Zum Tode

Roger Willemsen

Roger Willemsen, hier bei einem Interview im Wichelhovenhaus, ist am 7. Februar 2016 gestorben.

Foto: Michael May

Roger Willemsen, hier bei einem Interview im Wichelhovenhaus, ist am 7. Februar 2016 gestorben. Foto: Michael May

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Es war ein Februar-Tag 2007. In diesem Augenblick sehe ich noch einmal in der Erinnerung Roger Willemsen vor mir am Tisch im Restaurant Neuhaus sitzen, die Hände wie zu Schutz vor dem Gesicht. Er sucht nach einer Antwort auf meine wohl soundsovielte Frage. Er hat gerade gesagt, fast gestöhnt, dass ihn ein Journalist so etwas noch nie gefragt hätte. Ich glaube, es war etwas Persönliches. Es ist weit nach Mitternacht. Eigentlich wollte er mir nur ein Stündchen für ein "Ins Licht gesetzt"-Gespräch nach einer Lesung spendieren. Aber es wurde viel mehr. Wir haben über Gott und die Welt gesprochen. Und eben auch ganz viel über Roger Willemsen. Wir pendelten zwischen leicht und schwermütig, zwischen locker und nachdenklich. Wir haben uns am Ende versprochen, uns einmal wiederzusehen. Dazu ist es nie gekommen. Aber wir haben uns geschrieben. Seine Mails begannen immer mit "Mein treuer, treuer Freund in Iserlohn". Zum letzten Weihnachten ließ er noch grüßen: "Sie sollen wissen, dass sich Roger sehr über Ihre guten Wünsche gefreut hat." Er wird uns fehlen.

Thomas Reunert

Das "Ins Licht gesetzt" aus dem Jahr 2007:

Wer ein Gespräch mit Roger Willemsen führt, muss darauf gefasst sein, dass ihm die Zitate aus der Weltliteratur und den Gedankensphären der Dichter und Denker um die Ohren fliegen, dass es eine Art hat.

Dabei ist es unerheblich, ob das Themenschiff gerade in nachdenklichen Gewässern kreuzt oder auf fröhlichen Wogen daher schaukelt. Schnell entsteht der Eindruck, dass dieser Mann vermutlich wirklich alles gelesen hat, was ihm nachgesagt wird. Und - damit nicht genug - dass er auch intensiv über alles Gelesene nachgedacht hat. Über Liebe und Leid, Frauen und Freunde, Angst und Angeber, Beruf und Befreiung, Launen und Lust, Weltmenschen und Winzlinge, Glaubwürdiges und Unglaubliches. "Was glauben Sie, wie lange wir für das Gespräch brauchen," hat Roger Willemsen gerade gefragt. Nicht, dass er unhöflich sein und den Kontakt abwürgen will, aber er muss sich seinen Tag und auch die Nacht genau einteilen. "Ich bin Einzelkämpfer. Und da muss ich sehen, dass ich zu den Zeiten, in denen ich nicht auf der Bühne stehe, meine Arbeit getan bekomme. Ich schreibe immer weiter und plane die nächsten Aktivitäten." Wir planen jetzt mal vorsichtig 30 Minuten ein und wissen beide wohl schon jetzt, dass das vermutlich nichts werden wird.

Apropos "unhöflich". Das sieht der Betrachter auf den ersten Blick, dass dieser Mann Manieren hat. Wie er da so steht, ein baumlanger Hüne, der mit seinem gewinnenden Lächeln nach Sekunden bereits ins Sympathie-Haus fällt. Er begrüßt die Gegenüber mit einem richtigen "Diener", sagt man möge doch bitte Platz behalten. Und sofort ist da diese unverwechselbare Stimme im Raum, die Willemsen in allen Farben und Lautstärken für sich arbeiten lassen kann. Mal säuselt und gurrt er, als hätte er bereits im Innenohr des Gesprächpartners Platz genommen, dann wieder donnert es aus ihm heraus, dass der Zuhörer sich eigentlich etwas zurücklehnen möchte. Es aber doch nicht tut, um nicht den angenehmen Kontakt zu Willemsen zu verlieren.

