Porträt

Waldemar Hartmann

Foto: Josef Wronski/IKZ

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Treffpunkt Hauptbahnhof Hagen an einem Tag im Mai. Waldemar Hartmann, d-e-r Fernseh-Waldi, kommt gemütlichen Schrittes zum Ausgang. Es ist nicht zu übersehen, der Mann wird auch sofort von den Passanten erkannt. Sie grüßen, grinsen, tuscheln. Hartmann grinst milde zurück. Nur ein paar Meter weiter ein Mann, dem es zwar an Zähnen mangelt, offenbar jedoch nicht am Fernseher und an Sportsgeist. Er ruft: „Hallo, Waldi, wir machen die Bayern platt.“ Hartmann grient: „Is scho recht.“ Und noch einer ruft und versucht sogar einen kameradschaftlichen Schulterklopfer. Und noch einer. Aber ganz viele nicken nur kurz und wissend, wollen signalisieren „Grüß Dich, Waldi, ich kenne Dich, Du bist doch einer von uns.“ Keine Frage, über seine Prominenz muss man sich mit dem Gast heute nun wirklich nicht mehr unterhalten. Das sieht man.

Und noch etwas merkt man schon nach ziemlich kurzer Zeit: der Mann hat offensichtlich die Ruhe weg. Wenn er nicht ein guter Schauspieler ist, scheint er formvollendet in sich zu ruhen. Nicht provozierend, sondern aus Überzeugung. Was natürlich daran liegen könnte, dass er mit sich selbst auch völlig im Reinen ist. Er bemüht sich an verschiedenen Stellen des Gesprächs, nicht den Eindruck entstehen zu lassen, er wäre übertrieben selbstzufrieden. Er wird gleich mehrfach betonen, dass das Leben es einfach gut mit ihm gemeint hat, dass er Dinge sehen durfte, die er als „Normalsterblicher“ so wahrscheinlich niemals gesehen hätte, dass er Dinge tun durfte, die er ohnehin auch so getan hätte, nur dass er für mehr als drei Jahrzehnte dafür auch noch gutes Geld bekommen hat.

Zeitsprung in die Vergangenheit und somit wahrscheinlich auch schon an die Quelle des Waldi-Glücks: seine Jugend Anfang der 50er-Jahre. Es sind einfachste, aber offensichtlich hochgradig intakte Familien-Verhältnisse, in denen er groß wird. Der Vater ist zunächst Straßenbahnschaffner, dann – der Aufstieg – Straßenbahnfahrer. Zweifelsohne ist er bereits in diesem Stadium des Sohnes ganz persönlicher Held. Das verstärkt sich hinterher wohl noch weiter, als der Vater auch noch Hausmeister in einer Schule wird. Plötzlich hat Waldi zusätzlich eine Art Prokura für die Turnhalle. Das passt scho.

Stichwort: Bescheidenheit. „Als Klassenkameraden über die ersten elektrischen Eisenbahnen sprachen, wusste ich gar nicht, worum es geht.“ Zu Weihnachten gab es im Hause Hartmann für ihn und die drei Geschwister vom Christkind eine Apfelsine und einen Apfel in die Tüte. „Wenn noch etwas Schokolade dabei war, war uns sofort klar, dass das Christkind heuer besonders großzügig gewesen war.“ Heute sagt er aber eben auch, dass ihm in diesen Jahren auch nichts gefehlt habe. „Ich hatte doch auch keine Vergleichsmöglichkeiten.“ Und er sagt, dass er vor allem auch keinen nennenswerten Stress mit seinen Eltern gehabt hätte. Deswegen sei er wohl auch kein „68-er“ geworden. Seine Folgerung daraus: „Wenn man im Elternhaus nichts empfindet, gegen das man sich auflehnen müsste, dann tut man das doch auch nicht nach außen.“ Und es gibt sogar noch einen leicht pragmatischen Grund, warum er „die Revolution verschlafen“ hat. „Zu der Zeit war ich ja auch schon Discjockey. Da bist du um vier Uhr aus dem Laden gekommen, hast geschaut, ob noch ein Mädel wach ist und hast dann bis zum nächsten Mittag gepennt. Und dann ist es wieder von vorn losgegangen. Da habe ich die Demonstrationen glatt verschlafen.“

Waldemar Hartmann ist wohl aus der Erinnerung ein eher renitenter Schüler gewesen. Und auch nicht wirklich ein guter. In seinem biografischen Buch „Die dritte Halbzeit“ beschreibt er sogar ausführlich den Deal mit seinem Lehrer an der Realschule, der ihm eine alles entscheidende „Vier“ anbietet, wenn er verspricht, seine Schullaufbahn damit zu beenden. Hartmann schlägt ein und beginnt eine Lehre zum Versicherungskaufmann. Aber den Beruf empfindet er als unterfordernd. „Ich habe nur Akten aus dem Keller geholt und in den Keller gebracht. Dazwischen wurde ich zum Spezialisten für die unterschiedlichen Brotzeiten der anderen.“

