Literatur

ABBA, die Musik der 70er und ein wenig cooler Held

Andreas Heidtmann: „Wie wir uns lange Zeit nicht küssten, als ABBA berühmt wurde.“

Andreas Heidtmann: „Wie wir uns lange Zeit nicht küssten, als ABBA berühmt wurde.“

Foto: steidl / Handout

Essen.  Andreas Heidtmanns Roman „Wie wir uns lange nicht küssten, als ABBA berühmt wurde“ ist ein vollreifer Debüt-Roman. Der Autor wuchs in Hünxe auf.

Ohne allzu ironisch zu unken wird man feststellen dürfen, dass auch Theodor Fontane fast 60 war, als sein erster Roman erschien. Und wie Fontane war auch der 1961 im niederrheinischen Hünxe geborene Andreas Heidtmann schon eine halbe Ewigkeit schreiberisch tätig, als Lektor etwa, als Herausgeber und Gelegenheitsautor, als Gründer des Internet-Portals „poetenladen“ und des daraus hervorgegangenen unabhängigen Buchverlags.

Heidtmanns Roman „Wie wir uns lange Zeit nicht küssten, als ABBA berühmt wurde“ ist, nicht ganz untypisch für ein Debüt, eine Geschichte vom Erwachsenwerden, gehört in eine lange Reihe von „Wilhelm Meister“ über „Unterm Rad“ bis „Tschick“. Überhaupt nicht typisch, aber wohl altersbedingt ist die ironisch-zärtliche Durchblickerperspektive, die wohltuende Distanz zwischen dem souverän-verständnisvollen, letztlich aber erbarmungslos genauen Erzähler und seinem jugendlichen Helden.

Aufwachsen im Nirgendwo

Der Ton wird heiter bis lakonisch scharf, wenn der Roman die hoffnungslose Ödnis und Perspektivlosigkeit auf dem flachen Land, im Nirgendwo zwischen Ruhrgebiet und holländischer Grenze Anfang der 70er-Jahre beschreibt: Eine bornierte Trostlosigkeit, die sich in pseudorebellischen Jugend-Verhalten genauso offenbart wie in der Stilisierung des Musikgeschmacks zum Markenzeichen von Weltanschauungen.

Ben Schneider, noch Schüler, aber bald schon auf einem Musik-Konservatorium, dreht seine letzten Runden durch die Provinzstadt und seine ersten in Sachen Liebe. Wird heillos eifersüchtig, als seine erste Liebe Susanna mit einem anderen tanz und flirtet, was ihn nicht davon abhält, mit einer anderen zu knutschen und einer weiteren zu flirten. Er tut supercool und urteilt abfällig über viele, verrät aber den einzigen, mit dem er über Gedichte und Popliteratur reden kann, um vor seiner Susanna gut dazustehen. Aber er hat auch das Pech, dass ihm die schönsten Liebeserklärungen nur fürs Tagebuch einfallen, während er der Liebsten gegenüber kaum ein Liebeswort herausbringe.

Die Tragödien sind still, die Drogen kommen aus der Flasche

Es gibt auch Tote, gar nicht so wenige, aber die Tragödien hier sind still, die Drogen kommen aus der Flasche und das Spießertum ist mächtig, weil es selbst die prägt, die glauben, auf der Flucht davor zu sein. Selten kam Desillusionierung mit einem derart heiteren und liebevollen Verständnis für Illusionen daher. Das kann man dann auch für den albern flapsigen Titel entwickeln.

Andreas Heidtmann: Wie wir uns lange nicht küssten, als ABBA berühmt wurde. Steidl Verlag, 351 S., 22 Euro.

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