ahnen lässt. Weil ja viele vermutlich grundsätzlich der festen Überzeugung sind, dass dieser Lansink eben auch den ganzen Tag so ist wie dieser Wilsberg. Knuddelbär, ein bisschen faule Socke, Hang zur Gerechtigkeit, Lebenskünstler, trauriger Clown mit Pechgarantie und trotzdem kleinen Glücksmomenten. Und sogar mit gelegentlichen Rest-Hormonschüben. Alles Attribute, die vermutlich in Teilen in beiden Männern in Fiktion und Realität so auch verankert sind und gelegentlich und in unterschiedlicher Intensität aufblitzen. Vielleicht weiß man ja später mehr.

Zurück also noch einmal in die Kindheit. Geburtsort ist Hamm. Das Jahr ist 1956. Im Januar. Soviel steht mal fest. Schon bei Vater und Mutter fängt die Sache allerdings an problematisch zu werden. Dass es irgendwie einen Vater gegeben haben muss, ist auch Leonard Lansink klar. Nur - er kennt ihn nicht. Das behauptet in leicht abgeschwächter Form im Nachhinein übrigens auch seine Mutter von sich. „Weiß der Geier, was da los war“, murmelt Leonard Lansink, „sie sagt, sie könne sich nicht erinnern. Vielleicht waren es einfach zu viele Männer in der Zeit. Oder er ist zu schnell wieder gegangen.“ Und? Im Stammbuch der Familie gab es auch keinen Eintrag mit einem Vater-Hinweis? „Wie sind Sie denn drauf?“ lautet die Gegenfrage. „Da habe ich natürlich inzwischen auch nachgesehen. Sonst wäre ich ja wohl als Detektiv eine Niete.“ Was er weiß ist, dass er noch zwei Halbgeschwister hat. „Aber wir sind immerhin von drei verschiedenen Vätern.“ Gibt es denn inzwischen einen Kontakt zur Mutter? Leonard Lansink murmelt und grummelt ein bisschen vor sich hin und sagt schließlich: „Ja, gibt es, aber nix Dolles oder Regelmäßiges. Im Prinzip ist das ja eine fremde Frau für mich.“ Und der Zufalls-Sohn macht im Moment auch nicht den Eindruck, als wolle er mit aller Kraft da was ändern.

Nun also stattdessen weiter zu „Omma und Oppa“. Oppa war Schlachter. Lansink legt Wert auf diese Berufsbezeichnung, weil sein Oppa vermutlich noch etwas kerniger war als ein vornehmer Metzger mit Laden und weißer Schürze. Allerdings hat Lansink auch erzählt, dass Oppa ihn zum Lesen von Karl-May-Büchern gebracht hätte, „weil das auch die einzigen Bücher im Haus waren“. Immerhin.

Und Omma war Hausfrau und ist „nur hinterher ein bissken putzen gegangen, als ich zum Gymnasium wollte“. Ansonsten „war ich mit Oppa der einzige Kerl im Haus“. Eigentlich hört sich das Ganze nach leichter Ruhrgebiets-Romantik und einer – zumindest für Leonard Lansink – weitgehend stressfreien Kindheit an. Doch die nächsten tiefen Einschnitte erfolgen, als der Junge 15 und 16 Jahre alt ist, mit dem rasch aufeinander folgenden Tod der Großeltern. Lansink lernt im unmittelbaren Umfeld die „Demenz“ kennen und mit ihr leben. „Obwohl es diese blöde Krankheit zu der Zeit in Wirklichkeit noch ja noch gar nicht gab. Sie war nämlich noch gar nicht erfunden.“ Das ist jetzt übrigens wieder so ein Spezialmoment. Natürlich wirkt das Gesagte im ersten Augenblick auf eine Art wie ein „Spässken!“, auf die andere Weise bleiben einem aber bei dieser Art von Lansink-Spässken auch manchmal die Lacher im Hals stecken. Was der Mann bei häufig gesenktem Kopf und dauerndem Spiel mit der Zigaretten-Packung und dem Feuerzeug auch aus den Augenwinkeln mit einer besonderen Form von Genugtuung dennoch unaufhörlich zu beobachten scheint.