Da kommt ihm ein Anruf von einem gewissen Gerd Höllerich, der erst später als Roy Black in die deutsche Musikgeschichte eingehen wird, gerade recht. Die beiden waren sich zu Schülerband-Zeiten über den Weg gelaufen und Höllerich wusste, dass in einer Diskothek ins Augsburg ein „Plattenleger“ gesucht wurde. Hartmann – zwar noch minderjährig – überlegte nicht lange, bat seine Eltern, die Unterschrift unter die Aufhebung seines Lehrvertrags zu setzen. Während die Mutter zunächst einmal baff ist, dass er Roy Black und sein erstes „Ganz in weiß“ überhaupt kennt, ist der Vater eher skeptisch. Discjockey, also Plattenaufleger, sei kein Beruf, das sei schlichtweg Quatsch, befindet er. Doch der Junge lässt sich nicht abbringen, bewirbt sich um den Job — und bekommt ihn. Wir reden noch einmal über seine Motivation. Doch allzu großzügig muss man den Seelen-Spaziergang an dieser Stelle gar nicht anlegen: „Es ging nicht um Ruhm und Anerkennung. Ich war zunächst einmal schwer begeistert davon, dass ich tausend Mark Honorar bekam. Das bekam mein Vater nicht für seine fünfköpfige Familie. Und das war eben auch keine Arbeit für mich, das hat einfach Spaß gemacht.“

Der Waldi Hartmann wird also ein bunter Hund, spielt mit Freude und immer weiter zunehmender Begeisterung auf der Klaviatur der Kneipen und des Szene-Milieus, arbeitet auf seine Rechnung und für andere. Wohl immer mit messbarem Erfolg. Er fühlt sich wohl, bekommt seine Lektionen fürs Leben. Auf die Frage, ob er denn wohl eigentlich auch in seinem Innersten harmoniesüchtig sei, sagt Hartmann: „Ja, und zwar nicht nur im Grunde meines Herzens, sondern auch an der Oberfläche.“ Zurückzuführen sei das wohl auf seine Zeit hinter der Theke und hinter den Plattentellern: „Als Wirt bist Du immer derjenige, der die Balance halten muss.“ Also kann man ihm auch gar keinen Krach bekommen? Jetzt bekommen die Augen aber für einen kurzen Moment ein kerniges Flackern. „Doch, wenn man mich offensichtlich verarscht, kann ich auch ziemlich böse werden.“ Aber gekämpft würde dann niemals verdeckt, „immer offen.“ Zusammengefasst klingt das aus dem Waldi-Mund dann so: „Ich bin ein guter Freund, aber ich ein noch besserer Feind.“ Als Beispiel für eine gewisse Endlichkeit im seinem Handeln, Denken und in der Toleranz schiebt er dann noch den Hinweis auf seine seine zwei gescheiterten Ehen nach. „Als Schluss war, war aber auch Schluss. Nix mit ‚Freunde bleiben’. Wenn ich das gekonnt oder gewollt hätte, hätte ich ja auch verheiratet bleiben können.“

Vielleicht bleiben wir noch einen Moment dabei. Waldemar Hartmann und die Frauen? Grundsätzlich ist das Thema wohl überaus positiv besetzt. Frauen scheint er zu mögen. Anfangs sei er allerdings „ein schlechter Anmacher“ gewesen, gibt er zu Protokoll. Aber wenn es durch Zufall doch erst einmal gefunkt hätte, dann habe es keine Probleme mehr gegeben. „Im Weiterführen bin ich nämlich gut!“ Über seine jetzige Verbindung zu seiner Frau gerät Hartmann übrigens irgendwann im Laufe des Gesprächs regelrecht ins Schwärmen. Er habe ja damals nicht ahmen können, „dass der liebe Gott für mich in der zweiten Spielhälfte noch so etwas vorgesehen hatte“. 15 Jahre hält die Verbindung zu der 23 Jahre jüngeren Dame nun schon und „es ist Glück pur“. Auch wenn die Öffentlichkeit und Freunde dem damals noch jungen Liebespflänzchen ob des Altersunterschieds nicht gerade die größten Chancen zum nachhaltigen Gedeihen eingeräumt hätten. Hartmann berichtet sichtlich amüsiert davon, dass er einen lebensälteren Bayern-München-Granden vor 13 Jahren zur Hochzeit eingeladen hatte, der ebenfalls auf der Geburtstags-Gästeliste eines bekannten Fußballspielers gestanden hätte. Der Senior habe sich angesichts der Überschneidung für Hartmanns Offerte entschieden, worauf er sich einen kräftigen Rüffel vom gemeinsamen Freund Franz Beckenbauer eingehandelt hätte und den Hinweis: „Du kommst zu dem Geburtstag, der Hartmann heiratet ohnehin noch dreimal!“

Über die Fernsehkarriere mit den unzähligen Hochs und den – vor allem im Boulevard genüsslich verbreiteten – Tiefs soll es an diesem Nachmittag im Gutenbergzimmer vielleicht auch gar nicht gehen. Das füllt ja bereits Archive. Hartmann hat auch zweifelsohne Recht, wenn er sagt, dass die Einschaltquoten mehr als beachtlich gewesen seien, dass niemand gezwungen wurde, seine Sendung zu schauen und trotzdem so viele Fans sich die Nächte um die Ohren geschlagen haben, um noch diese Farbe der Sportberichterstattung zu erleben. Diesen Spitzenplatz in der Zuschauergunst will er sich auch nicht madig machen lassen.

