Porträt

Walter Sittler

Foto: IKZ

Dieser Mann, der da sitzt, steht nach einem ersten Eindruck für fast zwei Meter am Stück schlanke Ruhe und unglaubliche Gelassenheit. Ein Gespräch mit Walter Sittler hat nahezu etwas von einem Couch-Besuch beim Entspannungs-Therapeuten.

Kaum zu glauben, dass ausgerechnet er in diesen Tagen als „Krawallmann“ von Stuttgart bezeichnet wird und sogar auch noch diese akustische Protest-Attacke „Schwabenstreich“ erfunden haben soll. Und die Ruhe, die dieser Mann an diesem Morgen ausstrahlt, wirkt noch umso unwirklicher, weil gerade über die Ticker gelaufen ist, dass CDU-Generalsekretär Thomas Strobl ihn als jemanden bezeichnet hat, der „in Wahrheit mit unserer Demokratie nichts am Hut hat.“ Strobl schlägt damit einen unmittelbaren Bezug zu Sittlers Vater, der nach 1937 aus einer offeneren Zuneigung zu den Zielen des Nationalsozialisten keinen Hehl gemacht hatte und sogar in ihren Dienst gestanden hatte. Doch Walter Sittler scheint sich an diesem Morgen darüber nur ein bisschen aufzuregen. Es gehöre zur Taktik der Befürworter in Stuttgart, die Andersdenkenden zu verunglimpfen und kriminalisieren. Und überhaupt: Wenn Strobl es mit dem Gedanken der Sippenhaft ernst meine, dann gebe es ja wohl eine ganz Liste von Frauen und Männern aller Couleur, die heute nicht mehr ihre Meinung sagen dürften bzw. sich nicht länger für dieses Land einsetzten dürften.

Nein, hier gehe es, so Walter Sittler, doch um ganz etwas anderes: Hier gehe es darum, dass Bürger einfach von ihrem Recht gebraucht machten, sich zu wehren gegen Dinge, die sich nicht wollten. „Wissen Sie, sagt er, „der Bürger ist ja eigentlich der Souverän. Auch wenn unsere Politiker das so nicht mehr wahrhaben wollen. Und insbesondere die konservativen Parteien haben inzwischen regelrecht Angst davor, dass die Bürger diese Herausforderung wieder annehmen.“ Es ginge im Fall von „Stuttgart 21“ ja auch gar nicht darum, einfach nur mit Protest ein umstrittenes Projekt zu verhindern. „Es geht darum, dass die Bürger erkannt haben, dass der Gegenwert für das Geplante nicht stimm. Und dagegen wehren sie sich.“

Walter Sittler - der politische Mensch, der prominente Protestierer. Natürlich könnten wir jetzt rund um das aktuelle Beispiel stundenlang reden. Machen wir es bei der Grundfrage aber kurz. Ob er den Ambitionen auf den Bürgermeister-Posten in Stuttgart habe, lautet sie. „Nein!“ lautet die Antwort. Das soll dann fürs Erste auch mal reichen. Nicht ganz so einfach wird die Sache bei anderen Kernthemen, über die man die Walter Sittler reden sollte. Seine Familie, seine Wurzeln, seine Ideale, seine Ziele - und vielleicht auch seine Zweifel.

Familie - das ist irgendwie ein Zauberwort. Sowohl bezogen auf die aktuelle, sprich Frau und drei Kinder, als auch auf die Brüder und Schwestern, Eltern und Großeltern. Wenn es um Familie geht, ist bei Sittlers eigentlich immer alles sofort XXL. „Wir waren und wir sind noch immer viele“, sagt der Jüngste von acht Geschwistern. Und in der Tat spielen alle familiären Begebenheiten gleich in Kompaniestärke. Als er sich vor Jahren einmal für das Fernsehen auf familiäre Spurensuche begeben hat, ist er dann auch zu dem Ergebnis gekommen, „dass die Familie Sicherheit ist, Quelle der Kraft. In unserer Familie ist es eigentlich immer so: wir haben nicht soviel Angst vor dem Neuen, wir kommen schon durch. Es ist nicht so, dass alles vorbereitet sein muss, damit wir leben können. Wir können auch mit wenig. Der Spaß liegt darin, dass wir viele sind.“

