Porträt

Schwester Raphaela Händler

Foto: Josef Wronski/IKZ

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Sie ist eine faszinierende und bescheidene Frau, die Großes bewirkte. Die Missions-Benediktinerin aus Tansania, Schwester Raphaela Händler gilt als Deutschlands bekannteste Nonne, weil sie durch ihr segensreiches Wirken auf dem afrikanischen Kontinent mehrfach im Fernsehen zu sehen war und dort für ihre Hilfsprojekte die Werbetrommel rührte.

Die 74-jährige Ordensfrau kommt immer wieder gern nach Iserlohn. Ihr Kontakt zur Heilig-Geist-Gemeinde, die das missionarische Wirken über viele Jahre begleitet und unterstützt, besteht seit vielen Jahren: „Die haben mich adoptiert“, freut sich Schwester Raphaela über die gewachsene Beziehung zu der Gemeinde, in der sich ihre Schwester Annette Krewett bei der Katholischen Frauengemeinschaft engagiert.

„Meine Schwester ist da sehr kreativ“, freut sich die Ordensfrau, Ärztin und Entwicklungshelferin in Afrika über die Erlöse aus Basaren, die ihren diversen Projekten zugute kommen. Außerdem veranstaltet die Kirchengemeinde einmal im Monat eine Türkollekte für die Afrika-Projekte von Dr. Raphaela Händler, die regelmäßig Bericht erstattet, wofür sie die Spenden verwandte. Ihre Schwester Annette konnte sich mehrfach vor Ort überzeugen, was die Hilfe aus Deutschland bewirkt. „Sie hat mich auch schon in Namibia und Tansania besucht“, freut sich Schwester Raphaela über die gute Beziehung und die Anteilnahme an ihrem klösterlichen Lebens- und Wirkungskreis in ihrer zweiten Heimat Afrika.

Bei ihrem jüngsten Iserlohn-Besuch übergab Schwester Raphaela in einer Gottesdienstfeier in der Heilig-Geist-Gemeinde ein geschnitztes Kreuz aus Tansania an Pfarrer Joachim Skora. „Als Zeichen der Weltverbundenheit der Gemeinde für das neu gestaltete Pfarrheim“, erzählt die Nonne.

In Gottesdiensten und Vorträgen berichtet Schwester Raphaela Händler bei ihren Besuchen in der Heimat über ihr Engagement für die Menschen in Afrika. So auch in einem privaten Kreis, zu dem ihre Schwester Annette interessierte Christen zu sich nach Hause an den Frauenstuhlweg eingeladen hatte.

„Mit Hand und Herz. Mein Leben für Afrika“ ist der Titel ihrer eindrucksvollen Autobiographie, die sie jetzt auch vor Ort vorstellte. Darin beschreibt Dr. Händler mit ihrer Co-Autorin Bruni Prasske „den Ruf Gottes“, ihr Ordensleben und ihr Wirken als Frauenärztin. Die „Ärztin für Afrika“ holte tausende von Kindern auf die Welt. Sie ging als Pionierin zu Buschdoktoren und arbeitete mit traditionellen Dorfhebammen zusammen. Sie dokumentiert ihren Kampf gegen Armut und Krankheiten wie Aids und Lepra. Weiter schildert die frühere Chefärztin ihres Buschkrankenhauses in Tansania und die Koordinatorin der katholischen Krankenhäuser in Namibia die Basisarbeit bei gesundheitlicher und allgemeiner Bildung und Ausbildung.

Sie gesteht rückblickend: „Wenn ich auf das schüchterne Mädchen vom Lande blicke, das ich einst war, und was durch sie in diesen 74 Jahren geschehen ist, dann kann ich nur staunen: Das war gar nicht möglich von mir aus; das kann geschehen, wenn man auf Gottes Ruf hört und ihm folgt.“

Mit dem eindrucksvollen Buch war sie jetzt auf Lesereise durch Deutschland, bevor sie wieder zurückfliegt nach Tansania. Sie hält die Unterstützer ihres Wirkens zudem durch regelmäßige Rundbriefe auf dem Laufenden über Missionsprojekte, die sie in Namibia und Tansania auf den Weg brachte. Diese gehen an etwa 650 Adressen. Für ihre Projekte habe sie schon viele Millionen eingeworben, erzählt die Ordensfrau mit spürbarem Stolz.

Wie alles anfing? Im münsterländischen Nottuln als eine von drei Schwestern in einer strengen katholischen Familie geboren, wuchs bereits in ihrer Schulzeit der Wunsch, Missionsschwester zu werden und als Ärztin nach Afrika zu gehen: „Ich wollte im Dienst an anderen das Leben besser machen. Mein großes Vorbild war Albert Schweitzer.“ Während ihres Medizinstudiums in Münster trat Ursula Händler in den Orden der Missions-Benediktinerinnen ein: „Ich nahm den Namen, den man mir gab, und mit Raphaela, im Sinne von Rapha-el, Gott heilt, bin ich glücklich geworden. Das Heilen wurde in immer weiteren Dimensionen mein Lebensprogramm.“ Die agile und idealistische Ordensfrau spricht von einer glücklichen göttlichen Fügung, dass sie 1969 nach Afrika gehen durfte, zunächst nach Tansania und später nach Namibia.

Die Kommunikation in die deutsche Heimat wandelte sich seither stark. Zunächst gab es nur Luftpostbriefe. Die Todesnachricht ihres Vaters erhielt sie deshalb erst Tage später. Jetzt sei alles durch das Internet wesentlich einfacher. Aber nicht in allen Ordensstationen gebe es Internetverbindungen. „Aber überall gibt es heute Handy. Das macht das Leben einfacher“, gibt sie unumwunden zu. „Da ist man anders vernetzt.“

Die Verständigung erfolgte auf Englisch, Suaheli oder mit Hilfe von Dolmetschern. „Wir sind interkulturell in allen Kontinenten – auch in allen Gemeinschaften.“ Sie berichtet von der Zusammenarbeit mit Polen, Amerikanern, Koreanern und Philippinen. Und ihre Nachfolgerin als Priorin komme aus Uganda. Sie habe Multikulturelles mit allen Vorzügen und Problemen kennengelernt.

„Mama Daktari“, so begrüßten die Kinder Dr. Raphaela Händler in Tansania. Zu den eindrucksvollsten Kapiteln des Buches gehört ihre Schilderung der Begegnung mit einer Dorfhebamme, mit der sie fernab vom Konvent in Nyangao das normale Leben der Menschen „da draußen“ im Dorf Chiwerere teilte und da trotz bitterer Armut eine überaus große Gastfreundschaft erlebte: Sie darf in dem einzigen Bett in der Hütte schlafen und erhält „Kostbarkeiten“ zu essen, während sich ihre Gastgeberin mit den Kindern mit einem Nachtlager auf dem Boden und kargem Essen begnügen. Ihr Geschenk, ein Sack Zucker, war für die alleinerziehende Mutter eine Kostbarkeit. Das schilderte sie dann auch bei ihrer Lesung in Iserlohn, um die Unterschiede zu verdeutlichen: „Bei uns zulande wird Zucker als billiges Nahrungsmittel angesehen und bei dieser Begegnung war es etwas ganz Besonderes.“

Da die „Missio“-Botschafterin als Managerin und Geldeintreiberin regelmäßig zwischen Europa und Afrika hin- und herreist, erlebt sie hüben wie drüben keineswegs große Kulturschocks. „Ich bin froh, dass ich dem Überangebot in hiesigen Supermärkten mit über 20 Yoghurtsorten nicht ausgesetzt bin. Ich brauche das nicht in meinem Orden.“

Auf ihren Besuchen in der alten Heimat ist sie zudem gefragte Interviewpartnerin von Radio Vatikan und verschiedenen Fernsehsendern, so auch beim WDR bei Bettina Böttingers „Kölner Treff“. In der ZDF-Spendengala „Ein Herz für Kinder“ trat sie neben George Clooney oder mit Thomas Gottschalk auf. Als sie 2011 dort den Ehrenpreis für ihr Lebenswerk erhielt, sagte Oscar-Preisträgerin Helen Mirren über Schwester Raphaela: „Es gibt Menschen, die sind schon zu Lebzeiten Engel, weil sie dafür sorgen, dass die Welt ein Stück besser wird.“

Ein Zeichen der besonderen Wertschätzung der deutschen Missionsschwester war auch die Privataudienz beim Papst Benedikt XVI. Das ist auch fotografisch in ihrem Buch dokumentiert, wo sich auch Bilder mit ihren Schützlingen in Afrika finden und Fotos aus ihrem Familienalbum vor dem Eintritt als Kloster.

Wir sprechen noch über die gewalttätigen Übergriffe von radikalisierten Muslimen in Nigeria, deren Ziel es sei, das Christentum auszulöschen und dem Islam die Vorherrschaft zu sichern; ungeachtet dessen, dass die Unterstützung in Gesundheits- und Bildungswesen allen hilfebedürftigen Menschen zugute kommen – ganz gleich, welcher Konfession sie angehören. Obwohl Priester und Bischöfe ermordet wurden, gibt sich die deutsche Missionarin gelassen: „Wir sind uns bewusst, dass es gefährlich ist, aber wir sind gegen Gewalt als Antwort. Wir beten für die Christen und für den Frieden. Und für ein friedliches Miteinander der verschiedenen Kirchen und Religionen, und für eine positive weitere politische Entwicklung.“

Auch in Tansania gebe es Konflikte und Tote durch Proteste der Bevölkerung gegen die Armut. Ihre Antwort darauf: „Mein Wunsch ist, dass das ganze Volk vom Abbau der Ressourcen Gold, Uran, Gas und Öl profitiert.“ Die Missions-Benediktinerinnen orientieren sich angesichts einer zunehmenden Landflucht mehr auf apostolische, missionarische und soziale Projekte in Ballungsräumen, um der armen Bevölkerung zu helfen, führt sie aus.

Die energische Ordensfrau gehört auch weiterhin zur internationalen Benediktinerin-Kongregation in Ndanda im Süden Tansanias, wo sie bis 2013 Priorin war. Die 74-Jährige denkt auch trotz gesundheitlicher Beschwerden (Knie und Hüfte) nicht an Ruhestand: „Ich lebe da, wo eine Aufgabe ist. Alle Schwestern arbeiten so lange sie können. Wenn sie im öffentlichen Dienst sind, hören sie mit 65 auf und übernehmen innerhalb des Ordens andere Aufgaben, die ihrer Ausbildung und ihren Kräften angepasst sind.“ Sie empfindet es als schön, innerhalb der Ordensgemeinschaft älter zu werden. „Die meisten sind mit 65 noch leistungsfähig.“ In Tansania liege die durchschnittliche Lebenserwartung bei 55 Jahren.

Ihre „Catholic Aids-Action“, ihr Hilfsprogramm gegen HIV/Aids, in Namibia gehört für sie zu den abgeschlossenen Kapiteln. Da seien jetzt andere aktiv. In Tansania engagiert sie sich immer noch im Aufsichtsrat ihres Krankenhauses. Und im Februar wurde auf ihr Betreiben eine Krankenpflegeschule eröffnet. Sie lebt „auf dem Land unter den Armen, wo viele meiner Nachbarn immer noch keinen Strom in der Hütte haben und keinen Wasserhahn.“ Die Missionsschwester schildert die Lebensumstände der notleidenden Menschen ohne zu beschönigen: „Oft wissen sie nicht, was heute gekocht werden kann, wie das Schulgeld für die Kinder aufgebracht wird und wie es weitergehen soll, wenn der Vater oder die Mutter wegen Krankheit ausfallen. Es ist kein soziales staatliches Netz da.“ Auch wenn diese Menschen weder in der Wirtschaft noch der Politik einen Wert haben, macht sie deutlich, was sie bei ihrem Einsatz für diese Menschen empfindet: „Für jede Person lohnt es sich, das Leben zu geben. Und sie sind es, die unser Leben reich machen.“ In ihrem Buch schildert sie die beispielhafte Zuversicht dieser Menschen durch den Glauben: „Sie sagen in allem Leid, das auch sie schmerzhaft spüren mit allen Dunkelheiten: ‘Hakuna shida (keine Sorge), denn ‘Mungu Yupo’ (Gott ist da).“ Dazu sagt sie abschließend als Motivation für Leser und Gesprächspartner: „Wenn ich diesen Glauben an den Gott der Liebe weitergeben kann, dann hat es sich gelohnt, dieses Buch zu schreiben.“

Im September begeht sie in der Kongregation der Missions-Benediktinerinnen in Tutzing das goldene Profess, das sie mit der goldenen Hochzeit vergleicht. Es erinnert an das Ordensgelübte, mit dem sie versprach, in Armut, Keuschheit und Gehorsam zu leben.

Die Ordensfrau fasst zusammen: „Ich sehe auf 50 Jahre zurück. Rückblickend bin ich dankbar. Ich würde alle großen Entscheidungen noch mal treffen. Ich glaube, das ist ein schönes Resümee, wenn man auf das Leben zurückschaut.“

Ihre Lebensleistung ist beeindruckend. Deswegen erhält sie auch den Charlie Award 2014 in Iserlohn. Nicht von ungefähr präsentiert die Wanderausstellung „Glaubenszeugen des Internationalen katholischen Hilfswerkes Missio die „Missio-Botschafterin“ neben Mutter Teresa, der Ikone der Nächstenliebe.

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