Porträt

Zum Tode von Rolf Zacher

Foto: IKZ

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Rolf Zacher ist am 3. Februar 2018 gestorben. Mit einem "Ins Licht gesetzt" aus dem Jahr 2010 erinnert der IKZ an den Schauspieler und Musiker.

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Eine Einleitung: Natürlich könnte man sich jetzt darauf beschränken, diesen Rolf Zacher einfach als hochgradig durchgeknallt zu schildern. Abseits jeder Normalo-Spur.

Man könnte sich lustig machen oder verdattert zeigen über die teils unfassbaren Einlagen am Rande des Versuches, ein Schnitzel zu essen. Man könnte auch versuchen zu beschreiben, wie Rolf Zacher aussieht, wenn er sich seine Windjacke verkehrt herum angezogen und die Wollmütze tief über die Augen gerollt hat. Wenn er dann im Stile eines Loriot-Opas Hoppenstedt loseiert und wegen gespieltem Hexenschuss und Mützenblindheit vor die Haustür semmelt. Und sich dabei auch nur noch ständig mit einer Zunge, die jedem Leguan zur Ehre gereicht hätte, über die Augenbrauen zu schlecken scheint. Dann hätte man vermutlich einen kurzen aber heftigen Einblick in die Welt des Komikers Zacher gegeben.

Oder man könnte sich darauf beschränken, nur einen Bruchteil seiner tatsächlichen oder angeblichen Amouren nachzuerzählen. Die Geschichten von den jungen und ältereren, blonden, schwarzen und brünetten Frauen, mit denen er zu seiner libidalen Hoch-Zeit irgendwo unter großen Bettdecken gewühlt oder auch nur geruht hat. Wenn man das tun würde, sollte man aber vermutlich besser die meisten Namen weglassen, weil man nicht genau erkennen kann, wer da wirklich gelegen hat, wer beinahe da gelegen hätte und wer da wahrscheinlich niemals liegen wird. Hannelore Elsner ist wohl eine von denen, die stimmen könnte. Iris Berben vielleicht auch. „Alle haben es gewusst, nur der Mann von Iris nicht”, tröörööt Rolf Zacher. Ansonsten schweigt er lieber, kokettiert ein wenig mit seiner besonderen Form der Omni-Potenz, die man laut Zacher-Lebens- und Liebesanleitung unter anderem bekommt, wenn man morgens zum Frühstück ein - zumindest optisch - gerade frisch detoniertes Bananen-Bütterchen mit Honig und frischem Ingwer isst. Wenn man das alles schreiben würde, hätte man den Frauen-Fan Rolf Zacher wahrscheinlich vordergründig auch ganz gut dargestellt.

Aber dann hätte man weggelassen, dass er die Frauen auf seine Art wohl wirklich liebt und irgendwie auch menschlich ihre Nähe sucht. Nur eben auf seine Weise. „Ehrlich, ich habe das wirklich probiert mit der Treue, aber ich bin für dieses monogame System eigentlich nicht gemacht.” Mit „monogam” meint er in diesem Fall das Zusammenleben mit höchstens einer Frau. Furchtbar sei das früher gewesen, wenn man nach Hause gekommen sei und habe sich rechtfertigen müssen für späte Uhrzeiten oder andere Dinge. Wenn er sich vorstelle, wie viel Lebensglück ihm, aber auch der Partnerin, dadurch entgangen sei. „Schrecklich!” Heute habe er eine Freundin, die sei deutlich jünger als er, und er habe ihr auch schon ein paar Mal zu verstehen gegeben, dass sie sich doch familiär auf eigene Beinen stellen solle. Aber sie habe immer wieder geantwortet: „Was denn? Jetzt schon?” So geschmeichelt zu werden ist dann wohl ganz nach dem Geschmack des erfahrenen Liebeshasen.

Am Ende dieses Gesprächsteils ist es übrigens wirklich schwer zu sagen, wie viele echte Freundinnen es bis heute waren, die Zacher durchs bisherige Leben begleitet haben. Weil man ja schließlich auch gesehen hat, wie eine Frau völlig unbeteiligt und unbeeindruckt an ihm vorbei geht und er wonniglich grinsend sagt: „Haste gesehen, die ist total scharf auf mich. Ich glaube, das wird was, da läuft was.”

