Porträt

Ursula Schmenkel

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

An ihren ersten Kontakt mit ihren stacheligen Freunden kann sich Iserlohns Igelschützerin Ursula Schmenkel, die kürzlich ihren 80. Geburtstag feierte, noch gut erinnern: „Das war im Herbst 1970, kurz nachdem Bernhard Grzimek in seiner Sendung dazu aufgerufen hatte, sich der Igel anzunehmen, die offensichtlich zu schwach sind, um den Winter zu überstehen.“ Prompt habe jemand einen solchen beim Tierschutzverein vorbeigebracht, der damals sein kleines Tierheim an der Dorfstraße in der Calle hatte. „Da wir ein Haus und Platz hatten, war schnell klar, dass ich ihn mitnehmen muss“, erzählt Ursula Schmenkel, die sich da schon seit einigen Jahren im Verein engagierte.

Was jedoch mit dem Igel, der in der freien Natur nicht alleine überlebt hätte, nun zu tun war, wie er untergebracht, gefüttert und gepflegt werden muss – das hatte Gzrimek in seiner Sendung nicht gesagt. „Deswegen habe ich ihn angeschrieben, und er hat auch direkt geantwortet und mir Ratschläge fürs Überwintern gegeben.“ So gerüstet habe sie das Tier dann auch gut durch die kalte Jahreszeit gebracht, und weil es eben der erste Igel war, wurde das Aussetzen in der Wildnis des Seilerwaldes entsprechend gemeinsam mit ihren Mitstreitern aus dem Tierschutzverein abends und mit einem kleinen Lagerfeuer zelebriert: „Da ist er dann auf seinen kleinen Beinchen ins Gebüsch gewackelt“, hat die „Igel-Mutter“ das Bild noch vor Augen. Und fortan kamen alle Fund-Igel, von denen der Tierschutzverein erfuhr, ins Haus Schmenkel. „Erst waren das aber noch gar nicht so viele, immer nur einer oder zwei, denn damals war die Igelwelt noch in Ordnung.“ Im Gegensatz zu heute, wo der Lebensraum unter anderem durch das Abroden von Hecken bedroht ist, wo eine Million Igel jährlich ihr Leben auf deutschen Straßen lassen und sogar die doppelte Anzahl Umweltgiften, Schneckenkorn und Rattengift zum Opfer fällt. Dabei steht der Igel seit 1936 unter Artenschutz, also, wie es der Zufall will, Ursula Schmenkels Geburtsjahr.

Am 14. September vor acht Jahrzehnten erblickte sie als Ursula Lewandowski in Dortmund das Licht der Welt. Als ihre Familie dort im Krieg ausgebombt wurde, sollte sie 1942 mit ihrer Mutter und ihren beiden älteren Brüdern ins Sauerland, wo jedoch alle Quartiere belegt waren, so dass sie bis ins Sudetenland mussten, während ihr Vater, von Beruf Klempner und dadurch eigentlich an der „Heimatfront“ unabkömmlich, doch noch nach Russland musste. Nach dem Ende des Krieges kam die Familie nach Eisenach in Thüringen. „16 Wochen lang haben wir in einer Schule auf Zeitungspapier auf dem Boden der Klassenräume geschlafen.“ Das weitaus Schlimmere sei dann jedoch der Ausbruch einer Typhus-Epidemie gewesen, bei der die Erkrankten nicht behandelt werden konnten. „Morgens haben sie dann immer die Toten weggebracht“, erinnert sich Ursula Schmenkel. Nachdem sie wieder zurück in Dortmund erst einmal bei ihrer Oma in deren Zwei-Zimmer-Wohnung untergekommen waren, kam auch der Vater, dem vor Stalingrad seine Füße abgefroren waren, aus der Kriegsgefangenschaft heim, und einige Zeit später konnte die Familie endlich wieder eine eigene Wohnung in Dortmund-Dorstfeld beziehen. „In Marten habe ich dann nach der Volksschule die Frauenfachschule besucht“, berichtet Ursula Schmenkel. Kochen, Gartenarbeit und Co. standen auf dem Stundenplan, mit dem die Schülerinnen auf die Führung eines Haushalts vorbereitet wurden.

Mit 17 Jahren lernte sie ihren späteren Mann Horst, der aus Wattenscheid stammte, bei einem CVJM-Waldlauf in Hattingen kennen. „Er hatte einen Lodenmantel an wie Rudolf Prack in seinen Rollen als Förster, und für den schwärmte ich doch so“, war Ursula Schmenkel gleich beeindruckt von dem 21-Jährigen. Zwei Jahre lang hätten sie sich dann jedoch nicht gesehen, nur geschrieben, um sich dann zufällig in Köln beim Eichenkreuz-Sportfest des CVJM wiederzusehen – und ineinander zu verlieben. 1960 wurde geheiratet, das Paar lebte zunächst in Essen, wo Horst Schmenkel, der Werkzeugmaschinenbau studiert hatte, bei Krupp-Ardelt arbeitete, bevor er 1964 dem Ruf der damaligen Ingenieurschule am Karnacksweg (heute Fachhochschule Südwestfalen) folgte. Da ihr Mann beruflich stark eingespannt und immer viel unterwegs gewesen sei, sei es zunächst schwer gewesen, mit zwei kleinen Kindern – Sohn Olaf wurde 1963 geboren, Tochter Ulrike folgte zwei Jahre später – in Iserlohn Fuß zu fassen.

Eine gute Möglichkeit, Anschluss zu finden, bot sich unter anderem über den Tierschutz, für den sich Ursula Schmenkel bereits in Essen, allerdings nicht im dortigen Verein, engagiert hatte. Die Tierliebe hatte sie von ihren Eltern mitbekommen: „Wir haben uns immer um Tiere gekümmert.“ So habe selbst in den harten Nachkriegsjahren immer ein Hund zur Familie gehört. Und so kam dann auch als erstes Riesenschnauzer-Dame Enka zu den Schmenkels. Bis heute folgten ihr viele Hunde aus dem Tierheim, so wie aktuell Paula, die schon seit zehn Jahren Ursula Schmenkels treue Gefährtin ist und damit auch über die Igelschutzstation wacht, die seit ihren Anfängen vor 47 Jahren im Hause Schmenkel am Steinhügel untergebracht ist. „Pionierin beim Igelschutz war damals übrigens Inge Stich aus Ennepetal“, erinnert sich Ursula Schmenkel. Nach dem Brand in der Lüneburger Heide 1975 habe sie aufgerufen, Igel nach der Überwinterung zu ihr nach Ennepetal zu bringen, damit sie von dort von Förstern abgeholt werden, um sie in der Heide auszusetzen. Als sie damals gesehen habe, wie geschickt Inge Stich mit den stacheligen Tieren umgegangen sei, habe sie sich gewünscht, das auch zu können. „Wir mussten damals mit jedem kranken Igel zu einem Tierarzt nach Ennepetal“, macht Ursula Schmenkel deutlich, dass das Wissen um die richtigen Behandlung damals noch nicht weit verbreitet war. Überhaupt sei der Igel, obwohl es ihn schon seit 60 Millionen Jahren auf der Erde gibt, bis heute nicht ganz erforscht. Verstorbene oder eingeschläferte Igel hätten sie daher auch früher immer zur Uni Heidelberg geschickt, die sich auf das Wildtier spezialisiert hatte, heute würden sie ans Arnsberger Veterinäruntersuchungsamt gehen.

Sehr froh war Ursula Schmenkel dann auch, dass sich der Hemeraner Tierarzt Wolfgang Sülberg seinerzeit, als er seine Praxis aufmachte, für die Tiere interessierte und sich bei Igel-Experten in Deutschland und Österreich kundig machte, und das obwohl er damit nichts verdient. „Die meisten Tierärzte verzichten auf eine Bezahlung der Behandlung“, freut sich Ursula Schmenkel. Lediglich die Medikamente würden in Rechnung gestellt. Diese Kosten und auch die für das Futter in der Iserlohner Station hatte dann vor rund 35 Jahren der Tierschutzverein übernommen, als der Igelschutz offiziell eine seiner Aufgaben wurde. Ihren Keller haben Schmenkels übrigens stets kostenfrei zur Verfügung gestellt. Große Diskussionen habe es damals in der Familie deswegen nicht gegeben. „Lediglich den Kindern fiel es ein wenig schwer, weil sie dadurch doch auf ihren Partykeller verzichten mussten.“ Horst Schmenkel hatte hingegen keinerlei Einwände: „Solange ich nicht sauber machen muss . . .“, habe er immer augenzwinkernd gesagt. Im Gegenteil: „Er hatte immer sehr viel Verständnis für mein ehrenamtliches Engagement, hat mich unterstützt, hat den Telefondienst über- und selber auch Igel angenommen, und öfter mal Essen mitgebracht, wenn ich selber nicht zum Kochen gekommen bin.“ So weil sie beispielsweise zum Wochenmarkt musste, um von den Geflügelhändlern die Hühnerknochen zu bekommen, von denen dann das restliche Fleisch für die Igel abgeschabt wurde, bevor die Knochen noch ausgekocht wurden. Heute verfüttert Ursula Schmenkel hingegen Katzenfutter, Hühnerflügel und -hälse.

Noch in einer anderen Weise habe ihr Mann ihre Leidenschaft für die Igel unterstützt: Die meisten der 4500 Igel-Exponate in den Regalen, Vitrinen, Schränken und auf Sofas sowie auf Postkarten und Marken in Alben im Hause Schmenkel hat er mitgebracht, unter anderem von seinen vielen Reisen nach Russland und Ungarn (unter anderem war Horst Schmenkel Mitbegründer der Städte-Partnerschaften mit Nowotscherkassk). Die Lust, etwas zu sammeln, hatte Ursula Schmenkel schon früher, doch Eulen und Elefanten wurden seinerzeit rasch von stacheligen Erinnerungsstücken abgelöst, nachdem sie das erste Exem­plar als Dank für das Aufpäppeln eines echten Igels bekommen hatte – und rasch weitere folgten. „Jeder Bekannte brachte mir dann stets irgendetwas Igeliges mit“, erzählt Ursula Schmenkel und weiß noch von jedem der 4500 Stücke, woher es stammt. Das größte Exponat, das sie auch mit ins Wichelhovenhaus gebracht hat, hat ihr Mann einst extra im Hause Steiff bestellt.