Dieser Eindruck ist ihm natürlich nicht neu. "Ich werde von der Pantomime meines Gegenüber geleitet," sagt er, "ich spreche den Menschen am liebsten direkt ist Gesicht. Das ist herrlich."

Und zeigt Wirkung. Besonders wohl bei Frauen (O-Ton Willemsen: "Das sind sowieso die besseren Menschen!"). Eine Journalistin aus Hamburg hat geschrieben, dass Männer-Kennerinnen ihn gerne als "Vibrator fürs Gehirn" bezeichnen würden. Da wird er zwar für einen klitzekleinen Moment erfrischend rot im Gesicht, aber erklärt sofort und bestimmt: "Es würde mir im Traum nicht einfallen, da zu widersprechen." Frauen kaufen schließlich seine Bücher, kommen in die Lesungen, verkörpern für ihn ein höheres Maß an Feinfühligkeit. "Männer reden - zum Beispiel bei Vorstellungsgesprächen - gern darüber, was sie alles können, was sie schon Großes getan haben und wen sie alle kennen. Frauen stellen sich da eher die Frage, wie sie sich mit ihren Können und Wissen in ein Projekt einbringen können."

Jetzt sind wir also schon bei den Frauen und haben noch nicht einmal über Eltern, und Kindheit gesprochen. Dabei scheint diese Prägungsphase sehr viel mit dem Willemsen von heute zu tun zu haben.

Roger Willemsen verliert früh seinen Vater. "Sein Sterben begann, als ich 13 Jahre alt war, bei seinem Tod war ich 15." Und er fügt hinzu. "Ich war beim Tod meines Vaters der große Verlierer." Der Zuhörer kann nur ahnen, wie viel Halt ihm der Mann gegeben haben muss. Eigentlich war er Kunstmaler, konnte davon die Familie jedoch nicht ernähren. Also wurde der Vater Restaurator, ein Fachmann, dessen Rat und Urteil in der Szene einen tiefen und guten Klang hatte. "Er hatte einfach einen unglaublichen Sinn für Kunst," sagt der Sohn heute und in der Stimme schwingt eine Mischung aus Stolz und melancholischer Erinnerung. Deutlich wird, dass in der Person des Vaters wohl auch die Urzellen für die spätere Laufbahn und das umtriebige Leben des Jungen zu suchen sind.

Zunächst geht allerdings im Willemschen Jugend-Tagesgeschäft ziemlich die Post ab: "Ich war ein miserabler Schüler, bin zwei Mal hängengeblieben, hatte lange Haare, habe gekifft. In Paris wurde ich verhaftet, weil ich eine Schallplatte geklaut hatte." Der heranwachsende Roger hat offensichtlicht nichts ausgelassen. Und mit den Mädels lief auch immer was: "Die konnte ich blödquatschen damals. Das hat prima funktioniert." Sein Vater hat diese Entwicklung zu Lebzeiten allerdings mit großer Sorge betrachtet. Ein geflügeltes Wort aus seinem Mund, das er zeitgleich auch an Willemsens Bruder und Schwester richtete. "Wenn ihr so weiter macht, landet ihr an der Tankstelle."

Allerdings war es auch der gleiche Vater, der seinem Sohn diesen Leitsatz mit auf den Weg gegeben hat: "Folge immer Deinen Leidenschaften." Und mit Leidenschaft war sein Filius nun wirklich mehr als zur Genüge ausgestattet. Was sich bis heute wohl in allem äußert, was er tut und will. Immer sind offensichtlich selbst bei vermeintlichen Kleinigkeiten Emotionen im Spiel, die bei einem "normalen" Menschen schon für ein ganzes Seelengewitter reichen würden. In einem anderen Gespräch hat Willemsen es so formuliert: "Eine Biographie haben heißt für mich, auf ein Leben zurückzublicken, in dem ein Maximum an Erregung und ein Maximum an Erfahrung ist. Ich will Niederlagen, Triumphe, Räusche, ich will wissen, was Kriminalität ist und was Bordelle sind. Ich will Frauengeschichten erlebt und große Reisen gemacht haben und völlig erschöpft sein. Ich möchte nicht in die Schule gehen, Abitur machen, ein Büro betreten und irgendwann rausgetragen werden. Diese glanzlosen, farblosen Lebensabläufe, die eigentlich nur eine Abwicklung von Leben sind."

