Porträt

Stefan Wolff

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Vorsichtshalber nicke ich mal, als Stefan Wolff mal eben das Wort „Trajektorien-Rechnung“ in den Raum stellt. Er sagt, das sei ja auch nur ein kleines Beispiel dafür, was er denn da so mache in Amazonien. Aber er merkt wohl in diesem Moment auch selbst, dass ich überhaupt nicht weiß, wo in diesem Moment die Wissens-Glocken hängen. Also schiebt er noch eine kleine Erklärung nach, die in etwa sagt, dass damit der Weg von Luftströmungen von da nach hier gemeint ist. Also noch einfacher: Wo war die Luft, die heute bei mir an der Messstation angekommen ist, gestern? Oder vorgestern? Und was hat sie mitgebracht? Wurden unterwegs möglicherweise große Feuer gelegt, deren Partikel noch immer nachweisbar sind? „Das können wir heute nämlich schon ziemlich genau nachvollziehen“, sagt der Meteorologe, der so begeistert und begeisternd über seine Arbeit im Auftrag des Max-Planck-Instituts im urigsten Urwald Brasiliens, dem wohl größten der Welt erzählen kann, dass man als Zuhörer jeden Moment das Gefühl hat, selbst schon das nächtliche Konzert der Brüllaffen in gar nicht mal so weiter Ferne zu hören.

Stefan Wolff, der gebürtige Deilinghofer, sitzt also zum Interview auf dem Redaktionsstuhl im Wichelhovenhaus. Der 36-Jährige ist und verströmt Energie pur. Er wibbelt hin und her, offensichtlich laufen auch während des Gesprächs zwei, drei Gedankenaktionen gleichzeitig ab. Später wird er sagen, dass er sich eigentlich gar nicht in die Gedankenwelt anderer Leute hineinversetzen könne, aber das kann man sich bei näherer Betrachtung auch gut vorstellen. Dieser Mann hat wahrlich selbst genug zu denken.

Natürlich könnten wir ohnehin jetzt wahrscheinlich stundenlang über die Welt an sich, ihr sich veränderndes und offenbar strauchelndes Klima, den sorglosen Umgang der Menschen mit ihr, ihren daraus resultierenden möglichen oder gar wahrscheinlichen Untergang, aber auch die Wege zur Rettung in letzter Minute sprechen, aber wir wollen es an diesem Mittag erst einmal im Guten, eine Ebene tiefer, versuchen. Vielleicht ist es ja ohnehin auch noch spannender, zunächst einmal über Stefan Wolff aus Hemer zu sprechen. Wie kommt man als Kind in diese Berufs- und Lebens-Richtung? Über den obligatorischen, von den Eltern geschenkten Stabilbaukasten für angehende Nachwuchs-Nobel-Preisträger? Oder doch eher die eigene kleine Wetterstation auf dem weihnachtlichen Gabentisch? Wolff denkt kurz nach und erzählt dann die Geschichte vom Onkel des Vaters in Schleswig-Hollstein. Der sei abends regelmäßig vor das Haus getreten, habe einen Finger hoch in die Luft gehalten und plötzlich gesagt: „Bis morgen Abend müssen wir die Ernte drin haben!“ Das habe meistens dann auch zu einhundert Prozent gestimmt und Stefan Wolff hat für sich damals beschlossen: „So etwas möchte ich auch können!“

Bei der späteren Studien-Auswahl habe man ihm zudem zu der Physik bzw. auch zu physikalischer Technik geraten, „weil man danach damit so ziemlich alles machen könnte.“ Was aber nicht heißt, dass Stephan Wolff die Sache von Anfang an allzu wissenschaftlich angehen wollte. Am Woeste-Gymnasium habe er sich als Leistungskurs auch schon für Geschichte entschieden, „weil ich dann doch nicht zu sehr am Zahlenrad drehen wollte“. Und es gab noch ein in der Rückschau vielleicht kleines, aber vielleicht doch auch prägendes Erlebnis für den jungen Mann: Wolff, zu dem Zeitpunkt bereits Student in Clausthal-Zellerfeld („wollte da aber auch nicht in einen Dornröschenschlaf verfallen“), sah bei einem ziemlich starken Sommersturm in Berlin hoch erfreute und wissenschaftlich offenbar überaus erregte junge Meteorologie-Studenten durch die Straßen laufen und dabei intensiv Erfahrungen und Messwerte sammeln. Das habe ihn tief beeindruckt, sagt er heute, denn es gebe ja kaum universitäre Studiengänge, bei denen man dermaßen viel Zeit außerhalb der Büros verbringe. „Das ist eine große Faszination, dass man in dem Beruf direkt in der Freiheit draußen arbeiten kann und darf.“ Über eben diese ganz spezielle Form von Freiheit wird ja noch zu sprechen sein, wenn es gleich um den 325 Meter hohen Turm im Urwald geht.

