Porträt

Lutz Malaschöwski

Foto: Michael May/IKZ

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Er solle in seinem Leben bloß niemals nach oben schauen. Das mache ihn nur unzufrieden, hatte die Mutter ihrem Jungen Lutz Mala­schöwski dereinst mit auf den Lebensweg gegeben. Und sie hatte noch hinzugefügt: „Schau vielmehr immer nach unten, dann weißt Du, wie gut es Dir geht.“ Und genau so hat es der Junge aus Neuruppin offenbar auch bis heute gehalten. Wenn dann nun in einigen Wochen sein stolzer 80. Geburtstag ansteht, dann wird er seiner Mutter vielleicht in Gedanken zuflüstern können, dass er sich bis heute daran gehalten habe und das Ergebnis dieses Ratschlags, dieses Denkens und Handels sich wohl auch sehen lassen könne. Und wahrscheinlich wird er ihr – den Blick dabei immer noch stramm nach vorn gerichtet - dann auch noch signalisieren, dass er mit den 68 gebauten und eingerichteten Wohnhäusern und acht Kindergärten in „seinem Iserlohn Eck“ in Sri Lanka schon ein ganzes Stück weiter ist, als er sich das vor 25 Jahren hat träumen lassen. Aber er wird wahrscheinlich auch durchblicken lassen, dass er das Ende seiner ganz persönlichen Aufgaben- und Berufungsreise auch nach rund 370 000 gesammelten Euro und vor Ort rund 420 erfolgreich unterstützten und „umgesiedelten“ Frauen, Männern und Kindern seinem Gefühl nach noch gar nicht erreicht hat.

Die Lebensgeschichte des Lutz Malaschöwski, die so eine ganz besondere Wendung nehmen sollte, beginnt also 1934 in Neuruppin mit seiner Geburt und nimmt bis zum 17. Juni 1953 wohl zunächst einen ganz normalen, eher unspektakulären Verlauf eines heranwachsenden Jungen. Bis zum 17. Juni 1953. „Ich habe beim Aufstand mitgemacht und bin dafür für vier Monate im Knast gelandet.“ Lutz Malaschöwski erzählt das heute mit einem bemerkenswerten Abstand, so emotionslos, als habe man ihn lediglich beim Abschreiben erwischt und folgenlos angepfiffen. Nach Entlassung aus der DDR-Haft wird er nach Berlin gebracht, dort kann er sich eine neue Zielstadt samt Arbeitstelle im Westen aussuchen. Der junge Mann hat Friseur gelernt, entscheidet sich für Oestrich. Hier findet er offenbar auch über den Sport (Hand- und Fußball) schnell Anschluss. Beruflich wechselt er zu Hoesch, arbeitet 12 Jahre als Rangierer, geht danach zur Polizei und tut 27 Jahre seinen Dienst auf den Stationen in Hohenlimburg und Hagen, ist 15 Jahre lang mit der mobilen Wache unterwegs, geht schließlich als Oberkommissar in Rente. „Zum Hauptkommissar fehlten mir vier Monate!“

Ein ganz eigenes Kapitel seiner Lebensgeschichte ist zweifelsohne der Politik gewidmet. 1962 tritt „Mala“ in die SPD ein. Bereits 1963 wird er zum Vorsitzenden der Ortsvereine Letmathe, Oestrich und Grüne. Nur ein Jahr später zieht er ins Letmather Stadtparlament ein, wechselt 1975 auch in den Iserlohner Gesamt-Rat und hat sein Mandat insgesamt 25 Jahre lang inne. Dafür gibt es das Ehrenzeichen der Stadt Letmathe, den Ehrenring der Stadt Iserlohn, das Bundesverdienstkreuz und die Ehrenmitgliedschaft in der SPD. Das alles erzählt Lutz Malaschöwski an diesem Mittag im Wichelhovenhaus mit der Korrektheit und Präzision eines Buchhalters oder Chronisten. Emotional ist und wird der Mann offensichtlich nur, wenn es um Menschen geht, die seine Hilfe brauchen. Und um ihn selbst darf es dabei dann höchstens ganz am Rand gehen.

Der guten Ordnung halber sei allerdings zudem noch erwähnt, dass er in diesem Jahr mit seiner Bärbel 58 Jahre verheiratet ist und eine Tochter hat, die mit zwei Enkelkindern die kleine Familie abrundet. Auf die Gattin werden wir gleich auch noch zu sprechen kommen, denn die Frage muss ja erlaubt sein, wie eine Ehe das aushält, wenn wenigstens einer der Partner so auf diesen Gedanken der aktiven, unkonventionellen Hilfe und Nächstenliebe fixiert ist. „Das kannst Du nur machen, wenn Deine Frau in jeder Hinsicht mitzieht, Dich unterstützt und einfach auch voll dabei ist.“

