Porträt

Peter M. Dieckmann

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Weißt Du, wer nach Iserlohn kommt?“, ruft die Bekannte begeistert ins Telefon, „Peter Michael Dieckmann!“ Ich werde zum lebenden Fragezeichen, habe den Namen noch nie gehört.

„Das ist ein bekannter Reiki-Autor, er liest im Literaturhotel. Sein Buch hat mein Leben verändert!“ Meine Ratlosigkeit steigt. Reiki? Chinesische Kampfsportart oder koreanisches Reisgericht?

Zwei Wochen später sitze ich mit Peter Michael Dieckmann im Wichelhovenhaus. Der extreme Enthusiasmus der Bekannten hat mich neugierig gemacht. Mittlerweile habe ich in Erfahrung gebracht, dass es sich bei Reiki um eine aus Japan stammende Form der Lichtheilung inklusive Meditation handelt. Und dass Dieckmann eben nicht nur Reiki-Lehrer ist, sondern hauptberuflich auch noch Hauptkommissar in Duisburg. Ein harter Bulle, der seinen weichen Kern gefunden hat, damit wirbt sein Verlag.

Peter Michael Dieckmann kommt nicht in Jesus-Latschen und riecht auch nicht nach Räucherstäbchen. Er sieht aus, wie man sich einen typischen Hauptkommissar vorstellt, ist ein bulliger Typ, scheint mit beiden Beinen fest auf der Erde zu stehen, trägt Jeans und Karo-Hemd. Man kann sich gut vorstellen, wie er böse Buben verhaftet. Man kann ihn sich gut im Baumarkt vorstellen oder abends in einer Duisburger Eckkneipe. Aber als Reiki-Lehrer?

Das hätte er sich selbst nie träumen lassen. Mit einem leicht verschämten Lächeln erzählt Dieckmann von seiner Lebenskrise Mitte der 90er Jahre. Nach einer Feier setzte er sich betrunken ans Steuer - und sah irgendwann die Kelle der Kollegen, der Lappen war weg. Es gab Ärger mit Dienststelle und Ehefrau, und es folgte ein langes Warten: Wie viel Promille waren es? Wie würde sein Leben weiter gehen? Da schickte ihm eine flüchtige Bekannte Werbepost für ein Reiki-Seminar. „Ich wusste gar nicht, was das war. Aber ich hatte das Gefühl, es könnte gut tun.“

Dieckmann meldete sich an und informierte sich dann erst über Reiki. „Ach, du Scheiße! Wozu hast du dich da angemeldet!“ sei seine erste Reaktion gewesen. „Danach wächst dir wahrscheinlich Gras aus der Tasche.“ Doch der Dogmatiker war tapfer, „zog das durch.“ Zum Seminar musste er sich - mangels Führerschein - von einem Kollegen fahren lassen, dem er erzählte, er müsse zum Klassentreffen.

Das Seminar warf ihn aus seiner eingefahrenen, inneren Bahn: „Bis dahin hatte ich mich für einen ziemlich selbstbewussten Kerl gehalten. Aber das war nur ein Pseudo-Selbstbewusstsein.“ Sein Lebensgefühl, seine Einstellung änderte sich, Emotionen wurden wichtiger. Höhere Dimension, Lichtheilung - was bei anderen mehr als merkwürdig klingt, kann Dieckmann erstaunlich normal rüber bringen. Und genau das ist nunmehr seit Jahren sein Ziel: „Ich will Reiki aus der Nische herausholen. Ich möchte Reiki den Esoterikern wegnehmen und es den Normalos geben.“ Schließlich sei Reiki ja allumfassend. Aber irgendwie auch ein psychologischer Trick: „Ob Reiki, Yoga oder Psychotherapie ist egal, die Weisheiten sind überall gleich.“ Das Tolle an Reiki sei eben die Kombination mit der Meditation.