Scharf ist dieser unglaublich große Chaot und unglaublich feinfühlige Zitteraal aber im jedem Fall auf Anerkennung. Und eben auch auf eine Liebe, die sich in ganz anderen Regionen abspielt. Rolf Zacher ist nach eigenen Angaben in einem Berliner Taxi zur Welt gekommen, weil er es nicht mehr bis ins Krankenhaus geschafft hat. Ein Grund für seine innere Unruhe? In seinen ersten Zeugnissen hat gestanden: „Er könnte der Beste sein.” Aber da hatte er schließlich schon ganz andere Dinge im Kopf. Zum Beispiel seinen Spieltrieb. Der bis heute angehalten hat. Auf Nachfrage empfindet er es als gar nicht ungewöhnlich, dass er im Hotelflur den irren Opa gegeben hat. Nein, das habe er nicht gemacht, um Leuten mit seinen Dönekes zu imponieren. Das sei ihm eben gerade eingefallen - und da habe er es dann auch gemacht. „Das hat meine Mutter schon zum Wahnsin getrieben.”

Wie er eben alles andere auch nur so gemacht habe. Zum Beispiel vom ersten richtigen Geld einen Porsche gekauft und den dann vor die Wand geknallt. Die Folge: Rücken kaputt. Davon die Folge: Rückenschmerzen. Und Morphium. Aber die Schmerzen gingen nicht weg. Bis ihm einer Heroin gab. Ein kurzer Schnief - und der Junge stand wieder gerade. Und war nach drei Tagen richtig drauf auf dem Stoff. Die unruhige Zeit danach liest sich in einem Internet-Beitrag über Rolf Zacher so: „Nach über 70 Entziehungsversuchen und mehreren Haftstrafen schaffte er es jedoch in den 1980er Jahren, seine Sucht zu überwinden”.

Er spricht auf Nachfrage auch über die Haftzeit. So wie ein Rolf Zacher das eben macht. Er erzählt, dass man für einen langen Zeitraum mit einer überraschend großen Gruppe „völlig Unschuldiger” eingesperrt sei. „Wenn Du die fragst, sind die nämlich alle unschuldig und grundlos in der Kiste.” Er habe am Ende aber für sich erkannt, dass das wohl der falsche Selbsteinschätzungs-Ansatz sei. „Ich war nämlich meiner Meinung nach völlig zu Recht in der Kiste. Aber das musst Du erst einmal begreifen.” Er erzählt von seiner Verhaftung. Weil er eigentlich nur mal wieder eine Frau besuchen wollte und bei der schließlich unter einem aufklappbaren Bett entdeckt wurde. So wie er das erzählt, hört sich das lustig an, in den tiefgründigen Zacher-Augen kann man aber auch lesen, dass ihn die Erinnerung daran heute noch im tiefsten Innern frösteln lässt.

Rolf Zacher - der Wanderer zwischen Welten. Recht und Unrecht, Sucht und meditativer Weg in die Innere Mitte, Geld-Herumwerfer und armer Schlucker mit Aszendent Pleitegeier, schriller Musiker und Schauspieler fürs fein gemachte Grobe.

Reden wir also über die Schauspielerei. Auf der einen Seite hält der Mann, der bereits über Bundesfilmpreis und diverse andere Auszeichnungen verfügt, viele Kolleginnen und Kollegen für „ganz spezielle Typen” und murmelt manchmal auch mehr zu sich „vergiss es, ein Riesen-Spinner” oder „die kann nix, aber auch gar nix”. Aber dann auch wieder hat man das Gefühl, dass er sich doch in eben dieser Familie - zumindest stundenweise - ganz schön wohlfühlt. Hauptsache, die Arbeit wird nicht zur Belastung. Zu einer Kollegin in der Telenovela „Rote Rosen” habe er gesagt, sie solle aufhören, so mariniert zu sprechen und immer wieder neue Anläufe zu nehmen. Wer mit ihm, Zacher, spielen wolle, bekomme eine Klappe und dann hätte die Sache zu sitzen.

Hin und wieder sagt er auch schon einmal, dass er ja schließlich ein Star sei. Das sei ihm zwar eigentlich egal, aber andererseits sei es nun mal auch eine Tatsache. Und dann lugt er so ein bisschen unter den Augenlidern auf sein Gegenüber, ob der Treffer gesessen hat. Natürlich hat Rolf Zacher einen hohen Bekanntheitsgrad. Als Schauspieler und als Typ. Er würde jetzt vermutlich noch hinschreiben: „Auch als Könner!” Das liegt aber daran, dass ihm schon auf der Schauspielschule mitgeteilt wurde („Ich glaube, es war Helmut Käutner?!”), dass er ein riesiges Talent habe. Und von da an sei er dann ja auch kaum noch zur Schauspielschule gegangen: „Die hatten ja schließlich gesagt, dass ich gut bin. Was sollte ich da denn noch.” Immerhin hat es danach für rund 250 große und kleine Filmrollen gelangt. Im In- und Ausland. Gerne natürlich Gangster-Typen, die zwar meistens neben sich und der Gesellschaft, aber eben nicht immer neben dem Leben standen. „Im Milieu haben die in Berlin oder Hamburg immer neben mir gehalten mit ihren dicken Schlitten und haben gesagt: ‚Ey, Rolf, so wie Du uns spielst, ist das genau richtig, Du verstehst uns.'” Wenn das kein Kompliment ist.

