Porträt

Otmar Alt

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Dieser Olivenbaum taucht immer wieder vor meinem gedanklichen Auge auf, wenn ich in diesen Tagen an den Künstler Otmar Alt denke. Der Baum steht - vermutlich seit vielen, vielen Jahrzehnten auf einer Wiese irgendwo kurz vor Valdemossa auf Mallorca. Der Stamm des Baumes ist knorrig, in sich verschlungen, mit breiter Basis, irgendwie trotzig, stolz, unnahbar. Er sieht aus der Ferne glatt aus, aber dann auch wahrscheinlich doch ziemlich rau. Und oben in der Krone kommen jedes Jahr wieder aufs Neue kleine, frische Blätter, die sich vorsichtig Richtung Sonne recken, die für ihren alten Stamm das Licht und die Kraft einfangen.

Orts- und Gedankenwechsel. Wir sitzen hoch motiviert im Gutenbergzimmer des Wichelhovenhaus zum Interviewtermin. In etwa einer Stunde wird Otmar Alt rückblickend auf sein 76jähriges Leben und auch vorausschauend auf die Jahre, die da noch kommen werden, sagen: „Ich bin ein hochgradig schwieriger und komplizierter Mensch. Aber einer mit ganz viel Optimismus.“ Und damit hat er wohl Recht. Es haben noch nicht ganz so viele Menschen auf diesem Stuhl Platz genommen, die dem Gegenüber eine solche Spannbreite an Gefühlen, an menschlichen Einsichten und sich daraus ergebenden Folgerungen anbieten konnten, wie der Lehrersohn, der im Juli 1940 in Wernigerode das Licht der Welt erblickt. Von seiner Mutter Dorothea spricht er an diesem Mittag gar nicht, umso mehr von seinem Vater, einem Mitglied der Herrnhuter Brüder, einem Prinzipien-Protestanten also, der den Jungen immer wieder „mit dem Stock windelweich schlug“. „Anschließend musste ich ihn auf den Mund küssen. Mein Vater rauchte Zigarre. Wissen Sie, dass das für ein Kind die Höchststrafe ist?“ Aber Otmar Alt wird gleich auch sagen, dass er seit wenigen Monaten, eigentlich seit er seine unmittelbare künstlerische Auseinandersetzung mit der Bibel abgeschlossen hat, wieder mit dem Vater in Teilen versöhnt ist. „Richtig und gut war das damals mit Sicherheit nicht, was er mit mir gemacht hat“, sagt er eine Spur leiser, als beim Rest des Gesprächs, „aber ich glaube, geschadet hat es mir auch nicht.“

Leuchtet da also wieder das Licht des Positiven auf, das diesem Otmar Alt inne zu wohnen scheint? Sein ständiges Anarbeiten gegen jede Form von Hoffnungslosigkeit und Gleichgültigkeit. Er sagt: „Wir Künstler geben ja Botschaften, die neugierig machen. Dabei können diese Botschaften zwiespältig und manchmal gar Warnungen sein.“ Und er sagt: „Positiv zu denken heißt ja nicht nur lustig!“ Reden wir also über seinen aktuellen Gefühlszustand, den Motor des Künstlers. Ist er derzeit optimistisch gestimmt? Von wegen. „Aktuell ist doch alles scheiße“, sagt Otmar Alt. „Es gibt doch im Moment nur schlechte Botschaften. Krisen und Nöte, wohin man schaut.“ Auf die Frage, ob denn nicht gerade der Künstler jetzt den Auftrag empfinde, gegen diese schlechte Stimmung anzuarbeiten, dreht Alt wieder eine Gedanken-Pirouette: Nein, sagt er, er reagiere nicht unbedingt auf solche aktuellen Strömungen, er bleibe da seiner Linie treu. Seine Themen entwickelten sich nicht aus der Krise, sondern kämen „von da oben“. Er tippt leicht an den Kopf und beschreibt, sein Gehirn sei „sein Schatzkästchen“, in dem es noch so unendlich viele geschlossene Schubkästchen gebe. „Und plötzlich komme ich dann in eine Situation, dass so sein Kläppchen aufgeht und ich merke: Das musst Du jetzt machen! Und dann mache ich das!“