Dass er überhaupt vor den Fernsehkameras gelandet ist, hat er – natürlich – auch wieder den berühmten Zufällen zu verdanken. Und dem für ihn wohl klassischen Umstand, dass er in seinem Leben – gefühlt – immer im richtigen Moment an der richtigen Stelle war. Als man also jemanden brauchte, der als freier Mitarbeiter für eine Lokalzeitung über sportliche Aktivitäten in der Stadt schreibt, als man jemanden suchte, der über das Nachtleben der Stadt als aktiver Teilnehmer berichten konnte und wollte, als sich mal wieder in der Redaktion niemand traute, Franz-Josef Strauß ein paar investigative Fragen zu stellen. Natürlich habe er in solchen Situationen immer wieder in sich hineingefragt: „Kannst du das wirklich?“ Aber er habe eben auch immer alles als eine große Chance gesehen. Sogar den Ausraster von Rudi Völler, als der sich nach einer Länderspielpleite nicht die wenig ermutigende Analyse der Fernsehmenschen antun wollte. „Als Rudi Völler vor laufender Kamera ausrastete, wusste ich, dass ich Teil eines historischen Fernsehereignisses werden würde. Und das fand ich richtig klasse.“ Zumal sich ja bis heute auch alles irgendwie gut aufgelöst hat. Völler hat sich entschuldigt, die Presse liebte sogar Hartmann kurzfristig für seinen souveränen Krisen-Umgang mit diesem Ausraster, und eine Brauerei kam schließlich – nach einem zarten Anstoß – auch noch mit einem lukrativen Werbevertrag für eben dieses Weißbier um die Ecke.

Sein Leben sei eigentlich immer geprägt gewesen von besonderen Gabelungen, an denen er vielleicht auch immer richtig abgebogen sei. Er erzählt die Geschichte, wie er mit seinem Freund die Idee hatte, sich in Augsburg für ein geplantes Café in der Stadtmitte zu bewerben. Der Plan scheiterte im Stadtrat, weil man am Ende doch Proteste fürchtete, eine Bausünde zu begehen. „Wenn das allerdings geklappt hätte, wäre ich heute wahrscheinlich Millionär und hätte eine Finca auf Mallorca. Aber glücklich wäre ich nicht.“

Dann hätte er eben auch nicht auf seine Art diese ganze Fernsehgeschichte erlebt. Zum Beispiel dann auch nicht die Tatsache, dass sein Sparkassen-Filial-Direktor ihn nach seinem ersten Tag vor der Kamera zu sich gebeten hat. Nur um ihm zu sagen, dass ihm das gut gefallen hat. „Mit meinem Kontostand hatte das gar nichts zu tun!“

Vielleicht hätte er aber auch nicht die ganzen Anfeindungen und den Hickhack um Vertragslaufzeiten und Sendeplätze insbesondere der letzten Jahre erleben müssen? Auch hier scheint Hartmann aber inzwischen ganz bei sich zu sein: „Sehen wir es mal so: Ich habe 34 Jahre in diesem Gewerbe überlebt. Das ist doch etwas!“ Für einen kurzen Moment blitzt aber auch noch einmal eine Spur Wut auf. Wut, dass auch Begriffe wie „Duz-Maschine“ oder eben auch „Weißbier-Waldi“ unaufhörlich im medialen Mittelpunkt gestanden haben. Wut über manches Foul aus unerwarteter Richtung. Hartmann schlägt eine Brücke zu Boris Becker: „Der wurde am Ende auch nur noch mit der Besenkammer in Verbindung gebracht. Dabei wurde einfach ausgeblendet, dass er Wimbledon gewonnen hat.“ Gelernt habe er übrigens auch von seinem einstigen Partner Harald Schmidt. Der habe ihm geraten: „Klischees und Vorurteile zu verändern, ist unmöglich, also bediene sie.“

Nach seinem Fernseh-Abschied aus den Fußball-Arenen der Welt sollte es ja eigentlich etwas ruhiger zugehen im Leben des Waldemar Hartmann. Bevor er 2018 siebzig Jahre alt wird, wollte er nun doch das Leben noch etwas intensiver als bisher genießen. Vor allem auch gemeinsam mit seiner Frau. „Eigentlich wäre jetzt endlich einmal Zeit für eine gemeinsame Woche in Rom.“ Allerdings scheinen auch bei dieser Lebensgabelung die Ampeln nicht abschließend geschaltet, bringen ihn doch sein Buch und vielleicht auch neue Pläne für öffentlich, unterhaltsame Auftritte wieder einmal auf eine neue Fährte.

An der positiven Lebensbilanz des Waldemar Hartmann dürfte das allerdings nichts ändern. „Ich weiß, es klingt ein bisschen blöd. Aber: Ich habe aus meiner Sicht bis heute alles richtig gemacht.“

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