Uwe Lyko

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Angeblich stirbt die Menschheit ja aus, aber auf der Autobahn merkst Du nix davon. Uwe Lyko ist zum Interview ein paar Minuten später als eigentlich geplant gekommen.

Er sei aber früh genug losgefahren, sagt er und man merkt, dass ihn das schon ein bisschen ärgert. Weil er vermutlich auch in dieser Beziehung ganz akkurat ist. Doch dazu später. Erst einmal zu denen, die mit dem Namen Uwe Lyko auf Anhieb nicht ganz so viel anfangen können. Viele haben aber dann eher schon mal was von seiner Bühnenfigur gehört, dem Herbert Knebel.

Das ist dieser Herr mit Kappe und dicker Brille, in dem die eher oberflächlicheren Zuschauer wohl nur einen stinkstiefeligen Dauernörgler aus dem Ruhrgebiet sehen. Wer sich mehr mit dem Charakter des Herbert Knebel beschäftigt, kann durchaus zu dem Schluss kommen, dass Knebel auf seine Art ein Sympath sein kann, der mit menschlichen Zügen und der Bereitschaft, auch mal ein Stück vom Herzen zu zeigen, bei den Zuschauern punkten kann. Diese Sicht der Knebel-Dinge gefällt dem Uwe Lyko. "So können Sie das durchaus sehen", sagt er und stimmt auch zu, dass vermutlich in seinem Herbert Knebel auch ein ganzes Stück von Uwe Lyko zu finden ist. Und wahrscheinlich nicht nur die guten Eigenschaften, sondern auch das eine oder andere, das man verbessern könnte. "Er ist wie ich ziemlich ungeduldig und aufbrausend", sagt der Bühnenkünstler, der seine Kindheit in Duisburg-Neumühl verbracht hat. Zu seiner Jugend hat Lyko übrigens mal an anderer Stelle gesagt: "Ich wurde in der Schule schon relativ früh der Klassenclown, weil man ja immer versucht, seinen Platz in der Hackordnung zu finden. Und da ich nie der Schönste war - und auch nicht der Schlaueste, hab ich mir gedacht, dann wirst Du eben der Witzigste."

Und das war er wohl auch, als er als Frontmann mit einer Punk-Band loslegte. Auch wenn man sich den Mann mit den überaus kurzen Haaren und eigentlich auch seinen Herbert Knebel so gar nicht in einer Anarcho-Formation vorstellen kann. "Das dürfen Sie jetzt auch nicht so streng sehen", sagt Lyko und muss über die Erinnerung irgendwie selber lachen. "Wir wollten einfach eine Show haben auf der Bühne, haben auch schon mal mit dicken Handschuhen Gitarre gespielt oder sind auf Matratzen rumgesprungen. Wir waren auch mal gegen was, aber haben das dann auch wieder auf die Schüppe genommen. Also eigentlich war uns dann doch alles ziemlich ernst, aber irgendwie auch nicht."

Der Berufswunsch des jungen Uwe war schon früh klar. Zwar machte er eine Lehre als Fernmelde-Mechaniker ("Ich musste ja irgendwie Geld verdienen") doch der Zug zur Bühne war immer da. "Ich konnte als Kind schon aus dem Stand Dialekte nachmachen. Und Stimmen eben. Das wissen ja nicht viele, aber ich kann den Boris Becker und ein paar andere ohne Probleme. Das mache ich ja nur auf der Bühne nicht. Man muss da schließlich nicht alles machen, was man kann."

Doch zurück zum Lebensweg: Als sich die öffentliche Erkenntnis durchsetzte, dass die Menschen reichlich Spaß an seinen Bühnen-Aktivitäten hatten, war klar: der Weg führt zum Theater. Eine Entscheidung, die er auch heute noch ganz wichtig findet: "Ich habe ja in freien Theatergruppen angefangen und hinterher so komödiantisch-kabarettistische Sachen gemacht. Das hilft mir heute, denn ich muss meine Knebel-Texte ja nicht nur sprechen, sondern mit gestischer Unterstützung rüberbringen." Das wäre heute übrigens auch bei vielen Comedians ein Problem. Die würden da stehen und ihre Texte aufsagen. Mehr nicht. Und das sei dann manchmal - ohne Namen zu nennen - "ganz, ganz schlimm".

Klare Vorstellungen hat Uwe Lyko von seinen Fähigkeiten und von dem von ihm Machbaren: "Ich weiß genau, welche Sachen ich kann und welche nicht." Das sei manchmal furchtbar anzuschauen, wenn es Leute gebe, die alles machen wollten und es am Ende aber gar nicht könnten. "Eher weniger", antwortet der 52-Jährige auf die Frage, ob er denn arbeitswütig sei. Er würde bei der Planung seiner Auftritte und Tourneen schon immer darauf achten, dass genügend Pausen eingebaut sind. Diese Freiräume sind ihm ohne Zweifel ganz wichtig, zumal sich beim Zuhören der Eindruck verstärkt, es mit einem recht eigenwilligen Menschen zu tun zu haben. Überhaupt nicht unangenehm, eher hochinteressant, aber eben auch irgendwie eigenwillig. Zum Beispiel diese kleine Szene am Rande: Als er von einem Korsika-Urlaub und einer missratenen Wanderung erzählen soll, bekommt Uwe Lyko sofort einen lauernden Gesichtsausdruck, und er zischt die Frage raus: "So? Und wo haben Se das denn her?" Den Hinweis, dass er das in einem anderen Gespräch erzählt hat, nimmt er eher beiläufig und nickend zur Kenntnis. Geht über das Thema aber weg. Kurz danach ist alles wieder gut.