Und dann mache ich das! Ein Satz, der vermutlich das ganze bisherige Leben des Otmar Alt, wenn überhaupt fassbar, ziemlich präzise beschreibt. Er selbst hat noch eine ganz andere Philosophie über seine irdische Existenz gesetzt: Das Leben ist nur ein Versuch! Und zum Versuch des Lebens gehört folglich auch das Scheitern. Nimmt man nur das künstlerische Leben dieses Mannes, so kann und muss man wohl attestieren: Versuch geglückt! Was nicht heißt, dass nicht auch das Scheitern enthalten war. Otmar Alt wusste früh, dass er etwas Kreatives machen wollte. Vielleicht lag es am frühen Kontakt zur Musik, den der Junge schon auf Geheiß des Vaters suchen musste. Oder durfte. Alt macht als Sechszehnjähriger bei Karstadt im Berlin der fünfziger Jahre eine Lehre als Schaufenstergestalter. „Knechtjahre“ seien das gewesen, sagt er. Was aber in diesem Moment noch nicht einmal sonderlich frustriert klingt. Mit 18 Jahren fliegt er zuhause raus, muss plötzlich sein Leben ganz allein organisieren. Er hat die Idee, mit einem Freund nach Australien zu gehen als „car painter“. Allerdings ist er auch bereits verliebt. „Meine Verlobte hat gesagt, sie würde vom Balkon springen, wenn ich gehe“, erzählt er. Das habe er natürlich auch nicht gewollt und so sei er geblieben. Die damalige Freundin sei übrigens heute bereits zum dritten Mal „mit anderen Personen verheiratet“, aber sie hätten immer noch ein ganz entspanntes Verhältnis. Alt schmunzelt zum ersten Mal an diesem Nachmittag. Plötzlich menschelt für einen Moment der plüschige Seelen-Knuddel-Bär los.

Alt bleibt also in Berlin, besteht mit Bravour die Gesellenprüfung und will vielleicht „irgendetwas mit Mode machen“. Als er hört, dass man da vielleicht doch „besser schwul“ sein solle, auf jeden Fall aber dafür gehalten werde, dreht er wieder ab. Geht zur Meisterschule für Kunsthandwerk, lässt sich u.a. in Ausstellungsbau und Schriften unterrichten. Aber er will auch unbedingt auf die Hochschule der Künste. Irgendwann klappt das auch und der junge Alt sucht sich seinen Weg im Labyrinth der möglichen Stile und versucht dabei auch noch den Irrlichtern und Verlockungen des Zeitgeistes zu trotzen. Das Informelle-Abstrakte sei zunächst nicht so sein Ding gewesen, also habe er nach seinem eigenen Stil gesucht und ihn schließlich in diesem – „Sie sagen ja immer“ - Puzzle-Bild-Stil gefunden. „Wo ich allerdings irgendwann auch wieder raus wollte, was aber nicht ganz so einfach war, weil ich natürlich auch schon ziemlich erfolgreich war.“ Gerade erst hat er gesagt, dass das ja ohnehin eine höchst komplizierte, aber auch überaus ermüdende Frage sei, „was überhaupt Kunst ist“. „Viele sagen ja inzwischen, Kunst ist das, was sich prima verkauft. Das ist in meinen Augen völliger Quatsch.“ Sein Erfolg sei im Nachhinein betrachtet vielleicht so zu erklären, dass er sich eben nicht unterworfen habe. Weil es ihm eben niemals nur um die Form an sich gegangen sei, sondern – viel wichtiger – um das Botschaftgebende. Was aber nicht heißt, dass nicht auch ein Otmar Alt unter gewissen Bedingungen kompromiss- und gesprächsbereit sein kann. So habe seine Arbeit zum Beispiel für die Porzellan-Edelmarke Rosenthal internationales Aufsehen erregt. „Und das geht nicht, wenn du als Künstler nicht Teil des Projektes bist. Für den gemeinsamen Erfolg arbeitest.“

Reden wir also noch einmal über das Botschaftgebende und eben auch über die Erkenntnis, dass Alt-Botschaften nicht zwingend lustig sein müssen. Gerade seine Kunst nicht, denn dieses hochkomplizierte Leben hat auch ziemliche perfide Fallgruben mit Verzweiflungs-Potential für den Mann bereitgehalten. Da ist der frühe Tod seines kleinen Sohnes als Folge einer Infektion, da ist der tragische Verlust seiner ersten Frau Inge. Der Zuhörer kann in diesem Moment nur erahnen, welch große Liebe diese beiden Menschen im Leben verband. „Die Leute haben damals gedacht, jetzt muss der Alt doch endlich mal auf die Fresse fallen.“ Andere hätten eben auch bestaunt, wie scheinbar unberührt er seinen vermeintlich positiven Stil in den unterschiedlichen von ihm bedienten Kunstgattungen weitergeführt hätte. „Aber diese Leute sollten lieber mal unter die Leinwand schauen. Vielleicht finden sie doch eine viel größere Menge Schwierigkeiten darunter, als sie jemals gedacht hätten.“ Hat ihn denn das Leben am Ende doch depressiv gemacht? „Depressiv will ich nicht sagen, vielleicht einfach nur erwachsen.“

Wo oder in was findet ein Otmar Alt heute seine Heimat? Offenbar wieder so eine Frage, die er nicht so ganz einfach beantworten kann. Oder will. Natürlich lebt, denkt und arbeitet der Künstler seit vielen Jahren in Hamm auf einem alten Hof. Wahrscheinlich wird er das auch grundsätzlich als Heimat empfinden. Aber da ist noch mehr. „Heimat ist eigentlich immer da, wo ich mich mal für einen Augenblick tatsächlich fallen lassen kann.“ Und dann macht er eine kleine Kunstpause und sagt: „Ich fühle mich im Moment wohl bei Ihnen, dann ist das jetzt also für diesen Moment meine Heimat.“

