Porträt

Reinhold Friedrich

Foto: Josef Wronski/IKZ

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Trompete ist nicht gleich Trompete – das wurde schon beim Eröffnungskonzert der Internationalen Herbsttage für Musik deutlich. Je nach dem, wie es geboten war, hat Reinhold Friedrich da eine barocke Piccolotrompete, eine moderne Ventiltrompete deutscher Bauart und eine französische Piston-Trompete zum Einsatz gebracht. Es gibt auch Trompeten amerikanischer Bauart, es gibt Naturtrompeten ganz ohne Ventile, es gibt auch altertümliche Klappentrompeten, für deren seltene und perfekte Beherrschung Friedrich in der Welt der Trompeter besonders verehrt wird. „Wenn ich alle zusammenzähle – auch die, die ich an meine Studenten verleihe – dann komme ich wohl auf rund 50 Trompeten“, sagt er. Etwa 25 davon sind ständig in Betrieb. Das ist schon erstaunlich, zeigt aber auch, wie breit dieser Mann musikalisch aufgestellt ist. Denn bei den klassischen Trompeten hört es freilich nicht auf. Friedrich hat auch eine kirgisische Riesentrompete, die einst auf den Wachtürmen der Seidenstraße als Signalhörner benutzt wurden. Er hat ein spielbares Kuhhorn mit Löchern aus Schweden und eine federleichte hölzerne Trompete aus Norwegen, die die Lappen bei ihren Wanderungen mit den Rentieren benutzen. Natürlich spielt er auch auf tahitischen Muscheln und australischen Didgeridoos – alles, was irgendwie tröten kann, macht ihm riesigen Spaß.

So groß die Vielfalt bei den Instrumenten, so klein ist sie aber anscheinend bei den Spielern. Der Typus des Klischee-Trompeters ist bekannt und Gegenstand unzähliger Witze. Der kürzeste lautet „Ein Trompeter geht an einer Kneipe vorbei“ und sagt wohl alles darüber aus, was die Welt und die Musikerkollegen von diesen allzu lauten und stets gut aufgelegten Bläsern halten. Reinhold Friedrich schmunzelt und sagt, dass da schon was dran sei. Auch daran, dass es durchaus Einfluss auf einen Menschen hat, wenn er immer der lauteste ist. Und dann fängt er an zu erzählen von den Harfenisten und anderen Eigenbrötlern, die immer nur mit sich allein am Instrument sitzen. Von den Streichern, die ihr ganzes Studium darauf getrimmt werden, dass sie das Tschaikowsky-Violinkonzert spielen können, bis sie merken: Tschaikowsky ja, aber ich stehe nicht vorne, sondern sitze ganz hinten und begleite das Stück. „Die müssen doch ständig ihre Individualität runter schrauben.“ Oder von den armen Holzbläsern: „Die Oboisten tun mir richtig leid. Die schuften das ganze Weihnachtsoratorium durch, Kantate für Kantate, und wenn es richtig zur Sache geht, dann kommen wir und räumen ab.“ Und natürlich fängt er vor lauter Mitleid schallend an zu lachen.

Aber Spaß bei Seite: Natürlich sei es irgendwo toll, in der Mitte des Orchesters, etwas erhöht auf Augenhöhe mit dem Dirigenten zu sitzen und immer für die besonderen Momente zuständig zu sein. Für Trompeter sei die ganze klassisch-romantische Orchesterliteratur ein Traum. Und dass man als Trompeter in Musikvereinen und Posaunenchören groß werde, immer zusammen in der Gruppe spiele und natürlich auch immer zusammen einen Trinken gehe, das präge einen auch. Nicht jeder aber die allermeisten Blechbläser seien schon von seinem Schlag, und da gehört das Leben in vollen Zügen mit Wein, Weib und Gesang eben dazu. Und auf jeden Fall mit viel Lachen, denn mit Lachen gehe doch vieles viel leichter.

Dabei wird Reinhold Friedrich 1958 in Weingarten in der Nähe von Karlsruhe in eine streng protestantische Familie hineingeboren – am 14. Juli (dem französischen Nationalfeiertag) mit den Initialen RF (République française) und als Nachkomme französischer Hugenotten, womit er seine ungeheuere Frankophilie erklärt. Der Vater war Bauunternehmer und passionierter Hobby-Musiker – allerdings ausschließlich evangelische Kirchenmusik. Bach, Buxtehude und Schütz und deren gemeinsam gespielten Kantaten mit den drei Geschwistern an jedem Sonntag, sonst nichts. „Dass es auch einen Mozart gab, habe ich erst sehr spät erfahren.“