Leonard Lansink ist also plötzlich so etwas wie vierfacher Waise, zieht zu seinem Französisch-Lehrer, weil „er den eigentlich ganz gut findet damals“. Aber schnell stellt er fest, dass so viele Nähe über den ganzen Tag verteilt zu einem Französischlehrer auch nicht das Maß aller Dinge ist. Er hat in Essen-Bredeney eine Mini-Souterrain-Wohnung. Auf den Hinweis, dass Bredeney aber nun durchaus vornehm zu bewerten sei, kommt die prompte wie präzise ausformulierte Antwort: „Da haben Sie natürlich recht, dass das eine gute Adresse ist, aber auch in Bredeney ist Souterrain scheiße.“

Irgendwann später folgen auch noch Zivi-Jahre in einem Blindenheim. Die sind wahrscheinlich irgendwie wichtig. Noch wichtiger sind aber vermutlich die Jahre mit der sechs Jahre älteren Französin, mit er nächtens immer Leonard Cohen gehört und vermutlich noch ganz andere Dinge gemacht hat. Bei der Frage, warum sich eine 21-jährige Französin wohl für einen 15-Jährigen aus Bredeney interessiert, schnalzt er nur mit der Zunge: „Ich war damals eigentlich schon alt. Jung war ich nur bis 14, dann war ich alt.“ Seine Ausbildungszeit auf dem Gebiet habe er schließlich auch schon hinter sich gehabt: „Sie wissen ja, das war die Zeit, wo das Bahnhofskino noch der wichtigste Ort deutscher Sexualaufklärung war“.

Irgendwie - und vermutlich sinnvoller Weise noch vor der Zivi-Geschichte - einzubauen ist an dieser Stelle allerdings auch noch das Abitur am bischöflichen Gymnasium in Essen, wo es vor allem in Deutsch und Religion prima klappte. Und beim Spielen der Querflöte, was sich im Nachhinein vielleicht so anhört, als passe es ins etwas schräge Lansink-Bild, aber auf seine Art vermutlich richtig von Herzen betrieben wurde, weil es eine wie auch immer geartete kreative Aktivität war. „Und es gab schließlich Jethro Tull damals!“

Mit der Freundin geht es irgendwann dann doch den Bach runter, weil sie nach Australien will, um die Weite zu suchen. Lansink ist aber eigentlich ganz zufrieden hier und geht lieber nach München, hat zu dem Zeitpunkt auch schon im Ruhrgebiet eine eigene Schauspiel-Truppe und spielt auf Teufel komm raus alles, was ihm vor die darstellerische Flinte kommt. In München kommt dann das nächste Ereignis mit Schicksals-Charakter. Irgendwann lernt er dort nämlich Ottfried Fischer kennen und sagt: „Zu dem Zeitpunkt war das so, dass, wenn du den Ottfried kanntest, kanntest du alle!“ Vermutlich durch seine Vermittlung wird Lansink bei der Bavaria in einem „Tatort“ mit Götz George angeheuert. „Die brauchten damals ein paar Leute, die Ruhrgebiet konnten.“ „Die Rechnung ohne Wirt“ habe das Werk geheißen und er sei der Wirt gewesen und „hatte ja von der ganzen Filmerei keine Ahnung“. Aber er habe eben auch verschärft Blut geleckt in dieser Zeit.

Wo an dieser Stelle jetzt noch das damals tatsächlich begonnene Medizin-Studium einzuordnen ist, mag im Moment mal dahingestellt bleiben. Hat denn damals sein Numerus clausus überhaupt für Medizin gereicht? „’türlich. Rechnen Sie mal nach. Ich war doch so ein sozialer Härtefall. Das Abi war eher Mist, aber es hat schon gereicht.“ Rechnerisch vielleicht, für die wirkliche Begeisterung aber wohl nicht.

Fakt ist, der Uni-Hörsaal wird nach einiger Zeit aus tiefer Überzeugung gegen die Proberäume der Essener Folkwang-Schule eingetauscht. „Das war toll und hart. Die haben mich dann nach Wuppertal vermittelt und es begann eine irre Zeit, weil wir eine Tournee für das Goethe-Institut durch ganz Europa machten - und da habe ich immer gesagt, dass ich das auch so machen wollte. Rumziehen und Theater spielen.“

Also tut sich Lansink wieder mit einer „Gruppe von Verzweifelten“ zusammen und gründet sein „Mobiles Einsatz-Theater“, spielt überall, wo man spielen kann: „Wir brauchten einen Platz für die Bühne und eine Tür. Manchmal spielten wir richtig für Eintritt und manchmal anschließend mit Hut in der Hand“. Aber es kommen auch Überraschungsangebote. Zum Beispiel für den Junge-Leute-Nackedei-Schabernack „Eis am Stil - Verliebte Jungs“, den man heute inzwischen vermutlich sogar am Totensonntag ausstrahlen könnte, ohne ernsthaft Ärger zu bekommen und mit dem Leonard Lansink auch im Rückblick so gar keine Probleme hat. „Ich fand das in Ordnung damals. Ich war gerade mal wieder am Rande einer Räumungsklage und bekam 3000 Dollar und vier Wochen Tel Aviv angeboten. Außerdem war ich auch nicht der, der auf Andrea Rau rumhampeln musste.“

Aber – Lansink macht eben auch tolle Filme, zeigt Leistungen, die in der Branche und vom Publikum bemerkt und gewürdigt werden. Zum Beispiel „Nur für eine Nacht“. Dafür bekommt er 1997 in Baden-Baden einen Film-Preis aus der Hand von Hannelore Elsner mit einer geschrieben Laudatio von Helmut Karasek. „Da stand ich da oben auf der Bühne und habe gedacht: Wenn die das alle sogar gut finden, was Du machst, dann es kann ja so schlecht auch gar nicht sein.“

So langsam bekommt übrigens das Gespräch eine „atmosphärisch“ ungewöhnliche Wendung. Etwas übertrieben könnte man sagen: Man hört Lansink noch, man sieht ihn aber nur noch schemenhaft. Was vermutlich die Schuld von Oppa ist, denn der hat ihn damals zum Rauchen gebracht. Oppa rauchte Attika und Juno. Das „Gestoche“ überrascht eigentlich, denn Lansink soll schließlich bereits einmal ernsthaft an Krebs erkrankt sein. „Das haben sie richtig gehört“, sagt er dann auch und verweist auf überstandenen Krebs in den Lymphdrüsen, versucht auch nicht, die mächtige Narbe am Hals zu verstecken. Eigentlich sei er schon ziemlich von der Rolle damals gewesen, aber dann habe der damalige Mann seiner Agentin gesagt: „Eins musst Du wissen: Krebs hat mit Sterben erst einmal nichts zu tun.“ Von eben diesem Moment an habe er den Kampf dann auch angenommen. Aber jetzt wird es allerdings für einen Moment etwas Lansink’haft gediegen-logisch: Um an so einem Lymphdrüsen-Krebs zu erkranken, bräuchte es allerdings schon mal im Wesentlichen eine gewisse genetische Prägung. Und Rauchen zähle da also nicht so den spezifischen Risikofaktoren. „Somit fühlte und fühle ich mich nicht schuldig. Und rauche weiter.“ Gute Gelegenheit schon mal vorab kurz auf den Tod zu sprechen zu kommen. Wie möchte Leonard Lansink begraben werden? Er denkt kurz nach, sagt dann: „Ehrlich gesagt, am liebsten nie und nirgends. Aber, im Grunde genommen können Sie auch schreiben: Auf dem Komposthaufen.“

Wäre ja zweifelsohne schon ein Mords-Schluss für diesen Text, aber einiges ist noch nicht gefragt. Zum Beispiel: Hätten Sie vor dem Hintergrund Ihrer eigenen Kindheit nicht den Wunsch, eigene Nachfahren zu bekommen und diese dann vielleicht auf einem anderen Weg ins Leben zu schicken? „Sie meinen ‚ich’ als Vater? Nö, ich hatte noch niemals das wirkliche Bedürfnis etwas in dieser Richtung zu produzieren.“

Wo wir aber gerade beim Thema sind: In „Wilsberg“ beißt sich die Kommissarin, „die ihn, glaube ich, irgendwie wirklich liebt“, die Zähne aus. Und privat? Lansink und die Liebe? Es gebe da schon seit anderthalb Jahren jemanden, sagt er. Wieder eine Spur leiser. Vielleicht würde das demnächst … Aus Münster sei sie. Eine Juristin. Und da es nicht noch kürzere Sätze gibt, bietet sich ein nochmaliger Themenwechsel an.

Für die SPD war Leonard Lansink 1995 richtig aktiv im Wahlkampf. „Eigentlich wollte ich nur wie jeder normal denkende Mensch mithelfen, Stoiber zu verhindern.“ Und in der Bundesversammlung war er für die Sozialdemokraten auch, aber das mit „Frau Schwan“ habe ja nicht geklappt. Jetzt schaut er wieder für einen Moment so, wie einer schaut, der denkt, wenn’s nicht läuft, läuft’s eben auch nicht. So wie bei dem Fuß, den er sich im Pferdesattel beziehungsweise im Steigbügel verdreht hat und der nicht richtig behandelt wurde und heute immer wieder für Humpel-Attacken führt. Was Leonard Lansink wiederum mit großem Gleichmut und einem kräftigen Zug aus der Zigarette zu ertragen scheint.

Wie vieles im Leben. Worüber er sich vermutlich so seine Gedanken macht. Gedanken, die er aber wahrscheinlich höchst selten zum Vortrage bringt. Und wenn dann in einer ganz besonderen Art und Weise. Wie er sich dabei selbst charakterisieren würde? „Ich bin vermutlich ein Zyniker. Wie alle enttäuschten Optimisten!“

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