Otmar Alt sagt, dass ihm die finanziellen Auswirkungen seines künstlerischen Schaffens auf sein eigenes Lebens inzwischen egal seien. Er habe mal sehr, sehr viel Geld besessen, samt Porsche und dickem Mercedes. Das sei ihm aber heute völlig egal. „Nehmen Sie das nicht zu wörtlich, aber ich lebe eigentlich wie ein Clochard.“ Der wirtschaftliche Aspekt seiner Kunst beträfe nur noch seine Stiftung, die sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten der Förderung und Unterstützung junger Talente verschrieben habe. „Was viel schwieriger ist als vor zwanzig Jahren“, sagt Alt, weil der Kreis potentieller, uneigennütziger Förderer in dieser immer schnelleren, sich zunehmend entmenschlichenden Zeit immer kleiner werde. Und älter. „Früher waren wir Tausend in der Stiftung, heute sind wir noch 400.“ Und wer sich heute für die Stiftung interessiere, frage nicht zunächst nach den eigentlichen Zielen und nach dem idealistischen Ansatz sondern gleich nach der Höhe des Stiftungsvermögens. Alt wiederholt noch einmal, dass er selbst heute kaum Geld für sich brauche. Er erzählt davon, dass er schon mal in Hotels umsonst schlafe könne, deren Besitzer Sammler von ihm seien. „Und da bekomme ich dann auch mal was zu essen.“ Auch bei der Kleidung sei er anspruchslos geworden. Manchmal schenkt mir ein Galerist oder ein anderer Kunstfreund einen Mantel.“ Wahrscheinlich bemerkt er jetzt die inzwischen hochgezogene Augenbraue des Gegenüber und setzt sofort nach: „Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin nicht arm, aber ich brauche wirklich nicht viel für mich. Wenn ich meine Farben, meinen Pinsel und meine Leinwände habe, bin ich hochzufrieden.“

Natürlich müssen oder wollen wir auch noch über die Erklärbarkeit von Kunst reden. Und auch die Sinnhaftigkeit von Erklär-Versuchen. Gibt es da sogar wissenschaftliche Ansätze? Alt zuckt die Schultern, erzählt von einer jungen Praktikantin in der Stiftung, die über ihn ihre Master-Arbeit geschrieben habe. „Ich sollte das hinterher unbedingt auch lesen, habe es auch getan und dann gesagt: Mein Gott, ist das todlangweilig.“ Sie habe aber nur die Schultern gezuckt und gesagt. So ist das eben in der Wissenschaft.“

Aber noch einmal zur zurück zur notwendigen Erklärung. Muss oder darf man Alt-Bilder oder Kunstwerke denn nun erklären? „Zunächst einmal stehen meine Werke für sich selbst.“ Und weiter: „Jedes Kunstwerk hat seine Seele und findet sein Gegenüber. Sehen können wir es mit den Augen – aber verstehen können wir es nur mit unserem Herzen.“

Das Gespräch ist schon lange in der zweiten Stunde. Otmar Alt, der gar nicht so gern über Otmar Alt spricht, zeigt noch keinerlei Ermüdungserscheinungen. Vielleicht ist es doch so etwas wie Lampenfieber, denn in wenigen Stunden soll im Parktheater ja eine große Ausstellung eröffnet werden. Nervös sei er nicht mehr, sagt Alt, aber andererseits habe er schon eine innere Spannung. „Wenn man innerlich nicht mehr berührt ist, ist man auch in Teilen bereits tot“, sagt er und berichtet mit einem „à propos tot“ eher zufällig, aber auch ganz selbstverständlich von allerlei Unpässlichkeiten unterhalb und oberhalb der Körpermitte. Angst vor dem Ende? Einem zu raschen Ende? Nach der Bibel habe er sich ja in jüngster Zeit ganz konzentriert mit dem Schaffen und Denken von Martin Luther befasst. Und plötzlich habe er, „der bunte Otmar Alt“, Schwarz-Weiß-Bilder gemalt. „Gerade da habe ich mir natürlich auch die Frage gestellt, ob dieser Schritt von der Farbe zum Schwarz-weißen auch so etwas wie mein eigenes nahendes Ende symbolisiert.“ Aber Otmar Alt weiß natürlich auch, wie man sich Mut macht: „Malen macht zeitweise Angst, doch die Resignation ist niemals der richtige Weg. Gefordert ist der Glaube an sich selbst.“

Die Liste der bemerkenswerten Zitate wird an diesem Nachmittag immer länger. Irgendwann sagt Otmar Alt auch noch „Alles, was Du mit Liebe machst, ist schön.“ Und er sagt von sich: „Ich kann gefährlich reagieren, aber ich kann einen Menschen auch an die Hand nehmen und ihm mein Bild zeigen.“ Aber der beste Alt-Satz kommt ganz zum Schluss und bezieht sich noch einmal auf die für den Abend angesetzte Vernissage: „Ich bin mal gespannt. Wenn mir heute Abend einer zu lustig kommt, stehe ich auf und bin weg. Ich bin kein Dackel, den man vorführt.“ So etwas würde der Olivenbaum in Valdemossa wahrscheinlich auch gesagt haben.

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