Seine besondere musikalische Begabung wurde aber spätestens auf dem Karlsruher Gymnasium offenbar, das zur einen Hälfte einen naturwissenschaftlichen und zur anderen Hälfte einen musikalischen Schwerpunkt hatte. Der kleine Reinhold durchlief dort mehrere Knabenchöre und wurde unter den Fittichen seines Lehrers und Ziehvaters, wie er sagt, Paul Wehrle, der eine europaweit aktive Musikerpersönlichkeit und Förderer des Chorgesangs als auch der Völkerverständigung nach dem Krieg gewesen ist, zum Klassenprimus. Viele große Musiker sind aus dieser Schule hervorgegangen, und kurz vor dem Abitur hatte Friedrich dort auch noch den kleinen Oliver Kahn kennengelernt – natürlich im naturwissenschaftlichen Zweig. Zu dem Zeitpunkt – also noch vor dem Abitur – war Friedrich aber schon als Solo-Trompeter am Karlsruher Staatstheater eingesprungen. Und das Studium wurde deutlich abgekürzt, schon im zweiten Semester durfte er alles Weitere überspringen und sofort in Richtung künstlerische Reife marschieren. Ein richtiges und höchst erstaunliches Wunderkind, wie der zwölfjährige Tobias Krieger, dem er gerade im Iserlohner Meisterkurs etwas beibringen darf, sei er aber keineswegs gewesen – „ich war immer nur ein Guter“.

Der dann aber direkt und wild entschlossen an einer internationalen Solo-Karriere bastelte und spielte, was das Zeug hielt – auch schon vor rund 25 Jahren im Iserlohner Parktheater, wie er sich erinnern kann. Er tat das aus gutem Grund, denn die Firma seines Vaters war pleite gegangen. „Vorher ging alles, mit dickem Mercedes und eigenem Neubau. Auf einmal ging gar nichts mehr“, sagt er. Da war Friedrich 16. Als der Vater nach einem zweiten Anlauf erneut arbeitslos wurde, war der junge Trompeter 24 und erkannte, dass es nun an der Zeit sei, die Familie zu unterstützen, damit zu Hause nicht alles den Bach runtergeht. Die große Schwester studierte Kunstgeschichte, Geld war von der Seite also nicht zu erwarten. Der jüngere Bruder studierte Posaune und die kleine Schwester ging noch zur Schule. Also hat er selbst für das Geld gesorgt – mit Erfolg. „Aus allen ist etwas geworden“, sagt er stolz.

Vor allem ist aber aus ihm selbst etwas geworden. Spätestens seit dem Gewinn des ARD-Wettbewerbs 1986, dem bedeutendsten internationalen Instrumentalwettbewerb überhaupt, ging es ganz steil nach oben. Angebote für Solo-Trompeter-Stellen sogar in so bedeutenden Klangkörpern wie den Münchner Philharmonikern flatterten ins Haus, die Friedrich aber getrost ablehnen konnte, weil die eigene Konzertkarriere dermaßen gut lief. Auch künstlerisch hat er immer wieder die richtigen Leute und Entscheidungen getroffen. So hatte er das Glück, auch bei Edward H. Tarr studieren zu können, dem Großmeister der Barocktrompete, was ihn zu einem Spezialisten für die historische Aufführungspraxis machte. „Da hat sich ja glücklicherweise auch viel getan. Man muss kein Müsli essender Öko mehr sein und darf heute durchaus auch Fleisch essen, wenn man da mitmachen zu möchte.“

Sein Preisgeld für den ARD-Wettbewerb hatte er 1986 an ein mittelloses Komponisten-Ehepaar in Köln weitergereicht. „Sehr gut angelegtes Geld“, wie er sagt, denn die beiden haben aus Dankbarkeit natürlich für ihn komponiert und er wurde durch die weltweiten Uraufführungen dieser und anderer Werke auch zu einer Trompeten-Größe in der zeitgenössischen Musik und der Avantgarde, was Friedrich für enorm wichtig hält. „Ich predige meinen Studenten ständig, sie sollen in die Kompositionsklasse der Hochschule gehen, und die Studenten fragen, ob sie nicht etwas für sie schreiben können. Es ist unerlässlich, einen engen Kontakt zur zeitgenössischen Komposition zu haben.“

Er sagt aber auch, dass die Neue Musik sehr anstrengend sei. Momentan studiert er eine Komposition von Matthias Pintscher ein, was sein Arbeitspensum in dieser Woche ins exorbitante ansteigen lässt. Am Donnerstag beispielsweise hat er den ganzen Tag im Meisterkurs an der Musikschule Iserlohn unterrichtet, ist dann schnurstracks um 18.30 Uhr ins Wichelhovenhaus für dieses „Ins Licht gesetzt“ gekommen, um dann erst in der Musikschule und dann im Hotelzimmer im „Grafen Engelbert“ mit Dämpfer mindestens drei Stunden den Pintscher zu üben. „Zum Glück gibt es hier vorne beim Spanier auch noch um zwölf Tapas zu essen.“