Aber kommen wir noch einmal auf Urlaub. Strandurlaub ist dann auch nichts für den begeisterten Radfahrer. Dann lieber Skifahren. "Das mache ich noch gar nicht so lange, aber mit Sport ist das bei mir so eine Sache. Das hat einen hohen Suchtfaktor." Und dann will er auch perfekt sein. "Beim Skifahren habe ich mir gesagt: Jetzt übst Du das so lange, bis Du das richtig kannst. Und dann bin ich auch los, so auf richtige vereiste Hänge. Immer und immer wieder. Bis es geklappt hat." Die sportliche Erfüllung findet Lyko zudem auf dem Rennrad. Bei dieser Sportart ist er natürlich in seiner heutigen Heimat, dem Essener Süden, bestens aufgehoben. Und muss es auch auf diesem Gebiet zu einer gewissen Perfektion und Ausdauer gebracht haben, weil er sich schon vorstellen kann, "eine flache Etappe der Tour de France mitzufahren. Das würde ich schaffen, nur bei einer Bergetappe komme ich wohl nicht an."

Zurück ins Ruhrgebiet. Das Organisationsbüro "Ruhrregion - Kulturhauptstadt 2010" hat Uwe Lyko bzw. vermutlich in erster Linie Herbert Knebel im Vorfeld des Mega-Ereignisses gebeten, als Kulturbotschafter zu fungieren. Nach seiner Reaktion zu schließen, hat sich Lyko darüber zunächst gefreut, hegt aber auch den einen oder anderen Zweifel in seinem Innern. "Das müssen wir mal ganz genau beobachten", sagt er und gibt noch keine Einblicke, wie er denn diese Botschafter-Tätigkeit mit Leben füllen könnte.

Wobei er zu keiner Zeit unklar lässt, wo seine Heimat ist. "Wennze nich mehr im Ruhrgebiet wohnst, kannze gleich in die Kiste gehen!" Da blitzt sie einen Moment auf, die Sprache des Herbert Knebel, diese ganz spezielle Art, die Dinge zu beschreiben und besprechen. "Ich verzichte darauf, ein falsches Deutsch zu sprechen oder einen speziellen Ruhrgebiets-Slang zu kreieren."

Der Stil des Herbert Knebel, insbesondere in Bezug auf Fremdworte, ist schwer zu beschreiben. Immerhin freut es Lyko, dass er bereits Briefe von Deutschlehrern bekommen hat, die seinen differenzierten Umgang mit der Sprache gelobt haben. Und jetzt gibt Lyko in der Tat ein Beispiel für sein Aufbraus-Talent. Wir hätten es doch in vielen Bereichen unserer Gesellschaft im Moment mit einer Verarmung zu tun, mit einer sozialen Verelendung, erregt er sich. Ethik und Moral gingen doch immer weiter den Bach runter. Junge Leute machten heute keine vernünftigen Lebenserfahrungen mehr. Beschränkten ihre Sprache auf SMS-Botschaften oder Gesprächsfragmente wie "voll fett".

Es folgen einige scharf gerittene Angriffe auf Sendungen wie "Deutschland sucht den Superstar" mit Dieter Bohlen oder die Fernsehaktivitäten eines Stefan Raab. "Ungeheuerlich, da wird noch auf Menschen eingetreten, wenn sie schon am Boden liegen." Es sei bis jetzt ein Mal bei Raab in der Sendung gewesen, aber das habe ihm eher geschadet: "Das Publikum, das über Raab lacht, weiß gar nicht, was ich von ihm will."

Wir könnten noch mal kurz über das leicht Pedantische an ihm reden. Vermutlich liegt es daran, dass er Jungfrau sei, sagt er. Ein bisschen hat er sich schon damit befasst. Besondere Ordnungsliebe wird den so Geborenen attestiert. "Als meine Freundin zum ersten Mal in meine Wohnung kam, hat sie gesagt, ich sei bestimmt Jungfrau, so ordentlich, wie das alles aussieht." Nach seinem Aufräum-Geheimnis gefragt, kommt eine schnelle Antwort: "Ich mache gar nicht erst was durcheinander. Bücher und CDs kommen nach dem Lesen oder Hören sofort wieder an Ort und Stelle. Dann fliegt auch nichts rum." Keine Frage, heimisches Chaos widert ihn an.

Es ist nicht mehr lange hin, bis Uwe Lyko wieder ins Parktheater muss, bis die Scheinwerfer angehen. Lampenfieber hat er nicht, anstrengend findet er so einen Auftritt auch nicht: "Brille auf, Kappe auf und los!" Dann wird sich Herbert Knebel wieder seine Ansichten von der Seele reden. Von seinen Enkeln "Marzel" und "Jackeline", von seiner Guste und vielleicht auch von seinen ökologischen Lebensansätzen. Und immer mit Schmackes. Gemäß dem Lyko/Knebel-Leitsatz, der in Ansätzen schon ihr Ruhrgebiet beschrieben hat: "Wenne dich über nix mehr aufregst, kannze dich inne Kiste legen."

Apropos "Kiste legen". Das müsste man eben noch nachlegen. Höchst ärgerlich findet Uwe Lyko, dass er abends vor dem Einschlafen immer unheimlich tolle Ideen hat. Richtige Knaller. "Allerdings bin ich zu faul, aufzustehen und was zum Schreiben zu holen. Und morgens ist alles weg." Eigentlich ist es sogar ein bisschen egal, aber irgendwie auch nicht. Wie gesagt, hochinteressant.

(12. Mai 2007)

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