Walter Sittler - und auch das wird an diesem Morgen im Gutenbergzimmer klar - geht einen Lebensweg durch die klare Mitte. Was ihn allerdings nicht davon abhält, auch mal über die Seitenstreifen zu rauschen. Irgendwie so ein Fleisch gewordener Ying und Yang. Er braucht nicht unbedingt Geld, um glücklich zu sein, findet es aber auch nicht sonderlich lästig, reichlich von zu haben. Er sitzt gern mit angenehmen Menschen zusammen, „die offen sind“, aber er kann sich auch klasse allein auf sein Hotelzimmer zurückziehen und im Fernsehen die Sportschau gucken. Ein Auto muss vorwärts und rückwärts fahren, darf aber gern auch mal schnell und luxuriös sein. Walter Sittler achtet eigentlich immer auf sich. Außer in den Phasen, in denen er nicht so auf sich achtet. Und da ist dann eben auch die Sache mit Ruhe. Die hat er nämlich weg. Allerdings sagt er auch, er sei im indianische Horoskop ein Wapiti-Hirsch. „Verstehen Sie? So ein mächtiger Hirsch, der Schritt für Schritt und unbeirrbar seinen Weg geht. Nicht schnell aber gleichmäßig.“ Und der Wapiti stehe irgendwie auch wieder für das Feuer, das unter der Erde brenne. Er, Sittler, brenne vielleicht „nicht so heiß, aber dafür ganz schön lange“.

Versuchen wir uns noch einmal einen Augenblick an der Familiengeschichte. Die Wurzeln der Sittlers liegen vor vier und mehr Generationen im Elsass. Von dort geht der Ur-Ur-Opa nach Amerika. Walter Sittlers Vater - natürlich auch wieder Teil einer mächtigen Geschwister-Truppe, studiert Germanistik und Theologie. Er - wie auch viele seiner amerikanischen Generation - betrachtet Deutschland mit großem Interesse, sieht er dort doch eine „Art Wiege der Zivilisation“. Und es gehört auch zum guten Ton, sich für einige Jahre nach Deutschland und Europa zu begeben. So machte es auch Walter Sittlers Vater Edward. Er kam nach Berlin, um Philosophie zu studieren. Ob das rechte, deutsche Gedankengut zu dem Zeitpunkt schon als Saat in ihm vorhanden war und nur vor Ort gedüngt werden musste, oder ob er sich erst in Deutschland infiziert hat, kann auch Walter Sittler heute nicht mehr abschließend klären. Nach seiner Überzeugung habe es auch im Amerika der 30er-Jahr durchaus national-konservativ Denkstrukturen gegeben, die denen in Deutschland sehr geähnelt hätten. „Doch davon will ja heute niemand mehr sprechen“. Sein Vater jedenfalls arrangierte sich bestens mit der Nazi-Ideologie, arbeitete als Übersetzer und Sprecher beim Radio und produzierte schließlich Rundfunk-Propaganda-Kommentare, die sich an die amerikanische Bevölkerung richteten.

In dieser Zeit in Deutschland lernt Sittler auch Walters spätere Mutter kennen. Sie war Sekretärin im Auswärtigen Amt. Sittlers Vater tritt im Dezember 1942 in die Partei ein. Er nimmt konsequent die deutsche Staatsangehörigkeit an, weil er von der amerikanischen Richtung nicht mehr überzeugt ist. Walter Sittler kann bis heute nicht verstehen, wie sein Vater, der sich in diesem hohen Maße der Literatur, der Wissenschaft, der Theologie verpflichtet fühlte, im politischen Leben einen ganz anderen Kurs fahren und proklamieren konnte. In der Fernseh-Dokumentation glauben die Kinder, dass Edward Sittler in einer Parallelwelt lebte, die mit der Realität nur wenig zu tun gehabt habe. Und in die er allerdings auch seinen Kindern offenkundig keinen Einblick gewährte.