Die Arbeit lohnt sich aber, vor allem wenn man mit Begegnungen wie der mit Claudio Abbado belohnt wird. Der größte lebende Dirigent, wie Friedrich sagt, dem an musikalischer Intensität keiner das Wasser reichen kann. 1997 war er eher zufällig als Solist eingesprungen, als Abbado mit seinen Berliner Philharmonikern die Brandenburgischen Konzerte in St. Moritz spielte. Am Tag der ersten Probe war Friedrich mit seinen Söhnen in den Bergen wandern und bekam nicht mit, dass die für den Abend angesetzte Probe auf den Nachmittag vorverlegt worden war. Also stolperte er ziemlich schlecht vorbereitet und mit Wanderschuhen in die erste Begegnung mit Abbado, die sich dann aber als absolut magischer Moment erwies. Abbado habe ihn die ganze Zeit über fixiert und geführt. „Schon der erste Durchlauf war CD-reif und ich hatte das Gefühl, nicht selbst zu spielen, sondern gespielt zu werden.“

Seit dem darf er sich als erster Trompeter des großen Meisters fühlen. „Immer wenn Claudio einen Trompeter braucht, ruft er mich an.“ Seit der Gründung 2003 ist Friedrich auch ständiger Solo-Trompeter des „Lucerne Festival Orchestra“, das Abbado ins Leben gerufen hat. „Claudio hat meinem Spiel noch einmal eine ganz neue Richtung gegeben“, sagt er. Musik habe stärker als alle andere Kunstform die Möglichkeit, die Vorstellung zu vermitteln, dass da noch etwas Größeres ist. „Und keiner kann das besser als Claudio. Er macht Musik zu einem heiligen Akt, er hat den großen Fluss, er kann die großen Linien zeichnen und kann uns von allem loslösen, was uns hier unten auf der Erde beschäftigt. Und das sage ich, obwohl ich nicht sonderlich religiös bin.“ Abbado habe ihm Momente geschenkt, nach denen er sagen könne: „Wenn ich jetzt vom Blitz getroffen werde, dann wäre das OK, denn ich durfte das erleben.“

Was aber gerade im Falle von Reinhold Friedrich sehr schade wäre, denn besser als derzeit kann es für ihn wohl kaum laufen. Die beiden Söhne (21 und 23) machen ihm größte Freude, und er selbst hat gerade einen Partnerwechsel vollzogen und ist nun mit seiner Pianistin Eriko Takezawa zusammen. Gemeinsam sind sie gerade dabei, einen schlossartigen Herrensitz von 1723 außerhalb Karlsruhes zu erwerben, mit einem Keller, in dem alle 1300 Flaschen Wein rein passen, die er momentan sein Eigen nennt. Auch in seiner Trompetenklasse in der Karlsruher Musikhochschule, wo er als Professor lehrt, läuft glänzend. Er verfolgt dort die so genannte „North-Western-School“ aus Chicago, die die Blechbläser wie Sänger behandelt und eine komplett andere Spieltechnik als früher lehrt. 80 Prozent der alteingesessenen Trompeter würden ihn dafür anfeinden, der Erfolg gebe ihm aber recht. Fast alle frei werdenden Professuren und Solotrompeter-Stellen in Deutschland werden inzwischen von Schülern seiner „kleinen Trompeten-Fabrik“, wie er sie nennt, besetzt.

Ich habe die glücklichsten sieben Monate meines Lebens hinter mir. Mir geht es so gut wie nie zuvor“, sagt Reinhold Friedrich. Auch weil er gar nicht so recht glauben kann, dass er mit 55 immer noch zu den gefragtesten Trompetern zählt und er schon für 2016 große Konzertverträge unterschrieben hat. Dass die so einen „alten Sack“ und so einen „linken Alt-68er, den man hinterm Schrank vergessen hat“, überhaupt noch brauchen, verwundert ihn schon. Auch bei solchen Hochglanz-Veranstaltungen wie der Echo-Verleihung, sei er doch eigentlich fehl am Platze.

Wie lange das noch so läuft, sei schwer zu sagen. Trompeten sei schon eine größere körperliche Belastung als Klavierspielen. Und er mache ja auch gerade im modernen Fach auch sehr extreme und anstrengende Musik. „Ich hoffe, dass ich gute Freunde habe, die mir die Trompete aus der Hand reißen, wenn es nicht mehr klingt.“ Und Pläne außerhalb des Musikbetriebs hat er auch schon. „Mit 60 mache ich ein Sabbatjahr und fahre sieben Monate lang mit dem Fahrrad durch Europa.“ Radfahren sei fantastisch – ein Tempo, bei dem man noch Pilze sammeln könne. Die Route zwischen Spanien und St. Petersburg steht schon fest. „Ich möchte doch einmal wissen, was Reinhold Friedrich für ein Mensch ist, wenn er nicht Trompeter ist. Das habe bisher noch nie erlebt.“

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben