Porträt

Thomas Fritsch

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Was hat Thomas Fritsch gerade gesagt und dabei irgendwie ziemlich verwegen gelächelt, dass - wenn die weiblichen Gene in mir die Lufthoheit hätten - ich wahrscheinlich vom Interview-Sofa gefallen wäre? „Ich bin ja jetzt Rentner!”?

Im ersten Moment verstehe ich das gar nicht. Im zweiten Anlauf dann aber schon, weil ich mich erinnere, dass der Strahlemann im Januar 2009, als vor ein paar Tagen, tatsächlich seinen 65. Geburtstag gefeiert hat. Gratuliert man noch? Oder lieber nicht?

Also gut, lassen wir das Thema „Alter” vorsichtshalber zunächst mal weg. Ist in diesem Fall vielleicht wohl sinniger, denke ich - und werde aber später eines Besseren belehrt. Dieser Mann hat offensichtlich eine dermaßen entspannte Einstellung zum Älterwerden, dass er damit sogar zum echten Vorbild taugen würden.

Den Lebenslauf des Thomas Fritsch muss man in dieser Situation wohl nicht großartig abfragen. Den kennen die echten Fans ohnehin. Und selbst Menschen, denen ich das im Vorfeld gar nicht so zugetraut hätte, wissen vermutlich noch viel mehr, als sie freiwillig zugeben. Also, der Vater des Thomas Fritsch ist Willy Fritsch, d-e-r Willy Fritsch, die UfA-Legende. Und Mutter ist die Tänzerin Dinah Grace. „Aber nicht einfach so eine Tänzerin”, sagt ihr Sohn an diesem Spätnachmittag in Iserlohn. „Mami war eine akrobatische Tänzerin, eine richtige Künstlerin”, sagt er auch noch, und man muss kein tiefschürfender Psychologe sein, um zu begreifen, dass wir gerade über die wohl wichtigste Person im Leben des Thomas Fritsch sprechen. Am Abend beim „Nah dran” im Iserlohner Parktheater wird er mit einem Augenzwinkern sagen, dass Dinah Grace eigentlich mit bürgerlichem Namen Ilse Schmidt hieß. Das ist dann aber ein Bühnen-Plauderscherz fürs Publikum.

Jetzt im Gespräch ist sie die Mami, dem die ganze Liebe des jungen Thomas galt. Und wohl auch noch gilt. Die mit ihm und seinem Bruder vor dem Bombenhagel von Dresden nach Hamburg geflohen war, während Willy Fritsch weiterhin Filme drehte. Natürlich habe er auch einen Vater gehabt, sagt er, das sei eben der Willy Fritsch gewesen. Aber der sei ja nie da gewesen. „Verstehen Sie das? Das war der Mann, der immer mal zu Besuch kam, aber eigentlich auch nie wirklich da war. Weil er eben viel zu tun hatte und sich nicht in der Form um die Familie kümmern konnte.”

Vielleicht wäre das ja auch für den Jungen noch leichter zu verkraften gewesen, wenn die Mutter nicht an Krebs erkrankt wäre. Und es war offensichtlich der Sohn Thomas, der Schüler Thomas, der Heranwachsende Thomas, der die Verantwortung übernahm, seine Mami auf ihrem schweren Weg zu begleiten. Die Mutter erlag ihrem Leiden mit nur 46 Jahren, Thomas Fritsch war zu dem Zeitpunkt gerade einmal 19 Jahre alt. Und trotz aller privater Beklemmnisse auf dem Durchmarsch zum Mega-Star.

Aber vor dem Hintergrund dieser Familiengeschichte ist es natürlich auch nicht ganz einfach mit Fritsch über die anderen Seiten seiner Jugend zu sprechen. Zum Beispiel Schule? Die Naturwissenschaften seien nicht sein Ding gewesen, gibt er zu Protokoll. Deutsch und Englisch schon eher. Und vermutlich war er damals auch schon ein ziemlicher Einzelgänger. Zu sehr eingebunden in der Pflege seiner Mutter. Zu klar waren möglicherweise aber auch seine eigenen Vorstellungen vom Leben. Und vom Beruf. Schließlich hatte er schon mit 16 Jahren bei Gustaf Gründgens vorsprechen können. Eine klassische Ballettausbildung hat er in dieser Zeit übrigens auch bekommen. Vielleicht ja als eine Art „Hommage an die Mami”, aber irgendwie auch eine Selbstverständlichkeit. Zumindest erzählt er heute mit so einer selbstverständlichen Leichtigkeit darüber, dass sich die Frage, wie das denn die Klassenkameraden wohl gefunden haben, lieber über den geistigen Notausgang verabschiedet.

Weil nämlich das Thema „Freunde” ohnehin nicht ganz unproblematisch ist. „Nö,” in der Schule habe er nicht so viele gehabt, sagt Thomas Fritsch und blickt für einen Moment ein wenig gedankenverloren so ganz knapp an der Kerze vorbei. Auch heute bringe er es vielleicht auf fünf gute Freunde, sagt er und denkt scheinbar kurz nach. Judy Winter sei dabei, sagt er und noch der eine oder die andere. Aber er neige, zugegeben, auch dazu, sich einzuigeln. Einfach, das zu tun, was Thomas Fritsch in dem Moment gerade tun möchte. „Ich liebe es, wenn ich mal nicht funktionieren muss”, sagt er - und da sind wir jetzt natürlich und unweigerlich nur mal kurz auf einen Sprung in seinem Haus auf Mykonos angekommen.

Schon einmal, vor sieben Jahren, hat mir Thomas Fritsch mit Worten ein wunderschönes, durchaus nachträumbares Bild gemalt. Von einer unwirklich schönen griechischen Insel, die im Frühjahr so herrlich erblühen und duften kann und im Sommer von der Sonne bis zur Kargheit verbrennt. Von einem blauen Meer, dessen Blau nirgendwo auf der Welt so blau ist, von seinem weißen Haus mit seinem weißen Turm, von dem man so unendlich weit sehen kann. Von seinen Strandspaziergängen und Badeausflügen, wenn noch keine Touristen auf der Insel sind.

So wie vor 40 Jahren, als er, den die Einheimischen heute gern den „blonden Zorba” nennen, auf ihre Insel kam - und mit ihnen ziemlich alleine war. Beziehungsweise mit ihnen und ein paar Promis. „Da habe ich schon öfters mal die Callas getroffen, die mit Onassis am Strand spazieren ging.”

Vielleicht hat die Callas den blonden jungen Mann ja auch erkannt. Ungewöhnlich wäre es nicht gewesen, denn in Deutschland und darüber hinaus war Thomas Fritsch längst ein Star. Hatte erfolgreiche Filme gedreht mit Lilli Palmer, Hildegard Knef, Daliah Lavi und vielen mehr. Er besang Platten, moderierte Fernsehsendungen. Und bekam dicke Säcke voller Fanpost. Vor allem aus der Damenwelt. Für Sekunden werden die Schmunzel-Grübchen jetzt wieder tief wie der Grand Canyon im Abendlicht und er sagt: „Ich war eben damals schon wie so ein Einzelteil aus einer Boy-Group.”

Und das Boy-Group-Einzelteil bekam sogar einen Vorvertrag für Amerika, aber noch bevor die Tinte wirklich trocknen konnte, musste Thomas Fritsch seine Unterschrift unter seinen Einberufungsbescheid zur Bundeswehr setzen. „Das hing damals u. a. mit Hans-Jürgen Bäumler zusammen. Der wollte auch nicht zum Bund. Aber man hatte gesagt: Wer Marika Kilius stemmen kann, kann auch ein Gewehr halten.” Also wurde die bundesdeutsche Prominenten-Liste verschärft durchforstet und Thomas Fritsch landete statt auf dem Paramount-Olymp im Funker-Bunker. „Wo ich es mir aber auch recht nett gemacht habe.” Verstehe, Herr Fritsch.

Danach ging es dann allerdings erst einmal etwas behäbiger weiter. Und nicht mehr ganz so steil bergauf. Ob ihn das wirklich gestört hat, lässt sich nicht so ganz klären. Er sagt: „Och, eigentlich nicht!” und meint wahrscheinlich „Eigentlich doch, aber es ist nicht meine Art, mich zu beklagen.” Thomas Fritsch und die Gefühle - unser Gespräch kann gar nicht ausreichen, diesen Menschen auch nur ansatzweise zu ergründen. „Ich lache gerne,” sagt er. „Aber ich weine auch gern!” Er könne sich auch für Schräges begeistern: „Ich bin so'n bisschen die Kitschnudel!” Aber er sagt auch: „Ich bin doch so völlig normal!”

Das mag wahrscheinlich alles zutreffen. Zumindest für den Bereich, für den Thomas Fritsch einen Zugangs-Code freiwillig rausrückt. Zum Beispiel bei der Frage, ob er den heute den netten, kleinen, weißen Hund wieder dabei hat. Da bekommt er sofort die feuchten Augen, sagt, seinen kleinen Freund habe er verabschieden müssen. „Ich durfte fünf Hunde bis in den Tod begleiten”, sagt er mit kratziger Stimme, aber eben auch voller Dankbarkeit. Und noch eine Spur leiser begründet er seine momentane tierische Enthaltsamkeit: „Ich führe doch im Moment ein Leben, das man keinem Hund zumuten kann.”

Heißt, Thomas Fritsch hat in diesem Lebensabschnitt mehr als viel zu tun. Boulevard-Tourneen, Lesungen, Fernsehen, Synchron. Fast fühlt man sich an den Udo-Jürgens-Titelhelden erinnert, dessen Leben auch erst mit 66 Jahren so richtig anfing. Heißt aber auch, dass Thomas Fritsch nicht einen Gedanken daran verschwendet, den Fuß vom Gas zu nehmen. Auch wenn er im letzten Jahr nur ganze vier oder fünf Tage auf Mykonos war. „Stell dir das mal vor!”

Und was soll die Nachwelt einmal von ihm sagen: „Na, du stellst ja Fragen”, druckst er etwas verlegen herum, aber dann sagt er doch: „Er war ein lieber Kerl, ein guter Freund, wir haben gut und intensiv miteinander gelebt. Er war zuverlässig, und er hatte Humor.” Und wenn ich jetzt aufhören würde mitzuschreiben, würde er auch noch sagen: „Er war eigentlich eine faule Socke!”

Dann sind wir also auch wieder auf Mykonos. Wo es nach Fritzscher Darstellung in dem Haus mit dem blendend weißen Turm sensationell tadellos aufgeräumt aussieht, wo es aber dem Besucher ob der tatsächlichen Unaufgeräumtheit auch mühelos den Atem verschlagen könnte. Übrigens: Hier - oder besser da - unten, in diesem blauen Meer möchte Thomas Fritsch dereinst auch von uns unter den blauen Wogen begraben sein. Seine letzte Ruhe finden. „Das ist komisch, dass du mich das fragst”, sagt er, weil er vielleicht denkt, ich könnte denken, dass er sich in Wirklichkeit irgendwie von Deutschland entfernen möchte. „Nein, das ist irgendwie anders. Ich spreche deutsch, denke deutsch, lache deutsch. Nur zum Schluss wäre ich eben gern da unten.”

Vorläufiges Ende des Gesprächs mit Thomas Fritsch. Er hat gestrahlt und fast ein bisschen geweint. Er hat gelacht, und er hat Trauriges gesagt. Ich habe ihn wohl verstanden. Für den Moment. Aber dieser Thomas Fritsch scheint so unendlich viele Momente zu haben.

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