Nach Kriegsende kommt der Vater zunächst in Gefangenschaft, wird nach Amerika gebracht, um dort gegen mit Nazis kollaborierende Amerikaner auszusagen. Aber selbst das tut er nicht, kann sich aus dem gegen ihn ausgeübten Druck jedoch mit verwandtschaftlicher Hilfestellung befreien und tingelt auf der Suche nach universitärer Anstellung durchs Land, bevor es die Familie Ende 1959 wieder nach Deutschland, genauer nach Bayern verschlägt. Jung-Walter ist da sieben Jahre alt, 1952 war er in Chicago zur Welt gekommen. Heute klingt es fast ein bisschen niedlich, wenn Walter Sittler sagt, das erste Wort, das er in Deutschland gehört habe, sei „Du, Depp!“ gewesen. Man müsse das verstehen, sagt er wieder unendlich milde: Da käme also ein kleiner amerikanischer Junge nach Bayern, der die Sprache nicht spreche und somit noch nicht mithalten könne. Der sei nun zunächst einmal der Depp. Und wieder macht Walter Sittler an dieser Stelle des Gesprächs diesen völlig unaufgeregten Eindruck. So wie er schon anderer Stelle über seine unzähligen Umzüge und Schulwechsel berichtet hat. Und über seine diversen Aufenthalts-Zeiten in den Internaten. Wo andere Kinder mit ihrem Schicksal auch in der Nachbetrachtung hadern, ist Sittler ganz bei sich. „Ich hatte ein kurze Lederhose für den Sommer und ein lange für den Winter. Ich hatte Strümpfe und einen warmem Pullover.“ Mehr habe er eben auch nicht gebraucht. Vielleicht verschluckt er ja an der Stelle auch den Zusatz „und ich hatte meine Familie.“ Mit solch gepolsterter Seele hat es ihn auch nie gestört, dass „wir wirtschaftlich immer am Abgrund rumgeeiert sind.“

Zurück ins Heute. Er selbst beschreibt sich als eher milden Vater, der vielleicht sogar etwas zu gluckenhaft unterwegs ist. Er kann sich noch entsinnen, als die älteste Tochter zum selbstständigen Erreichen ihrer ersten Schule einen kurzen Weg samt Ampel meistern musste. „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass dieses Kind ohne meine unmittelbare Hilfe heil die andere Straßenseite würde erreichen können.“ Das zumindest scheint sich ein wenig gelegt zu haben, wenn man berücksichtigt, dass der mittlere Sohn heute in Mailand Modedesign studiert und die Jüngste sich in Schweden dem Studium des Jazz und der Weltmusik hingibt. Man merkt Walter Sittler an, dass er vielleicht sogar ein bisschen stolz darauf ist, dass er inzwischen so souverän daherkommt, dass die Kinder ihre Träume ausleben können und dürfen. Man merkt aber auch, dass er sich wohl mächtig freuen dürfte, die ganze Familie zum Beispiel zu Weihnachten wieder um sich zu haben. „Wir haben dann viel Spaß!“

Berufswahl ist ja vielleicht auch ein gutes Stichwort für dieses Gespräch. Er selbst hat sich die Sache nicht unbedingt leicht gemacht. Das Abitur hat eigentlich gut geklappt. Sittler ist wahrlich kein schlechter, vor allem aber ein interessierter Schüler, der auch ein ansehnliches Zeugnis hinlegt. Umso überraschter ist er, als er hört, dass das auf Anhieb mit einem Studienplatz für Medizin nichts wird, weil der Notenschnitt nicht reicht. Ein Onkel ist nämlich Mediziner und hatte kurzzeitig als Vorbild gedient. Zur Überbrückung der Wartezeit gibt Sittler auch ein Berufs-Bundeswehr-Gastspiel, wird sogar Leutnant. Doch schnell einigt man sich darauf, dass es damit dann auch gut ist und weiterer Kontakt von beiden Seiten nicht als sinnvoll angesehen wird. „Wir brauchen nun mal keine schwachen Menschen, die Befehle entgegennehmen, sondern starke Menschen, die Verantwortung übernehmen und Problem lösen.“ Auch ein Auslandsaufenthalt in Lima bei seiner Schwester bringt nicht wirklich Klarheit und der Arbeitseinsatz als Krankenpfleger führt ebenfalls nicht zum Entscheidungsdurchbruch.

