Porträt

Tim Fischer

Foto: Michael May IKZ

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Nein, er würde, wäre er heute nochmal 17, vermutlich nicht sein Glück bei „Deutschland sucht den Superstar“ oder ähnlich veranlagten Fernseh-Formaten versuchen. Fernsehen habe ihn seinerzeit als Kind nicht interessiert, und das habe sich bist heute nicht geändert. „So etwas hat es damals ja auch schon gegeben“, erinnert sich Tim Fischer – nur eben anders. Bei seinem enormen Bühnentalent haben auch Anfang der 80er Jahre seine Omas schon auf ihn eingeredet, er müsse mal in der „Hitparade“ auftreten. Aber – wie gesagt – das hat ihn schon als Kind nicht interessiert, und das Wort Bühnentalent sagt ja schon alles: Es hat den jungen und auch schon den ganz jungen Tim Fischer genau dahin gezogen, wo es wirklich drauf ankommt, wo es keinen doppelten Boden gibt, wo es richtig zur Sache geht und wo die wahre Kunst zu Hause ist – auf die Bühne. Dort ist er jetzt seit 25 Jahren zu Hause. Als absoluter Shooting-Star ist er schon mit seinem ersten Solo-Programm 1990 in die Spitze der Kleinkunst-Szene geschossen. Dort ist er bis heute geblieben. Mit seinem Jubiläums-Programm „Geliebte Lieder“ hat er jetzt auch im Iserlohner Parktheater gastiert.

Vor dem Auftritt auf der Alexan-derhöhe ist er im Wichelhovenhaus vorbei gekommen, für ein „Ins-Licht gesetzt“-Gespräch, bei dem er dann erzählt, dass seine Omas – trotz des vom Wesentlichen etwas abweichenden Tipps mit der „Hitparade“ – entscheidenden Anteil daran hatten, dass aus Tim Fischer schon im Kindesalter eine bühnenreife Kunstfigur wurde. 1973 im beschaulichen Delmenhorst geboren und dann in Oldenburg aufgewachsen, müssen seine Großmütter einen mehr als prägenden Einfluss auf den Jungen gehabt haben – beide von der Musik kommend und auf ihre Weise schillernd haben sie schon früh einen Hang zum Divenhaften und Theatralischen bei ihrem Enkel begründet. Besonderen Eindruck muss die Oma mütterlicherseits gemacht haben, die – wie die große Zarah Leander – aus Norwegen kommend wohl auch ein ähnliches Timbre und ein Auftreten gehabt habe, was dazu führte, dass Tim Fischer, als er dann die echte Zarah Leander im Fernsehen gesehen hatte, erschreckt dachte „Meine Oma singt im Fernsehen!“. Von da an war alles aus, die echte Zarah wurde zur dritten Oma, beziehungsweise aus allen drei Omas entstand eine Figur, die Tim Fischer bis heute nicht mehr losgelassen hat und mit der er als „Zarah ohne Kleid“ dann auch seinen Durchbruch hatte.

Davor stand aber noch im Kindesalter die entscheidende Begegnung mit dem Lied „Lilly Marleen“. Es war nicht die neue Deutsche Welle, nicht Shakin Stevens oder die Ausläufer der Punk-Welle, die den Jungen umwarfen, sondern sehr zielsicher und ohne jede Diskussion der Chanson. Er schlüpfte in die Rolle der „Zarah ohne Kleid“ und ging in der Nachbarschaft von Haustür zu Haustür, um „Lilly Marleen“ vorzusingen und seine ersten Groschen zu verdienen und wohl auch seine ersten Fans zu gewinnen. Er fand sogar schon in einer Freundin eine erste Klavierbegleiterin, besorgte Noten und trat in Bistros auf. Die Leute in Oldenburg, sagt er, fanden das sehr schrill und sehr toll, was ihn in seinem Tun natürlich sehr bestärkte. Sein Drang und auch sein Talent waren so groß, dass er es mit gerade Mal 15 Jahren an der Schauspielschule in Hamburg versuchte, aber nicht genommen wurde. Die Professoren waren sich nicht sicher, ob es sich da nur um ein kindliches Talent oder schon um ein ausbaufähiges, echtes und reifes Schauspieltalent handelte. Ab da war der Weg dann vorgezeichnet: Kein Bock auf Abi und dafür alles auf eine Karte: „Ich mache das, was ich am besten kann, und suche auf eigene Faust den Weg auf die Bühne.“ Natürlich auf seine eigene Weise mit viel Schminke und einer eigenen Rolle in einem eigenen Stück – Zarah ohne Kleid eben.

Seine Eltern erwähnt Tim Fischer bis hierher überhaupt nicht. Und auch jetzt nur auf Nachfrage, denn es kommt nun der entscheidende Punkt: Der gerade 17-Jährige geht alleine nach Hamburg, um sein Glück zu versuchen. Das sagt sich immer so leicht dahin, was das aber wirklich bedeutet, davon macht man sich kein Bild. Es ist der Weg in eine ungewisse und sehr unsichere Zukunft, es ist auch ein Weg in eine Welt, die nicht nur von der Kunst, sondern natürlich auch von einem überbordenden Nachtleben, von Drogen, Alkohol und einem Lebenswandel geprägt ist, den sich wohl keine Eltern für ihren Sohn, der eigentlich noch die Schulbank drücken sollte, wünschen würden. „Ich war nicht aufzuhalten“, ist dann die knappe Antwort auf die Frage, was denn seine Eltern dazu gesagt haben. Punkt.

Verblüffend ist, wie wenig diese Radikalität und diese Härte zu diesem herzlichen und einfach netten Menschen passen, der da vor einem sitzt und mit dem man stundenlang über Gott und die Welt plaudern könnte. Natürlich weiß man, wer das ist, und man hat ihn auch schon einige Male begeistert auf der Parktheater-Bühne gesehen – aber diese Kompromisslosigkeit, die zu einem solchen Weg und zu einem Leben für die Bühne gehören, werden im Gespräch eigentlich nicht spürbar. Er ist frei von allen Allüren und macht kaum Aufhebens um das, was er macht und was er so erlebt hat. Erst jetzt fällt aber auch auf, dass er ständig kleine, kaum sichtbare Hörgeräte trägt. Überbleibsel aus der wilden Zeit, sagt er, mehrere Hörstürze wegen Dauerstress, Alkohol und Drogen. In seiner Vita kann man lesen, dass er 1993 – also mit 20 Jahren – seinen Alkoholismus und seinen Drogenkonsum überwunden hat. Das ist schon bemerkenswert. Da haben Kämpfe getobt, die man ihm nicht anmerkt, die aber anscheinend doch irgendwo ihre Spuren hinterlassen haben.

Und aus denen er gelernt hat, wie er sagt. Denn in der Tat hatte er sofort riesigen Erfolg. Wie als Kind und wie auch heute noch lautete das Urteil, dass das, was er macht, einzigartig ist, dass so etwas kein anderer kann, dass es einfach toll ist, ihn zu erleben, und er genau so weiter machen muss. Vor allem auch bei Kollegen unter Musikern und Schauspielern erntete er und erntet auch heute noch die allertiefsten Verbeugungen. Mit 18 ist er dann auch gleich weiter gezogen ins gerade wiedervereinigte Berlin. Und dort ging es dann erst richtig los. Durch zahlreiche Fernsehauftritte gewann Fischer sofort einen riesigen Fan-Kreis im ganzen deutschsprachigen Raum, seine Konzerte fanden von da an in großen Theatern statt, er bekam erste Rollen in Filmen und nahm eine erste CD auf. Und auch in anderer Hinsicht ging es da erst richtig los. „Wir waren ja auch Janis-Joplin-Fans und dachten, das gehört mit dazu. Wir haben alles eingeworfen, was ging, und dachten, dass wir, wenn wir uns der Sache so nähern, auch etwas von der Genialität der Großen abbekommen.“ Das Gegenteil sei natürlich der Fall. „Drogen und Alkohol sind riesige Kreativitäts-Hemmnisse“, sagt er. Wer mal bekifft seine ach so genialen Einfälle aufgenommen hat, und am nächsten Tag bei Licht betrachtet habe, wisse wohl, was er meine. Es sei aber damals dennoch ziemlich normal gewesen, vollkommen zugedröhnt eine Bühne zu betreten.

Zudem habe ihn das Party-Leben auch gesundheitlich an seine Grenzen getrieben. Er sei mit 20 vollkommen abgemagert und wirklich am Ende gewesen und habe sich entscheiden müssen – für oder gegen seinen Beruf und seine Berufung. Er war ja trotz des Mega-Erfolges seines ersten Programms noch lange kein gestandener Künstler, gerade der Erfolg sei es auch gewesen, mit dem es schwer war, umzugehen, und seine Karriere habe da, direkt zu Beginn, auf der Kippe gestanden. Er hat sich zum Glück für seinen Beruf entschieden, sich selbst an den Haaren herausgezogen und weiter gemacht, hart gearbeitet, und sich dann ja auch bis heute ganz oben gehalten. Mehr als 20 Solo-Programme hat der Chansonnier auf die Bühne gebracht und ebenso viele CDs veröffentlicht. Außerdem ist Fischer bis heute auch als Schauspieler aktiv etwa mit einer Nebenrolle in Leander Hausmanns „Herr Lehmann“ oder einem Kurzauftritt als Nazi-Flittchen in Dani Levys Film „Mein Führer“ an der Seite von Helge Schneider.

