Porträt

Manfred Malzahn

Foto: IKZ/Michael May

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Als Workaholic würde sich Manfred Malzahn also selbst nicht bezeichnen wollen. Bei ihm klingt das eher so: „Wenn Zeit da ist, kann ich damit auch etwas anfangen. Ich habe eben immer etwas zu tun.“ Dass wir beide an dieser Stelle des Gesprächs das Gleiche meinen, wird klar, wenn man einen Blick in die 23 von einem Computer eng bedruckten DIN A 4-Seiten wirft, die einen Überblick über Leben, Ausbildung, wissenschaftliches Schaffen, Lehrtätigkeiten und Veröffentlichungen des emsigen Gegenübers geben. Bei manch einem würde das bereits für ein langes Leben reichen, bei Professor Dr. Manfred Malzahn, aktuell an einer Universität in den Vereinigten Arabischen Emiraten beschäftigt, dauert dieses Leben allerdings erst gerade einmal 59 Jahre.

Nächster Versuch für einen Gesprächs-Aufschlag: Manfred Malzahns Wiege stand in Iserlohn, während der ersten seiner zahlreichen Sturm- und Drangjahre erlebte er viele Höhen und offenbar wenige Tiefen an den Ufern des Baarbachs. Irgendwann später wird Malzahn sagen, dass „wir allerdings in Iserlohn damals schon immer mal das Gefühl hatten, dass sich das wahre Leben irgendwo woanders abspielt“. Und er wird dann auch von seinem lustvollen „Nomadisieren“ sprechen, das erst ausgebremst wurde, als die Liebe und auch daraus resultierende Kinder in sein Leben traten. Als er das jedoch feststellte, war er aber zum Glück schon in England, Schottland, Tunesien, Algerien, Malawi, Taiwan und eben in den Emiraten gewesen. Also können wir uns für den Moment ja schon mal darauf einigen, dass er der Bezeichnung „Weltbürger“ - etwas zögerlich zwar - für sich zustimmen kann. „Ich führe dieses Wort zwar nicht im Munde, hätte aber nix dagegen.“ Führe dieses Wort zwar nicht im Munde – zugegeben, solch wohl geschliffene Sätze hört man in diesen Tagen eher selten. Spätestens jetzt merkt der Zuhörer, dass sich der Herr Professor der Literatur und der Poesie verschrieben hat. Insbesondere der englischen. Dazu später mehr.

Und noch eine Feststellung muss bereits hier und jetzt getroffen werden: Dieser Manfred Malzahn scheint mit sich und der Welt in den meisten Lebensbelangen im Reinen. Auf die Frage, ob er denn bis dato in seinem Leben alles richtig gemacht habe, sagt er wie aus der Pistole: „Nee! Aber alles ist richtig gelaufen. Es sind immer im richtigen Moment die richtigen Weichen vor mir aufgetaucht und ich bin immer richtig abgebogen. Das Glück hat mir dabei stets zur Seite gestanden.“ Er sei oftmals wie ein Seemann gewesen, der am Wind intuitiv habe ablesen können, in welche Richtung er sich sinnhafter Weise bewegen soll, „welcher Kurs für mich der Beste ist“.

Reden wir also wieder über die Welt, also über das gefühlt wahre Zuhause des Manfred Malzahn. Es sei schließlich einfach schön, „in der Welt“ zu leben, sagt er. Und ja auch gar nicht mehr so schwer, weil sie durch Informationen, Internet und Reisemöglichkeiten immer weiter zusammenrücken würde. Darum sei er eben am liebsten „mal hier, mal da“. Er liebe diese Welt nun mal. Es falle ihm übrigens dazu auch ein Woody Allen-Zitat ein: „Die Realität mag vielleicht eine Illusion sein, aber die Welt ist immer noch der einzige Ort, wo man ein vernünftiges Steak kriegt.“ Bei einem anderen Gesprächspartner würde man jetzt vielleicht sagen: „Und jetzt?“, bei einem mit hinter- und tiefgründigen Gedanken beseelten Manfred Malzahn stimmt man aber vorsichtshalber erst einmal zu: „Natürlich, so sehe ich das auch!“