Sie war ja schließlich auch dabei, als die Malaschöwskis den Entschluss vor mehr als 34 Jahren fassten, sich zur Silberhochzeit endlich mal etwas Besonderes, nach mageren Anfangsjahren ein verspätetes Hochzeitsgeschenk zu gönnen: einen unvergesslichen Urlaub in Sri Lanka. Dass dieser allerdings für alle Beteiligten dermaßen „unvergesslich“ und lebensprägend ausfallen würde, konnten sie zum damaligen Zeitpunkt wohl noch nicht ahnen. Der Silberpaar fuhr also zu einer schicken Hotelanlage an der Südwestküste, rund 80 Kilometer von der Hauptstadt Colombo entfernt. „In und am Hotel selbst war alles toll. Sauber, modern und komfortabel. Doch wenn Du Dich ein paar Kilometer entfernt hattest, wurdest Du plötzlich mit einer unglaublichen Armut konfrontiert. Wir waren erschüttert, als wir zum ersten Mal in unserem Leben sehen mussten, wie Armut wirklich aussieht.“ Lutz Mala­schöwski ist ja wahrlich dafür bekannt, dass er sein Wort machen kann, vor nichts und niemandem kuscht oder auch mal nur etwas Gas wegnimmt. Aber wenn er von seinen ersten Eindrücken in dem asiatischen Land erzählt, dann sitzt der Kloß noch immer fest im Hals. „In den Dreckhütten, in denen die Menschen dort leben müssen, würden wir in Deutschland einen Hund nicht eine Nacht seinem Schicksal überlassen.“

Lutz Malaschöwski zögerte also nicht einen Moment, hier wollte und musste er helfen. Ohne viel Tamtam, sondern praktisch und vom Start weg zielgerichtet. Vielleicht sollte an dieser Stelle kurz erwähnt werden, dass im der Einsatz für andere vom Schicksal Malträtierte schon zu diesem Zeitpunkt nicht ganz fremd ist. Als im Hagener Ortsteil Berchum eine Behinderteneinrichtung aus finanzieller Schieflage heraus geschlossen werden soll, geht Malaschöwski mit der Sammelbüchse zum ersten Mal auf die Straße, organisiert über die Polizei Konzert-Veranstaltungen, um den rettenden Reinerlös zu spenden.

Zurück ins Urlaubsparadies Sri Lanka mit dem Alptraum-Hinterland. Malaschöwskis beginnen „erst einmal klein“ mit der Patenschaft für ein Kind. Später kommt eine zweites Mädchen hinzu. „Das Übliche eben, ein Sparbuch, das mit 18 Jahren fällig wird.“ Sie sammeln zudem bei Verwandten, Freunden und allen sich bietenden Gelegenheiten Geld, um für die Singhalesen Dinge des täglichen Bedarfs zu kaufen. „Bettzeug, Kleidung, Töpfe, Geschirr – da war ja nichts.“ An ihrer Seite fast vom ersten Moment an ein Mann namens Siri da Silva. Kennengelernt haben sie ihn bei ihrem ersten Aufenthalt in seiner Funktion als Taxifahrer. Noch heute ist er der erste Ansprechpartner der Malaschöwskis vor Ort, er ist ihr Bauleiter, Projektkoordinator, Krisenmanager und Verbindungsmann zu den Behörden. Durch ihn bekamen sie eben auch den Kontakt zur Bevölkerung. „Wir haben uns bis heute die Familien, denen wir helfen können und wollen, allesamt selbst ausgesucht“, sagt Lutz Malaschöwski. Dazu erklärt er, dass man sich ein klares Profil und Handlungskonzept vor Ort aufgebaut habe: „Auch jetzt, wo wir nicht mehr mit Kleinteilen helfen, sondern eben die ganzen Häuser und Kindergärten bauen, wissen die Familien in den Dörfern noch nicht einmal unseren Namen oder unsere Anschrift in Deutschland. Sie kennen auch das Hotel nicht, in dem wir jedes Jahr wohnen. Wenn das nicht wäre, würden wir wahrscheinlich von den Bedürftigen überrollt. Was ja sogar verständlich wäre.“

Also noch einmal zurück zum ersten Haus. Malaschöwski hatte inzwischen erkannt, dass er anders helfen musste. „Die bisherigen Bruch-Hütten hatten für die ganze Familie nur einen Raum, keine Fenster, kein Wasser, keine Toiletten. Da habe ich gesagt, wir bauen für eine erste Familie ein Holzhaus.“ Und im nächsten Jahr sei es dann ein Steinhaus geworden. Gebaut wurde und wird immer in der Zeit, in der das Letmather Ehepaar es ermöglichen kann, selbst auch – auf eigene Rechnung – vor Ort zu sein. Ein Action-Bio-Rhythmus, den Lutz Mala­schöwski auch heute noch genau so einhält. Rund 40 Wochen im Jahr geht er in Deutschland auf Spenden-Tour. In Einzel- und Bettelgesprächen mit verständnisvollen Unternehmern und spendierfreudigen Privatleuten. Und eben auch mit seinem für seine Auftritte in der Region zum Markenzeichen avancierten großen Bier-Pokal. Es können die vornehmsten Anlässe beim Arbeitgeber-Kreis oder der Neujahrsempfang im Theater sein. Oder irgendetwas auf der politischen Bühne in Iserlohn und Umgebung. Oder beim Stadt- oder Schützenfest oder auf der Kilianskirmes – wenn es losgeht und das Kleingeld in den Taschen klimpert bzw. die Scheine vielleicht vor versammelter Mannschaft etwas lockerer sitzen, ist Malaschöwski da und bittet freundlich aber bestimmt um meine Spende für sein Projekt.

