Porträt

Rolf Ewert

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Er ist ein Preuße und ein Pünktlichkeitsfanatiker. Manchmal, so sagt er, ist er ein Choleriker, „aber nie nachtragend“. Er war ein „lieber und schüchterner Junge“, ein „wirklich guter und fleißiger Schüler“, später „ein Rabauke“, ein 68er sowieso. Zualleroberst aber ist Rolf Ewert Pädagoge und Lehrer, der Mann der ersten Stunde, der 23 Jahre lang die Gesamtschule Iserlohn leitete. „Eigentlich viel zu lange“, wird er am Ende des Gesprächs sagen, um im nächsten Moment doch zu bedauern, dass diese wohl aufregendste, nervenaufreibendste, bewegteste Phase seines Lebens am 31. Januar beendet sein wird. „Wie ich damit klar kommen werde, weiß ich noch nicht. Ich werde wohl endlich wieder anfangen zu malen, dazu bin ich in den letzten zehn Jahren leider nicht mehr gekommen, dazu blieb neben der Schule leider keine Zeit.“

Zeit nehmen wir uns jetzt im Gutenbergzimmer des Wichelhovenhauses, um uns diesem streitbaren Geist zumindest ein Stück weit zu nähern. Und dazu sollten wir wohl ganz am Anfang beginnen. Mit der Kindheit in der Nachkriegszeit. Der 2. Weltkrieg endete für die Familie Ewert mit der Zerstörung ihres Hauses am Hochbehälter. Eine einzelne, verirrte Bombe nahm der Familie damals Hab und Gut. „Ich bin in sehr beengten Verhältnissen groß geworden und überwiegend bei meinen Großeltern aufgewachsen“, erinnert sich Rolf Ewert an eine durch Verzicht gekennzeichnete, prägende Zeit, in der der zuvor als Berufssoldat dienende Vater zunächst als Hilfsarbeiter, dann als Beschäftigter bei der Post erst wieder Fuß fassen musste in der sich neu formierenden Zivilgesellschaft der 50er Jahre. Eine Gesellschaft, die immer noch das Trennende und Ausschließende duldete - auch und gerade in der Schule. Rolf Ewert besuchte die Volksschule Brüderstraße, konkreter: den evangelischen Teil der Volksschule Brüderstraße, bei der ein Strich auf dem Schulhof die unüberschreitbare Grenze zwischen Protestanten und Katholiken markierte. Der „gute und fleißige Schüler“ qualifizierte sich ohne Mühe für den Besuch des Märkischen Gymnasiums - und damit gleichzeitig für eine Neujustierung seines Wertesystems. Weil damals wegen des zu zahlenden Schulgeldes fast ausschließlich die Kinder aus begüterten Familien die Abitur-Laufbahn einschlagen konnten, fühlte sich Rolf Ewert damals am MGI „am unteren Ende der Skala“. Kein angenehmes Gefühl für einen Heranwachsenden, der weiß, dass die mit dem Gymnasiums-Privileg verbundenen Schulgeldzahlungen echte finanzielle Belastungen für den Familienhaushalt darstellen. „Das war die Wende“, sagt Rolf Ewert rückblickend. Die Mutation vom braven Schüler zum „Rabauken“ setzte aber auch deshalb ein, weil der junge Mann an den Inhalten der Lehre ebenso zweifelte wie an den Disziplinvorstellungen, die den Alltag an der Schule prägten. „Man hat mir nahegelegt, das Gymnasium zu verlassen. Diesem Rat bin ich aber nicht gefolgt. Auch wenn ich eine Ehrenrunde drehen musste - das Abitur habe ich geschafft.“

Nach den Erfahrungen am Gymnasium hätte Ewert vielleicht gewarnt sein können, das starre und auf Hierarchien fußende Systeme vielleicht nicht unbedingt seine Sache sind. Und dennoch verpflichtete er, der wegen seiner Allergien eigentlich gar nicht zum Bund gemusst hätte, sich über den Wehrdienst hinaus für zwei Jahre bei der Bundeswehr, schlug dort die Reserveoffizierslaufbahn ein. „Fürchterlich“ ist das Wort, mit dem Ewert diese Zeit beschreibt und damit insbesondere die teils reaktionären Tendenzen in der Truppe meint. „Das hat mich nachdenklich gemacht“, sagt er heute über den zweiten großen Wendepunkt in seinem noch jungen Leben.