Die Malzahns sind keine Ur-Iserlohner. Zugvögeln gleich sind sie aus Osteuropa eher zufällig durch Kriegswirren, Vorgereiste und Nachgezogene in der Waldstadt gelandet. Der Großvater gründet 1955 die Eugen Malzahn KG am Burgweg, der Vater, Eugen jr., führte sie weiter. Manfred hat noch drei Geschwister. Hat er selbst mal daran gedacht, in den elterlichen Betrieb einzusteigen? „Es war mal die Rede davon, aber die Leute, die mich gut kannten, haben ziemlich schnell gewusst: Das bin ich nicht.“

In der Schule sind es von Anfang an die Fächer rund um Sprache und Literatur, die es dem Jungen angetan haben. „Sport, insbesondere Geräteturnen, habe ich gehasst.“ Aber das sollte sich später mal in Teilbereichen ändern. Nach eigener Aussage und vermutlich auch Bewertung sei er als Handballer und dort insbesondere als Torwart später die „Stütze der zweiten Mannschaft des VfK“ gewesen. „Wenn ich einen guten Tag hatte, konnte das schon ganz schön gut aussehen.“

Aber dann war da vor allen Dingen die Musik. Im Kreise seiner älteren Geschwister wurde er als Knirps schnell an Leute wie Little Richard oder Bill Haley herangeführt. „Ich weiß noch, dass ich etwa vier Jahre alt war, als mein Bruder abends in mein Zimmer kam, um mir zu sagen, dass Buddy Holly gestorben war. Ich erinnere mich, dass ich verdammt traurig war.“ Manfred Malzahn lernt Gitarre. Aus Lust daran und praktischem Hintersinn. Weil sie zu Spontan-Konzerten für zu beeindruckende Mädchen leichter zu transportieren ist als ein Klavier. Er interessiert sich leidenschaftlich für den monumentalen Rock der frühen 70er, merkt aber schnell, dass sich das mit den ihm zur Verfügung stehenden technischen Bordmitteln nicht so einfach nachspielen lässt. Also schwenkt er auf die Folkmusik. Auch da war man im Zeitgeist unterwegs. Da konnte man einfacher üben, seinen Idolen nacheifern und das Ganze ohne allzu großen technischen Aufwand am Ende auch zu Gehör bringen. Malzahn taucht tief und engagiert in die Szene ein, gründet Bands wie „Patchwork“, schließt sich zusätzlich anderen Gruppen und künstlerischen Seelenverwandten an. Er erreicht den ersten „Zenit“ seiner jungen Lebens-Karriere, als seine Nummern in den englischen und deutschen Ausgaben des britischen Soldatensenders BFBS gespielt werden. „Auf einmal waren auch wir im Radio. Da haben wir uns schon ziemlich toll gefühlt.“ Aber es ging eben auch damals nicht immer nur um die Musik. „Die Liedermacher der damaligen Zeit habe mich auch inhaltlich inspiriert.“ So hält er Franz-Josef Degenhardt auch heute noch für einen „Meister der deutschen Sprache, der literarisch auch immer noch unterschätzt wird.“