Dass manch einer der Angesprochenen sich auch einmal genervt wegdreht oder innerlich sogar manches Mal die Zähen fletscht, ficht den Mann mit dem Ziel vor Augen und im Herzen nicht an. „Die große Schnauze haben immer die, die noch nie etwas für andere gemacht haben. Soll ich mich darüber aufregen?“ Drei Kindergärten aus seinem Gesamt-Programm hat Mala­schöwski inzwischen nach eigenen Berechnungen nur auf diese Art und Weise zusammengefochten. Das Gros der Gelder stammt aber in der Tat von den Konten wohlmeinender Bürgerinnen und Bürger, die zum Teil inzwischen als Wiederholungstäter mit bis zu zehn Partner-Objekten vor Ort vertreten sind. „Ihr Namen steht übrigens an jedem dieser Häuser. Immer steht da „Iserlohn“, die Nummer des Hauses und der Name oder Wunschbegriff des Spenders oder Paten.“

Die Liste der Fragen, die man Lutz Malaschöwski heute noch unbedingt stellen müsste, ist natürlich nicht annähernd so lang, wie die Liste der Hilfsbedürftigen vor Ort. Dennoch: Wie geht das mit den Behörden vor Ort? Das Verhältnis scheint ungetrübt, auf besondere Weise konstruktiv. „Der Landrat des Bezirks kennt uns inzwischen gut, kommt zu den meisten Neueröffnungen der Häuser.“ Der Mann ist allerdings auch für das Baurecht zuständig und Genehmigungsverfahren laufen dort eben etwas anders als in unseren Breiten: „Wenn wir uns für die Unterstützung einer neuen Familie entschieden habe, frage ich ihn, ob wir an der Stelle die alte gammelige Hütte durch einen unserer Neubauten ersetzen dürfen. Dann schaut er mich einen Moment lang an – und dann nickt er nur mit dem Kopf.“ Und die Einheimischen selbst? „Die können meistens gar nicht wirklich fassen, wie oder was ihnen geschieht. Ich werde manchmal gefragt, warum die Menschen auf den Fotos, die ich von der Hausübergabe mitbringe, nicht lachen. Und ich sage dann immer, dass die meisten ob ihrer neuen Situation fassungslos sind. Sie verstehen noch gar nicht, dass ihnen plötzlich jemand ein Haus mit Einrichtung schenkt.“

Oder eben auch einen ganzen Kindergarten. Malaschöwski glaubt daran, dass sich eine tatsächliche Hilfe und wirkungsvolle soziale Umstrukturierung in dem Land am ehesten realisieren lassen, wenn bei den Kindern und ihrer Bildung begonnen wird. Kindergärten werden bis dato offiziell vom Staat nicht angeboten bzw. finanziert. „Ich habe aber die ersten vier Kindergärten auf Grund und Boden von Buddhisten gebaut, die bezahlen heute auch das Personal.“ Weitere vier Kindergärten sind inzwischen auf kommunalem Gebiet entstanden. Hierfür tritt inzwischen auch die Kommune ein. „Insgesamt haben wir so vor Ort 34 Arbeitsplätze geschaffen, und die Kindergärten sind proppevoll, wie müssten eigentlich schon wieder anbauen.“

Und dann ist da natürlich noch die Frage nach der Zukunft von Lutz Malaschöwskis ungewöhnlicher Ein-Mann-Hilfsorganisation. „Eigentlich hatte ich mir ja zum Lebens-Ziel gesetzt, den Menschen dort unten mit 50 Häusern zu helfen. Inzwischen sind es 68 und für drei weitere habe ich schon wieder die Zusage. Also werde ich auch erst einmal weitermachen.“ Doch jetzt wird der Ton des sonst kernigen Mannes plötzlich leise und sogar eine Spur traurig-brüchig. „Wer will denn so etwas weitermachen, wenn ich nicht mehr bin. Das ist doch nur Arbeit.“

Nur zur Vollständigkeit: Dass „Mala“ 2004 nach dem verheerenden Tsunami in der ersten Maschine nach Sri Lanka saß, „mal eben“ seinen Leuten einige Fischerboote kaufte und mit seiner Frau als Einzelkämpfer Essenstransporte ausfuhr, erwähnt er im Gespräch nur beiläufig.

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