Elemente aus diesem Lebensbild finden sich von frühester Jugend an. Roger Willemsen ist im eigentlich Wortsinn unfassbar. Der bekiffte langhaarige Junge liest seiner Mutter, einer Schneiderin, aus eigenem Antrieb die "Buddenbrooks" vor, greift zu immer schwererem Stoff. Seiner Mutter zur Unterhaltung, dem Sohn zum Öffnen einer eigenen - vermutlich auch heute noch in ihren Dimensionen nahezu unendlichen - Gedankenwelt.

Doch bei aller Träumerei und bei allem Suchen nach dem Verstehen - auch Selbstdisziplin zeichnet sein Leben aus. Sonst wäre es ja wohl nichts geworden mit dem Abitur, mit den glänzenden Hochschulabschlüssen, den Stapeln veröffentlichter Bücher, den Stunden um Stunden angefüllt mit Dokumentationsfilmen und Fernseh-Sendungen. Kleiner Schlenker am Rande: "Ich bin übrigens komplett ohne Fernseher aufgewachsen. So ein Gerät ist erstmals in mein Leben getreten, als ich selbst drin war."

Nicht selten hat sich Roger Willemsen auf den Höhepunkten seiner Karriere immer wieder umorientiert, hat nicht oder selten das gemacht, was andere von ihm wollten, hat Projekte in Angriff genommen, deren Verlauf und das mögliche Ende im völligen Dunkel lagen. Und es war niemals das Streben nach Gewinn, das ihn motiviert hat. Es war die Leidenschaft. Dieses Wort taucht immer wieder auf in den Erzählungen, in der Mimik, in der Ausstrahlung. Und immer wieder ist da auch so eine ganz besondere Form von Melancholie. Nicht immer ausgesprochen, aber doch immer wieder fühlbar. Viele Dinge in diesem Leben machen ihn nachdenklich, wütend, wecken sein gesteigertes Interesse. Und oft, wenn Ungerechtigkeit, menschliches Leid, Not, Willkür, Hass eine Rolle spielen, reagiert Willemsen mit eben diesem leidenschaftlichen Ehrgeiz, der den Verstand dann immer mal wieder zum Statisten werden lässt.

Das ist aber immer noch nur einer kleiner Teil des "unfassbaren" Willemsen. Da sind auch noch Single-Dasein ("Ich hatte eigentlich immer Frauen, aber bis zur Hochzeit haben wir es nie geschafft!") Oder sein kinderloses Leben. Nein, Kinder, seien wirklich kein Thema für ihn. "Ich glaube, ich würde Kinder furchtbar ernst nehmen, zu ernst wahrscheinlich." Da ist sein eigentlich ganz normales Leben in Hamburg. Wer in ihm den mediterranen Genießer vermutet, wird sofort enttäuscht. "Ich esse viel zu ungesund. Aber die Soßen mit der Sahne schmecken in meinem Stammlokal nun mal viel zu gut." Willemsen pflegt alte und neue Freundschaften: "Ich bin da mächtig treu. Gute Freunde muss man schließlich haben, wenn man wie ich ohne Familie lebt." Denn ausgesprochen harmoniesüchtig ist der Mann, der einem ordentlicher Krach, vor allem wenn er im Willemsenschen Sinne einem guten Zweck dient, nicht aus dem Weg geht, auch noch.

Am Ende sind wir jetzt natürlich immer noch nicht. Eigentlich müsste das mit der Angst noch vertieft werden. Der Angst vor der Bloßstellung, vor der Niederlage. Oder dass seine Firma "duftendes Land" heißt. Oder der Wunsch an die Fee, dafür zu sorgen, dass die Liebe auch weiterhin im Lebens-Mittelpunkt des Roger Willemsen stehen kann. Und wie er das so sagt, bekommen Stimme und Auge auch wieder diesen melancholischen Klang und Glanz. Die dreißig Minuten waren übrigens vor gut einer Stunde bereits um. Und doch sind wir offensichtlich noch ganz am Anfang .

(erschienen am 24. Februar 2007)

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