Wohlgemerkt, die Geschichten spielen immer noch in einer Zeit, die sich so um das Abiturjahr 1974 am MGI herum bewegt. Auf die Frage, ob er denn in jungen Jahren ein wie auch immer geartetes Berufs- oder Lebens-Ziel gehabt habe, sagt Manfred Malzahn spontan: „Nein, nie! Und ich habe bei reiflicher Überlegung auch heute noch keins. Ich bin eigentlich immer nur den Pfeilen gefolgt.“ Die führten ihn übrigens unter anderem zu Primanerzeiten auch in die Lokalredaktionsräume der Westfälischen Rundschau, wo er sich kurzerhand als freier Mitarbeiter anpries und wohl auch überzeugen konnte. Also wollte er später auch ein Volontariat anschließen. Diesmal bei der Westfalenpost in Hagen. Deren Chefredakteur sei auch schwer begeistert von ihm gewesen, erzählt Malzahn rückblickend. „Ich möchte Sie sofort nehmen“, habe er gesagt und ergänzt „Tue ich aber nicht!“ Er solle besser erst einmal studieren, habe er geraten und dann könne er wiederkommen. „Und ehrlich gesagt, bin ich dem Mann heute noch dankbar. Damals war es ja nicht so unsere Sache, auf Ratschläge älterer Herrschaften zu hören, aber auch dieses Mal zeigten die Pfeile wieder in die richtige Richtung.“

„Allerdings musste ich jetzt erst einmal überlegen, was ich denn am besten kann und was ich somit mal studieren könnte.“ Also entschied sich Manfred Malzahn für Anglistik und Germanistik. Und dann war da ja auch noch dieses „Rastlos-Gen“. Malzahn wusste schließlich, dass er verwandte Tanten in den USA und in Schottland hatte. Das machte ihn offenkundig ziemlich unruhig. Und Iserlohn fühlte sich in den frühen 80er Jahren eben ja auch bereits ziemlich klein an.

Doch nicht nur in dieser Gefühlswelt war der junge Mann gespalten. Er erzählt von einer Art Doppelleben, das er auf gleich mehreren Gebieten lebte. Er war in mehreren Folkclubs unterwegs, ging im britischen Militärhospital ein und aus. Er bastelte weiter an einer Art Musiker- und Liedermacher-Karriere, gesteht sich auch im Rückblick ein gewisses Maß an Unangepasstheit auf der einen Seite und Eitelkeit auf der anderen zu: „Man muss ja schon eitel sein, wenn man sich vor die Leute stellen will und sagt: ‚Hey, hört zu, ich kann Euch was bieten‘. Das ist heute bei den Vorlesungen und Seminaren an der Hochschule übrigens nicht viel anders. Wenn du den Leuten das ankündigst, dann muss da auch was kommen.“ Malzahn versuchte damals auch mit Macht, aber eben auch mit Erfolg, zur Szene zu gehören. Einer Szene, die sich gegenseitig konsequent und gnadenlos mit „In“und „Out“ bewertete und strukturierte. Und doch sieht er sich heute im Rückblick wie damals auch ein wenig distanziert: „Ich habe alles mitgemacht, war aber doch nicht richtig dabei.“ Manfred Malzahn hat vermutlich immer eine Spur mehr nachgedacht als andere, über die Menschen und das Leben, hat den eigenen Blick auch nach innen gerichtet. Allerdings lassen seine Erzählungen auch vermuten, dass er immer – und auch das bis heute – als großer Menschenfreund und -versteher unterwegs zu sein scheint. Aus dem Mund des Literaten klingt das natürlich etwas durchgeistigter: „Es ist im Jetzt schwer, die alten Bewertungsmuster abzurufen, ohne die eigenen Wesenswünsche hinein zu projizieren.“ Oder so.