Einige wenige verstorbene Igel hat Ursula Schmenkel auch ausstopfen lassen. Zum einen für ihre Vorträge in Kindergärten und Schulen, die sie über viele Jahre gehalten hat, zum anderen weil es sich dabei um sehr seltene Exemplare handelt wie im Falle von „Flocke“, einem von drei weißen Igeln, die Ursula Schmenkel im Laufe der fast fünf Jahrzehnte im Igelschutz gesehen und aufgepäppelt hat. „,Flocke’ wurde in Schwerte gefunden, ,Saline’ in Sümmern und ,Prinz’ in Höxter“, erzählt Ursula Schmenkel. Alle drei seien später übrigens an Krebs gestorben, eine auch bei Igeln weit verbreitete Erkrankung. „1988, zwei Jahre nach Tschernobyl, haben wir damals die ersten Krebs-Igel bekommen“, ist für Ursula Schmenkel der Zusammenhang mit der belasteten Nahrung der Tiere offensichtlich. „Flocke“ sei immerhin fünf Jahre alt geworden, was angesichts einer durchschnittlichen Lebenserwartung in freier Natur von drei bis sieben Jahren also ganz ordentlich gewesen sei. Allerdings war der Albino, der in der Wildnis leichte Beute gewesen wäre, auch dauerhaft in einer externen Pflegestelle untergebracht.

Auf bis zu 50 davon greift die Iserlohner Igelschutzstation zurück. „Das bedeutet jeweils für diese freiwilligen Helfer nur zehn Minuten Arbeit pro Tag“, wirbt Ursula Schmenkel um weitere Unterstützung. In der Station am Steinhügel gibt es zudem feste Boxen für 25 Tiere, bei Bedarf kann aber auch noch aufgestockt werden. Durchschnittlich 115 kranke, verletzte oder untergewichtige Tiere werden pro Jahr aufgenommen und fachkundig gesund gepflegt und aufgepäppelt. Früher seien es sogar bis zu 160 Tiere gewesen. „Dass es jetzt weniger sind, zeigt mir, dass es einfach schon weniger Igel gibt“, sagt Ursula Schmenkel. Drei bis vier Stunden ist sie jeden Tag für die Igel im Einsatz, außer in der Station auch bei Tierärzten und, wenn auch nicht mehr so häufig wie früher, bei der Öffentlichkeitsarbeit. Ihr inzwischen gewaltiges Wissen über die Tiere ist weithin gefragt, aus ganz Nordrhein-Westfalen erreichen sie immer wieder Anrufe von Menschen, die Igel gefunden haben, und dann von den jeweiligen Tierschutzvereinen an sie verwiesen wurden. „Denn die Vereine müssen sich darum kümmern, sie müssen die Igel nicht selber aufnehmen, aber Hilfe vermitteln.“ Unterstützt wird Ursula Schmenkel, die für ihr Engagement schon mit der „Iserlohner Fleißnadel“ ausgezeichnet wurde, eine Anerkennung vom Deutschen Tierschutzbund und die Silberne Nadel vom Naturschutzbund Märkischer Kreis erhalten hat, die zudem Ehrenmitglied im Tierschutzverein ist, von einem Team aus 20 ehrenamtlichen Helfern, die unter anderem mit verschiedenen Aktionen wie auch am heutigen Samstag wieder dem Waffelbacken am Stand auf dem Parkplatz vor „Fressnapf“ an der Mendener Straße für die Finanzierung des Futters und der Medikamente sorgen. Außerdem trägt der Tierschutzverein „Tiere in Not“, zu dem die Igelschutzstation inzwischen offiziell gehört, über Spenden beispielsweise von der Sparkasse Iserlohn einen Teil der Kosten und finanziert auch eine Hilfe, die Ursula Schmenkel beim Säubern der Boxen unterstützt.

Denn die Arbeit geht ihr inzwischen natürlich nicht mehr so leicht von der Hand, aber ohne kann Ursula Schmenkel auch nicht. Denn das Wissen, dass die Igel sie brauchen, habe ihr schon durch so manch schwere Zeit geholfen. Im Jahr 2000, als ihr geliebter Mann plötzlich starb und sie den Igelschutz schon aufgeben wollte, hätten ihre Kinder gesagt: „Papa wäre darüber traurig, denn er stand sehr dahinter.“ Da sei klar gewesen, dass sie weitermache mit dem, was vor inzwischen 46 Jahren und dem ersten von weit über 4000 Igeln angefangen hat.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben