Porträt

Les Holroyd

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Manchmal ist es wirklich nicht schlecht, selbst einmal mit den Menschen zu sprechen - vor allem wenn es sich um lebende Legenden handelt, und die Geschichten, die man sich über sie erzählt, tatsächlich aus dem Reich der Legenden stammen.

Über den Band-Namen „Barclay James Harvest” kann man beispielsweise überall im Internet nachlesen, dass die einzelnen Bandmitglieder bei der Gründung vor mehr als 40 Jahren wohlklingende Worte auf kleine Kärtchen geschrieben haben, und dann der Name irgendwie im Losverfahren zusammengepuzzelt wurde.

Nun war Les Holroyd, Gründungsmitglied und Stimme von „Barclay James Harvest”, vor Kurzem im Wichelhovenhaus. Und an der Frage nach der „Puzzle-Teilchen-Legende”, und welche Stücke davon denn von ihm stammten, führte natürlich kein Weg vorbei. Statt einer Antwort entgegnete er aber mit einem kopfschüttelnden Lächeln und einem „Alles Quatsch”. „Wir wollten einfach nicht so einen kurzen, typisch englischen Namen, wie ,The Who', ,The Kinks' oder so ähnlich. Wir fanden die längeren amerikanischen Band-Namen wie ,Jeffersen Airplane" oder ,Buffalo Springfield' einfach schöner und wollten eine englische Version davon. Da wir auf dem Land in einer Farm geprobt haben, war ,Harvest' (Ernte) schon vorgegeben und irgendwie wurde eben ,Barclay James Harvest' daraus.” Soviel zu den Legenden, die man sich so erzählt.

Stattgefunden hat das Ganze Mitte der 60er Jahre in Nordwest-England. Zusammen mit John Lees, Stuart „Woolly” Wolstenholme und Mel Pritchard hatte Holroyd ein Quartett gebildet, das die einmalige Chance, sich auf Kosten ihres Managers auf einer Farm zum Songschreiben zu verbarrikadieren, nutzte und über mehrere Jahrzehnte weltweite Erfolge feierte.

Die ganze Band-Geschichte nachzuerzählen, und vor allem die Wirren um die Trennungen, Reunions und heute parallel laufenden „Barclay James Harvest”-Projekte aufzudröseln, würde hier den Rahmen sprengen. In aller Kürze lässt sich aber sagen, dass Les Holroyd, 1948 geboren, zu genau der Generation gehört, die Mitte bis Ende der 50er Jahre wie der Schlag von Elvis und dem amerikanischen Rock'n'Roll getroffen wurde und diesen anfangs noch einfachen, rüden und ungeschliffenen Musikstil Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre zu einer höheren Kunstform erhoben hat. „Barcley James Harvest” kommt dabei der orchestrale Part zu. Schon 1971 ging die Band mit einem riesigen Orchester auf Tour, was damals in der Form sonst nur „Procul Harum” oder Keith Emerson taten. Mit Titeln wie „Life Is For Living” oder „Hymn” hat Holroyd der Menschheit einige der größten Ohrwürmer überhaupt geschenkt. Und auch mit den großen Open-Air-Konzerten vor dem Berliner Reichstag in den 80er-Jahren hat die Band Musikgeschichte geschrieben.

Gleichzeitig war sie natürlich Teil dieser sagenumwobenen Szene der 60er-Jahre und hat all die anderen Giganten der Rockgeschichte kennengelernt. „Wir haben unsere Platten an der Abbey Road in demselben Studio wie die Beatles aufgenommen. Wir haben abends und nachts gearbeitet, die Beatles tagsüber, und dazwischen haben wir uns getroffen.”

Man könnte bei Les Holroyd also mit Fug und Recht von einer richtigen Rock'n'Roll-Legende sprechen, wenn er nicht ganz anders wäre, als man sich einen solchen Mega-Rock-Star vorstellt. Der 61-jährige Mann, der da mit der leicht ergrauten Mähne sitzt und seinen feinen und leisen Humor verströmt, ist die Sanftmut und Zurückhaltung in Person. Was ihn, diesen ruhigen und friedfertigen Menschen, auf die Palme bringt? „Unzuverlässigkeit. In unserem Geschäft ist Professionalität das allerwichtigste und es macht mich krank, bei der Arbeit Zeit zu verschwenden.” Klingt auch nicht gerade nach „Sex and Drugs and Rock'n'Roll”. Apropos: Wie viele Hotelzimmer wurden in den wilden 60ern zerlegt? „Kein einziges. Wir waren gar nicht so wild.” Schluck.

Bevor man nun aber vollkommen desillusioniert ist, erzählt Holroyd eine Geschichte, die in der Tat viel besser zu ihm passt und die auch weitaus sympathischer klingt als wilde Drogen-Exzesse. Einmal saß die Band nämlich samt Technikern und Roadies einige Tage in einem Münchener Hotel fest, und es breitete sich große Langeweile unter der Mannschaft aus. Statt nun das Hotelzimmer zu zerlegen, machten sie sich mithilfe des KnowHows der Techniker daran, heimlich alle drei Aufzüge zu frisieren. Drückte man nun auf Etage fünf kam man in drei heraus und so weiter. Dann machten sie es sich in der Lobby bequem, um sich das Chaos anzuschauen. Besonders gut ist ein sturzbetrunkener Hotelgast in Erinnerung geblieben, der erst mehrmals verzweifelt durch das Hotel geirrt ist, um dann in der Vermutung, der Irrtum läge an seinem Zustand, schnellstens in die Kneipe zurückzukehren.

Ansonsten sind es vor allem drei Dinge, die an Les Holroyd erstaunen. Zum einen ist da seine Heimatverbundenheit, die mit dem Wort bodenständig noch viel zu schwach beschrieben ist. Er stammt aus Oldham in Nord-England, aus der Nähe von Manchester, wo er als letztes von fünf Kindern in ein sehr musikalisches Elternhaus hineingeboren wurde. Gerade bei seiner Berufslaufbahn wäre es naheliegend, dass er schon frühzeitig in eine pulsierende Metropole umgezogen wäre. „Ich habe tatsächlich ein paar Mal ernsthaft überlegt, nach London oder Los Angeles zu gehen.” Stattdessen ist er aber in Nord-England noch tiefer ins Land gezogen und hat sich ein Bauernhaus im Peak-District zugelegt, einem malerischen Naturschutzgebiet, wo Holroyd die Natur genießen, ungestört im eigenen Studio arbeiten und Musik hören kann, wobei eher Wagner und Mahler im CD-Spieler laufen als die Popmusik von heute.

Zum anderen ist da sein spätes Familienglück, das er natürlich in dem Land gefunden hat, in dem er sich immer sehr willkommen gefühlt und in dem er seine größten Erfolge gefeiert hat - Deutschland. Und auch diese Geschichte klingt ein wenig märchenhaft. Erst vor wenigen Jahren gab er ein Konzert in Worms, das von einer Lokalzeitung präsentiert und von einer Lokal-Journalistin betreut wurde. Und schon beim Telefon-Interview hat es gefunkt. Inzwischen haben die beiden einen kleine dreijährige Tochter, die sein ganzer Stolz ist, und die ihr berühmten Papa auch mit zum Interview ins Wichelhovenhaus gebracht hat.

Vielleicht liegt es auch an dem Nachwuchs als eine Art Verjüngungskur, dass Les Holroyd - drittens - trotz seines rentennahen Alters noch vor Ideen und Tatendrang sprüht. 2010 soll viel passieren. Eine neue CD ist fest eingeplant. Das Projekt „Excalibur - The Celtic Rock Opera” des französischen Komponisten, Autors und Regisseurs Alan Simon, bei dem Holroyd mit anderen Größen wie Alan Parsons, Johnny Logan oder John Helliwell auf der Bühne steht, hält ihn in Atem und in andauernder Begeisterung. Und seine aufwendigen Konzerte unter dem Titel „Barclay James Harvest feat. Les Holroyd with City of Prague Philharmonic Orchestra” nehmen selbstverständlich auch einen großen Raum ein. Tourstart mit vorhergehenden Proben ist übrigens im Iserlohner Parktheater.

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