Interview

Jochen Renfordt: Mit Geisteswissenschaft läuft das Klo nicht

Der Letmather Handwerksmeister und Unternehmer Jochen Renfordt weiß im Gespräch mit Thomas Reunert um die Vielfalt und die große Bedeutung, aber auch die erheblichen Herausforderungen seines Amtes als Präsident der südwestfälische Handwerkskammer.

Der Letmather Handwerksmeister und Unternehmer Jochen Renfordt weiß im Gespräch mit Thomas Reunert um die Vielfalt und die große Bedeutung, aber auch die erheblichen Herausforderungen seines Amtes als Präsident der südwestfälische Handwerkskammer.

Foto: Michael May / IKZ

Iserlohn.  Der Letmather Maler- und Lackierermeister ist neuer Präsident der südwestfälischen Handwerker. Und er ist ein Freund der klaren Worte.

Auch wenn es nicht das ursächliche Gewerk des Jochen Renfordt ist, so hat der Letmather Handwerker in den nächsten Wochen und Monaten als frisch gewählter Präsident der Handwerkskammer Arnsberg mit Sicherheit ein dickes Brett zu bohren. Da sind zum einen die zahlreichen, existenziellen, vielschichtigen und drängenden Themen auf der Agenda der Handwerker in Südwestfalen. Da sind aber aber als Herausforderung auch mit Sicherheit die „großen Schuhe“, die dem Maler- und Lackierermeister aus Letmathe sein fast schon legendärer Vorgänger Willy Hesse hinterlassen hat.

Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Wahl zum Präsidenten der Handwerkskammer Südwestfalen. Erklären Sie mir und unseren Leserinnen und Lesern doch bitte zunächst einmal den Unterschied zwischen einer Kreishandwerkerschaft und einer Handwerkskammer.

Da fangen wir besser sofort einen Schritt früher bei den Innungen an. Das sind die Zusammenschlüsse der regionalen Handwerksmeister eines Gewerkes. Die Kreishandwerkerschaften führen die Geschäfte der Innungen mit einem Haupt-Geschäftsführer und einem Kreishandwerksmeister aus dem Ehrenamt. Dazu gehört häufig – wie auch hier in Iserlohn – ein Berufsbildungszentrum, in dem Teile der Ausbildungen durchgeführt werden. Und die Rechtsaufsicht der Kreishandwerkerschaft ist dann wiederum die Kammer. Sie sind in der Regel immer deckungsgleich mit einem Regierungsbezirk. In unserem Fall der Regierungsbezirk Arnsberg. Aber hier gehört Soest eben nicht zu uns, sondern zur Kammer nach Dortmund. Und die Handwerkskammer ist das handwerkliche Pendant zur SIHK in Hagen. Alle Unternehmen gehören also entweder zum Bereich „Handwerk“ oder zum Bereich „Industrie“.

Beginnen wir also mit der kecken Behauptung: Wer heute einen Handwerksberuf wählt, hat in der Regel einen sicheren Arbeitsplatz! Unterschreiben Sie das?

Absolut. Wer heute nicht geisteswissenschaftlich hoch talentiert ist oder naturwissenschaftlich in Richtung Forschung orientiert ist, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt, wenn er kein Handwerk lernt. Wir haben immer weniger Fachhandwerker, brauchen aber stets die gleiche Menge. Mit Geisteswissenschaft bekommen Sie das Klo nicht wieder ans Laufen.

Reden wir über den hart umkämpften Ausbildungsbereich. Viele Ihrer Kollegen sagen immer: Da der Markt leer ist, hilft es am besten, selbst auszubilden.

Uns sind in der Tat die Facharbeiter am liebsten, die wir selbst ausgebildet haben. Wenn man Mitarbeiter von außen bekommt, brauchen die natürlich immer etwas mehr Orientierungszeit, um zu erkennen, wie es bei uns geht. Ich muss aber auch viel dafür tun. Das, was wir bisher im Handwerk dafür tun, reicht noch nicht. Ich muss klarmachen, dass wir hier attraktive, zukunftssichere Berufe haben. Mit guten Einkommensmöglichkeiten. Das darf man nicht vergessen. Wenn Sie mal sehen, wie, zu welchen Einstiegsgehältern und mit welchem Stundenaufwand ein frisches Jura-Staatsexamen in einer großen Kanzlei verarbeitet wird, sind sie als Geselle nicht nur drei Jahre eher fertig und verdienen drei Jahre eher Geld, sondern sie haben auch mehr.

Wobei ja gerade der neue Einstiegslohn für Auszubildenden in Ihren Kreisen nicht unumstritten ist.

