Porträt

Petra Pinzler

Foto: Josef Wronski/IKZ

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„Mein erstes Lokalredaktion-Praktikum machte ich hier beim IKZ“, erinnert sich Petra Pinzler beim Besuch im Wichelhovenhaus. Anlässlich ihrer Lesung im „Literaturhotel“, wo die frühere Iserlohnerin ihr neues Buch vorstellte, stattete sie ihrer alten Wirkungsstätte einen Besuch ab, wo wir ins Gespräch kamen über globales Denken und lokales Handeln.

Bei unserem Gespräch berichtet Petra Pinzler aus dem Hauptstadtbüro der Wochenzeitung „Die Zeit“ und ihren bisherigen beruflichen Stationen. Ob sie die Gräfin Dönhoff noch erlebt hat, die frühere Herausgeberin der „Zeit“? Die Journalistin bejaht und spricht mit großem Respekt von ihr und ihrem Nachfolger Helmut Schmidt. An beiden sehe man, wie die mit hohem Sozialprestige verbundene Aufgabe bis ins hohe Alter Spaß machen könne, wenn sie als Berufung verstanden werde. „Diejenigen, die im Alter noch sozial eingebunden sind, haben Glück. Sich für andere engagieren, sich kümmern, gehört zur Lebensqualität.“

Die 47-jährige Autorin ist heute Mitglied der Hauptstadtredaktion der „Zeit“. Sie studierte Wirtschaftswissenschaften und Politik und besuchte parallel die Journalistenschule Köln. Als Stipendiatin der Fritz-Kühn-Stiftung ging sie nach Lateinamerika: „Eine tolle Chance.“ Danach arbeitet sie in einem Journalistenbüro in Köln, bevor sie zur Wochenzeitung „Die Zeit“ nach Hamburg wechselte. „Ich habe es nicht bereut“, erzählt sie von ihren weiteren Stationen: Von 1998 bis 2001 war sie USA-Korrespondentin in Washington, danach bis 2007 Europa-Korrespondentin in Brüssel, und seither arbeitet die Redakteurin in der Hauptstadtredaktion in Berlin, wo sie überwiegend über Themen wie die Europäische Union, Außenpolitik, Wirtschaft und Entwicklung schreibt.

Petra Pinzler ist mit Leib und Seele Journalistin: „Es ist ein toller Beruf.“ Sie bedauert, dass in Ländern wie Amerika immer stärker der objektive Qualitätsjournalismus verloren gehe. „Es geht uns unglaublich gut, dass wir in Deutschland den öffentlich-rechtlichen Journalismus haben. Und es ist gut, dass es so was wie den IKZ gibt, eine Quelle für Diskussionen vor Ort.“ Bei ihrer ersten Reportage über Obdachlose in Iserlohn für den IKZ, die sie im Rahmen ihres Praktikums machte, habe sie schätzen gelernt, wie nah die lokale Berichterstattung am Leser ist. Mit Interesse blättert sie durch die Beilage zum 170-jährigen Bestehen unserer Zeitung.

Petra Pinzler kommt auf die zentralen Themen ihres neuen Buches „Immer mehr ist nicht genug. Vom Wachstumswahn zum Bruttosozialglück" zu sprechen: Wege aus der Wachstumsfalle, Glück und Lebensqualität. Sie stellte es vor ausverkauftem Haus im „Literaturhotel“ vor, wo sich eine spannende und anregende Diskussion entwickelte. „Dieses Buch gehört in jeden Haushalt“, erklärte die davon sichtlich beeindruckte Programmmacherin des Literaturhotels Andrea Reichart. Petra Pinzler beschreibt auf erfrischend humorvolle Weise das vergängliche Glück des Konsums. Mit ihrem Buch gibt sie viele Anstöße zum Nachdenken über die Suche nach mehr Lebensqualität: „Das Sein zählt mehr als das Haben.“

Sie erzählt, wie sie bei ihren Recherchen über Glück und Lebensqualität gelernt habe: „Man sollte abends sagen, was hat mich heute glücklich gemacht. Man muss es sich immer wieder klar machen. Ein Lächeln kann ansteckend sein sage ich meinen Kindern.“ Petra Pinzler sagt das auch zu ihrem zwölfjährigen Sohn Jakob Benjamin und ihrer achtjährigen Tochter Franziska: „Wenn man die anderen angemuffelt, kommt ein Muffeln zurück.“ Die Tochter geht in Berlin auf die bilinguale deutsch-französische Europa-Schule und hat ihren Opa in Iserlohn schwer beeindruckt beim Lesen von Fontane-Fabeln, erzählt die stolze Mama.

Apropos Schule. Die frühere Iserlohnerin wundert sich über den Streit über die Gesamtschule in Iserlohn. Ihr Sohn besucht in Berlin die Sekundarschule. „Beide Kinder waren auf einer Ganztagsschule. Wenn ich überlege, was sie alles gemacht haben, war meine Schulzeit am Stenner-Gymnasium eher ergebnislos: Sie besuchen Theater, Museen und Freizeitparks. Sie sind den ganzen Tag untergebracht“, lobt sie diese Schulform, die auch Kinder, die nicht aus der Mittelschicht kommen, viele Vorteile bringe. „Ich habe das Glück gehabt, dass meine Eltern mich zur Musikschule gehen ließen, wo ich Konzertgitarre lernte.“ Mit großer Dankbarkeit denkt sie noch zurück an ihren Gitarrenlehrer Ulrich Stracke: „Er hat mir den Spaß am Leben und an der Musik vermittelt.“ Damit verbindet sie auch die Erinnerung an „tolle Abende im Jazzclub Henkelmann“. Petra Pinzler ist voll des Lobes über das Kulturleben Iserlohns, insbesondere über die „tolle Musikschule“.

Als Tochter einer Lehrerin und eines Offiziers lernte sie früh die preußische Grundhaltung kennen. Diese gebe sie an ihre eigenen Kinder weiter: „Die sogenannten Sekundärtugenden und Konventionen machen das Leben leichter“, weiß Petra Pinzler. Das betreffe auch die Kleidung: Die Kleidung die man trägt, sagt etwas aus, ist eine Botschaft. Als 15-jährige trug sie ein Palästinensertuch als Ausdruck ihrer Gesinnung. „Viele Menschen brauchen Kleidung als Ausdruck der Zugehörigkeit, das ist besonders bei Jugendlichen so“, erzählt sie. Die langjährige Amerika-Korrespondentin weiß: „Jeder Amerikaner kauft im Durchschnitt alle fünf Tage ein neues Kleidungsstück. Das sind im Jahr mehr als 60 neue Dinge.“ Sie spricht von einem Gruppendruck schon bei 15-Jährigen. Und genau diesen Konsumzwang fördere die irische Textilkette Primark mit Teenagern als Zielgruppe.

In Iserlohn sei diese Entwicklung noch nicht erkennbar. „Im Vergleich zu anderen Städten lebt diese Stadt noch nicht so durch den Konsum. Hier kann man mit Kindern gut leben, hier gibt es Lebensqualität, und es ist interessant“, beschreibt Petra Pinzler ihren Eindruck. Straßenmusikanten, Informationsstände, Treffpunkte wie die Bücherei und die Eisdiele nennt sie als Beispiele.

„Wir werden von der Marktgesellschaft zur Konsumgesellschaft“, sagt sie weiter. „Bei uns geht es darum, mit dem Übermaß klarzukommen. Wir stecken mental noch im vorigen Jahrhundert, als es darum ging, möglichst viel anzuschaffen“, erläutert sie mit Blick auf mehr Kleidung, dickere Autos und Handys. Auch bei ihren Kindern beobachte sie den Wunsch nach Statussymbolen. Der Wunsch nach dem iPhone entspreche nicht dem Bedürfnis zu telefonieren, sondern dem Wunsch nach einem Statussymbol. Es sei ein Trugschluss, dass das neue Smartphone oder das neue T-Shirt zum Glück beitrage. Was wirklich wichtig ist im Leben und glücklich macht? „Wertmaßstäbe, Ethik und Religion, Bildung, Gerechtigkeit, Gesundheit, eine intakte Umwelt, Zeit für sich und die Familie“, nennt sie einige Stichworte.