Ob er denn nicht auch ein wenig das Gen in sich spüre, die Welt retten oder wenigstens verändern zu wollen oder zu müssen, lautet die nächste Frage. Das sei vielleicht in der Tat ein Grund für so ein Studium, sagt Wolff, aber man käme ja in diesen Zeiten bzw. in den letzten Jahrzehnten ohnehin auch nicht darum herum, über den Klimawandel und die Folgen nachzudenken. Da müsse man sich eben auch immer wieder seinen eigenen Beitrag dazu überlegen, „damit das System nicht kollabiert“.

Auch wenn Stefan Wolff kein Meteorologe im Sinne der medial verbreiteten Wettervorhersagen ist, wollen wir einen Moment über das Ist-Wetter sprechen. Zum Beispiel in Brasilien. „Im Norden in Manaus kennen wir natürlich auch die Jahreszeiten. Genauer gesagt zwei. Nämlich auch Sommer und Winter.“ Er erzählt davon, dass es in der einen Jahreszeit „sehr, sehr heiß ist und viel regnet“, in der anderen „sehr heiß ist und sehr viel regnet“. Was man ja aus der Distanz nicht unbedingt mit den schönen Bildern der Bikini-Mädchen an den Stränden der Copacabana verbindet. Aber auch da gibt es die Sichtweise des Kenners: „Ja, klar regnet es oft. Aber Regen wird da einfach anders gesehen als hier. Der Regen ist einfach so warm, dass man sich da nicht wirklich dran stört.“ Man würde eben mal kurz und richtig nass, aber eine halbe Stunde später wäre man ja auwieder trocken. Womit eben auch von Wolff en passant die alte Meteorologen-Weisheit untermauert würde, dass man in dieser Berufsgruppe einfach nun mal kein schlechtes Wetter kenne, sondern nur „spannendes Wetter“. „So eine stabile Hochdrucklage ist nun mal nicht wirklich besonders aufregend.“

Da sei es dann doch eben viel spannender zum Beispiel eine Radiosonde in die Atmosphäre zu schicken und dabei der Frage nachzugehen, wie der Wald wohl mit der Atmosphäre interagiert. Oder die Frage zu erhellen, was die Luft am Ende mit dem Boden macht. Und daraus abgeleitet natürlich auch die Problemstellungen: Was passiert mit dem Amazonas-Gebiet in der Zukunft vor dem Hintergrund von Abholzung und Klimawandel. Und schließlich auch die Frage, was wir im Rest der Welt davon lernen können. Gibt es am Ende hüben wie drüben Parallelen in der Situation, im Denken und im Handeln? Stefan Wolff lächelt ein wenig vor sich hin. Er hat bei einem Vortrag in Deilinghofen zum Auftakt ein Bild gezeigt, dass er in einem Buchen-Bestand in eben diesem Deilinghofen gemacht hat. Und er hat die Zuhörer gefragt, wo dieses Bild denn wohl entstanden sei. Die meisten haben – vielleicht wegen seines Themas und seines Berufs – zunächst einmal auf Brasilien getippt. Aber eigentlich zeige das doch nur deutlich, dass es bei allen Unterschieden der Kontinente eben auch leicht festzustellende Parallelen bzw. Ähnlichkeiten gebe. Aber da seien eben auch die unheimlichen Unterschiede, die man sich in der Tat auch nur schwer vorstellen könne. „Die meisten Präzisions-Messgeräte, die wir in unserer Wissenschaft verwenden, kommen aus Europa und hier funktionieren sie auch ganz störungsfrei. Aber im Amazonasgebiet sind sie in der Regel nach zwei Tagen Luftfeuchtigkeit im Eimer.“ Und es gibt noch ein schöneres, vom wahren Leben geprägtes Beispiel für daraus resultierende Lebenswelt-Unterschiede. „Wenn man in Deutschland Kartoffelsalat macht, kann man ihn erst einmal eine Zeit an der Luft stehen lassen oder im Keller etwas kühler lagern – und auch noch nach Tagen essen. Wenn man die Schale mit dem Kartoffelsalat in Amazonien zehn Minuten an der Luft stehen lässt, hat man mehr Tiere drin als Kartoffeln.“ Wirklich nicht schön.