Noch einmal kurz zum Studium. Malzahn entschließt sich, seine Magister-Arbeit zu schottischer Literatur zu schreiben. Da will der Professor in Bochum nicht ran, der Studiosus wechselt nach Wuppertal. Nach den ersten Musterseiten rät ihm der Doktorvater, die Arbeit bereits für den Doktortitel zu schreiben. Auch das gelingt mit Erfolg. Malzahn ist wieder einmal fertig und wartet offensichtlich auch wieder auf die nächsten Fingerzeige des Schicksals, seine Glücks-Pfeile eben. Eigentlich soll er nun auch zum längst fälligen Wehrdienst. Dass er lieber Ersatzdienst machen möchte, verwundert nicht. Und auch nicht, dass der Glücksjunge eine Stelle beim Goethe-Institut in der Iserlohner Gartenstraße bekommt. „Ich war wahrscheinlich zu dem Zeitpunkt in Deutschland der erste Dr. ziv.“ Dann geht er für den Deutschen Akademischen Austauschdienst auch noch als Lektor für deutsche Literatur für drei Jahre in sein geliebtes Schottland. Es folgen ohne große Umwege die Universitäts-Anstellungen in Tunesien (ein Jahr), Algerien (ein Jahr), Malawi (zwei Jahre), Taiwan (fünf Jahre) und seit 1998 in den Vereinigten Arabischen Emiraten als Professor für englische Literatur.

Und um das Privat-Bild auch noch kurz zu komplettieren: Manfred Malzahn hat 1991 als Folge eines wohl ziemlichen Gefühls- und Liebes-Blitzes die Sängerin Gabriele Leichtle-Malzahn geheiratet, die er als Besuch einer Kölner-Flötistinnen-Freundin kennengelernt hatte. „Und diesen Besuch fand ich eben auf Anhieb ziemlich gut damals.“ Das Ehepaar hat zwei Söhne (geboren in Malawi und Taiwan) und eine Tochter (geboren in Al-Ain/Emirate). Am Rande erwähnt: Der Gelegenheits-Liedermacher und –Gitarrist und die klassische Sängerin kommen sich künstlerisch kaum in die Quere, finden sogar bei romantischer Hausmusik gemeinsame Töne.

Natürlich muss man mit einem Manfred Malzahn über den Begriff „Heimat“ sprechen. „Heimat ist etwas ganz Schillerndes“, sagt er zwar sofort, fährt dann allerdings etwas zögerlicher fort. „Zuhause ist zunächst einmal da, wo ich wohne, wo meine Lebensmitte ist, wo meine Familie ist.“ Wenn er von seinen Kollegen oder Studenten gefragt wird, ob es in den Ferien „nach Hause“ gehe, sagt Malzahn immer: „Nein, ich fahre nach Deutschland.“ Wobei es auch da wieder ein Unterschied sei, ob er in die ihm inzwischen durchaus auch vertraute schwäbische Heimat seiner Frau fahre oder eben nach Iserlohn. Der Freund der bedachten Worte will jetzt weiter abgeklärt klingen, aber für einen Moment verhaspelt er sich doch im Gefühl. Bei aller Fernsucht, Anpassungsfähigkeit und nie erlöschender Suche nach dem Neuen kann allein der Name „Iserlohn“ wohl schon ein Heimat-Feeling mit einer offensichtlich besonderen Nuancierung hervorrufen.

Und wo soll der Weg noch weiter hinführen? „Gerne noch einmal nach ganz woanders“, sagt Manfred Malzahn, diesmal ohne Überlegen, „es juckt mich noch!“ Im Sommer stünden die Verlängerungen der Zeitverträge für die Lehrstuhlinhaber an seiner Universität an, im Februar fallen dazu bereits die Entscheidungen: „Schauen wir mal.“

Am Anfang des Gesprächs ging es ja um die möglichen Beweggründe für die Vielzahl der veröffentlichten Beiträge in Wort und Schrift. Da hat Manfred Malzahn gesagt: „Ich melde mich immer dann, wenn ich glaube, etwas Besonderes, Neues und Bedenkenswertes beizutragen zu haben. Manchmal finde ich die Themen jedoch auch am Wegesrand.“ Keine Frage, auch über dieser Unterhaltung schwebt noch lange der Eindruck, dass längst nicht alles gesagt wurde. Was ja auch wieder zur Malzahnschen Selbsteinschätzung gehören könnte: „Ich bin ein kritischer Mensch, der seine Meinung sagt. Aber auch für sich behält…“

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