Schließlich kommt es aber zum eher zufälligen, aber dennoch schicksalhaften Besuch der Falckenberg-Schauspiel-Schule aus Anlass des Geburtstages eines Freundes. Sittler findet die Atmosphäre toll, entscheidet sich für eine Bewerbung und gleichzeitig gegen das Medizinstudium, obwohl zeitgleich die lang ersehnte Zulassung zur Aufnahmeprüfung im Briefkasten gelegen hat. Einschlägige Erfahrungen im Bühnentreiben hatte er übrigens nur bedingt. Mit 14 Jahren wirkte er allerdings in dem Ritter-Schauer-Drama „Blut und Liebe“ durchaus nicht unerfolgreich mit, ohne zu wissen, dass er seinem späteren Beruf samt Berufung schon viel näher als gedacht war. Als er seiner Mutter, die übrigens in ihren Berufsjahren auch Stellvertretende Leiterin des renommierten Internats in Salem war, seine Berufspläne offenbart, drückt sie ihre Erschütterung mit nur zwei Worten aus: „Gott, Walter!“

Aber Walter Sittler geht seinen Weg, debütiert am Mannheimer Nationaltheater, bekommt schließlich ein Engagement am Stuttgarter Staatstheater. Mit dem wohl fast schwäbischen Sicherheitsdenken in der Stimme sagt er heute:„Ich war vom ersten Moment an eigentlich niemals arbeitslos, konnte meinen Weg nach meinen Vorstellungen gehen.“ Als dann auch noch die Rosen des Erfolges in den Fernsehserien „Girlfriends“ und „Nikola“ über ihm ausgeschüttet wurden, waren die möglichen Karriere-Stolpersteine für die nächste Zeit ausgegraben. Was ihm noch viel wichtiger war und ist: „Ich hab meine Unabhängigkeit bekommen, die ich brauche, um so zu sein, wie ich bin.“

Wohl auch, um das durchzusetzen, was seine Eltern ihm auf ihre Weise eigentlich immer versucht haben zu vermitteln: „Man muss Verantwortung übernehmen.“ In der Familie und im Rest der Gesellschaft. Die Sittlersche Lebensmaxime: „Man muss schon ein wenig die Welt retten. Dabei muss und darf man sich allerdings selbst nicht zu wichtig nehmen. Die Fragen: „Was treibt den Menschen?“ Und „Wie kann ich den Menschen und sein Tun besser verstehen?“ müssen zentrale Fragestellungen im Handeln sein. Womit wir natürlich auch wieder kurzfristig in Stuttgart sind, weil man diese Strategie natürlich auch bestens anwenden kann, wenn einem nicht nur unbedingt gefühlte Freunde gegenüber stehen.

Walter Sittler ist zweifelsfrei ein überaus nachdenklicher Mensch. Allerdings kommen seine Gedanken mit einer überraschenden Leichtigkeit daher. Selbst vermeintlichen Nebensächlichkeiten geht er mit einer kleinen Spontan-Analyse auf den Grund. Da ist dann irgendwie auch wieder eine Brücke zum Vater spürbar. „Sie haben Recht. Ich sage immer: Wenn ich groß bin, werden ich Philosoph.“ Und dann reden wir natürlich noch über Religion und Walter Sittler sagt Sätze wie: „Die Religion ist ja grundsätzlich unterschiedlich von ihren irdischen Vertretern.“ Und wir reden über Freude („Eine Fahrkarte nach Hause!“) und Angst („Wenn längere Zeit eines meiner Kinder nicht zu erreichen ist!“ und „Machtmissbrauch!“)

Einige Stunden später auf dem Hotel-Parkplatz. Walter Sittler hat sich gerade verabschiedet mit den Worten: „Im Februar bin ich ja wieder hier. Mit dem Kästner-Programm ‚Als ich noch ein Junge war’. Das mache ich gern, da freue ich mich schon drauf.“ Und wie er da so steht und auf meine Abfahrt wartet, die Hand leicht zaghaft zum Winken gehoben und mit etwas eingeknickten Knien – das sieht er für einen Moment aus wie ein großer Junge, der gerade sonntags wieder im Internat abgegeben wird. Wie einer, dem das Streben nach familiärer Nähe in die Augen geschrieben ist. An anderer Stelle hat Walter Sittler gesagt, er habe eigentlich keine Heimat. Heimat sei da, „wo die Familie ist.“ Man darf gespannt sein, was man von dem Nachwuchs-Philosophen noch alles so zu hören bekommt, wenn er erst einmal groß ist.

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