Eigentlich wäre Rolf Ewert gerne Architekt geworden, grottenschlechte Leistungen in Mathematik standen dem allerdings im Weg. „Und was macht man, wenn einem der Mut fehlt: Man studiert Lehramt auf die Fächer, in denen man schon in der Schule sehr gut war.“ Deutsch und Geschichte waren das im Ewert’schen Fall. „Kloster als Kerker für politische Gefangene im frühen Mittelalter“ lautete der Titel seiner voll in den revolutionären Zeitgeist passenden Examensarbeit, der selbst am erzkonservativen Studienort Münster mit der ein oder anderen Demo und Seminarbesetzung wirkte. Und, natürlich, man ging auf große Fahrt mit einem uralten Auto. Freiheit! Selbsterfahrung! „Mich führte es zum Nordkap. Indien war damals zwar eher angesagt, das war mir aber ein bisschen weit. Und außerdem war mir nicht so nach ,hare hare’.“

In einem von Wendepunkten gekennzeichneten Lebenslauf, dem noch die klare Richtung fehlte, erlebte Rolf Ewert sein Aha-Erlebnis in der Referendars-Zeit an einem Recklinghäuser Mädchengymnasium. „Zum ersten Mal habe ich etwas getan, worin ich wirklich einen Sinn erkannte.“ Die praktische Vermittlung von Inhalten, die der junge Pädagoge noch dazu weitgehend selbstständig auswählen konnte - das war eben jene Herausforderung, die zur Lebensaufgabe werden konnte und auch sollte. „Noch dazu war es die Zeit der beginnenden Oberstufenreform und des gleichzeitigen Lehrermangels. Ich hatte als Referendar meine eigene Klasse, war der Ansprechpartner für die Schülervertretung und saß im Lehrerrat.“

Weil Rolf Ewert aber immer noch eine starke Affinität zum Revoluzzertum in sich spürt und dies insbesondere die Schulleitung dann auch spüren lässt, gibt es für ihn in diesem pädagogischen Paradies keinen Platz und somit auch keine Planstelle. Die bekommt er indes 1977 in Marl an einer der frühen Gesamtschulen des Landes. „Eine tolle Zeit“, erinnert sich Ewert an die nun folgende Dekade in einem Team von gleichgesinnten Kollegen, die alle von diesem neuen Modell von Pädagogik begeistert sind. Weil Rolf Ewert aber auch der Machtmensch Rolf Ewert ist, der in immer stärkerem Maße Einfluss nehmen will in die Gestaltung der Schule, ist auch hier nach zehn Jahren die Zeit reif für Veränderungen. „Du musst eine eigene Schule haben - das war ein Rat, den mir Kollegen gegeben haben.“ Ewert bewirbt sich an mehreren Gesamtschul-Standorten. Iserlohn, die alte Heimat, in die er doch eigentlich gar nicht zurückkehren wollte, ist die erste Stadt, die reagiert, ihn zum Bewerbungsgespräch einlädt und am Ende zum ersten Leiter der neuen Gesamtschule bestellt.

Glücklich am Ziel angekommen? Weit gefehlt! In Iserlohn, dieser Stadt, deren Einwohner weder Ruhrpottler noch Sauerländer sind, lernt Rolf Ewert die Bedeutung des Wortes „Pionierarbeit“ auf teils bittere Weise kennen. Denn die Gesamtschule ist kein Wunschkind. Weder bei der Politik, noch bei der Verwaltung oder innerhalb der Bevölkerung. Ganz im Gegenteil. Zur Vorbereitung der Schulgründung wird dem Gründungsteam nicht einmal Raum in der zukünftigen Schule zur Verfügung gestellt, das Team findet Unterkunft in dem Schulgebäude Schulstraße. Selbstverständlichkeiten wie eine Schreibmaschine werden erst nach viel Bitten und Betteln zur Verfügung gestellt. Zwei Wochen nur läuft das Anmeldeverfahren an fünf Standortern im Stadtgebiet, doch - allen Widerständen zum Trotz - schon nach einer Woche haben sich genügend Eltern für das neue Modell entschieden, am Ende der 14-tägigen Frist liegen sogar 160 Anmeldungen vor. Die nur vierzügig geplante Gesamtschule, das steht nun fest, geht sechszügig an den Start - unter denkbar schlechten und beengten räumlichen Bedingungen in der ehemaligen Hauptschule Nussberg. Möbel, die an anderen Schulen ausrangiert worden sind, bilden die Erstausstattung der Gesamtschule. Auch der Standort an sich stellt sich von den räumlichen Voraussetzungen als extrem problematisch heraus. Die dank des Elternzuspruchs stark wachsende Schule wird aufgeteilt. die Klassen 5 und 6 residieren fortan in Gerlingsen und nehmen dort erneut die Räume einer einstigen Hauptschule in Besitz. „Wir kamen uns fast wie die Totengräber eines anderen Systems vor“, sagt Rolf Ewert rückblickend.