Vieles, sagt er, habe er seinen Förderern und seinen wegweisenden Begegnungen zu verdanken. Die mit dem Wiener Giganten Georg Kreisler gehört gewiss zu den bedeutendsten. Der war auf Tim Fischer und dessen Interpretation seiner eigenen Lieder aufmerksam geworden und hat ihn zu sich eingeladen, woraus dann auch eine tiefe Freundschaft bis zu Kreislers Ende wurde. Kreisler hatte Tim Fischer dann auch ausgesucht, damit der sein One-Man-Musical „Adam Schaf hat Angst“ auf die Bühne bringt mit der Premiere im „Berliner Ensemble“ – ein Ritterschlag sondergleichen. Bis heute fährt Tim Fischer parallel zu seinen aktuellen Solo-Programmen immer auch ein immerwährendes Programm mit den „bösen alten Liedern“ von Kreisler.

Wenn man nun aber so früh als Kind schon seine Berufung findet und ganz ohne Suche ankommt, und wenn man dann so rasant nach oben schnellt und dort seit mehr als 20 Jahren ein gefeiertes Chanson-Programm nach dem anderen abfeuert, könnte einem doch durchaus die Frage kommen, ob das nicht auch irgendwann mal langweilig oder eintönig wird. Wo bleibt denn da die Entwicklung und verspürt man nie den Wunsch, sich noch einmal neu zu erfinden und etwas ganz anderes zu machen? Tim Fischer erwidert, dass er Chansonnier sei. Das sei schon einmal etwas ganz anders als nur Lieder runter zu singen. Man sei vielmehr ein Erzähler, jeder Chanson sei ein eigenes kleines Theaterstück, in dem man immer auch ein Stück von sich selbst preisgebe. „Da geht es um Emotionen“, und das werde nie langweilig.

Außerdem sei er ganz und gar nicht nur auf dieses eine Genre im engen und strengen Sinn festgelegt, sondern spüre auch in der Rock-Musik und in anderen Stilen Stücke auf, die weit über das Schlagerhafte und Belanglose hinausgehen und es wert seien, wirklich erzählt zu werden. „Ich bin ein wacher Mensch. Ich gewinne immer wieder neue Blickwinkel,“ sagt der 41-Jährige. Routine stelle sich da nie ein, zumal auch jedes neue Programm wie ein Neugeborenes sei. Erst plärrt es nur herum, dann fängt es an zu krabbeln und so weiter – bis zur fertigen Show sei das ein langer Weg, der jedes mal wieder aufs Neue spannend und einmalig sei. Dass er damit auch immer wieder junge Leute erreiche und bei ihnen wirklich etwas auslöse, sei ihm eine besondere Freude. Fischer registriert mit Begeisterung, dass die Jugend wieder verstärkt zur Gitarre greift und Geschichten in Liedern erzählt. Das sei zwischenzeitlich ein wenig verloren gegangen, und er möchte das, so weit er das kann, unterstützen und befeuern. Überhaupt sitzt da jemand, der ganz offensichtlich einen Auftrag hat. Dass der Chanson in Deutschland in seiner Jugend einen so starken Aufschwung genommen habe, habe auch mit ihm zu tun gehabt. Und er versucht auch, dem anspruchsvollen Chanson eine Zukunft zu geben – auf dass das Musikgeschäft möglichst vielfältig bleibe.

Also auf jeden Fall Entwicklung ohne Ende, was Tim Fischer auch ausdrücklich und extrem wichtig ist. „Was überhaupt nicht geht, ist auf der Stelle treten“, sagt er. Und das gilt vor allem für sein Privatleben. Das wilde Leben hat er längst hinter sich gelassen. Seit sechs Jahren ist er verheiratet mit Rolando Jiménez Domínguez, einem kubanischen Bauingenieur, dessen Nachnamen er übrigens auch spontan im Standesamt angenommen hatte. Er firmiert aber selbstverständlich weiter unter Tim Fischer. Zusammen leben sie in Berlin Mitte. Rund 80 Konzerte im Jahr halten ihn zwar nach wie vor viel auf Reisen und im Auge des Show-Geschäfts, aber längst nicht auf die Weise, wie er einst gestartet ist. Entschleunigung lautet sein Credo, und frisch und lebendig bleiben. Seit Langem trinkt er schon keinen Schluck mehr, raucht nicht mehr und seit einem Jahr lebt er sogar vegan. „Es gibt ein Morgen“, sagt Tim Fischer, „und das möchte ich genießen“.

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