Interview

In der Nähe von Komik und Tragik

Er hat schon jede Menge studiert und bei RTL die schrägsten Produkte angepriesen. Doch Sebastian Pufpaffs Erfolg kam auf der Kabarett-Bühne.

Er hat schon jede Menge studiert und bei RTL die schrägsten Produkte angepriesen. Doch Sebastian Pufpaffs Erfolg kam auf der Kabarett-Bühne.

Foto: Thomas Reunert

Iserlohn.   Sebastian Pufpaff ist furchtbar nett. Eine Art „Wunschfreund“. Dabei kann er auch so furchtbar böse sein.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Großer Erklärungen vorweg bedarf es bei dem Mann ja vielleicht nicht. Seine schon mal nicht undrollige „Rück-Sicht“ auf sein bisheriges Leben kann ja jeder im Internet auf der Homepage des Sebastian Pufpaff (42) nachlesen. Aber gleich der textliche Einstieg, nämlich dass seine Mutter, ein wohl überzeugtes Mitglied der FDP, den nicht unerheblichen Umstand, dass man ihren Säugling gerade in körperlich blau-gelbem Zustand wegen Gelbsucht mit ebenfalls Blaulicht und Rettungswagen in die Kinderklinik bringen musste, als wie auch immer geartetes Zeichen verstanden habe, lässt da schon mal tiefer blicken. Der Rheinländer mit dem lauten, klaren Organ kommt locker, unverkrampft, allzeit bereit zum Gesprächstermin ins Parktheater. Und dabei mehr als sympathisch rüber. Nach fünf Minuten Plauderei kennt man sich – gefühlt – seit der Schulzeit. Aber wenn man ehrlich ist – zwischendurch peitscht auch eine ziemlich scharfe Zunge durch den Raum, fliegen Eiszapfen durch die warme Luft

Herr Pufpaff, was wären Sie heute, wenn Sie nicht von Geburt ‚Pufpaff‘ heißen würden?

Eine gute Frage. Man sagt ja wohl, dass man ‚funny bones“ ja irgendwie in die Wiege gelegt bekommen hat. Und auch ohne den Namen „Pufpaff“ wäre ich wahrscheinlich auch zu den Komikern gegangen. Irgendwann hätte ich die Kraft des Lachers auch ohne den Namen bemerkt. Und auch die Macht, die man damit hat.

Stimmt es, dass Sie oft weinen, und wenn ja, worüber?

Das letzte Mal, dass ich geweint habe, ist etwa sieben Minuten her. Als ich nach Iserlohn reingefahren bin, hat mich mein Navi gebeten: Fahr bitte links! Aber die Verbindungsstraße zur B 236, die dann kommen sollte, war leider eine Sackgasse. Ich hatte kein Map-Update gemacht. Da habe ich kurz geweint. Ich werde allerdings auch gleich auf der Bühne eine Geschichte daraus machen, wenn ich sage, ich sei froh in Iserlohn zu sein, obwohl selbst mein Navi gesagt hat, es hätte keine Ahnung, wie man dahin kommt. Tragik und Komik liegen nun mal direkt nebeneinander.

Sind die aktuellen Zeiten grundsätzlich mehr zum Weinen als die ‚guten alten‘?

Für den eine so, für den anderen so. Zum Weinen dahingehend, dass wir uns teilweise geplättet dieser Ohnmacht hingeben, es würde alles immer schlimmer, ohne tatsächlich zu erkennen, dass alles gar nicht immer so schlimm ist und dass wir es einer Minderheit überlassen, so eine Stimmung zu machen. Das ist auf der einen Seite schlimm, aber für mich als Satiriker und Gegen-Populist sind es herrliche Zeiten. Ich komme mir vor wie ein Bergmann, der gerade auf eine Riesenader gestoßen ist, die wahrscheinlich niemals aufhören wird. Im Gegenteil: Ich muss aufpassen, dass ich nicht einen Burnout bekomme, weil man jeden Tag so viele Ideen und Vorlagen bekommt. Wenn man die alle umsetzen wollte, müsste ich wahrscheinlich demnächst mit einem Schlaganfall in die Reha, weil sich der Herr Pufpaff überarbeitet hat.

Wer ist böser? Trump oder die, die mit ihm wirtschaftliche oder politische Geschäfte machen?

Am bösesten sind die, die Trump nutzen, um von der eigenen Innenpolitik abzulenken. Ich frage immer: Wie kann es sein, dass Trump unsere Innenpolitik dermaßen dominiert? Von daher halte ich das politische Versagen in Deutschland schon für das Schlimmste, um von sich selbst abzulenken. Das ,System Trump‘ und derer, die mit ihm wirtschaftlich zusammenarbeiten, ist im Grunde genommen doch transparent. Da sehe ich nichts Schlimmes drin. Trump ist mit 47 Prozent gewählt worden. Das ist nun mal das System. Und wer wäre ich, dass ich sage, ich hätte eher oder mehr Recht als die 47 Prozent. Das würde mich zu einem viel schlimmeren Trump machen. Also nein, alle die, die den Trump, den Putin oder wer sonst da draußen gerade noch lauter schreit als Erdogan und Assad, nutzen, um das eigene Nichtstun in eine Aktivität zu verklären, die finde ich am schlimmsten.

Kennen Sie das Gefühl von Mitleid?

Ja, klar. Habe ich selber. Für mich ist Mitleid ja auch ein empathischer Vorgang. Wenn ich kein Mitleid hätte, wäre ich gefühllos. Also noch einmal, Mitleid kenne ich, nutze es allerdings nicht dafür, mich auch der Ohnmacht hinzugeben, nichts zu tun, sondern gegebenenfalls darüber nachzudenken, wie ich dieses Gefühl abschalten kann, zu fragen: Steht etwas in meiner Macht, etwas zu verändern? Ich gebe jetzt mal ehrlich was zu: Also ich werde jetzt nicht in jeder Fußgängerzone jedem Winterzirkus, der da mit einer Rassel und einem traurigen Esel steht, 50 Euro geben. Das System habe ich erkannt. Wir sind auch noch selbst für uns verantwortlich. Ich propagiere ja, dass wir den mündigen Bürger viel, viel mehr stärken sollten.

Sie sind im Fernsehen immer so chic, legen Sie Wert darauf, ein Frauentyp zu sein?

Nein! Ein Frauentyp? Um Gottes Willen, ich bin auch sehr, sehr gerne ein Männertyp. Ich freue mich über jedes Kompliment, egal von welchem Geschlecht. Es kann auch von einem Transgender oder von einem Meerschweinchen kommen. Wenn einer sagt „Boah, ich finde den Pufpaff scharf!“, fühle ich mich geehrt. Aber darum geht es mir nicht. Ich verfolge da die Aussage von Steve Martin, der irgendwann einmal gesagt hat: „Derjenige, der auf der Bühne steht, sollte schicker angezogen sein als sein Publikum.“ Was ein Zeichen von Respekt ist. Ich finde es total cool, dass wir in Zeiten von YouTube und Co. tatsächlich steigende Besucherzahlen zu verzeichnen haben. Heißt, das analoge Entertainment findet weiterhin statt. Und da hat es der zahlende Kunde auch verdient, dass da vorne jemand steht, der sich entsprechend pflegt. Oder auch sein Ungepflegtsein gepflegt darstellt. Wir haben ja alle unsere Rollen auf der Bühne. Und meine ist vielleicht irgendwas zwischen Bestatter, Handyverkäufer und Versicherungsvertreter.

Aber trotzdem – sind Sie denn nun ein Frauentyp?

Das fragen Sie doch besser die Frauen. Meine Frau würde sagen, ich bin ein Frauentyp. Weil wir uns nach fast zehn Jahren Ehe tatsächlich immer noch lieben. Für sie mit Sicherheit, für meine Tochter auch. Jetzt weiß ich aber nicht, ob ich für die Iserlohnerinnen ein Frauentyp bin. Vielleicht steht man hier ja auf ganz was anderes. Was Kerniges mit Holzfällerhemd. Einer, der vielleicht gerade noch ein Wildschwein überfahren hat.

Also ist bei Ihnen noch kein Schlüpfer geflogen?

Noch kein einziger. Ich muss allerdings dazu sagen, ich wurde einmal an den Hintern gefasst. Und das war eine Frau jenseits der 60, die mir auch noch ins Ohr gesäuselt hat: Wäre ich 20 Jahre jünger . . . Da kommt man sich anders vor und ich hab’s später in der Rubrik „Kompliment“ verbucht.

Sie können so herrlich und laut lachen, sind Sie auch manchmal eher der traurige Clown?

Nee, der traurige Clown nicht. Ich gehe da eher in die Richtung des englischen Humors, des schwarzen Humors. Ich bin dann manchmal vielleicht nicht der gruselige Clown, sondern der etwas härtere Vertreter, der auch etwas raushaut, wo man auf einmal lacht und plötzlich denkt: Moment mal, da hätte ich jetzt gar nicht drüber lachen sollen. Aber die Klaviatur der Melodramatik spiele ich auf der Bühne eigentlich nicht.

Was ist heute wichtiger? Dass ein Kabarettist böse ist oder lustig?

Dass er er selbst ist. Ich bin ein Verfechter der Authentizität. Ich könnte nicht das machen, was ein Konstantin Wecker macht, ein Torsten Sträter macht, ein Mario Barth macht. Ich mache das, was ich mache. Das ist meine Nische. Für die anderen Nischen gibt es einen sensationellen Max Uthoff, einen tollen Klaus von Wagner und, und, und. Das Pauschalisieren geht nicht. Wir sind alle Künstler. Einem van Gogh sagt man ja auch nicht, er solle zeichnen wie Ruthe.

Ist Lustigkeit eher ein Abfallprodukt oder der Weg ins Zuhörer-Gehirn?

Sagen wir mal so, es ist auf jeden Fall zu einem Beruf geworden, den sich Menschen aktiv überlegen. Genau so wie sich junge Menschen sagen, ich werde jetzt YouTuber, gibt es junge Menschen, die sagen, ich werde jetzt Comedian. Ohne jetzt auch tatsächlich dafür Talent zu haben. Und das ist aber dann ähnlich wie beim Schreiner, der irgendwann, wenn er kein Talent hat, den Finger verlieren wird. So wird dann auch der Komiker ohne Talent diesen Abend erleben, an dem er vorne steht und absolut abkackt. Und dann ist die Frage, reißt man sich zusammen oder ist man blind genug, arbeitet man an sich und schafft es dann doch auf der Bühne? Auch wir haben ja Werkzeug, jeder kann mit Sicherheit eine gewisse Zeit auf der Bühne lustig sein. Oder aber sieht man gegebenenfalls mal ein, dass man seine Berufung woanders findet.

Gibt es noch tatsächliche Tabu-Themen oder ist allein schon durch den explodierenden Markt der selbsternannten Comedy-Newcomer und das Wegsacken der Gürtellinie so ziemlich alles erlaubt?

Es gibt ein Tabu für mich und das ist die reine Provokation um der Provokation Willen. Nur um auf mich selber aufmerksam zu machen. Natürlich kann ich mich jetzt mit dem Hitlergruß auf die Bühne stellen, drei Mal laut eine böses Wort mit F rufen – und alle fragen: Was soll das denn? Und am nächsten Tag steht in der Zeitung: Pufpaff polarisiert mit unflätigen Aussagen. Das greift dann eine andere Zeitung auf und alle sprechen am Ende über Pufpaff. Doch was habe ich damit bewirkt? Nix! Also: Es gibt meiner Meinung nach kein Tabu, wenn es dahinter auch einen tiefen Sinn hat.

Noch einmal kurz auf Anfang: Dass der Name Pufpaff seinen Ursprung in einer Schwarzpulverexplosion bei den Vorfahren hat, ist wirklich so überliefert? Oder ist das ihre Idee?

Nee, nee, nee. Es gibt zwei Möglichkeiten, da möchten sich die Namensforscher nicht festlegen. Entweder Kanonier oder Schwarzpulverhändler. Aber es ist ein lautmalerischer Name. Es kommt definitiv von puffen und paffen. Bis ins 14. Jahrhundert wurde das zurückverfolgt. Es gibt auch nur unsere Familie. Wenn Sie noch einmal einen treffen, liebe Grüße, es ist ein Verwandter.

Hat Ihnen dieses kurze Gespräch tatsächlich Spaß gemacht?

Ich fand es super, die Fragen waren anders als sonst. Und Sie haben nach meinem Nachnamen erst am Schluss gefragt.

Sollen wir irgendwann noch einmal ein längeres führen?

Sehr gerne, wenn Sie Zeit haben und wieder ordentliche Frage mitbringen.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben