Porträt

Lieselotte Berthold

Foto: IKZ/Michael May

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Das farbliche Spektrum sieben sonnenähnlicher Sterne – darum ging es in der Diplom-Arbeit, die Lieselotte Berthold zum Abschluss ihres Physik-Studiums geschrieben hat. Das ist inzwischen 37 Jahre her. Dass sie ihr Studium damals mit Erfolg abgeschlossen hat, ist nicht das herausragende und hier sofort am Anfang erwähnenswerte daran. Es ist auch nicht die fachliche Analyse des Farbspektrums an sich, die so derart beeindruckend wäre. Während sich andere aber nach so langer Zeit kaum noch an das Thema ihrer Abschlussarbeit erinnern können, ist das farbliche Spektrum dieser sieben sonnenähnlichen Sterne für Lieselotte Berthold immer noch sehr präsent und nimmt gerade jetzt, da sie am Ende ihrer beruflichen Laufbahn innehält und zurückblickt, eine geradezu zentrale Stellung in ihren Gedanken ein. Denn die bunte Vielfalt dieses Farbspektrums, das sich wie in einem Regenbogen auffächert, ist für die scheidende Leiterin der Iserlohner Volkshochschule, die gestern ihren letzten Arbeitstag erlebt hat, Sinnbild für das Leben im Allgemeinen und für ihr eigenes Leben im Speziellen.

Dabei hat sie hat alle Facetten des Lebens, die ja nicht immer nur farbenfroh sind und von vielen anderen Menschen durchaus auch mal als düster und eher grau empfunden werden, tatsächlich immer als neue Farbe, als Bereicherung und als positiven Einfluss aufgenommen. Lieselotte Berthold ist – das wird in unserem Gespräch sehr schnell deutlich – ein grenzenlos positiver Mensch. An allen Schnittstellen ihres Lebens, die sie schildert, sagt sie rückblickend: „Das hat mein Leben wieder ein Stück bunter gemacht.“ Und genau so geht sie nun auch in ihren Ruhestand.

Ausschlaggebend für diese lebensbejahende Grundeinstellung sind vermutlich schon die prägenden Einflüsse in ihrer Kindheit. Geboren wurde Lieselotte Berthold 1949 in Ludwigshafen am Rhein, aufgewachsen ist sie zusammen mit einer Schwester in Germersheim in der Pfalz. Prägend war ihr christlich-protestantisches Elternhaus ebenso wie die Tatsache, dass ihr Vater das Fotogeschäft am Orte betrieben hat und als Mensch wohl eine in der ganzen Stadt bestens bekannte Persönlichkeit war – ein Original, wie man sagt. Eigentlich hätte Lieselotte Berthold in dessen Fußstapfen treten und Fotografin werden sollen. Fotografieren war und ist ihre ganz große Leidenschaft, die ihr schon früh die Tür für die Welt der schönen Dinge, der Kreativität und der Kunst eröffnet hat. Später hat sie ihre Bilder sogar in eigenen Ausstellungen gezeigt.

Gleichzeitig beschreibt sie sich aber auch als sehr strebsames Mädchen, als sehr gute Schülerin, der dann letztendlich auch alle Türen offenstanden. Als es auf das Abitur zuging, wuchs schließlich der Wunsch, die Kleinstadt zu verlassen und zu studieren. Die Interessen waren schon damals sehr vielfältig, und die Physik nicht wirklich der lang gehegte Traum. Sie hätte auch alles mögliche andere studieren können. Physik, sagt sie, sei dann aber die größte Herausforderung für sie gewesen. Also ging sie nach Mainz, um Physik und Mathematik zu studieren. Der Abschied von der behüteten Welt bei ihren Eltern wurde ihr leichter gemacht, weil damals gerade die Mengenlehre neu eingeführt wurde und dem eigentlichen Studium ein kurzfristig anberaumtes Vorstudium vorgeschaltet wurde. Lieselotte Berthold musste Germersheim daher eher Hals über Kopf verlassen – Zeit für großen Abschiedsschmerz gab es da gar nicht.

Das war 1968, und bei dieser Jahreszahl klingelt es natürlich – vor allem in der Kombination mit dem Wort Student. Die Bilder der Studentenunruhen dieses Jahres passen aber nicht zu der Jung-Studentin in Mainz. „Ich hatte ein sehr friedliches Elternhaus und keinen Grund mich aufzulehnen“, sagt sie. Also war sie keine aufständlerische 68erin, stand nicht auf den Barrikaden und engagierte sich auch nicht politisch. Sie ging lieber ihren eigenen Weg wie bisher: Sie wurde Mitglied einer christlichen Studentengruppe und verfolgte zielgerichtet ihr Studium.

Und hier kommt nun ihr zukünftiger Mann, Jürgen Berthold, ins Spiel. Denn die theoretische Physik sei nicht gerade einfach, und sei es nahezu unerlässlich, eine gute Arbeitsgruppe zu haben, um da durch zu kommen. Und die fehlte ihr in Mainz. Ihre Freunde waren Mathematiker oder Lehramtsleute – niemand da, der mit ihr in die Tiefen der Physik für den Diplom-Abschluss eintauchen wollte. Im Oktober 1970 fuhr sie dann zu einem überregionalen Treffen ihrer Studentengruppe in Marburg, wo es zu einer ebenso zufälligen wie richtungsweisenden Begegnung kam. Mit ihren Freunden saß Lieselotte Berthold (damals noch Völcker mit Nachnamen) im Auto auf dem Weg in eine Pizzeria – drei Mädchen und ein Junge. Dem Vorschlag der Mädchen, der junge Mann am Steuer solle sich doch noch männliche Unterstützung für den Abend besorgen, damit er nicht so alleine ist, kam dieser sofort nach und sprach einen Bekannten am Straßenrand an. Jürgen Berthold sagte spontan zu.

Bei der Pizza war nicht nur die gegenseitige Sympathie sofort da, sondern auch die Erkenntnis, dass da ziemlich viel passt – unter anderem auch die Ambitionen im Physik-Studium. Beide fuhren wieder in ihre Städte, allerdings nicht ohne sich verabredet zu haben, das Diplom gemeinsam zu bauen, und zwar in einer für beide fremden Stadt, damit niemand des anderen Anhängsel sei. Ein halbes Jahr später war das Vordiplom geschafft, und im Oktober 1971 landeten beide in Kiel, wo sehr schnell klar wurde, dass es nicht nur bei der gemeinsamen Arbeitsgruppe bleiben würde.

Es folgten nicht nur die Diplomarbeit zu den sonnenähnlichen Sternen und die Hochzeit, sondern sehr schnell auch die beiden Söhne. 1977, noch vor dem Abschluss des Studiums, war der erste namens Jochen schon unterwegs. 1979 folgte Ralf. Und Kinder sind nun mal eine unumstößliche Tatsache, die das Leben von Grund auf umkrempelt. Vor allem ist eine feste Anstellung und ein gesichertes Einkommen nicht schlecht, weswegen Jürgen Berthold den Weg ins Lehramt suchte. Die Reise führte Ende 1978 nach Hemer ans Woeste-Gymnasium.

Für Lieselotte Berthold waren die Kinder natürlich auch eine neue Herausforderung, von der sie sagt, dass sie ihr Leben sehr viel bunter gemacht habe. Bis 1983 dauerte ihre Familienphase, in der sie sich ganz auf die beiden kleinen Jungs konzentrierte und in der sie unbewusst schon erste Weichen für ihre spätere Arbeit in der Iserlohner Volkshochschule stellte. Denn das menschliche Innenleben, psychologische und gesundheitliche Themen, wurden für sie in dieser Zeit bereits sehr wichtig und sie stieg durchaus intensiv in diese Materie ein.

Zunächst suchte aber auch sie den Einstieg ins Lehramt. 1983 ging sie mit inzwischen 34 Jahren ins Referendariat am Walram-Gymnasium in Menden. Das Walburgis-Gymnasium, das Heilig-Geist-Gymnasium und das Friederike-Fliedner-Berufskolleg waren weitere Stationen der Lehrtätigkeit – allerdings immer nur mit Zeitverträgen. Die Rahmenbedingungen für Lehrer hatten sich inzwischen geändert und eine Chance auf Verbeamtung gab es für sie damals nicht. 1988 hatte sie dann die Möglichkeit, an der VHS eine Vertretung in den Bereichen Kreativität und Gesundheit zu übernehmen. Und ihre ganz unterschiedlich erworbenen Qualifikationen vom Fotografieren über die Pädagogik bis zu den profunden Kenntnissen auf dem psychologischen Feld ergaben eine Mixtur, die ihr diese Aufgabe nicht als Notnagel sondern als genau den richtigen Ort für sie erscheinen ließ – schließlich steht ja auch die VHS für inhaltliche Vielfalt. Ergebnis war direkt die Festanstellung unter dem damaligen VHS-Leiter Horst Piltz.

Es folgten weitere Qualifikationen etwa durch ein Fern-Uni-Studium im Kulturmanagement oder durch psychologische Fortbildungen zum systemischen Coach, zur Mediatorin und in NLP (Neuro-Linguistisches Programmieren). 2003 übernahm sie dann die Leitung der VHS, die sie dann bis gestern elf Jahr inne hatte. In diesen insgesamt 26 Jahren an der VHS wurde sie Zeitzeugin und Gestalterin eines sehr rasanten Wandels. Beim Gespräch im Wichelhovenhaus zückt sie zur Veranschaulichung drei Programmhefte aus den Jahren 1988, 2003 und 2014. Allein die optische Erscheinung, der Auftritt der VHS hat sich unter ihr enorm verändert – natürlich mit Regenbogenfarben als Zeichen der Vielfalt. In ihrem Bereich Gesundheit – die Kreativität hatte sie 2003 mit der Übernahme der Leitung abgegeben – gab es 1988 80 Veranstaltungen. 2003 waren es 160 und heute sind es 250.

Bei der Übergabe des Fachbereichs 1988 hatte noch das kreative Chaos längst vergangener Zeiten geherrscht: Sie hatte fünf Apfelsinenkisten mit unsortierten Zetteln und einen ganzen Schrank mit beschrifteten, aber leeren Aktenordnern übernommen. Auch die Übernahme der Leitung 2003 sei eher chaotisch gewesen. Einen ganzen Lkw voll unsortierter Stapel von Blättern habe sie entsorgt – heute undenkbar. Sie selbst hinterlässt nun ein leeres Büro und einen bestens geordneten Betrieb, in dem für jeden jeder Vorgang sofort abrufbar und nachvollziehbar ist. Die Anforderungen, die Professionalität und der Arbeitsaufwand sind in den letzten beiden Dekaden sprunghaft nach oben geschnellt – und das bei abnehmenden Mitarbeiterzahlen. Vier pädagogische und vier Verwaltungsstellen hatte die VHS 1988, seit dem hat sie eine ganze pädagogische Stelle eingebüßt. „Wir haben den Bedarf einer Großstadt, werden aber nach den Berechnungen des Weiterbildungsgesetzes behandelt wie eine Stadt von 60 000 Einwohnern“, erklärt Lieselotte Berthold und macht gleichzeitig deutlich, dass die VHS vor Ort von der Iserlohner Stadtverwaltung eine enorme Unterstützung und Wertschätzung erfahre. Die Arbeitsverdichtung sei aber hier – wie in vielen Bereichen der heutigen Arbeitswelt – sehr deutlich spürbar.

Unter ihrer Leitung ist die VHS auch in den Stadtbahnhof gezogen. 2008 war das, und das sei einfach super gewesen, sagt sie. DIE Chance, um stärker wahrgenommen zu werden, um nicht nur räumlich in die Mitte zu rücken. Die 23 hellen mitunter sehr großen Unterrichtsräume im Obergeschoss des Bahnhofs ermöglichen Weitblick, Visionen und positive Gedanken. Der Umzug sei in vielerlei Hinsicht eine deutliche Verbesserung gewesen und die Räume sorgen noch heute für ein breites Strahlen bei jedem neuen Kursleiter.

257 Kursleiter sind es insgesamt, bis zu 600 Besucher kommen am Tag – ein riesiger Betrieb, der von einem tollen Team getragen werde. Lieselotte Berthold spricht mit großer Begeisterung von „ihrer“ VHS, spricht auch immer noch vom „wir“ und der Satz „wenn ich selbstständig wäre, würde ich jetzt niemals aufhören“ kommt geradezu zwangsläufig. Den Gedanken des eher ungewollten Ausstiegs aus einem tollen Team rückte sie auch gestern bei ihrem Abschiedsempfang in der VHS in den Mittelpunkt, als sie ihren vielen Freunden und Weggefährten dafür dankte, dass sie ihr auch diesen Schritt über diese schwierige Schwelle erleichtern.

Spätestens hier wird auch überdeutlich, dass sie nicht im Geringsten wirkt wie jemand, der aufhört, der den Schwung, die Energie verloren hat und zum alten Eisen zählt. Im Gegenteil: Das Positive, die Frische und die Zukunftszugewandtheit, die Lieselotte Berthold ausstrahlt, würden so manchem Berufsanfänger in seinen Bewerbungsgesprächen gut tun. Kein Wunder, dass Lieselotte Berthold ihren Abschied aus dem Berufsleben längst als besten Zeitpunkt definiert hat, sich neu zu erfinden, und in den Einstieg in einen neuen Lebensabschnitt umgemünzt hat, der ihr wieder neue Farben und noch mehr Vielfalt bringen soll.

Pläne gibt es viele. Vor allem privat empfindet sie es als großes Geschenk, sich bei bester Gesundheit zusammen mit ihrem Mann, mit dem sie so viele Interessen und Neigungen teilt und sich immer noch über alles mögliche lebhaft austauschen kann, auf einen gemeinsamen Ruhestand mit vielen Erlebnissen freuen zu dürfen. Die Fotografie soll wieder größeren Raum bekommen, und natürlich freut sie sich auch auf noch mehr Zeit für ihre bald drei Enkelkinder.

Vor allem möchte sie aber auch freiberuflich als Coach und Mediatorin weitermachen und Seminare im Selbstmanagement geben. Dahinter steht nicht nur der Wunsch, auch beruflich lebendig zu bleiben anstatt sich hinter den Ofen zu setzen und thematisch weiter in die Psychologie einzusteigen. „Vor allem möchte ich all die Schätze, die ich in meinem Leben gesammelt habe, weitergeben.“ Einer dieser Schätze ist es, Veränderungen anzunehmen und nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung zu sehen. Sie empfindet die Umwälzungen in Gesellschaft und Technik der letzten Jahre als faszinierend und als positiv, als Aufforderung, die neuen Chancen zu sehen und zu nutzen. Und genau das möchte sie weitergeben, vor allem an junge Menschen. Zuversichtlich, mit Selbstvertrauen und Motivation nach vorne Blicken. Ziele zu haben und den Mut und die Lust zu verspüren, diese Ziele auch zu verwirklichen, in neue Räume vorzudringen und neue Wege zu gehen. „Ich möchte Mut geben, Neues zu machen. Das kann jeder. Und das kann ein Geheimnis des Erfolges sein.“

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