Heute würde er ja gern mal die Seite wechseln. Zum Beispiel einen Ermittler spielen mit Kanten und Ecken. Einen Menschen mit Fehlern in einer Welt mit Fehlern, wo aber am Ende vielleicht doch das Gute obsiegt. Er sei nun mal inzwischen ein richtiger Charakterschauspieler aus Überzeugung, sagt er - und da er den Clown nun schon für eine ganze Zeit an der Garderobe abgegeben hat, will man das auch gern glauben.

Noch einmal ein kurzer Ausflug in die Privatsphäre. Die Geschichte von der Hochzeit, bei der er aus wie auch immer geartetem Verantwortungsgefühl heraus in der Drehpause mit einer von ihm geschwängerten Dame vor den Standesbeamten getreten ist, hat er vermutlich schon viele hundert Male erzählt. Dass sich die Frau flottens wieder scheiden lassen wollte, weil sie sich umorientiert hatte, vielleicht auch. Doch als wir auf die Tochter der Blitz-Liäson zu sprechen kommen, macht der eigentlich redselige Zacher doch lieber zu. Zuviel Familienmensch ist vielleicht nicht gut für's Image.

Rolf Zacher - der Alleskönner, Allesmacher und vermutlich auch Allesausprobierer. Tänzer, Bäcker, Kellner, Einparkhilfe in einem römischen Parkhaus war er unter anderem. „Weeste”, sagt er, „ich kann eben allet. Det ist mein Motto und mein Jeheimnis.” Er habe auch Filmrollen angenommen, wo man Fechter und Reiter gesucht habe. Nach dem Film habe er dann ja auch Fechten und Reiten gekonnt. Vorher aber eher nicht. Und plötzlich spricht er Russisch, Niederländisch und Spanisch. Man muss schon genau zuhören, um zu erkennen, dass er nur russische, niederländische und spanische Laute von sich gibt, deren Sinn eher gegen null geht. Aber er könne übrigens auch noch Schwedisch und Chinesisch. Und Italienisch und Französisch sowieso.

Vor zwei Jahren hat die Bildzeitung geschrieben, der einstmals so erfolgreiche Star lebe heute nahezu mittellos in einem Opel-Kombi auf einer Schaumstoff-Matratze. Das sei natürlich Quatsch, sagt Rolf Zacher, und nur passiert, weil er der Zeitung keine Interviews mehr gegeben habe. In Wirklichkeit steht nämlich auf dem Hotel-Parkplatz ein silberner Van einer deutlich nobleren Autofirma. Allerdings auch mit Matratze. „Das ist einfach herrlich im Sommer, wenn Du da mal übernachten kannst. Auf meiner Matratze und in meinem Schlafsack schlafe ich nun mal am liebsten”, sagt er und hat übrigens auch im Hotelbett im Schlafsack geschlafen. Auch wenn es wohl in dem Iserlohner Sterne-Hotel gar keine Milben gibt. Man kann ja nie wissen.

Rolf Zacher wird in wenigen Wochen 69 Jahre alt. Die Frage nach der Bedeutung für ihn kann man sich sparen. Es wird keine haben. Wahrscheinlich, weil dem Glücklichen keine Stunde schlägt. Weil es kein Ende gibt, wenn man für sich das Leben geregelt hat. Der Großvater, ein Schneidermeister, habe immer gesagt: „Junge, mache Qualität und trage Qualität.” Das lässt sogar noch einmal für einen Moment stutzen und aufhorchen. Wie er da gerade so sitzt? Irgendwie ist es schon etwas Besonderes und vielleicht auch abhängig vom Typ: Die blaue Jacke, die er am Morgen des Fotos in der Redaktion auf dünner Brust trägt, sieht eigentlich aus, als sei sie bei der letzten Altkleidersammlung hinten vom Wagen gefallen. Aber an Rolf Zacher wirkt sie wie von Armani.

Ein Nachsatz sei noch erlaubt: Ich habe in meinem beruflichen Leben schon viele Durchgeknallte getroffen. Aber noch nie einen, dessen Knall so herrlich tiefgründig menschelt. Rolf Zacher, das ist eben so eine Art Urknall auf zwei Beinen. Aber er hat auch noch einen Nachsatz auf Lager: „Wenn Ihr mich durch geknallt findet, ist das Eure Sache. Ich finde mich ganz normal.”

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