Tatsächlich findet man in Dieckmanns zweitem Buch „Ich bin berührt“ allerhand Sätze, die man getrost als Lebensweisheiten bezeichnen kann. Der Satz „Die beste Technik des Unglücklichseins ist die andauernde Beschreibung der Zustände.“ etwa, oder der Rat, man solle sich oft sagen „Ich bin es wert geliebt zu werden.“ Und vor allem, dass die Erkenntnis der Ursache nicht zugleich Heilung bedeutet. Diese Weisheiten könne man, so Dieckmann aber erst durch Meditation richtig verinnerlichen, dies sei der Weg. „Aus Spaß geht doch keiner meditieren, die Leute haben etwas verloren.“ Und hoffen, es durch Reiki wieder zu finden.

Was anscheinend bei vielen funktioniert, denn sonst wäre Dieckmann wohl kaum so erfolgreich. Er schafft es, Reiki vom „esoterischen Schnickschnack“ zu befreien, Klartext zu reden. Er würzt seine Thesen stets mit einer großen Portion Bodenständigkeit und gleich mehreren Prisen Humor. Seine Kurse an der Nordsee sind bestens besucht, Peter Michael Dieckmann stellt nüchtern fest, er sei der erfolgreichste Reiki-Lehrer Deutschlands: „So viele Teilnehmer hat keiner.“

Dabei habe ihm seine Einstellung nicht nur Freunde in der „Szene“ gebracht, erzählt er. Das macht aber nichts, mit den Reiki-Traditionalisten kann er eh nichts anfangen. Symbole interessieren ihn nicht und überhaupt gebe es in Reiki-Kreisen sehr viele Scharlatane, die den Leuten nur viel Geld abknüpfen würden. Dieckmann sagt, er nehme im Vergleich wenig. Hauptberuflich ist er immer noch Polizist: „40 Stunden die Woche, volle Kanne.“

Was auffällt, sind die vielen Vergleiche die Dieckmann zwischen der christlichen Religion und Reiki zieht. Es gebe starke Parallelen, sagt der getaufte Christ, der irgendwann aus der Kirche austrat. In Kirchen geht er trotzdem gern, seine Lieblingskirche steht an der Nordsee. Die Atmosphäre in Gotteshäusern sei wunderbar. Und: In der christlichen Kirche geben es doch auch Heilungen.

Gerade diese Heilungs-Sache hört sich aber in kritischen Ohren schon merkwürdig an. Für Dieckmann ist Reiki dann auch mehr Meditation als Heilung. Offenen Wunden oder Krebs könne man damit nicht zu Leibe rücken, „solche Heilungsversprechen sind unlauter.“ Er selbst geht zu einem normalen Hausarzt und schluckt auch Antibiotika. Trotzdem: Reiki könne Heilung unterstützen und Hoffnung geben. „Wenn ein Kind sich verletzt, und die Mutter es berührt, beruhigt es sich“, zieht er einen alltäglichen Vergleich.

Mittlerweile hat Dieckmann auch seine Frau mit Reiki „angesteckt“. In seiner großen Wohnung sind oft viele Menschen zu Gast, vor allem für Meditationsabende und an den Wochenenden. Wobei: „Eigentlich hält Mary die Vorträge.“ Mary ist mitnichten die Gattin, sondern eine der beiden Katzendamen, die in der Dieckmannschen Wohnung das Sagen haben. Sie sind Kinderersatz, strahlend zückt Dieckmann Fotos der Vierbeiner. Eben ein harter Kerl mit einem weichen Kern. Harter Bulle, esoterisches Weichei - was ist er denn nun? „Weder noch, ich habe ja eine Entwicklung durchgemacht.“

Dieckmann trinkt keinen Alkohol mehr, zieht viel Kraft aus seinem Reiki-Wirken, das er als eine Art Ehrenamt mit Aufwandsentschädigung betrachtet: „Andere trainieren Fußballmannschaften.“ Er habe es gern, wenn kritische, skeptische Menschen in seine Seminare kommen: „In denen erkenne ich mich wieder.“ Heute sei es seine größte Freude, Menschen Reiki zu vermitteln. Im November erschient sein drittes Buch „Bodybuilding für die Seele“. Bestimmt nicht sein letztes.

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