In Heidelberg gibt es sogar eine Schule, die Glück als Schulfach anbietet“, weiß Pinzler von ihren Recherchen. „Kinder lernen, was sie für ein gelingendes Leben als Rüstzeug brauchen, unter anderem Selbstbewusstsein und Optimismus, und Gegenmodelle zur Konsum- und Leistungsgesellschaft. “ Das sollte Schule machen. Sie fordert eine Debatte über das, was wir wirklich brauchen, was zufrieden macht und die Umwelt erhält.

Petra Pinzler freut sich, dass ihre Kinder gerne lesen. Nicht von ungefähr: Sie und ihr Mann haben ihnen früh vorgelesen. Ihr Mann ist Lektor. Mit ihm zusammen schrieb sie auch ihr erstes Buch „George W. Busch - die Wende in Amerika“ in der Babypause. Damals wie heute habe sich ihr Mann viel um die Kinder gekümmert. Als Freiberufler sei er flexibler. Ihre Kinder erlebten Schule als Ort der Begegnung, lernten unter anderem kreatives Schreiben.

Ob sie selbst glücklich ist? „Die Antwort ist morgens anders als abends“, verrät sie mit breitem Grinsen und setzt ernsthaft hinzu: „Ich bin zufrieden. Ich habe das Gefühl, ich kann was machen. Man muss Chancen haben. Und die habe ich bekommen. Ich habe eine solide Ausbildung genossen. Ich habe einen Job, der interessant ist. Und ich habe jemanden gefunden, den ich liebe. Ich hatte die Voraussetzungen und habe sie genutzt. Dafür können wir dankbar sein. Ich habe verdammtes Glück im Leben.“ Sie begreife „das Leben als Sammeln von glücklichen Momenten und interessanten Erfahrungen “.

Petra Pinzler plädiert dafür, die gesellschaftlichen Voraussetzungen zu schaffen, dass möglichst viele Menschen diese Chancen erhalten: „Immaterielle Güter wie Gesundheit, Bildung, Chancengleichheit und Werte wie Freiheit oder Demokratie sind entscheidend für ein erfülltes Leben. Wir sollten weniger in Dinge investieren, sondern in Menschen. Statt neue Eisstadien zu bauen sollten mehr Kindergärtnerinnen eingestellt werden.“

Ihre Hauptthese formuliert die Autorin so: „Um das Bruttosozialglück zu steigern, müssen nicht nur wir, sondern auch die Politik sich ändern, im Berliner Kanzleramt, im Parlament und in den Rathäusern der Republik.“ Nach ihrer Wahrnehmung gebe es immer mehr Menschen, die ihren Thesen zustimmen. Das habe sie auch kürzlich bei einem Vortrag in der voll besetzten Stadthalle in Biberach, einer der reichsten Städte Deutschlands, erlebt.

Die mehrfach mit Journalistenpreisen ausgezeichnete Redakteurin diskutiert beim Wirtschaftskongress der Grünen ebenso mit wie im ARD-„Presseclub“, sie bringt sich auf verschiedenen Ebenen ein. „Wir müssen nach anderen Kriterien für gute Politik suchen, die Lebensqualität verbessern. Auf das Iserlohner Rathaus bezogen: Der Bürgermeister muss sagen, ich habe dafür gesorgt, dass Iserlohn eine lebenswerte Stadt ist.“ Wichtig sei das Gefühl, hier was Sinnvolles machen zu können.

Petra Pinzler spricht sich dafür aus, dass jeder Einzelne sich einbringt: „Die Veränderungen müssen von unten kommen. Die Berliner Politik ist das letzte, was sich verändern wird.“ In der Politik gehe es darum, die Menschen mitzunehmen. „Die Bürger müssen die Politik fordern, solange das nicht passiert, verändert sich nichts.“

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