Porträt

Radek Baborák

Foto: IKZ/Michael May

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Das eigene Instrument ist für einen Musiker, vor allem für einen Profimusiker, der sich in der Weltspitze bewegt und tagtäglich viele Stunden damit verbringt, ganz besonders wichtig. Und bei den Gesprächen mit den Gästen der Internationalen Herbsttage für Musik nimmt auch die Bedeutung der Ins­trumente immer einen großen Raum ein – schließlich erfährt man dabei schon eine Menge darüber, wie der Mensch hinter dem Instrument so tickt. Wir hatten dabei schon Geiger im Wichelhovenhaus, die mit einer millionenschweren Violine und höchsten Sicherheitsanforderungen für den Hotelaufenthalt unterwegs sind, Klarinettisten, die ständig selbst an ihren Instrumenten feilen, um den Klang zu verbessern, und Trompeter, die im Laufe der Jahre eine umfangreiche Sammlung mit allen nur erdenklichen Formen ihres Instruments angelegt haben.

Eine ähnliche Sammelleidenschaft hätte man auch Radek Baborák unterstellen können, schließlich gilt auch für das Horn, dass es von den Ursprüngen als einfaches Signalhorn bis zum ausgefeilten Ventilhorn für die heutige Konzertbühne jedes Volk dieser Welt im Laufe der Geschichte unzählige Formen hervorgebracht hat. Die Antwort „zwei“ auf die Frage, wie viele Hörner er denn zu Hause habe, ist von daher durchaus erstaunlich. Eins mit Ventilen, eins ohne, mehr braucht der Virtuose von Welt offensichtlich nicht. Es sei ihm durchaus bekannt, dass andere Hornisten auch eine außerordentliche Sammelleidenschaft entwickeln. „Ich bin aber nicht so ein Fetischist“, sagt er. Es sei durchaus wichtig, dass man auf dem besten Instrument spielt, eine sonderlich emotionale Bindung habe er deswegen aber nicht dazu.

Eher ein einfacher Gebrauchsgegenstand also – ein Eindruck der sich noch verstärkt, wenn es um sein derzeitiges Horn geht, das auf den ersten Blick irgendwie ein bisschen mitgenommen, abgestoßen und ziemlich alt aussieht. In Wirklichkeit ist es ein recht neues Horn aus der Reihe „Radek Baborák“, die er selbst mit einem deutschen Ins­trumentenmacher entwickelt hat, und aus der er alle Instrumente abnimmt und signiert. Alt sieht es aus, weil er es halt matt und unveredelt gelassen hat. Und die Macken? So etwas passiere halt mal. Letzte Woche beispielsweise habe er in Prag ein Kinderkonzert gegeben und die Kinder hinterher auch mal blasen lassen. Und dabei sei das Horn eben runtergefallen. „Das ist aber nur ein Blechschaden. Das hat keinen Einfluss auf den Klang.“

So also tickt der Mensch hinter diesem Horn. Irgendwie ganz anders, als erwartet, unendlich entspannt, und ganz ohne großes Tamtam zu machen – weder um sich, noch um sein Horn.

Die Frage, die sich bei ihm als Erstes aufdrängt, ist, warum um alles in der Welt er nach zehn Jahren die Stelle als erster Hornist bei den Berliner Philharmonikern aufgegeben hat. Er bestätigt, dass diese Stelle definitiv die beste Stelle ist, die ein Hornist auf dieser Welt überhaupt erreichen kann – mit allerhöchsten Ehren und einer finanziellen Absicherung verbunden, die dem zweifachen Vater doch eigentlich sehr entgegen kommen müsste. Der Grund für seine Kündigung und seinen Weg in die eher unsichere Welt als freischaffender Konzertvirtuose liegt wohl darin, dass er den Zwängen des Orchestermusikers müde geworden ist, dass er schon mit 17 Jahren erster Hornist in Prag war, und bei ihm irgendwie alles viel zu früh passiert ist.

Was nun unweigerlich in seine Kindheit und sein früheres Leben als Wunderkind führt. Geboren wurde Radek Baborák am 11. März 1976 im tschechischen Pardubice – einer Stadt in etwa von der Größe Iserlohns, mit eigenem Konservatorium und Orchester, aber kulturell besser aufgestellt als Iserlohn. Dort wuchs er auf und in eine echte Musikerfamilie hinein. Mütterlicherseits waren alle Berufsmusiker, und auf der anderen Seite gab es einen Stiefvater, der Hornist und vor allem ein sehr ambitionierter Hornlehrer war und – nachdem er das besondere Talent seines Stiefsohnes erkannt hatte – dessen internationale Karriere er mit allergrößter Strenge auf den Weg brachte – auch, um ihm möglichst schnell den Weg aus dem Ostblock hinaus zu ermöglichen. Mit acht Jahren fing Radek Baborák an, Horn zu spielen. „Ich habe jeden Morgen vor der Schule eine Stunde üben müssen, und nach der Schule ging es direkt weiter“ – alleine und in Ensembles, sowohl klassisch als auch in Volks- und Unterhaltungsmusik.

Jeder Tag war voll mit Musik, und natürlich ging alles schneller als bei anderen Kindern, und natürlich wurde dementsprechend wieder noch mehr oben drauf gepackt. Mit zwölf Jahren gewann der Junge mit dem Rundfunk-Wettbewerb Concertino Prag seinen ersten großen Wettbewerb. Mit 13, 14 Jahren, so erzählt er, habe er die komplette Horn-Literatur beherrscht – natürlich nur technisch: „Verstanden habe ich nichts. Ich war wie ein sehr gelehriger Papagei und habe nur nach den Anweisungen meines Stiefvaters gespielt – hier laut und da leise. Eigene Ideen hatte ich damals noch nicht“

Erst mit 17,18 Jahren hat er dann seine Liebe zur Musik entdeckt. „Mit 14 kann man Brahms und Bruckner nicht verstehen.“ Radek Baborák hatte zum Zeitpunkt seines musikalischen Erwachens mit 18 Jahren sein Studium schon abgeschlossen und stand bereits als erster Hornist am Prager Orchester in Amt und Würden.

Alles drei geht aber nicht“, kommt der mit 38 Jahren immer noch zur jüngeren Generation gehörende Musiker wieder ins Hier und Jetzt und zu den drei wichtigsten Dingen, die sein Leben bisher bestimmt haben: seine Familie (er ist mit einer tschechischen Cello-Lehrerin verheiratet und hat zwei Töchter von zwölf und acht Jahren), seine Solo-Karriere und die Berliner Philharmoniker. Das Berliner Orchester sei ein wunderbarer Arbeitgeber gewesen, dem er viel zu verdanken habe, der aber auch sehr gefordert habe. Seine Solo-Karriere habe er deswegen immer hinten an stellen müssen. 2011 sei der richtige Zeitpunkt gewesen, um dieses Kapitel als Orchestermusiker nach fast 20 Jahren und immens vielen Erfahrungen vorerst zu beenden.

Das hat er natürlich nicht unvorbereitet getan. Zum einen ist er sehr vielseitig und kann sich über mangelnde Aufträge nicht beschweren – nicht nur als Solo-Hornist auf Konzert-Tournee. Er hat angefangen zu dirigieren und hat mit der „Tschechischen Sinfonietta“ sein eigenes Kammerorchester gegründet. Er ist ein weltweit gefragter Dozent und wird immer wieder zu Meisterkursen eingeladen. Er ist nach wie vor ein begeisterter Kammermusiker und tritt mit verschiedenen Blas-Ensembles auf. Vor allem habe ihn aber seine enorme Popularität in Japan, wo er mehrmals im Jahr gastiert, auch finanziell in die Lage versetzt, die Traumstelle bei den Berlinern zu verlassen.

Er ist damit natürlich alles andere als ein Aussteiger – bei dem hohen Arbeitsaufwand mit extremer Reisetätigkeit wahrscheinlich eher im Gegenteil. Und doch wirkt er manchmal so wie ein Aussteiger – weil er so anders ist als viele andere Musiker im Klassikbetrieb, und weil er gerade in diesem Klassikbetrieb so vieles in Zweifel zieht. Wettbewerbe und Probevorspiele zum Beispiel. Er sei froh, dass er schon mit 17, 18 Jahren die ganzen Wettbewerbe gewonnen und damit heute nichts mehr zu tun habe. Genau wie die Probevorspiele, wenn man in Orchester will. Es werde da ein sehr enger Rahmen, eine Schublade vorgegeben, in die man hineinpassen müsse. Platz für künstlerische Individualität sei da kaum. Gerade sein eher weiches, warmes und gesangliches Spiel, das ihn als Solist so auszeichnet und wofür er so gefeiert wird, sei von den Bläsern in den Orchestern, wo er vorgespielt habe, immer sehr skeptisch gesehen worden. Ob er denn auch so richtige blecherne Kraft entwickeln könne, wurde bange gefragt. Die Streicher hätte er hingegen immer auf seiner Seite gehabt – auch diese Grenzüberschreitung zwischen den beiden Welten eines Orchesters ist sicherlich mehr als untypisch. Dazu zieht er die heute so verbreiteten Dogmen in der Klassik in Zweifel – gerade die immer weiter fortschreitende Spezialisierung für Alte oder Neue Musik und die Trennung der Stile. Natürlich sei es gut, wenn man tief in einen bestimmten Stil eindringe, doch er wolle sich deswegen von niemandem verbieten lassen, auch Renaissance-Musik auf einem modernen Horn zu spielen. „Wenn es für alles Spezialensembles gibt, was bleibt dann noch für einen normalen Hornisten übrig?“

Also bleibt Radek Baborák möglichst vielseitig, spielt die großen Klassiker ebenso wie Alte Musik und ist ständig auf der Suche nach neuen Stücken – in Archiven und auch bei befreundeten Komponisten von heute. Als einer von vielleicht fünf Hornisten seiner Güteklasse weltweit ist er im Grunde permanent bei der Arbeit und unterwegs – allerdings schneller, unkomplizierter und komfortabler als mit dem Orchester, wie er lachend hinzufügt. Er findet immer noch viel Zeit für seine Familie und seine Töchter, die im Übrigen auf keinen Fall so viel üben müssen wie er als Kind: „Dazu haben die Kinder heute ja auch gar keine Zeit mehr.“

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