Nun also noch einmal zum Turm, also in die Höhe der Wissenschaft. Hand auf’s Wolff-Herz. Hat man wirklich keine Höhenangst, wenn es auf die achtzig Meter der beiden kleineren Türme geht oder eben auf den mit 325 Metern höchsten Turm Südamerikas? Zumal wenn man bedenkt, dass das nächste Haus Luftlinie 15 Kilometer, die nächste Klein-Siedlung 40 bis 50 Kilometer und Manaus um die 150 Kilometer entfernt ist. Es scheinen aber fast meditative Gedanken zu sein, die in der Höhe die möglichen (und überaus verständlichen) Angstgefühle überlagern, ausblenden oder gar nicht erst zulassen. Man höre ja eigentlich nichts da oben. Außer die ganz besondere und eigene Stille der Natur. Das allerdings nur, wenn man noch nicht ganz oben ist, denn den Stromgenerator aus dem Camp hört man bis dahin auch. Man sei da oben am Ende aber in einer „ganz eigenen Gefühlswelt“, habe streckenweise beim Aufstieg sogar kurzzeitig den Eindruck im freien Raum zu schweben, versucht Stefan Wolff das vermutlich Unbeschreibliche trotzdem zu beschreiben. Andere Menschen brächten sich vielleicht mit 15 Minuten Yoga in so einen Zustand, bei ihm könne das durchaus die Höhe leisten. „Ich weiß nicht, wie ich es Ihnen beschreiben soll. Fest steht, Sie kommen als anderer Mensch wieder herunter.“ In und mit der Höhe gibt es für den Hemeraner Wissenschaftler offenbar wirklich keine Probleme. Wolff erzählt da lieber die Geschichte von den 100 Schwalben, die sich die Turmspitze als Dauer-Schlafplatz auserkoren haben: „Ich habe bis zu dem Moment noch nicht einmal gewusst, dass es am Amazonas überhaupt Schwalben gibt“. So klein, ist also auch diese Welt.

Natürlich springt das Gespräch auch weiterhin immer zwischen der Beschreibung des Arbeitsplatzes und den grundlegenden Klima-Fragestellungen unseres Zeitalters hin und her. Wolff ist sich ziemlich sicher, dass die aktuell diagnostizierten Probleme in ihrem Kern von Menschenhand gemacht sind. Wenn man die menschlichen Einflüsse aus den Erklärungsmodellen herausnehme, bliebe einfach nicht genug übrig, mit dem zum Beispiel ein Temperaturanstieg auf natürliche Art und Weise erklärt werden könnte. Vor allem die deutliche Verkürzung der Zeitabstände in den Entwicklungen ließen sich aus dem „normalen“ und bisherigen Erdverhalten auch nicht erklären. Nun könne man das Ganze aus der Sicht der Erde ja eigentlich auch ganz entspannt sehen, die habe nämlich im Laufe der Jahrmillionen schon ganz andere Entwicklungen er- und vor allem überlebt. Aber aus Sicht der Menschheit seien die Probleme schon ziemlich gravierend. Dafür die Sensibilität der Menschen nach wie vor hoch zu halten, sei aber eben auch nicht einfach. „Bei gleichbleibender Dramatik ist es am Ende fast normal, dass kaum noch jemand darüber spricht.“

Kommen wir noch ein letztes Mal zum Turm – und zur Zukunft. Des Stefan Wolff und der Welt. Eigentlich sei er überaus zufrieden mit dem, was er da im Moment machen dürfe, gibt er zu Protokoll. Und er könne sich auch gut vorstellen, das noch eine ganze Zeit zu machen. Wahrscheinlich erklärt sich das ja aus kleinen Versatzstücken in seinen Erzählungen, in den leisen Untertönen. Wenn er erzählt, wie manchmal das Forscherleben vor Ort im Urwald mit den vielen Tagen und Stunden des auswertenden und analysierenden Wissenschaftlers konkurriert. Wenn er dabei versonnen einen von Termiten in nur 24 Stunden zerlegten Hammerstiel in der Hand wiegt. Wie es ihn wohl immer wieder juckt, raus zum Turm zu fahren. In die Stille und die Einsamkeit, die auch nicht lauter oder lebhafter werden, wenn noch bis zu 30 Kolleginnen und Kollegen draußen sind. Wenn Wolff fast schwärmerisch von dem oben bereits einmal erwähnten Konzert der Brüllaffen spricht. All das fasst er aber noch einmal bei der Antwort auf die Schlussfrage zusammen: Mit welchen Gefühlen sind Sie in oder über diesem Urwald unterwegs? „Mit Demut, Dankbarkeit und Freiheit!“

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