Die vielen Widrigkeiten der Gründerjahre jedoch bewirken auch ebenso viel Positives, weiß der Chef: „Das hat das Kollegium zusammengeschweißt.“ Mit Elan, Kreativität und vor allem als Team füllen die Pädagogen die neue Schule mit Leben, die Entwicklung wird nicht von oben verordnet, sondern gemeinschaftlich gestaltet. Insbesondere die Einrichtung des von ihm selbst gar nicht so stark favorisierten ästhetischen Schwerpunkts soll schließlich den endgültigen Durchbruch bringen für die Gesamtschule Iserlohn, deren Anmeldezahlen fortan neue Rekordstände erreichen. „Was die Schule heute ist, das ist das Werk der Kollegen. Ich habe die Exponenten des Kollegiums ihre Ideen umsetzen lassen“, betont Rolf Ewert. Ungewöhnlich für einen Menschen, der von sich selbst behauptet, ein eher ungeduldiger Typ zu sein. Vielleicht aber doch wieder nachvollziehbar für einen Pädagogen, der daran glaubt, dass optimale Resultate nur durch Teamarbeit entstehen.

Die vielen Verletzungen und Verunglimpfungen der Anfangsjahre mögen bei Rolf Ewert vielleicht Narben hinterlassen haben, verbittert haben sie ihn nicht. Viele der Widersacher von einst sind heute vielleicht immer noch keine glühenden Anhänger des Systems, den Erfolg der Gesamtschule aber bezweifelt keiner mehr von ihnen. Etwa dass die Schule Jahr für Jahr eine ganz erkleckliche Zahl von Abiturienten verabschieden kann, obwohl der größte Teil der Schülerschaft in den Anfangsjahren die Empfehlung für die Hauptschule hatte. Oder dass der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund in der Oberstufe bei fast 50 Prozent liegt, diese aber ihre Reifeprüfung ganz selbstverständlich erfolgreich ablegen, „darauf bin ich stolz“. Gleichzeitig aber führen ihn diese Fakten zu der persönlichen Einschätzung, dass mit Blick auf die gern beklagte Bildungsmisere nicht die Schüler das Problem sind, sondern die Strukturen. „Es ist eigentlich Wahnsinn, dass wir immer noch ein Modell haben aus der Kaiserzeit, das der Manifestierung der Sozialstrukturen dient“, ist der ehemalige Gymnasiallehrer Ewert wenig überraschenderweise überhaupt kein Freund des gegliederten Schulsystems, in dem es für ein Arbeiterkind nachgewiesenermaßen immer noch x-Mal schwieriger ist, eine Gymnasiums-Empfehlung zu erhalten als für ein Akademiker-Kind. Auch die Ansätze, künftig auf ein Zwei-Säulen-Modell setzen zu wollen, ändern für ihn nicht viel an dieser Bewertung. „Dann haben wir eine Schulform für das Bildungsbürgertum und eine Schulform für den Rest.“ Nein, wenn man ihn nach seinen Wünschen für die Schule der Zukunft fragt, lautet eine der Antworten klipp und klar: „Egal wie das Kind heißt, es sollte, das wäre das einfachste und gerechteste, nur eine Schulform geben - wie eben in vielen anderen Ländern auch, die mit diesem Modell Erfolg haben. Eine Schule von der ersten bis zur 10. Klasse - das wäre aus meiner Sicht hervorragend. Wir aber halten an der wirklich dummen Idee fest, dass ein Kind zur Schule passen muss - nicht andersherum.“

Wenn Rolf Ewert erst einmal begonnen hat, über Schule und Schulpolitik zu reden, ist er, ganz Idealist, kaum noch zu stoppen. Er lobt die Stadt Iserlohn für ihr enormes finanzielles Engagement zur Unterstützung der Bildungseinrichtungen, wünscht sich aber fast im selben Atemzug vor Ort eine „pragmatische Schulpolitik“, die sich eben nicht von Ideologien leiten lässt“. Iserlohn, da lässt er keinen Zweifel, hätte unter solchen Voraussetzungen alle Chancen, ein zukunftsfestes System aufzubauen, dessen Kosten sich zudem im Vergleich zu heute allein schon durch eine effizientere Nutzung des Schulraums enorm reduzieren ließen

Einen „Schulmönch“ nennt sich Rolf Ewert selbst. Ein Mensch eben, der Zeit seines Lebens das System nie verlassen hat. „Im Gegensatz zu mir gibt es viele Kollegen im System Schule, die ebenfalls einen solchen Weg eingeschlagen haben, aber unter ihrem Beruf leiden und sich deshalb in Gegnerschaft zu den Schülern stellen. Deshalb ist es sinnvoll - wie jetzt geplant - vor Antritt der Ausbildung sich einen Einblick in die Praxis des Berufs zu verschaffen.“ Heute, am Ende seiner aktiven Laufbahn und mit 65 Jahren auf dem Buckel, sagt er, dass ihn die Schule fast aufgefressen habe. Privates sei oft, sehr oft zu kurz gekommen, Probleme der Schule haben ihn manchmal bis in die Träume verfolgt. Und dennoch kann und will er sich kaum vorstellen, dass es nun vorbei ist.

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