Porträt

Stefan Enders

Stefan Enders

Stefan Enders

Foto: Michael May

Sieben Monate ist er unterwegs gewesen, hat in einem umgebauten VW-Bully geschlafen, sich am Autospiegel rasiert.

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Alles, um die Grenzen des Kontinents weit weg von der Schaltzentrale in Brüssel zu beleuchten. Auf seiner Reise im Jahr 2015 hat der renommierte Fotograf Stefan Enders, dessen Fotos schon im „Stern" und im „Spiegel“ erschienen sind, einige interessante Menschen getroffen, die er in einem Bildband mit 151 Porträts veröffentlicht hat. Aufgrund der immer weiter fortschreitenden Risse zwischen den EU-Ländern gewinnt sein Werk immer mehr an Aktualität.

„Das war schon abenteuerlich, wie ein Road-Movie“, erinnert sich der Fotograf. Insgesamt 31.000 Kilometer war er unterwegs. Los ging es in Deutschland, und dann über Belgien mit der Fähre nach Großbritannien, an der Küste von Frankreich, Spanien und Portugal vorbei mit einem kurzen Stop an der spanischen Exklave Melilla.

Dann ging es über den „Stiefel“ Italiens mit einem Schlenker nach Sizilien nach Griechenland, Bulgarien, Rumänien, über die Grenze zur Ukraine in die Slowakei und nach Polen, Litauen, Estland und Lettland. Geendet hat sein Trip im nördlichsten Teil der Europäischen Union im finnischen Dorf Nuorgam. Dann ging es über Schweden wieder zurück nach Köln. „Ich wusste vorher gar nicht, was mich erwarten würde“, sagt der Fotograf. Auf der ganzen Strecke war er auf sich alleine gestellt.

„Von Anfang bis Ende war meine Reise ein Glücksfall. Es hat sich alles gefügt“, beschreibt Stefan Enders. Denn der Fotograf hat sich ganz bewusst auf zufällige Begegnungen verlassen. Nur wenig war auf seiner Reise vorgeplant, wie zum Beispiel die Begegnung mit dem Schotten Jake Malloy, Gewerkschaftsvorsitzender der Nordsee-Ölarbeiter in Aberdeen. „Ich habe im Vorfeld auch Hilfe bekommen von einer befreundeten Journalistin“, erklärt er. Zu Jake Malloy zog es Enders vor allem, weil er sich für die Arbeit auf den Ölplattformen in der Nordsee interessierte. Der Gewerkschaftsvertreter erzählte über die harten Bedingungen auf den Ölfeldern – teilweise bei Schnee und Eis, unter gefährlichen Bedingungen und weit weg von Zuhause. „Ich wollte etwas über die Menschen erzählen, die man sonst nicht kennenlernt“, erzählt Enders. Abgelichtet hat er Jake Malloy in einem gestreiften Hemd, im Hintergrund die große Karte mit den Nordsee-Ölfeldern.

Die meisten Menschen hat er aber ohne große Termine oder die Hilfe von einem Recherche-Team gefunden „Ich wundere mich heute noch darüber“, erläutert er. So hat er zum Beispiel auch eher zufällig den Kapitän Charles Harkins getroffen, der seit Jahren die Ölarbeiter beim Schichtwechsel auf die Plattformen gebracht hat. Enders fragte den Seebären, ob er sich als Europäer fühlte. Darauf habe ihm der Kapitän, der in Falkirk geboren wurde, aufgewachsen ist und sein ganzes Leben verbracht hat, seine Oberarmtätowierung gezeigt: ein Highlander mit Dudelsack, Schottenrock und Bärenmütze. „Keine Ahnung – ich bin Schotte“, habe er dann gesagt.

Insgesamt hat Enders auf seinen Reisen sehr viel über die Einstellung der Menschen zur EU erfahren. „Ich habe festgestellt: Die Menschen in Europa sind in Bewegung“, schildert Enders. Innerhalb der Länder und innerhalb Europas gebe es stetige Wanderungsbewegungen. Das sehe man zum Beispiel an der rumänischen Familie Nastase in der Stadt Galați an der Nähe der Donaumündung. In dem Fotoband sei das letzte Bild, als die Familie noch zusammen in einer Stadt lebte. Mutter Nicoleta (42) hat als Intensiv-Krankenschwester in England einen Job gefunden, ihre beiden Söhne Albert, 19, und Raul, 13, kamen ebenso mit. Der 19-Jährige hat einen Studienplatz gefunden, der Jüngere träumt davon, Fußballstar zu werden. „Zurück blieb der arme Vater. Das war ganz emotional“, erinnert sich Enders. Der 42-jährige Vicentiu ist Automechaniker, arbeitet in seiner Heimatstadt und wusste zu dem Zeitpunkt nicht, wie es weitergehen soll. Die Familie sei in den vergangenen 20 Jahren immer zusammen gewesen. So bald wie möglich wolle er nachkommen.

Besonders die Freizügigkeit, die Bekämpfung von Korruption und die Einhaltung von Umwelt- und Menschenrechtsstandards sei auch an den Rändern der EU positiv aufgenommen worden. „Da war eine ziemliche Europa-Begeisterung. In Europa mitzumachen, das finden die Leute toll“, so seine Erlebnisse, „Ich habe oft gehört: Es ist gut, dass wir die EU haben.“

Froh über den Minderheitenschutz war auch die 57-jährige Mimmi Makunen, die früher mal den männlichen Namen Hannu trug. Irgendwann habe sie gemerkt, dass er oder sie sich in Frauenkleidern wohler fühlt. Im finnischen Lappeenrantas, kurz vor der russischen Grenze, kann sie ein bürgerliches Leben führen, gerade weil sie in der EU lebt. Mit dem Schwulen-, Lesben- und Transgender-Verband Seta habe sie auch Kontakt zu Menschen auf der anderen Seite der Grenze. Schlägertrupps machen dort, so die Schilderungen von Mimmi Makunen, regelrecht Jagd auf Schwule und Lesben, locken mit fingierten Anzeigen in Internetforen zu Treffen, um sie dann zusammenschlagen zu können. „Ich bin froh, dass ich auf dieser Seite, in Finnland, und nicht in Russland geboren wurde“, habe sie gesagt. Enders zeigt die Unternehmensberaterin in einem Kleid mit Tigermuster vor dem finnischen Saima-See.

Aber auch die Schattenseiten der EU hat Enders auf seinen Reisen zu spüren bekommen. Seine schlimmste Erfahrung hat er in Rumänien in Onești gemacht. Da traf er auf Straßenkinder, die abhängig von dem Klebstoff Prelandez waren. „Das gibt es doch gar nicht mehr, dachte ich“, erzählt der Fotograf. Abgelichtet hat er in seinem Bildband den 19-jährigen Daniel. Seit er aus dem Kinderheim abgehauen ist, lebt er auf der Straße und schnüffelt Kleber – täglich fünf Flaschen am Tag. „Du fühlst keinen Hunger, du fühlst keine Kälte, du vergisst alle deine Probleme“, hat der Straßenjunge ihm erzählt. Als Enders den 19-Jährigen nach drei Stunden wiedertraf, konnte sich dieser schon gar nicht mehr an den Fotografen erinnern.

Durch Menschen wie Daniel erfahre man das gegenteilige Bild der europäischen Wanderbewegungen. „Viele Eltern gehen in den Westen und lassen ihre Kinder bei Familienmitgliedern, die sich nicht um sie kümmern können“, hat Enders erfahren. So auch bei Daniel. Seine Mutter starb früh an Krebs, sein Vater ging zum Arbeiten nach Spanien, und Daniel kam in ein Kinderheim. Mit 15 brach er aus und ging zu seinem älteren Bruder, der sich aber auch nicht um ihn kümmern konnte. So landete er auf der Straße und vergaß seine Probleme durch die Drogen. Die Situation der Straßenkinder hat Stefan Enders tief berührt. „Das war eine sehr schockierende Situation, die ich erst einmal verdauen musste“, erklärt er.

In seiner Reise entlang der EU-Grenzen – alleine und in einem umgebauten VW-Bully – ist dem Fotografen allerdings nichts passiert. Angegriffen wurde er nicht, keiner hat ihm etwas gestohlen oder ist in sein Auto eingestiegen. „Weder in Süditalien, noch im ,bösen’ Rumänien ist mir etwas geschehen“, erklärt er. Dabei war er mit wertvoller Fracht unterwegs. Nicht nur Kameras und Laptop, sondern auch die Analog-Filme der Aufnahmen hat er in seinem Fahrzeug verstaut. „Ich habe natürlich vorgesorgt mit einem eingebauten Stahltresor und einer Sicherheitsanlage“, erzählt Enders. Die wertvollen Filme schickte er regelmäßig mit einem Paket nach Hause. Womit er allerdings nicht rechnete: „Ausgerechnet in meinem Köln mussten mir die Idioten zu Karneval ein Graffiti auf meinen weißen VW-Bus drauf packen. Und auf der ganzen Reise war nichts.“

Allerdings hatte er auch mal ein mulmiges Gefühl – zum Beispiel, als er in der Nähe einer verlassenen Militärgarnison in Bulgarien an der Grenze der Türkei übernachtete. Dort hatten sich nach dem Ende des kalten Krieges Sinti und Roma niedergelassen. „Das war wie im Film“, erinnert er sich. Pferde, die frei durch das Dorf liefen, ausgebrannte und verrostete Autowracks und dazwischen die Dorfbevölkerung. Eigentlich wollte er nur vorbeifahren, weiter ans Meer. Letztendlich stattete er dem Dorf doch noch einen Besuch ab. Der Sohn des Bürgermeisters versicherte ihm: „Es ist alles safe hier. Hier kannst du übernachten.“ Enders schaltete trotzdem den KO-Gasalarm in seinem Sicherheitssystem an. „Das war ein echt schräges Ambiente, wo man auch Angst bekommen konnte. Aber es passierte nichts“, erzählt der Fotograf.

Tatsächlich sind ihm viele Menschen mit viel Offenheit gegenübergetreten. Bei 151 erfolgreichen Fotografien hat er nur zwei Mal eine Absage bekommen. „Ich weiß ja auch aus meiner journalistischen Arbeit, wie schwer es ist, die passenden Protagonisten zu finden“, erklärt er. Irgendwie habe aber alles geklappt. „Ich habe wohl etwas ausgestrahlt, was die Leute begeistert hat“, so Enders.

Es gab aber auch offensichtliche Schwierigkeiten, zum Beispiel mit der Sprache. „Das war eigentlich das größte Problem“, erläutert der Fotograf. Er selbst kann gut Englisch sprechen und hat geringe Französisch-Kenntnisse. Deswegen musste oft ein Übersetzer her, der aber in einigen Gegenden schwer zu finden war. „Es ist schon passiert, dass ich tagelang auf Eis saß, bis ich jemanden fand“, erzählt er. In den meisten Fällen überwand der Übersetzer aber nicht nur die Sprachbarriere, sondern lieferte den Fotografen auch Kontakte in die Dorf- oder Stadtgemeinschaft.

Auf seinen Reisen hat er aber auch Geschichten erlebt, die „viel tiefer gehen als Europa“. Er besuchte Schiffsfriedhöfe von Flüchtlingsbooten, die von der italienischen Marine einkassiert worden sind und besuchte ein Flüchtlingslager in der Nähe vom italienischen Rosarno. In Italien traf er auch den 33-jährigen Chuks Otuya. Er gehört zu den Flüchtlingen, die eigentlich gar nicht vorhatten, nach Europa zu fliehen. Der libysche Lastwagenmechaniker wurde, so Enders, unter einem Vorwand verhaftet und in ein sogenanntes „target boat“ gesteckt. Die Libyer testen damit, was mit den Flüchtlingsbooten passiert – werden sie gerettet oder ertrinken sie in den baufälligen Booten? Chuks Otuya wurde in der letzten Minute gerettet und lebt zum Zeitpunkt von Enders Aufnahme mit seiner Frau Larry-Elisabeth in Sizilien. Als er 2014 plötzlich verschwand, war sie davon ausgegangen, dass er sie, damals im vierten Monat schwanger, sitzen ließ. Das Porträt von Stefan Enders zeigt sie wiedervereint mit ihren acht Monate alten Zwillingen Mary und Mercy.

Die 151 Porträts hat der Fotograf in Schwarz-Weiß gehalten. „Ich bin ein sehr in Schwarz-weiß denkender Mensch“, kommentiert Enders. Besonders das Verhältnis Mensch – Umgebung war ihm bei seinen Aufnahmen mit der großen Mittelformat-Kamera wichtig. „Ich wollte sie in ihrem normalen Raum fotografieren, aber das auch sehr reduziert“, erklärt er. Mit einem künstlichem Blitzlicht hat er die Personen von der Umgebung abgesetzt. Sie sind auf den Fotos scharf dargestellt, während der Hintergrund ein wenig verschwimmt. „Das ist so, als wenn man sie auf einen Sockel stellt“, erklärt der Fotograf.

In seinem Bildband zeigt er aber auch farbige Bilder, die nicht mit der analogen Mittelformat-Kamera geschossen worden sind. „Ich habe auch eine Digitalkamera mitgenommen, um die Momente am Wegesrand zu fotografieren“, erklärt der Fotograf. Allerdings habe er so viele Eindrücke außerhalb der geplanten Porträts gesammelt, dass er es in seinem Bildband nicht weglassen wollte. „Die farbigen Bilder betten die Porträts in einen Kontext ein“, sagt Enders – lachende Kinder vor der Mauer, die Nordirland und Irland trennt, Szenen in einer Fischfabrik an der spanischen Nordwestküste, ein Musikfestival im polnischen Lublin.

Manchmal sind die Bilder etwas verschwommen, beispielsweise bei einer Demonstration von griechischen Rechtsradikalen. „Wenn man reinblitzt bei Dunkelheit, passiert das. Aber das ist auch ein fotografisches Mittel“, kommentiert der Professor für Fotografie.

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