Das ist doch Kokolores. Über 90 Prozent der Berufe haben doch bereits eine viel höheren Mindestlohn für Azubis. Das ist Augenwischerei der Politik und betrifft eher den Damen- und Herrenschneider, also inzwischen exotische Berufe. Das Über-einen-Kamm-Scheren von Brandenburg mit Berlin oder Düsseldorf-City, ist doch ohnehin Unfug, weil die Lebenshaltungskosten dort ganz andere sind. Am Ende glaube ich, dass das dazu führt, dass die kleinen Einzelunternehmer, die zum Beispiel so eine kleine Schneiderei haben, sagen: Das ist mir zuviel, dann bilde ich eben jetzt nicht mehr aus. Es spricht niemand über die Bau-Hauptgewerke, wo es Dachdecker oder Maurer gibt, die bereits 1200 Euro im ersten Lehrjahr verdienen.

Ist denn wirklich ausschließlich eine Frage der Bezahlung, dass es für einzelne Berufe überhaupt keine Bewerber gibt?

Das glaube ich nicht, dass es immer nur ums Geld geht. Die wissen schon, dass es in den ersten Jahren schon etwas magerer zugeht. Das ist ja als Student auch nichts anderes,. Aber so kurzfristig denkt auch kein Jugendlicher.

Mit einem Meisterbrief in der Tasche kann ich heute – wie mit einem Abitur – sofort studieren.

Genau. Und ich kann heute nach der Lehre unmittelbar auf die Meisterschule gehen. Ob das jetzt immer sinnvoll ist, sei mal dahingestellt. Aber die Möglichkeit besteht. Heißt, ich verkürze auf zweieinhalb Jahre, mache noch ein Jahr Meisterschule.

Sie werben ja damit, dass gerade auch Unternehmensnachfolge-Angebote für Abiturientinnen und Abiturienten attraktiv sein können. Allerdings ist auch zu hören, dass noch nicht einmal Söhne und Töchter oftmals die Lust verspüren, die elterliche Firmen zu übernehmen. Wie passt das zusammen?

Wer lieber eine geregelte Arbeitszeit hat und lieber eine höhere Sicherheit, der wird diesen Weg in Richtung Selbstständigkeit nicht gehen. Ob aber diese Zahlen wirklich relevant sind, weiß ich nicht. Schlimmer finde ich eben, dass Leute, die nicht aus einen Selbstständigen-Umfeld kommen, sich gar nicht erst trauen, das zu machen. Wenn ich einen kleinen Maler- oder Schlosserbetrieb mit fünf oder sechs Mitarbeitern habe, dann ernährt der seinen Meister und dessen Familie, der ernährt die Mitarbeiter, wenn ich keine groben Fehler mache. Und ich kann ihn für einen relativ geringen Aufwand übernehmen, weil die Inhaber händeringend ja nach Nachfolgern suchen, kriege so ohne großes Risiko ein selbstbestimmtes Leben hin.

Ist der handwerkliche Arbeitsmarkt eigentlich transparent genug? Ich kannte bis zur Vorbereitung auf dieses Gespräch nichts vom Wärme-, Kälte- und Schallschutzisolierer. Habe dabei aber erfahren, dass diese händeringend und mit großer Zukunftsprognose gesucht werden.

Das ist richtig. Und ganz wichtig.

Aber ist den dann nicht auch eine Aufgabe Ihrer Kammer, da für Transparenz zu sorgen?

Auf jeden Fall. Aber wir haben über 130 Handwerksberufe. Und zugegeben: teilweise natürlich auch Exoten. Ich selbst wusste bis vor ein paar Tagen nicht, dass der Holzblasinstrumentenbauer, Fachrichtung Blockflöte, ein eigener Beruf ist. Viele offiziellen Stellen informieren natürlich heute über alle möglichen Berufsangebote. Aber grundsätzlich muss natürlich für noch mehr Transparenz gesorgt werden. Andererseits erleben wir natürlich auch auf den Ausbildungsmessen, dass sich für die Handwerksberufe eben nur sehr wenig interessieren. Alle strömen zu den Hochschulen, um dann mit einer hohen Abbrecher-Quote nicht zu wissen, was man tun soll. Es ist doch der viel klügere Weg, erst eine Ausbildung zu machen und dann zu studieren. Ich falle da niemals ins Bodenlose.

Migration und Integrationspolitik sind im Moment Riesenthemen. Auch für das Handwerk?

Auf jeden Fall. Das sind große Potenziale, die wir heben können. Aber auch hier steht uns, wie so oft, die Verwaltung im Weg. Es ist ungemein schwierig und auch den Handwerksmeistern, die sich kümmern, nicht zu erklären: Ich nehme einen jungen Menschen auf. Der lernt bei mir on the job die Sprache als Schlüsselqualifikation am besten. Ich habe ihn in einem Ausbildungsverhältnis oder in einem Arbeitsverhältnis und dann kommt von einem auf den anderen tag die Abschiebung. Und Mehrfach-Intensiv-Täter rennen hier immer weiter schön rum, wie man auch der Zeitung entnehmen kann. Da scheint unsere Gesetzgebung völlig überfordert zu sein, angemessene Regelungen zu finden.

Wird das Handwerk auf Dauer ohne eine Zuwanderung überhaupt auskommen?

Wir können auf Dauer aufgrund der demografischen Entwicklung nicht darauf verzichten. Sowohl im Handwerk als auch in der Industrie. Unser Vorteil ist allerdings, dass die Arbeitsplatzsicherheit bei uns viel, viel größer ist. Wir haben kleinere Einheiten, sind mit Handarbeit unterwegs und der Tischler verlagert seine Produktion nicht nach Bangladesch, weil es da gerade am billigsten ist. Und er kann auch seinen Betrieb nicht völlig durchautomatisieren.

Wenn ich Ihnen jetzt mit dem Stichwort „Dieselfahrverbot“ komme, stellen sich Ihnen vermutlich die Nackenhaare hoch.

Selbstverständlich. Das ist auch so ein Problem, wenn Politik in Berlin-Mitte für Berlin-Mitte gemacht wird. Die Krankenschwester, die in Lössel wohnt und in Iserlohn im Krankenhaus arbeitet, die wird vor ihrer Tür keinen öffentlichen Nahverkehr, der sich nach ihrem Schichtplan orientiert, finden. Und da gibt es auch in 40 Jahren keine U-Bahn. In NRW wohnen 60 Prozent der Bevölkerung in ländlicher Gegend.

Nur mal zum Verständnis: Wie viele Firmenfahrzeuge haben Sie?

Sechzehn.

Was würde das bedeuten,wenn Sie sich gezwungen sähen, alles auf Elektro-Antrieb umzustellen?

(lacht) Das würde bedeuten, dass in Letmathe der Strom ausfällt, wenn ich versuche, sie alle gleichzeitig zu laden.

Wenn ich Sie als Handwerker richtig reizen möchte, sage ich jetzt einfach mal das Zauberwort „Bürokratie“.

Reizen können Sie mich damit nicht mehr richtig. Das ist einfach nur noch Verzweiflung. Ich sage Ihnen ein Beispiel: Entbürokratisierungsgesetz 3. Version: Da wird so ein Kinkerlitzchen wie die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, die jetzt nur noch elektronisch übermittelt wird, als großer Erfolg durch die Politik gefeiert und auf der Rückseite kommt Herr Scholz hinten rein mit der Bon-Pflicht. Das ist doch keine Bewegung, das ist doch Erstarrung. Von Statistiken, die die Meister in unseren Betriebe führen müssen, ganz zu schweigen.

Bis auf die Titelseiten der Zeitungen hat es in den letzten Tagen die Nachricht gebracht, dass in Berlin für einige Gewerke die Meisterpflicht wieder eingeführt wurde. Fluch oder Segen?

Es ist ein richtiges und zukunftsweisendes Signal, dass es die GroKo mit dem „Ja zum Meister“ auch ernst meint. Die Wiedereinführung des Meisterbriefes in den zwölf Berufen hilft diesen, eine ordentliche Ausbildungsleistung und -Qualität sicherzustellen, es macht diese Berufe zukunftssicher, es ist gut für den Verbraucherschutz in unserem Land. Ich möchte wissen, dass der Handwerker, den ich beschäftige, seine Qualifizierung nachgewiesen hat und daher auch sein Geld wert ist. Es gab in den Jahren ohne Meisterbrief statistisch relevant nachweisbar eine deutlich größere Pleitegefahr für die Unternehmen, die ohne Meisterqualifizierung am Markt waren. Der Niedergang eines Unternehmens ist aber nicht nur ein Problem des Eigentümers, es ist besonders ein Problem der Mitarbeiter des Unternehmens, für die Kunden (Gewährleistung) und Lieferanten (offene Zahlungen). Diese Rückvermeisterung wird im Rhythmus von fünf Jahren überprüft und auch das ist richtig, dass diese Maßnahme regelmäßig evaluiert wird.

Schaffen Sie es ganz kurz zum Schluss, Ihre drängendsten Herausforderungen zu formulieren?

Zunächst einmal ist da der Fachkräftemangel. Zudem geht es um Digitalisierung und Bürokratieabbau. Beides übrigens auch in der eigenen Organisation. Und unsere Gremien und Strukturen müssen jünger und vor allem weiblicher werden.

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